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Central-Verein-Zeitung · 1924-02-28 · 9 (28.2.1924) · p. Seite 86

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
3 (1924)
Issue
9 (28.2.1924)
Date
1924-02-28
Page
Seite 86 (sequence 2)
Language
German
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86 Will man nicht gern etwas merken, das stört und Forderungen stellt. Wenn es unzweifelhaft unter uns besser geworden ist, so liegt das nicht darin, daß die Menschen weiser geworden find. Ob sie das jemals werden? Sondern weil unsere Feinde heute so umfassend Hetzen und so wütend schreien, daß auch der Schwerhörig st e etwas merken muß. Und zum andern, weil das Judentum mit innerer Notwendigkeit sich in Literatur, Presse und Vereinen systematisch wirkende Organe und Funktionen des Schutzes geschaffen hat. Sie haben uns wachzuhalten, daß wir nicht in die alte Vertrauensseligkeit verfallen, sondern auf der Hut und zur Abwehr gerüstet bleiben. Nichts ist wankelmütiger als die Volksmeinung. In Lessings Fragment eines „Faust" erhält den Preis der Schnelligkeit von allen Geistern der Geist, der so geschwind zu sein sich rühmt, wie der Uebergang vom G u t e n z u m B ö s e n. Er hätte auch sagen können: wie zum Antisemitismus. Dagegen schützt auch keine Parteizugehörigkeit. Wer das nicht glauben mag, der rufe sich an Erscheinungen aus jüngster Zeit nur Bayern und München in Erinnerung. Dasselbe Bayern, das „sogar" jüdische Offiziere, ja sogar einen jüdischen Oberstaatsanwalt hatte, dasselbe München, das einem „jüdischen" Ministerpräsidenten zugejubelt hat, so daß unsere dortigen Glaubensgenossen mit vollem Recht glaubten sagen zu dürfen: Wir merken nichts! Und gerade so kann es über Nacht in deiner Stadt und deinem Heimatsdorf kommen, wenn dir auch heutenoch „nichts merkst". Darum müssen unsere Führer dem T ü r m e r g l e i ch e n, der beständig den Horizont absucht und auch auf die kleine Wolke achtet, denn sie kann ein Ungewitter melden. Und dem Lotsen müssen sie gleichen, der die Untiefen des Gewässers kennt, das sein Schiff befährt. Nur ein Optimismus auf l a n ge Sicht ist sittlich berechtigt un-d wertvoll, der kurzfristige des „Ich merke nichts" ist die Politik des Vogels Strauß, der n i ch t als besonders intelligent verschrien ist. Grenzüberschreitungen, Gstjuöen unö Antisemiten. Von Dr. Paul N a t h a u. Im Jahre 1922 veröffentlichte ich eine kleine Schritt unter dem Titel: „Die Ostjuden in Deutschland und die antisemitische Reaktion", ein schmales Heftchen von elf Seiten. Solche Flugschriften pflegen schnell in Vergessenheit zu geraten. Ich habe die Genugtuung, daß der antisemitisch-reaktionäre Abgeordnete des Preußischen Landtags Dr. Negenborn meine damaligen Ausführungen zum Anlaß nimmt, um nach vierunidzwanzig Monaten — etwa — gegen mich in antisemitischen Zeitungen 31t polemisieren bei Gelegenheit von Prozehverhandlungen, die in Beuthen stattgefunden haben. In Beuthen sind Mitte Dezember vorigen Jahres eine Anzahl Juden und Beamte verurteilt worden in dem sogenannten „Menschenschmugglerprozeß". Die Verurteilten, ausschließlich Ansländer mit Ausnahme eines einzigen Zivilisten und mit Ausnahme natürlich der Beamten, hatten sich dadurch schuldig gemacht, daß sie Personen unter Umgehung der Paßkontrolle über die Grenze geschmuggelt hatten; Personen, -die die vorschriftsmäßigen Papiere nicht belaßen, wurden gleichwohl von einigen Beamten, -entgegen den gesetzlichen Bestimmungen, über die deutsche Grenze gelassen und weiter in das Innere Deutschlands abgeschoben. Dies die Tatsachen. Dem Herrn Abgeordneten Negenborn gaben diese Tatsachen Veranlassung, in antisemitischen deutschen Zeitungen das folgende zu schreiben: „Es besteht Grund zu der Annahme, daß die jüdische Arbeitersürsorge die Ostjuden berät und unterstützt", nämlich bei ihren ungesetzlichen Grenzüberschreitungen. Und dann fährt der Herr Abgeordnete fort: „Tatsache ist, daß das Unwesen nicht solchen Umfang hätte annehmen können, wenn das Judentum selbst dagegen Front gemacht hätte. Davon ist j e d 0 ch k e i n c Red e." Leichtfertig ausgestellte Behauptungen von ernsterer Tragweite bezeichnet man als frivole Behauptungen; sehen wir zu, zu welcher Klasse jene des Herrn Abgeordneten Negenborn gehören. Vor mir liegt ein Aktenstück, aus dem hervorgeht, daß bereits im September 1922 — a l s 0 ü b e r f ü n f v i e r t e l I a h r e v 0 r d e m Prozeß — die Polizei in Beuthen auf diesen Menschenschmuggel hingewiesen worden ist. Bon wem — etwa von' Antisemiten oder etwa von dem Herrn Abgeordneten Negenbornd — O nein! Wohl aber von der Zweigstelle des ArbeiterfÄrsorgeamts der jüdischen Organisationen Deutschlands in Beuthen; also deutsche Juden haben die deutschen Behörden auf diese Gesetzesverlehungen aufmerksam gemacht. Die deutschen Juden verlangen von den Behörden, daß man Juden wie jeden Menschen human behandelt, aber sie fühlen fich zugleich verpflichtet,, aus Gesetzesverletzungen mit dem Finger nachdrücklich hmzuweisen, gleichviel, wer die Uebertretungen begeht, ob Juden oder Christen. Es war augenscheinlich eine schwierige Aufgabe für die Vokalen Behörden, das nötige Beweismaterial herbeizuschaffen, um die Ungesetzlichkeiten zu unterbinden; und so wurde noch einige Male die Behörde ohne praktisches Ergebnis von der gleichen jüdischen Stelle — jüdischen Stelle, Herr Abegordneter Negenborn! —- in Anspruch genommen; mit gleichem Ergebnis oder vielmehr ausbleibendem praktischen Ergebnis. Unter diesen Umständen entschloß sich die Zentrale des Arbeiterfürsorgeamtes der jüdischen Organisationen Deutschlands, der auch ich angehöre, an die oberste in Betracht kommende, behördliche Stelle heranzutreten; das geschah im Juni 1923; es wurde dieser Stelle eine Darlegung überreicht mit der Ueberschrift: „Die Bemühungen der Arbeil-erfürsorge der jüdischen Organisationen Deutschlands in Beuthen um die F e st n a h m e d e r dortigen M e n s ch e n s ch m u g g l e t". Die Einzelheiten der weiteren Entwicklung zu verfolgen, ist für die vorliegenden Zwecke ohne Bedeutung; jedenfalls ist der Prozeß in Beuthen und die Verurteilungen, die erfolgt sind, mit diesen wiederholten Einwirkungen bei den lokalen Stellen und dann bei der Zentralbehörde in Berlin in engen Zusammenhang zu bringen. Der Herr Abgeordnete Negenborn wird nicht in der Lage sein, diese Angaben zu bestreiten; und es bleibt nun abzuwartnr, ob er seine Behauptung widerruft, die da besagt: Es ist „Tatsache (!!), daß das Unwesen nicht solchen Umfang hätte annehmen können, wenn das Judentum selbst dagegen Front gemacht hätte". „Tatsache", wohl gemerkt!! Es gibt Zahlreiche Gesinnungsgenossen des Herrn Abgeordneten Negenborn, die in verwandten Fällen die Auffassung bestätigt haben, daß ein, Antisemit sich keineswegs verpflichtet fühlt, eine Entstellung oder einen Irrtum zuzugeben und an der Stelle, wo er ausgesprochen worden ist, nach den Regeln des Anstandes ihn klar und deutlich auch zurückzunehmen. Es ist noch ein Wort hinzuzusügen über den Umfang, den dieser Grenzschmuggel von Menschen wohl angenommen haben könnte. Natürlich operieren die Antisemiten sofort mit phantastischen Zahlen. Absolut Zuverlässige Zahlen lassen sich nicht angeben — erklärlicherweise; —aber wohl läßt sich eine Erwägung anstellen, die wenigstens in die Nähe der Wahrheit zuverlässig führt. Das deutsche Beamtentum wird dem zuverlässigsten der Welt zugerechnet. Ich glaube, mit völligem Recht. Daß es auch unter ihnen Elemente gibt, die einer Versuchung erliegen, ist zweifellos, aber selten und nur ausnahmsweise geschieht es. Wenn nicht die Antisemiten behaupten wollen, daß die Gesamtheit der Veuthener Beamtenschaft, soweit sie in Betracht kommt, der Korruption und Schlimmerem zugänglich sei, dann werden sich die reaktionären Hüter der Mora! — antisemitischen Moral nämlich — zu dem Eingeständnis bequemen müssen, daß der Veuthener Vorgang — der, wohlgemerkt, von einer jüdischen Organisation aufgedeckt worden ist —, ein Hebel von begrenztem, von recht begrenztem Umfange darstellt. Wenn ein paar hundert Personen im Lause der Zeit wider da8 Gesetz über die Grenze geschmuggelt worden sind, so wäre das hoch gegriffen. Es war nämlich die Gefahr der Entdeckung für die Beamten zu groß. Man konnte solchen Schmuggel überhaupt nur wagen, wenn man ganz sicher war, daß die bestochenen Beamten — und nur diese — gerade zu der in Betracht kommenden Zeit im Dienst waren; und auch dann war höchste Vorsicht notwendig, weil erneute Revisionen der Papiere im Innern des Landes auf der Eisenbahn auch noch häufiger erfolgen. Diese Ungesetzlichkeiten zu beseitigen, liegt im Interesse des Staates, und damit auch der deutschen Juden, die in diesem Falle ihre ganz selbstverständliche Pflicht getan haben gegen Deutschland, aber auch gegen Juden und Christen, die sich leichtfertig verbrecherischen Auswanderungsagenten anvertrauen, die sie vielleicht einmal ohne Papiere über die Grenze bringen, aber ganz sicher, bevor sie diese ihre menschliche Beute wieder sreilassen, so ziemlich bis auf den letzten Rubel und die letzte Mark ausplündern. Unter diesen Grenzhyänen befinden sich Juden und Christen. Daß ihr Treiben mit dem Judentum nichts zu tun hat und mit dem Christentum ebensowenig, steht für jeden modernen Menschen fest, ausgenommen die Antisemiten einer bestimmten Kategorie. Für die übrige menschliche Menschheit sind diese Elemente an der Grenze: Verbrecher ohne Gewissen, die weder Christentum, noch Judentum, noch der weltliche Staat bisher zu zivilisieren vermocht hcch

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