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Central-Verein-Zeitung · 1924-02-21 · 8 (21.2.1924) · p. Seite 70

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
3 (1924)
Issue
8 (21.2.1924)
Date
1924-02-21
Page
Seite 70 (sequence 2)
Language
German
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70 ist." Dieser Widerspruch 'durchzieht verhängnisvoll die deutsche Geschichte seit dem tatsächlichen Verfall des Heiligen Nömffchen Reiches deutscher Nanon, der seiüer sormellm- Auflösung um Jahrhunderte vorausging. Im Gegensatz gegen das Prinzip des Universalreichs entwickelten me Staatsvölker ringsum die nationale Souveränität ihrer Staaten; und auch in der Seele des deutschen Volkes rang sich die Sehnsucht empor, daß ein solcher deutscher Staat sein sollte, wie es weder das Römische Reich noch me Landesfürstentümer waren. 'Diese Sehnsucht lebt in den Anfängen der refor-matorischen Bewegung, die mit starken nationalpolitischen und sozialen Strömungen durchsetzt waren; sie spricht aus den Artikeln der aufstehenden Bauernschaft; sie beseelt die Bürgerschaften der Reichsstädte. Aber die „tonische Libertät , d:e den Sieg davonträgt, ist nicht die Freiheit des deutschen Staates, der sein soll, sondern die fürstliche Länderstaatlichkeit, die die nationale Zerrissenheit besiegelt und durch die kirchliche Spaltung vertieft und verbittert. Weil in Deutschland der Staat, der nach den Erfordernissen des Zeitalters sein soll, nicht ist, lösen sich die politisch kräftigeren Bevölkerungen seiner nordwestlichen und südwestlichen Marken vom Reich los, verfällt die Blüte seiner städtischen Kultur und Wirtschaft, wird es im großen Krieg von den Söldnern der Staatsvolker ringsum und denen seiner eigenen Landesfürsten zertreten. Was in dem national staatlosen Deutschland an staatlichem Wesen und staatlicher Tätigkeit sich entwickelte, das hat sich an die Landesfürftentümer-, ihre Dynastien, ihr Heer und Beamtentum angesetzt. Und über all dem Jammer und dem oft lächerlichen "Widersinn dieser Zwergstaaterei darf der Wert und die Bedeutung der von dem absoluten Fürstentum namentlich in den größeren Territorien vollbrachten Arbeit gewiß nicht unterschätzt werden. Daher ist es begreiflich, daß sich dankbare Erinnerung an die Erscheinungen der Landesgeschichte knüpft, die dem staattosen deutschen Volk wenigstens Surrogate staatlicher Ordnung schufen. Aber ebensowenig ist zu verkennen, daß diese Entwicklung die nationale Zerrissenheit verhärtete und von dem deutschen Staat, der sein sollte, nur immer weiter hinwegsührte. Hinter dem deutschen Landesfürstentum stand nicht, wie hinter den absoluten Monarchien des Auslands, die Einheit einer Nation oder eines korporativen Staatsvolkes, nicht einmal eine natürliche Stammeseinheit; deshalb hatte es einen rein dynastisch patrimon-ialen, einen unstaatlicheren Charakter als jene. Denselben Charakter zeigte der Adel, der sich trotz oder wegen der Fülle seiner patrimonialen Privilegien zu politischer Führerschaft unfähig erwies. Auch die größte und kraftvollste Bildung dieser Art, das preußische Königtum, das Friedrich der Große weit über alle andern deutschen Landesfürftentümer emporhob, streifte jene Wesenszüge seiner Gattung nicht ab, ja prägte manche von ihnen mit besonderer Härte aus. Friedrichs Siege über Franzosen -und Russen" umgaben seinen Namen mit dem Nimbus des nationalen Heldentums, obgleich zu seinen besiegten Gegnern auch die deutsche Reichsarmee gehörte. Indessen änderte des Königs persönlicher Ruhm nichts an dem Bewußtsein des Gegensatzes, in dem die partikularistisch Preußische Staatsüildung zu dem deutschen Staat stand, der sein sollte. Die partikularistische Politik Preußens hat dann den Triumph der französischen Fremdherrschaft in Deutschland wesentlich erleichtert, unter deren Schlägen nur zwanzig Jahre nach Friedrichs Tode auch sein Staat zusammenbrach. Die mächtige Schwungkraft des nationalen und demokratischen Staatsprinzips, das seit der amerikanischen Unabhängigkeit und der großen französischen Revolution sich in seiner modernen Gestalt entfaltete, hatte gerade das national staatlose, unter dynastische Patrimonialobrigkeiten ausgeteilte Deutschland am schwersten leidend empfunden. Das mußte das Bewußtsein wecken von dem Fluch des Widerspruchs, daß in Deutschland ein Staat sein soll und nicht ist. In mannigfaltigen Tönen, von wehmütiger Resignation bis zu stürmischer Forderung, spricht das Streben nach dem deutschen Äolksstaat, der sein soll, aus den Werken all unserer großen Dichter und Denker; bald in abstrakten Formulierungen verhüllt, bald kühn und klar hervorbrechend und auch vor dem republikanischen Bekenntnis nicht zurückscheuend. Der deutsche Staat, der sein soll, ist das Endziel der großen Reformideen Steins, dem die Wiederaufrichtung des zusammengebrochenen Preußens nur das Mittel zu diesem Ziel ist. Die Vaterlandslieder seines Kampfgenossen Ernst Moritz Arndt singen und sagen von diesem deutschen Staat, der sein soll; von ihm schwärmen die freiwilligen Scharen des Befreiungskrieges. Doch nach dein Sieg ersteht dieser deutsche Staat nicht; die alte Macht der Länderstaatlichkeit ist stärker als nationale Sehnsucht und Schwärmerei, die nach jahrhundertelanger Untertänigkeit die harten Tatsachen des politischen Kampfes nicht zu meistern versteht. Aber auch in den Jahrzehnten, da die Reaktion auf -die Demagogen Jagd macht, die „den höchst verruchten Gedanken von der deutschen Einheit erfunden" haben, vermag sie den Drang nach dem «deutschen Staate, der sein soll, nicht zu ersticken. Die deutsche Burschenschaft entfaltet das schwarz-rot-goldene Banner dieses Volksstaates der Zukunft; in seinem Zeichen ersteht die nationale deutsche Demokratie. Daneben beginnt nüchtern politisches Urteil die Unlösbarkeit des Problems zu erkennen, den deutschen Staat über den beiden großen Monarchien Oesterreich und Preußen zu errichten, und daher die Notwendigkeit einer kleindeutschen Zwischenlösung ins Auge zu fassen. Erstaunliche Unkenntnis vaterländischer Geschichte oder bewußte Verlogenheit behauptet, daß man in unseren Tagen den höchst verruchten Gedanken von dem Aufgehen Preußens in Deutschland erfunden habe. In Wahrheit ist dieser Gedanke mit dem eines kleindeutschen Reiches unter preußischer Führung immer untrennbar verbunden gewesen, seitdem der kluge Schwabe Pfizer vor drei Menschenaltern die kleindeutsche Lösung der deutschen Frage zuerst klar formuliert hat. Die Erfüllung der Sehnsucht nach dem deutschen Staate, der sein soll, schien herangekommen, als die deutsche Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche zur Schaffung der neuen Reichsverfassung berufen war. Ein reinerer Ausdruck deutschen Geistes in seinen Stärken wie in seinen Schwächen, als ihn dies erste deutsche Parlament repräsentiert, ist kaum denkbar; und keiner Rassenschnüffelei könnte der Nachweis gelingen, daß dieser deutsche Sinn in Gabriel Rießer oder Moritz Hartmann oder andern „Fremdstämmigen" weniger lebendig war als in Heinrich v. Gagern oder Ludwig Uhland. .Klarer, .als je zuvor geschehen, umriß man in der Paulskirche die Gestaltung des neuen deutschen Staates, der sein soll; klarer auch erkannte man die Hemmnisse, die seiner Verwirklichung entgegenstanden. Aber man vermochte nicht, sie zu überwinden, weil keine revolutionäre Energie .die Mächte der dynastischen Länderstaatlichkeiten überwunden hatte, und weil daher weder ein groß-deutsches Reich möglich war, noch das Aufgehen des preußischen Königtums in einem kleindeutfchen Reiche. Das kleindeutsDMeich, in dem Preußen nicht aufging, sondern das es unbedingt beherrschte, hat Bismarcks Staatskunst geschaffen, gestützt aus die militärischen Machtmittel der preußischen Krone. Der Gegensatz zwischen dem Mißlingen der volkstümlichen Bestrebungen für nationale Einheit und Freiheit und dem Glanze der Siege, aus denen sich die Macht und das materielle Aufblühen der preußisch-deutschen Kaisertums erhob — dieser Gegensatz war so blendend und überwältigend, daß dem unter solchem Eindruck ausgewachsenen Geschlechte die Fühlung mit dem politischen Geiste der Vergangenheit verlorenging, und daß es sich in den Glauben einlebte, daß Bismarck und die Macht der preußischen Krone den deutschen Staat, der sein soll, endgültig und dauernd geschaffen habe. Das ist die Wurzel jenes Wahns, der nur diese militärisch obrigkeitliche Staatsbildung als deutscher Art entsprechend anerkennen, all jene anderen Strömungen, von deren lebendigem Geiste die deutsche Geschichte durchzogen ist, als „undeutsch" verwerfen will. Es bedarf hier nicht des Nachweises, welche verhängnisvollen Sckwüchen und Schäden sich unter der glänzenden Hülle der Macht, des Reichtums und einer scheinbaren nationalen Einheit bargen, Schäden, die unheilbar waren, weil sie im Wesen des herrschenden Systems selbst lagen und schon von Anbeginn seinen Zusammenbruch vorbereiteten. Tatsächlich ist es gleich dem sriderizianitschen System schon zwanzig Jahre nach dem Tode seines Begründers zusammengebrochen. Wenn es wahr wäre, daß Staaten nur mit den Mitteln erhalten werden können, mit denen sie begründet wurden, so wäre die nationale Einheit des Deutschen Reiches nach der furchtbaren Katastrophe von 1918 unmöglich zu erhalten gewesen; denn von den Mitteln, mit denen Bismarck sein Reich gründete, stand damals und steht noch auf alle absehbare Zeit Deutschland kein einziges mehr zur Verfügung. Rettung der.nationalen Einheit war nur denkbar, indem jene Strömungen verstärkt und vertieft wieder empordrangen, in denen vor der blendenden, aber kurzlebigen Episode des preußischen Kaisertums die deutsche Demokratie, nach ihrem nationalen Staate gestrebt hatte. Nicht von einer Revolution gestürzt, waren die Monarchien in widerstandsloser Ohnmacht zusammengebrochen, weil sie, nur auf Dynastie, Heer und Beamtentum ruhend, ohne die Grundlagen nationaler Einheit und demokratischen Staatsbewußtseins, unfähig waren, die ungeheure Belastungsprobe einer

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