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Central-Verein-Zeitung · 1924-02-21 · 8 (21.2.1924) · p. Seite 72

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
3 (1924)
Issue
8 (21.2.1924)
Date
1924-02-21
Page
Seite 72 (sequence 4)
Language
German
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Georg Gernhard und Ludendorsf Nachklänge der Hamburger Central-Vereins- Versammlung. Unsere große Hamburger Versammlung, über die wir bereits in Nr. 6 der „C. V.-Zeitung" berichteten, hat sehr zahlreiche und heftige Angriffe in den Blättern der Rechten gegen Georg Bernhard im Gefolge gehabt. Wir geben nachstehend Herrn Georg Bernhard durch den Abdruck eines gegen diese Beschuldigungen gerichteten Aussatzes „D a s Märchen vom L a t e r n e n p f a h l" selbst das Wort. Die ganze Art, in der die Anwürfe gegen Herrn Bernhard gehalten sind, läßt darauf schließen, daß es sich hier um Formulierungen handelt, die m a n während des Wahlkampfes zu verwerte n beabsichtig t. Unsere eigene Stellung zu General Ludendorff darzulegen, halten wir nach den wiederholten Erklärungen, die von uns abgegeben worden sind, für überflüssig. Der Aufsatz des Chefredakteurs Georg Bernhard lautet. Das Märchen vom Laternenpfahl. Durch die deutschvölkische Presse machen augenblicklich entrüstete Artikel die Runde, die sich mit einer Aeußerung befassen, die ich über Ludendorsf getan haben soll. Ich habe den dort inszenierten Entrüstungsrummel bisher unbeachtet gelassen. Kann das aber nicht mehr, nachdem von mir jetzt behauptet wird, ich hätte zum Mord gegen Ludendorsf gehetzt. Und zwar durch die angebliche Aeußerung: „In jedem anderen Lande würde Ludendorsf bereits an einem Lateruenpfahl hängen." Abgesehen davon, daß ich mich scheuen lvürde, eine so grobe Geschmacklosigkeit auszusprechen, habe ich von jeher vor jeder Aufreizung zu Gewalttäiigkeiteu, von welcher Seite sie auch kommen mögen, gewarnt und aufs schwerste die in der deutschvölkischen Bewegung übliche Mordhetze verurteilt. Ich Hütte mich daher mit meiner Ueberzeugung und mit allem, was ich bisher geschrieben habe, in Widerspruch gesetzt, wenn ich die mir unterschobenen Worte gesprochen hätte. Der"wirkliche Tatbestand, der den Hetzartikeln zugrunde liegt, ist folgender: In einer Hamburger Versammlung habe ich vor einigen Wochen gegen das deutschvölkische Schlagwort von der „verjudeten Presse" gesprochen. Diese Versammlung war von etwa 4000 Menschen besucht, unter denen sich auch mehrere hundert Anhänger der deutschvölkischen Bewegung befanden, die sich durch erregte Zwischenrufe und absichtliche Störungsversuche bemerkbar machten. Da ich der Meinung war, daß man auch mit Deutschvölkischen sachlich zu diskutieren versuchen nlüsse, bin ich vielfach auf ihre Zwischenrufe eingegangen. Im Anschluß an meine Erwähnung Rat Henaus als eines der" besten deutschen Patrioten, der durch ihre Hetze zur Strecke gebracht worden sei, wurde mir von mehreren deutschvölkischen Versammlungsbesuchern der Name Ludendorsf als Gegenbeispiel eines guten deutschen Patrioten entgegen gerufen. Ich antwortete darauf völlig improvisiert: „Ach lassen Sie mich doch mit Ludendorss in Ruhe, gerade ein Alarm wie Ludendorsf lvürde in jedem anderen Lande schon lange mit Galgen hängen." Daß die deutschvölkische Hetzpresse aus dem Galgen einen Laternenpsahl gemacht hat, ist ein sehr geschickter Trick. Denn der „Laternenpfahl" ist ein beliebter Apparat der Lynchjustiz des Volkes. Der „Galgen" dagegen ist ein Symbol der Obrigkeit und der Gerichtsbarkeit. Es mußte auch jedem Teilnehmer der Hamburger Versammlung ohne weiteres klar sein, daß ich mit meinen Worten ausdrücken wollte, daß man in jedem anderen Staate mit einem Mann, der sich offen zum Hochverrat bekannt hat, strenger von Obrigkeits wegen zu Gericht gegangen wäre. . In meinem Hamburger Schlußwort habe ich denn auch sofort Gelegenheit genommen, noch einmal meine Worte zu verdeutlichen. Bei all der Politischen Gegensätzlichkeit, die schon während des Krieges zwischen Ludendorsf und mir in die Erscheinung trat, habe ich auch nach dem Krieg zu den wenigen linksgerichteten Politikern gehört, die die persönliche Hetze gegen Ludendorsf offen ablehnten. Es lvar für mich selbstverständlich, daß Ludendorsf, selbst wenn er schwere Fehler militärischer Art gemacht haben sollte (über die nur oie militärischen Sachverständigen urteilen können), ebenso wie jeder andere Soldat in den langen Kriegsjahren sein bestes Wollen in den Dienst des Vaterlandes gestellt har. Noch vor ganz wenigen Monaten habe ich einer schweizerischen Zeitschrift, der „Revue de Genove", die deutschen nachrevolutionären Negierungen gegen den im Ausland öfter erhobenen Vorwurf verteidigt, daß sie es unterlassen hätten, die am Verlust des Weltkrieges schuldigen Generale vor ein Kriegsgericht zu stellen. Ich, habe deutlich zum Ausdruck gebracht, daß die in vielen anderen Ländern übliche Sitte, nach dem Verlust eines Krieges „Sündenböcke" abzustempeln, durchaus nicht nachahmenswert erscheine. Ich habe daher in Hamburg auch nicht vom General Ludendorsf, sondern vom P o l i t i k e r Ludendorsf gesprochen. Dieser Politiker Ludendorsf ist nun in der Tat eine der unersreuliwsten Erscheinungen des nachrevolutionären Deutschland. Unerfreulich schon durch seinen Mangel an Zivilcourage, den er durch seine überhastete Flucht nach Schweden bei Ausbruch "der Revolution und durch die Ableugnung seiner Beteiligung am Kapp-Putsch bewiesen hat. Noch viel unerfreulicher aber durch die Art, in der er sein politisches Verschulden am jetzigen Schicksal des deutschen Volkes durch demagogische Ablenkungsversuche zu vertuschen trachtet. Er hat es auf solche Weise verstanden, aus weiten Kreisen der deutschen Bevölkerung die Erinnerung daran auszulöfchen, daß er es gewesen ist, der das Kabinett Mar von Baden durch dauerndes Drängen zur Akzeptierung der Wilsonschen Punkte und zu überhastetem Abschluß des Waffenstillstandes antrieb. Ebenso wie er der prominenteste Vertreter jener verhängnisvollen Ost^ und - Randstaateupolitir gewesen ist, die jeden -Frieden mit Rußland unmöglich machte, und flrr -oen Zusammenbruch der deutschen Kriegspolitik die wichtigste Ursache wurde. Endlich muß daran erinnert werden, daß unter'dem Namen Ludendorffs die ungeheuerliche Deportation belgischer Männer und Frauen erfolgte, die das Ausland besonders gegen Deutschland erregte, und die Rache der Belgier über die Einwohner der jetzt von ihnen besetzten deutschen Gebrete heraufbeschwor. Man kann es menschlich begreifen, daß dem General Ludendorfs die Erkenntnis dieser Zusammenhänge nicht angenehm ist. Aber er hat schon bei der Abfassung seiner Memoiren den gefährlichen Weg beschritten, anstatt sich zu verteidigen, anderen unter schweren Beschimpfungen die Schuld in die Schuhe zu schieben. In der leichtfertigsten Weise hat Ludendorfs das Märchen von den „Weizen von Zion" weiterverbreitet und es damit für große Massen, die dem Heerführer Ludendorsf vertrauten, als glaubhaft erscheinen lassen. Ludendorsf hat damit dem in Deutschland neuerdings wieder entfachten Rassenhaß eines der verhängnisvollsten Schlagworte geliefert. Diese Tat war aber nur der erste Schritt zu weiteren. Die ganze Politische Tätigkeit Ludendorffs nach dem Kriege hat darin bestanden, anstatt das deutsche Volk zu beruhigen und zu gemeinsamer Arbeit zurückzusühren, die Stämme und die Klassen aufeinander.zu Hetzen. Und jetzt endlich hat er sich nicht mehr gescheut, seine Ziel« zu bekennen, denn nach dem mißlungenen Münchener Putsch hat er in vollem Umfange seine Beteiligung und seine gegen die Reichsverfassung gerichteten Absichten zugestanden. Ludendorsf ist mithin ein Hochverräter, gegen den sich ein Staat, der sich im Besitze seiner vollen Macht wüßte, mit all den Mitteln zu schützen verpflichtet wäre, die für solche Zwecke zu Gebote stehen. Es ist nichts charakteristischer für die irregeleiteten Instinkte weiter Kreise des Volkes, daß ein solcher Mann als Nationalheros angesehen werden kann. Das habe ich in meiner Antwort auf den Hamburger Versammlungszwischenruf zum Ausdruck bringen wollen, und das habe ich im Schlußwort jener Versammlung auch deutlich gesagt. Zur „Beseitigung Ludendorffs" aufzusordern, habe ich, abgesehen davon, daß das meinen Politischen und moralischen Empfindungen vollkommen! widersprechen würde, schon deshalb gar keine Veranlassung, weil ich als deutscher Staatsbürger zwar sein verhetzendes Wirken (das nodj dazu nickst einmal von klugen politischen Erwägungen getragen ist), überaus schmerzlich empfinde, ich anderseits aber als demokratischer Parteipolitiker ihm nur ein recht langes Leben wünschen muß. Denn einen besseren Agitator für die Notwendigkeit der Verbreitung demokratischer Aufklärung und gegen die Unfinnigkeit der deutschvölkischen Verhetzung als den Politiker Ludendorsf können sich die freiheitlichen Parteien der Republik gar nicht denken. Gibt es keine jüdische Not! Gegen völkische Verdrehungen. In jeder Mummer einer völkischen Zeitung liest man jetzt, was leider der Wahrheit entspricht, wie große Teile 'des deutschen Volkes darben und, was dicke Unwahrheit ist, wie alle Juden in Ueberfluß, und Fett ersticken. Beliebt ist die Frage: „Habt ihr schon einen hungernden Juden gesehen?" Nun ist es schwer, in die Häuser der notleidenden j ü d is ch e n Witwen, R ent i ers, A ka d e m r f e r hinemzuschauen, da viele jüdische, wie auch christliche Bedürftige, zu sto lz sind, umihre entsetzliche Not vor allen Leuten auszubreitem Wer sich einmal in jüdischen Kreisen, die die Wohlmyrtspslege betreiben, umgehört hat, der weiß, welch niederschmetterndes Elend auch in jüdischen Häusern seit Monaten anzu!reffen :st. Unter den jüdischen Angestellten, Handwerkern und Arbeitern gibt es zahlreche, die seit geraumer Zeit erwerbslos und und kümmerlich ihr Leben fristen. Eine j ü d i s ch e Mittelgeme i n d e w i e M a n n h e i m, v e r s o r g t nicht w e n i g e r a l s 6 4 j ü d i s ch e F a m i l i e n, um sie nicht dem Hungertode Preiszu geben. Großes Aussehen und Mitgefühl erregte es in der deutchen Oesfentlichkeit, als bekannt wurde, daß M a x i m i l i a n B e r n — Fedor v. Zobeltitz widmete ihm in den rechtsstehenden „Hamburger Nachrichten" einen bewegten Nachruf —, der Verfasser der beliebten Deklamator ien, der ,,Zehnten Muse" und anderen Sammlungen, verhungert ist. Nicht erwähnt wurde selbstverständlich in allen völkischen' Blättern, daß dieser Maximilan Bern Jude war. Wenn, wie in den letzten Monaten, zuweilen die Zeitungen die Nachricht bringen, daß ein I u st i z r a t jüdischen Namens oder ein Kaufmann sich aus.Nährungssorgen das Leben nahmen, so verschwiegen dies klüglich die Völkischen, denn sonst gäbe es ja nicht mir Indem die im Ueberslusse leben. Heihilfen für dis preußischen Gemeinden. Der Preußische Landesverband jüdischer Gemeinden ist in der Lage, aus den ihm vom Reich auf Grund deS § 60 Abs. 8 des Finanzausgleichsgesetzes zur Verfügung gestellten Mitteln an leistungsschwache (Lynagogengemeinden B e i h : l s e n zu gewähren. Die Beihilfen sind lediglich als Z u s ch ü s s e zu den Gehältern der Beamten und Angestellten, nicht für sächliche Ausgaben bestimmt. Gemeinden, welche Zuschüsse zu erhalten wünschen und entsprechende Anträge noch nicht gestellt haben, wollen solche unverzüglich an den Landesverband jüdischer Gemeinden, Berlin N 24, Oranienburger Straße 2lh richten.

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