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Central-Verein-Zeitung · 1924-02-21 · 8 (21.2.1924) · p. Seite 75

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
3 (1924)
Issue
8 (21.2.1924)
Date
1924-02-21
Page
Seite 75 (sequence 7)
Language
German
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vom Lübecker Wahlkampf. Bei der Lübecker Bürgerfchastswahl, die -am 10. Februar d. I. stattMd, traten neben den Kommunisten, Sozialdentokraten, Demo« traten, der „Wirtschaftsgemei nschaft" (Deutschnationale Volkspartei, Deutsche Volkspartei, Zentrum, Bürg-erbund) und dem Haus- und Grundbesitzerbund die „Völkischen" mit einer besonderen Liste und außerordentlicher Rührigkeit auf. Sie hatten eine „Völkische Wahl« gruppe Lübeck" gebildet und erklärt: „Die /Völkische Wahlgruppe' hat keine n ' Z u s a nt m e n h a n g m i t der Deut s ch - völkischen F r e i h e i t s P a r t e i und verurteilt alle Putschza rügen Bestrebungen!" Einer ihrer Hauptredner »tat den Ausspruch: „Die Leute, die mit Putschen Zum Ziele kommen wollen, sind engstirnige Kopse!" Das hinderte sie aber nicht, bei ihrer Agitation mit den Wulleschen Argurnenten und dem Wulleschen Material (Fritsches „Hammer" nsw.) Zu arbeiten. Ganz so wüst wie in Bremen, wo die Wnllesche Freiheitspartei neben ihrem „geistigen" Rüstzeug auch Knüppel in Anwendung brachte, ging es in Lübeck nicht zu' auch waren hier die Inden vom Besuch der Versammlungen nicht ausgeschlossen' — aber einige „Völkische", besonders ein Herr Volck jun. aus Hamburg, hielten Reden, die in bezug auf Judenhetze itnb RadauanLisemitismus die Leistungen eines Grasen Pückler unseligen Angedenkens, eines Wulle, Kunze und Konsorten weit in den Schatten stellten. Dabei liegt gerade in Lübeck, wie in einem Flugblatt festgestellt wurde, zu einer derartigen völkischen Verhetzung iildyt der mindeste Anlaß vor. Denn kein Mensch kann behaupten, daß Senat, Bürgerschaft, Börse, Presse, Handel, Industrie, Theater, Knust in Lübeck unter jüdischem Einfluß stehen. Die wüste antisemitische Hetze fand denn auch Ablehnung in den ruhig, vornehm und gerecht denkende!: Kreisen der Bürgerschaft bis in weit rechtsstehende Kreise hinein. Das -kam zum Ausdruck in einer „völkischen" Riesenversammlung, die am 8. Februar in Lübeck im „Kolosseum" stattsand, und in welcher der obengenannte Hamburger Volck jun. als Redner austrat. In seinem zweistündigen Vorträge leistete er sich in Antisemitismus das Tollste, Gehässigste .und Gemeinste, was selbst Leuten, die noch die Ah.llvardt-.Zeit miterlebt haben, je vorgekomen ist. Zwei Demokraten rechneten mit dem Redner unter starkem Beifall eines Teils der großen Versammlung ab. Einen tiefen Eindruck machte es, als ein sehr angesehener jüdischer Bürger, ein bekannter Lübecker Anwalt, ein Hüne von Gestalt, der mit anderen seiner Glaubensgenossen vom Redner aufs schwerste persönlich angegriffen war, auf die Tribüne stürzte, und — vor innerer' Empörung und Erregung kaum des Wortes mächtig — mit Stentorstimme in den Saal hineinrief: „Sie alle kennen mich; ich habe an der Front vier Jahre lang als gemeiner Kanonier dem Vaterlande gegenüber meine Pflicht getan, wie so viele meiner Glaubensgenossen in Lübeck. Ich stelle mich jedem zu sachlicher Aussprache über den Antisemitisums zur Verfügung, aber auf diese radauantisemitische Rede auch, nur mit einem Wort Zu erwidern, dazu bin ich zu stolz!" Gesteigert wurde der Eindruck, den diese Worte hervorriefeu, noch durch das mutvolle Auftreten der Gattin unseres Ortsgruppenvorsttzmlden, einer geborenen Lübecker in, die wegen ihrer aufopferungsvollen Tätigkeit im Roten Kreuz während des Krieges -und wegen ihrer Wohltätigkeit -bekannt nnd hochgeschätzt ist. Sie sprach als deutsche Frau, die sich in ihrer Liebe Zum Vaterlande und in ihrer Arbeit für die Bedrückten nnd Bedrängten durch solche Reden nicht beirren lassen lvürde. Sie fand Beifall, Zustimmung und Händedrücke bei vielen, die noch Gefühl für Anstand und Gerechtigkeit hatten. Einer der völkischen Herren vom Borstandstisch, ein Wahlkandidat, reichte ihr den Arm und -führte sie von der Tribüne in den Saal hinunter. Ein Gefühl der Beschäulung war bei vielen, auch Rechtsstehenden, unverkennbar festzustellen. Groß war die Zahl der mündlichen, telephonischen und schriftlichen Anerkennungen und Zustimmungen, die der tapferen jüdischen Frau noch am selben Abend und am nächsten Tage zuteil wurden. Daß das Austreten der beiden mutvollen Bekenner nicht vergeblich war, ging daraus hervor, daß derselbe Redner am nächsten Abend in Travemünde nicht mehr wagte, die Judenfrage in derselben genteinen Weise Zu behandeln. Wahrscheinlich war ihn! von seinen eigenen völkischen Genossen ein Wink gegeben.. - Flaminius. Nachrufe. Max Weinberg (Berlin). Am 11. dieses Monats verstarb in seinem 79. Jahre der durch seine dichterischen Ta lmndübersetzungen seit vielen Jahren bekannte ehemalige Eisenbahnsekretär Max Weinberg in Berlin. Den meisten Lesern unseres Blattes werden seine beiden dichterisch bedeutsamen Werke „Ewige Weisheit" und „ Ans dem S P r u ch b o r n d e r W e i s e n" (Philo Verlag) bekannt fein. Haben doch eine Al enge seiner schönen poetischen Talmudsprüche und Parabeln in jüdischen nnd christlichen Kreisen Anerkennung gefunden. Seine beiden Werke, welche den Talmud gerade durch die dichterische Feinarbeit des Entschlafenen in einem neuen Licht -erscheinen lassen, haben dazu beigetragen, Vorurteile der Außenwelt gegen den Talmud Zu beseitigen. Beim Zusammenstellen des dritten Bandes hat ihn, den Unermüdlichen, der Tod überrascht. Dr. Loewenfeld (München). H o s r a t Dr. L o e w e n f e l d ist in hohem Alter von 77 Jahren in München gestorben; er entstammte einer angesehenen Münchener Familie; nach Vollendung seiner Universitätsstudien machte er — 23 Jahre alt — den Krieg 1870/71 als junger AssistenzarZt mit, ließ sich nach dem Kriege als praktischer Arzt in Binswangen nieder, das er jedoch bald verließ, um sein Glück in der neuen Welt zu suchen. 1872 bis 1876 praktizierte er in Chikago, wo er einen ausgedehnten Wirkungskreis gewann. Durch die anstrengende Tätigkeit sowie durch das dortige rauhe Klima litt seine Gesundheit ernstlichen Schaden, weshalb er, der Sehnsucht nach der alten Heimat, nach deutschem Geist und deutscher Wissenschaft folgend, Chicago verließ und ab 1877 in M ü n ch e n sich niederließ. Neben der Berufsausübung nahm er sich Zeit zu einer größeren Arbeit: „A k t i o L o g i e u n d P a t h o l o g i e d e r s p o n t a n e n H i r n b l u t u u g e n", die er 1881 zur Erlangung der P r i v a t d o z e n t u r bei der Münchener medizinischen Fakultät einreichte. Sein heißer Wunsch, als Lehrer und Forscher wirken Zu können, ging nicht in Erfüllung, da er als Jude — nach seiner eigenen Anschauung aus Ziemßens Einspruch — nicht zur Dozentur zu gelassen w urde. Das war für Loewenfeld eine schwere Enttäuschung, eine Enttäuschung, die aber seine großen Fähigkeiten nicht lnhmlegte, sondern in eine andere Richtung lenkte, in die eines äußerst fruchtbaren Schriftstellers auf feinem Spezial gebiet der Nervenkrankheiten. Die Zahl seiner größeren und kleineren Arbeiten ist Legion, besonders hervorzicheben sind die Mitherausgabe der Abhandlungen über „G r e n z s r a g e n des Nervenu n d S e e l c n l e b e n s", ferner seine Bücher: „Pathologie u n b Therapie de r Ne u ra st h e n i e n n d H y st e r i e" 1894, über. „Hypnotismus" 1901, über „Psychische Zwangsz u st ä n d e" 1904, über „Sexuallebe n und N e r v e n l e i d e n" 1914 u. a. m. Von seinen weiteren, einem nicht allein ärztlichen Le serkreis geltenden Arbeiten haben die Schriften „lieber die D u m m h e i t" und besonders „Ueber das e h e li che Glück, Erfahrungen, Reflexionen und Ratschläge eines Arztes" — bereits in 4. Auflage erschienen — ein dankbares Publikum und weite Verbreitung gesunden. - ■ i In den letzten Jahrzehnten durch geschwächte Sehkraft an selbständiger Arbeit gehindert, wurde er durch seine geistig hochstehende Gattin in verständnisvoller hingebender Mitarbeit unterstützt.' Ueber fünf Jahrzehnte war der verehrungswürdige Mann vielen Kranken ein wissensreicher, 'warmherziger, ärztlicher Berater und Holser. »ii Handschuhe

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