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Central-Verein-Zeitung · 1924-02-28 · 9 (28.2.1924) · p. Seite 85

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
3 (1924)
Issue
9 (28.2.1924)
Date
1924-02-28
Page
Seite 85 (sequence 1)
Language
German
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Einzelnummer 10 Gol-pfenn!g Verlin, 2S. Zebruar 1924 IH. Jahrgang Nr. - Wa Vlöller sür-outscklmnM «MMoenwm 'vrtzan des lLntralVereius öeullcker Staalsvüryerjü-licden Mauvens^v. S^II^Sr^rsirzs clss IriclSl'rkrH'ns Verlag u. Schriftleitung: Eentral-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens e.v. Serlin SWdS, Lindenstr. 13 Ternfprecher: Amt Dönhoff 3594, 3595 v. Telegrammadresse: „Centralglauben Berlin" Postscheckkonto: Berlin 3V472 Bankkonto: Dresdner Bank, Wechselstube U, Berlin SW 68, Lindenstr. 7 Monatsa bonnement (ein viertel)Ehrliches gibt es vorläufig nlcht) 40 Goldpfennig Alleinige Anzeigenannahme: Ännvncen-tzxpeoilwn Rudolf ^<ofse, Berlin 8W 19, und deren Filialen. Anzeigenpreise: 0,60 Goldmark für die 7gespaltene keile nach Rudolf MosseS Normalzeitenmesser Nr. 4, Iauntienanzelgen und Stetlenge uche für ^ritglieder des Central-Bereins 0,30 Gold mark, die SO min breitv Reklamezeite 8 Goldmark. Ich merke nichts! / , Es würde das Genie eines Möllere oder eines Voltaire mit dem durch nichts Zu erschütternden Glauben seines Candrde an die beste aller Welten dazu gehören, um unsere ^Wbevschrift zu einer ebenso ergötzlichen wie wirksamen Predigt gegen allerlei Formen von Weltfremdheit, Arglosigkeit, Unempfindlichkeit und Dickfelligkeit, gegen Leichtsinn oder Dummheit, gegen Verstocktheit, Hartherzigkeit und Se l b st su ch t a u s zu ar b ei t e n. Wir setzen uns eine bescheidenere Aufgabe. In jeder jüdischen Gesellschaft kann man darauf rechnen,' daß das Gespräch, wenn es allgemein zu werden beginnt, binnen kurzem auf den Antifemitismus kommt, und dann findet sich in der Regel der und jener Harmlose, der allen Ernstes erklärt: I ch merke nichts! Der eine weiß zu erzählen, daß er in seinem Geschäft nur mit Nichtjuden und sogar mit Deutschnationalen, unter denen er den charmantesten Leuten begegnet sei, zu tun habe, der andere will sogar durch christlichen Verkehr ausgezeichnet sein und bezeugt, daß seine besten Freunde immer Christen gewesen seien, und wieder ein anderer bekundet, daß in seinem Orte von jeher das beste Einvernehmen zwischen Juden und Christen geherrscht habe, die Juden sich sogar besonderer Achtung erfreuten, und daher der Antisemitismus gar keinen Boden habe. Ob die Gefahr, wenn überhaupt vorhanden, nicht überschätzt werde? Ob der C. V. und seine Organe nicht übertreiben und uns unnötigerweise gruselig ma che n? Solch kurzsichtigem Optimismus gegenüber muß gesagt werden, daß ein nicht geringer Teil des Unglücks und Ungemachs, die die Judenheit im Laufe der Jahrhunderte getroffen haben, erst dadurch ihre ganze Gewalt entfalten konnten, weil wir „nichts gemerkt" hatten. Eine der größten Katastrophen in der Geschichte der Juden war ihre Vertreibung aus S p a n i e n. Und doch war das Unwetter nicht plötzlich hereingebrochen. Aber anstatt ihm nach Möglichkeit vorzubeugen, sonnten sie sich im Glanze ihrer Stellung und beschleunigten es noch durch ihre selbstsichere Haltung. Nicht viel kleiner war das Unheil, das im siebzehnten Jahrhundert über die Inden Polens kam. Auch hier hatten sie sich in Sicherheit gewiegt und, ihrem Familienleben hingegeben und über die Talmudfolianten gebeugt, ' nichts gemerkt. Nach M e n d e l s s o h n, der französischen Revolution und den Befreiungskriegen, glaubten die Juden Deutschlands, daß endlich für sie die Morgenröte einer besseren Zeit herängebrochen se:, aber die Hepp-Hepp-Hetze, die sich alsbald erhob, belehrte sie eines anderen. Wiederum ließen sie sich durch die Er folge d es EmanziPa tion skampfes einschlLsern,.und-als gar das neue deutsche Reich gegründet war und sich unter liberalen Auspizien ausbaute, da hielt man den Judenhaß für endgültig begraben. Wenn auch einzelne wirkliche Kenner des Volkes und seines inneren Lebens wußten, daß der Liberalismus nur ein dünner Firnis sei, unter dem der alte „Risches" weiters schwelte, die meisten merkten nichts und wollten nichts merken. Mit Begeisterung wurde eine radikale Assimilation gepredigt und vollzogen. Der edle Jude, der sich rückhaltlos dem Deutschtum hingab und selbstlos dafür wirkte, bildete sich ein, daß er dafür auch uneingeschränkt als Deutscher anerkannt werde, und hielt ein ihm etwa nachgerufenes „Jtzig" für den vereinzelten letzten Nachhall der bösen Gewohnheiten eines u r ü ck g e b l i e b e n e n Pöbels, der weiter keine Beachung verdiene — bis am Ende der siebziger Jahre der alte Haß unter dem neuen Namen Antisemitismus mit ungeahnter Heftigkeit emporloderte. Ein typisches Beispiel war Berthold Auerbach. Auf den Höhen der deutschen Geistesbildung wandelnd, durch literarischen Beifall und selbst die Gunst des Hofes verwöhnt, hatte er nie geglaubt, daß er, der Kenner und Dichter der deutschen „Volksseele", der Verfasser der Schwarzwälder Dorfgeschichten, solches erleben könne. Er hat selbst das Wstderevwachen des Judenhasses als einen Nagel zu seinem Sarge bezeichnet. Auch er hatte „nichts gemerkt", obwohl es an Anzeichen und Warnungen nicht gefehlt hatte und auch wir Juden selbst nicht ohne Scbuld waren. Wer sene Zeit der achtuger Jahre erlebt hat, weiß, wie die Bewegung die deutschen Juden angetrosstn hat. Sie waren wie betäubt, ratlos und gänzlich unvorbereitet, denn sie hatten „nichts gemerkt". Der Gründe sind mehrere. Die Juden sind zu allermeist Städter, Großstädter, Zeitungsleser mit Durchschnittsbildung, und stehen durch Bekenntnis, Beruf, Lebensführung und Verkehr für sich. Sowohl von dem, was sich auf den Höhen vorbereitet als was in den Tiefen des Volkes schlummert, merken sie erst etwas, wenn es an das Tageslicht tritt, in die Zeitung kommt und zum Gespräch geworden ist. Wie viele haben z. B. keine Ahnung davon, welche Macht noch immer die Religion in den Gemütern ist, welch ungeheure Verbreitung und Wirkung manche Art von für das Volk berechtigter Literatur hat, von der sie noch nie etwas gehört haben. Sie vertrauen ferner zu sehr auf die Wirkungen der „A u f k l ä r u n g", der „Bildung", des „Fortschritts", der „Kultur", die aber alle selten in die Tiefe gehen. Für die Menge wird (bis zum „Ende der Tage") das Mittelalter niemals aufhören, und unter Menge verstehen wir keineswegs nur die sogenannten unteren Schichten. Im Gegenteil, die Vorurteile der G e b i l d e t e n sind noch viel blöde r. Und schließlich

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