Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1924-02-28 · 9 (28.2.1924) · p. Seite 87

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
3 (1924)
Issue
9 (28.2.1924)
Date
1924-02-28
Page
Seite 87 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2277379-2277464-2277472--00947-2280135
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Die Hetze gegen -en <. v. Verleumdungen des Jung deutschen Ordens. Bei einer Bannerweihe des Jungdeutschen Ordens m Roslau am 85. Fetiruar hat der Komtur Arnold aus Halle nach dem Bericht der deutschnationalen „Anhaltischen Rundschau" folgende Behauptung ausgestellt: Der Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens bekämpfe bewußt das deutsche Volkstum und unternehme es trotzdem, Vertreter nationaler und völkischer Verbände Zu Verhandlungen an einen Tisch Zu laden. Diese Aeußeruing wurde, mit Pfuit-Rufen aus dem Saal beantwortet. Unser Hauptvorstandsmitglied und erster Vorsitzender der Ortsgruppe Dessau, Herr JustiZrat Dr. Cohn, hat folgende Erklärung an hie Zeitung gesandt: An die Redaktion der „Anhaltischen Rundschau". In Ihrem Bericht über die Bannerweche. des Jungdeutschen Ordens in Roßlau in Nr. 56 vom 26. d. M. erbitte ich als Mitglied des Hauptvorstandes und Vorsitzender der Ortsgruppe Dessau des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens um Veröffentlichung folgender Erklärung: „Es ist unwahr, daß der Centrawerein deutsches Volkstum ^bekämpft, Die entgegengesetzte Behauptung stützt sich auf einen vor einem Berliner Gericht erfolgten Freispruch, durch den ein Apotheker Staegemann, He-rausgerer einer deutschoöttisch e in ge j lenken Hausbesitzerzeitung, von der Anklage der Beleidigung des Centralvereins freigesprochen ist, obwohl er in bezug auf den Centralverein den Satz aufgestellt hatte: Der Centralverein sei eine ldampforganisation gegen alles, was deu.sch denkt und fühlt. Dieser Freispruch erfolgte., weil das Gericht die Behauptung des Angeklagten als wahr unterstellte, daß er damit habe sagen, wollen, der Cen-traLverei'N ist eine Kampforganisation gegen alles, was de u t j ch v ö l k i s ch denkt. " $ i der Satzurrgerr des Vereins lautet: „Es ist die Hauptaufgabe des Centralvereins, seine Mitglieder in der unbeirrten Pflege deutscher Gesinnung zu bestärken." Der Centralverein Lampst gerade darum gegen die deutschvölkische Bewegung, weil sie entgegen der Wahrheit darauf abzielt, deutsche Staatsbürger jüdischer: Glaubens als nndeutsch, vaterlaudsfeindlich, rassisch, kulturell und religiös minderwertig darzustellen. Aus verschiedenen Kreisen erhalten wir Nachricht, daß solche unwahren Behauptungen auch anderswo verbreitet werden. Wir bitten unsere Ortsgruppen, -gegen diese Verleumdungen mit allen gesetzlichen Mitteln vorzugehen und behalten uns vor, weitere Schritte in dieser Angelegenheit zu unternehmen. Harnisch und Seipel gegen die Rassenhetze. GleichePfl echten — gleicheRechte. Der Bundespräsident der deutsch-österreichischen Republik, Dr. Harnisch, erklärte im Verlaufe eines Interviews mit einem Vertreter des „P e st e r L l o y d": „Die Rassenschutztheorie ist wissenschaftlich ebenso falsch, wie sie im praktischen Leben töricht ist. In jeder alten Familie werden fremde Einschläge Zu entdecken seim so daß eine absolute Rassenrernheit in den seltensten Fällen dokumentiert wer dm kann. Die ganze rassenschützlerische Bewegung ist nur eine antisemitische Hetze und eine solche halte ich in einem Kulturstaat für absurd und widerlich. Es ist ein unstatthaftes Beginnen, die ehrlich arbeitenden und ihren Platz im wirtschaftlichen und geistigen Leben honorig ausfüllenden Juden mit Gewalt in den Hintergrund zu drängen, ihnen ihre Rechte Zu rauben und sie Zu Bürgern Zweiten Grades degradieren zu wollen. In einem modernen Staat müssen alle Bürger die gleichen Pflichten und Rechte haben. In Oesterreich gab und gibt es Antisemiten, die aber nicht so borniert sind, daß sie die jüdischen Begabungen nicht anerkennen und das Mitwirken der Juden im politischen sowie kommerziellen Leben ablehnen würden." Auf Grund dieser Aeußerung wurde Präsident Hainisch im Parlament und in einer Ausschußsitzung des Nationalrats angegriffen, weil in ihnen auch eine Verurteilung der Parteien enthalten sei, die den Antisemitismus in ihr Programm ausgenommen hätten und die auch in der Negierung säßen. Auch Bundeskanzler Seipel verurteilte in einer Unterredung, die Dr. O r n st e i n und Herr Fleischer als Vertreter der Deutsch-österreichischen U n i o n mit ihm hatten, die Rassenhetze, indem er erklärte, daß einzig und allein das persönlich e Bekennntnis für ihn maßgebend sei und daß die Rassentheorie seiner wissenschaftlichen Ueberzeugung widerspräche. 3m Schatten Gottes. Betrachtung zum Wochenabschnitt. Wenn der erste jüdische Künstler den Namen Bezalel, daS heißt „irrr Schatten Gottes", führt, so dürfen wir darin vielleicht einen Fingerzeig sehen für dre Auffassung, welche das Judentum über die Frage des Verhältnisses von R e >l i g i o n und Kunst gehegt «wissen will. Alle Kunst ist aus der Religion geboren und ist trotz aller Abirrungen, in ihren wahrhaft großen und Ewigkeitswert beanspruchenden Schöpfungen immer wieder zu ihrem erhabenen Ursprung zurückgekehrt. Der Künstler ist von Gott persönlich berufen und vom Geiste Gottes erfüllt. Hier sehen wir den Vorgang der Inspiration, der auf religiösem Gebiete von so vielen geleugnet wird, als Tatsache vor uns, die weder abgestritten noch' in ihren letzten Gründen rational erklärt werden kann. Kein Wunder, daß vielen die Kunst zur Religion geworden ist nach dem Dichterwort: „W er Wissenschaft und Kunst besitzt, hat auch Religion." Und doch kann Kunst nur eine Dienerin der Religion, nicht Religion selbst sein. Religion, jüdische Religion jedenfalls, verlangt den ganzen Menschen, seinen strebenden Geist, seine fühlende Seele und seinen wagenden Willen. Mag Wissenschaft dem Geiste genügen, Kunst die Seele befriedigen, es fehlt der Zügel und die Zielsetzung für den Willen, wie erst Religion sie uns zu geben vermag. Die Schwäche und Haltlosigkeit, der Wahn, sich alles erlauben, sich ausleben zu dürfen, wre er sich so häufig beim Volke der Künstler findet, erklärt sich aus dem falschen Glauben, in der Kunst schon alles, also auch Religion zu besitzen. Auch auf Bezalel ruht der Geist des Allmächtigen, aber nur in Weisheit, Einsicht und Erkenntnis, es fehlen die ethischen, den Willen und das Tun bestimmenden Attribute. Den vollen Gottesgeist wird einst der ideale religiöse Mensch besitzen, wie ihn die Propheten uns im Messias schildern. Er besitzt dazu noch den Geist des Rates und der Stärke und der Ehrfurcht vor dem Ewigen. Drum müssen wir des Dichters Wort wandeln und sagen: Wer Wissenschaft und Kunst besitzt, der habe auch Religion. Hat er schon so viel von dem Göttlichen, warum will er mitten auf dem Wege stehen bleiben und es nicht in seiner ganzen Reinheit und Vollkommenheit zu erreichen suchen? Damit ist die Stellung des Judentums zur Kunst gegeben. Es verwirft alle Kunst, die das Göttliche ersetzen oder gar herabwürdigen will. Es feiert die Kunst, die da wohnet im Schatten Gottes. JschTikwoh. Sie vergessen üie Heimat nicht. Spenden ausländischer Juden für deutsche Zwecke. Ein Hauptagitationsmittel der antisemitischen Hetzpropaganda in der Kriegs- und Nachkriegszeit bildet das angeblich -deutschfeindliche Verhalten der .deutschstämmrgen Juden in den Entente ländern, vornehmlich in England und Amerika. Es ist wohl möglich, daß hier und dort ein Jude sich in diesem Sinne betätigt hat. Daß die Haltung unserer ehemals deutschen Glaubensgenossen im allgemeinen ausgesprochen prodeutsch war, hat schon vor längerer Zeit der Deutschamerikaner E. v. Mach nachgewiesen. Einen neuerlichen Beweis für das vaterländische Verhalten der in England lebenden deutschstämmigen Juden finden wir im Februarhest der „Tat", Monatsheft für die Zukunft deutscher Kultur (Jena, Eugen Diederichs). Dort berichtet Theodor Bäuerle über die Markelstiftung in England. Wir entnehmen dem Bericht, der mit einem beachtenswerten Urteil über die Wirkung des Antisemitismus im Auslande schließt, folgendes: „Der Stifter, Dr. K. E. M a r k e l, ist von Geburt Deutscher. Er verbrachte seine Jugend- und Studienzeit fast ganz in seiner württembergischen Heimat. Seit beinahe 40 Jahren ist er in England. Während des Krieges entfaltete er eine ungemein segensreiche Tätigkeit Zugunsten der deutschen Kriegsgefangenen: er sorgte für Bücher zum Lesen, für Musikinstrumente und Noten Zur Unterhaltung, für Holz und anderes Material zur Beschäftigung. Er war der väterliche Freund, Helfer, Berater und Anwalt der deutschen Kriegsgefangenen. Daß Dr. Markel diese Arbeit mit ihren hohen finanziellen Aufwendungen leisten konnte, verdankt er der hilfsbereiten Unterstützung englischer Menschenfreunde. Dr. Markel betont dabei immer wieder mit großem Nachdruck, daß unterseinen t a t - kräftigsten und opferbereitesten Helfern die englischen Juden deutscher Abstammung in vorderster Reihe gestanden haben, u n d d a ß diese Juden während des Krieges mutig mit Wort u n d Tat für ihr früheres Vater lanid ein ge standen f i n d. Dr. Markel, der weder I u d e n o ch jüdischer Abstammung ist, verurteilt darum die maßlose Judenhetze in Deutschland aufs schärfste, als ungerecht, unklug und überaus schädlich für Deutschland." Ein „völkischer" Mann müßte dieses Verhalten doch auch als international oder zumindest als unvaterländisch bezeichnen! Oder liegt etwa hier der Fall anders-—

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.