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Central-Verein-Zeitung · 1924-02-28 · 9 (28.2.1924) · p. Seite 88

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
3 (1924)
Issue
9 (28.2.1924)
Date
1924-02-28
Page
Seite 88 (sequence 4)
Language
German
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Die „verjuüete" Literatur. Ein Vortrag von Julius Bab. In dem vierten Aufklärungsabend, den der Verband Groß- Berliner Ortsgruppen des Eentval-Vereins veranstaltete, sprach Julius Bab über „2) i e verjudete Literatur^ im Oberlichtsaal der Philharmonie. Der wesentliche Inhalt seiner Ausführungen war dieser: Zu den Schlagwortendes Antisemitismus, die schon seit Jahrzehnten, ja eigentlich, solange es einen Anteil der Juden am deutschen Geistesleben überhaupt gibtz im Umlauf sind, die aber jetzt zu einer wahrhaft Luft verfinsternden Höhe aufgeschwollen sind, gehört auch das von der V e r j u d u n g der d e u t s ch e n Literatur. Daß die Literatur im engeren Sinne, d. h. die „schöne" Literatur die Dichtung und die ihrer Vermittlung dienenden Tätigkeiten —in Deutschland zum allergrößten Teil in Händen der Juden sei, das wird so rastlos behauptet, daß es vielfach auch von keineswegs Nebelwollenden, auch von den Juden selbst geglaubt wird, und man nur noch über das Recht oder Unrecht, Nutzen oder Schaden dieser Tatsache streitet. Es kommt aber darauf an, die Wahrheit der Tatsache selbst einmal zu untersuchen, und sich nicht als Betrachter an die zufällige und unwichtige Erscheinung von ein paar großstädtischen Journalen oder Cafehäusern zu halten. Für eine sachliche Untersuchung am meisten geeignet dürfte die deutsche Generation sein, die n a ch 1880 d e n Schauplatz betrat u n d jetzt die Höbe des Lebens überschreite t. W>i r haben ha bereits den Abstand, der nötig ist, um das bleibend Bedeutsame zu erkennen, und noch die Nähe, die gründlichste Kenntnis erleichtert. Die Männer, die mit „kritischen Wchfengangen" -in der Mitte 'der achtziger Jahre eine neue Literaturbemegung entfachten, waren die Brüder Heinrich und Julius Hart, aus dem westsalischen Volke des sehr katholischen Münster stammend. Wesentliche Unterstützung fanden sie im Süden durch den Urbayern Michael Georg Konrad, im Norden durch den Sohn des Schlachtenmalers Bleibtre u. Die Männer, unter deren Einfluß bann der Naturalismus im enge reu Sinne entstand, waren der Oftpreuße Arno Holz und der Niedersachse Johannes Schlaf. Diejenigen dichterischen Kräfte oder, die durch die Bewegung an die Oberfläche getratgeu wurden, und die mack^heute als die bleibend Wertvollen der ganzen Epoche erkennt, sind: als Bahnbrecher in der Lyrik Detlev Freiherr v. L i t i e n k r o n; der Dramatiker Gerhart H a u P t m a n n , Weberssohn aus Schlesien und besonders stark von den Einflüssen seines chr'stlicl'en Milieus bestimmt; als Epiker, sein Landsmann H e r m a n n Sie h r (durch die Einwirkung katholischen Christentums besonders gekennzeichnet). ^D-ann in der Lyrik im großartigen Gegensatz: der aristokratische Stephan George. Cohn einer rheinischen Winzersamilie, und der demokratische Richard D e b m e l, märkischer Försterssohn. Daneben sind in der vordersten Reihe vielleicht noch zu nennen die hanseatischen Patriziersöhne Heinrich und Thomas Man n. Und schon als Wegbereiter einer neuen Generation der Neuklassiker Paul Ernst, Bergmannssohn aus dem Harz, der Rheinländer Wilhelm Schn fe r und der Sensualist Frank WedekinOvon Schweizer Herkunft. In allen diesen ist kein Tropfen jüdischen Blutes!-Will man, als für den augenblicklichen Kulturstand einflußreich, neben diese zeitlos wichtigen, führenden Autoren noch diejenigen stellen, die ben großen Publikumserfolg für sich hatten, die also vor allem mit Romanen in die große Masse drangen, so finden wir wiederum (in künstlerisch absteigender Linie) von Clara Biebig über Frenssen, Freiherrn v. Ompteda, Walter v. Molo, Ernst Zahn über Herzog, Bloem, Bonsels bis zu Stilgebauer und Hanns Heinz Ewers und zur Frau Co urths-Mahler keine Juden! In -den M i l l i o ue n a u f l a ge n, die diese Autoren zusammen ausweiien, verschwinden die Paar Romanerfolge, die jüdische Schriftsteller wie Georg Hermann, Wassermann oder Schnitzler auszuweisen haben, fast völlig. So also steht es auf dem Gebiet der eigentlichen Produktion aus. Wie steht es mm um die Literatur im vermittelnden Sinne? Einen wirklich sehr starken Anteil der Juden finden wir im Grunde genommen nur auf einem Gebiet, von dem es aber besonders wenig zweifelhaft ist, daß die hier geleistete Arbeit wertvoll, ja notwendig ist. An der Uebersetzung, an der Vermittelung der großen weltliterarischen Erscheinungen, die aufzunehmen und selbständig weiter zu verarbeiten stets einen besonderen Ruhm, deutscher Kultur gebildet hat, haben die Juden in letzter Zeit besonders großen Anteil gehabt. Für Ibsen ist die Arbeit des Dr. Elias, für Tolstoi Raphael Loewenfeld, für Shaw Siegfried T r e b i t s ch, für Wilde Meyerfeld, für Verbaeren Stephan Zweig entscheidend wirksam gewesen. Zu den wichtigsten Neuverdeutschungen der Klassikerwerke gehören Fuldas Moliäre und der Shakespeare G u n d o l f s. Wesentlich überschätzt wird dagegen der Anteil der Juden bereits auf dem oft in den Vordergrund geschobenen Gebiet der Kritik. Er ist nicht unerheblich, ater auch keineswegs alleinherrschend. Daß die eigentlichen Erösfner der literarischen Bewegung der achtziger Jahre keine Juden waren, ist schon erwähnt. Und als kritischer Führer der naturalistischen Generation steht neben dem jüdischen Otto Brahm eine so ausgesprochen unjüdische Erscheinung, wie der Ost Preuße Paul S ch l e n t h e r. Auch unter den Stimmführern der jüngsten Bewegung sind Nichtjuden die bemerkbarsten. Außerordentlich wird dann der Einfluß überschätzt, lden die Juden auf die schöne Literatur in der (doch nur halb kaufmännisch zu wertenden) wichtigen Funktion des Verlegers ausübten. Von den großen und einflußreichen literarischen Verlagsanstalten, die während des Letzten Menschenalters eine führende Rolle spielten, ist tatsäch.ich nur eine, S. Fischer, in jüdischen Händen. Dagegen sind weder Eugen Diederichs, noch Albert Langen, noch die großen Firmen: Deutsche Verlagsanstalt, Georg Müller, Insel, noch der für die moderne Literatur so wichtige Verlag von Kurt Wolfs oder Ernst Rowohlt oder Kiepenheuer in jüdischen Händen.! Besonders verbreitet und besonders falsch ist dann die Behauptung, daß das Theater (das ja für Vermittlung literarischer Werke stark in Betracht kommt) in jüdischen Händen sei. Zum mindesten bis 1918 war die Lage so, daß von den mehr als 100 deutschen Bühnen die wichtigsten und zahlreichsten, nämlich die Hoft und Stadtheater, grundsätzlich Juden von der Leitung ausschlofseni EI kamen für maische Führung überhaupt nur die paar Privattheater in Betracht, die es in. den ganz großen Städten neben den offiziellen Bühnen gab. Daß eines dieser Privattheater,^ nämlich das „Deutsche Tbeater" in Berlin, unter dreiaufeinanderfolgenden Direktorerl jüdischer Abkunft in der Tat eineu stilbildenden Einfluß in ganz Deutschland gewonnen hat, kann doch wohl nur an-dev persönlichen Qualität dieser Männer, nicht an einem quantitativen Uederwuchern des jüdischen Elementes liegen. Ein entscheidendes Element literarischer Wertvermittlung bildet ja schließlich die H o ch s ch u l e. - Und ordentli che Professuren d e r d e u t s ch e n Literatur sind bis vor kurzem so gut wie ni e m aI§ an Juden gegeben w o rde n. Auch hier steht einer Zahl von jüdischen Privatdozenten der mächtige Einfluß -der ganz unjüdischen offiziellen Professorenschaft gegenüber. Als ein weiterer Beitrag der Berpidungsfrage mag noch erwähnt sein-, daß innerhalb der K l eist - Stis tun g, die seit einer Reihe von Jahren durch ihre Auszeichnungen einigen Einfluß aus die literarische Entwicklung übt, unter 12 Preisrichtern 3 Juden, unter 14 Preisgekrönten nur 2 Juden waren. Es ergibt sich also, daß selbst aus dem Gebiete der literarisch e i!' W e rtve r m ittl u n g der Anteil der Juden nicht ent> fernt so groß ist, wie vielfach behauptet wird? Immerhin ist er nicht unerheblich, und die entscheidende Frage wäre, ob dieser im begrenzten Maße vorhandene Einfluß nun in einer charakteristisch jüdischen, dem deutschen Wesen fremden Art eingesetzt wird, ob unter diesem Einfluß etwa Dichter undeutscher Art zu Ruhm und Geltung gelangen? Die Frage ist schon vorhin für die Generation! von 1890 beantwortet Erscheinungen, wie Hauptmann oder Dehme! als „jüdisch" zu bezeichnen,'das kann nur der Philister sertigbringen, der einen bequemen Ausdruck sucht für alles, was ihn als wirklich eigenartig und neu, an seinen bequemen Gewohnheiten und Vorurteilen rüttelnd, beunruhigt. Tatsächlich ist in vielen Fällen der literarische Antisemitismus nichts als em bequemes Schlagwort der a l l g e ni e inen geistigen Reaktion. Wie wenig es dabei mit dem „unfehlbaren Rassemnstinkt" aus sich hat, erkennt man immer wieder, wenn ohne ausreichende Orientierung Über die standesamtliche Herkunft des anderen gelegentlich von antisemitischer Seite Arbeiten jüdisch abstammender Schriftsteller als charakteristische Aeu-ßerungen deutschen Geistes gerühmt werden, wie das etwa bei Liffauers „Haßgesang" oder bei den ersten Schriften Friedrich Gundolfs geschehen -ist. — Als Beispiel für die rein agitatorische, sachlich völlig unbekümmerte Arbeitsweise dieser VerkündeOder Verjudung kann der unlängst veröffentlichte Artikel eines antisemitischen Blattes dienen, in dem eine höchst persönliche und ganz gewiß'sehr anfechtbare Aeußerung eines jüdischen Schriftstellers über Hebbel zum Ausgang genommen wird, um zu beweisen, daß die Juden, wie alles wahrhaft Deutsche, auch Hebbel nicht verstehen können und schmähen müssen. Dabei besteht die kleine Tatsache, daß Friedrich .Hebbel zu seinen Lebzeiten als Freunde und Verkünder seines Ruhmes unt-wenigen Ausnahmen nur Juden gehabt hat. (Emil Kuh. Bamberger, Engländer, Francke. Kulte, Stern.) Und daß bis aus diesen Tag es sehr wesentlich Juden gewesen find, die sich um das Verständms und die Verbreitung Hebbels als Kritiker, Schriftsteller und Herausgeber bemüht haben. ' Hingegen hat z. B. der eben erwähnte, sehr unjüdische Paul Schtenther nie ein Hehr aus seiner tiefen Antipathie gegen Hebbet gemacht, und ein gar nicht jüdischer Wortführer der Jüngsten war es, der unlängst den erstaunlichen Satz prägte: „Es ist ja bekannt, daß Hebbel durchaus amusisch war." Auf so schwachen Füßen steht die Argumentation für -die Verständnislosigkeit der Juden den charakteristisch deutschen Literaturerscheinungen gegenüber! In Wahrheit haben von Goethe bis Anzengruber die allercharakteristiffchsten Vertreter des Deutschtums unter den Literaten jüdischer Abkunft die allerleidenschaftlichsten Bekenner und Verkünder aeftmdeu. Es kann also als bewiesen gelten, daß im ganzen und großen der Anteil de r Z u d en an der lrter a ri sche n WertVermittlung durchaus den menschh ertlich bedeutenden und charakteristisch deutschen Erscheinungen unserer Dichtung zugute kommt. Gew'ß gibt e§ genug indische Literaten, die an den charakteristischen Unarten der Großstadtkuftur teilhaben und sie vielleicht in einer besonderen jüdischen Nuance zeigen: aber Entartungserscheinungen, wie sie in irgendeinem Art jeder Kreis an seiner Peripherie zeigt, zum $ern seines Wesens zu machen, ist durchaus unstatthaft. Und allen Tatsachen ins Gesicht schlägt die Behauptung, daß die literarische Tätigkeit der Juden em Merkmal für zersetzende, negierende, kalte Gesinnung sei. Gewiß bringen die Juden für den Teil des kritischen Berufes, der in der Auflösung von Scheinwerten, in der Bloßlegung von Phrasen besteht, ein besonderes Talent mit. Daß sie aber an dem innersten

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