Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 3 (1924)
- Issue
- 8 (21.2.1924)
- Date
- 1924-02-21
- Page
- Seite 69 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Einzelnummer 10 Gol-pfennkg verun, 21. zeoruar 1924 III. Iahrgans ♦ Nr. $ MAter fiirDculfchl undTupenlum lim fvrym» ües kenlralVerems öruticker Staatsvüryeriüöifcden Vlauvsns'Lv. des üudenrums Verlag u. Schristleitung: Eentral-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens e,v. Gerlin SWS8, Lindenskr. 13 Fernsprecher: Amt Dönhoff 3594, 3595 Telegrammadresse: ,Centralglauben Berlin" Postscheckkonto: Berlin 30472 Bankkonto: Dresdner Bank, Wechselstube li, Berlin SW 68, Lindenstr. 7 Monatsabonn emenl (ein vierteljährliches gibt es vorläufig nicht) 40 Goldpfennig Alleinige Anzeigenannahme-. Annoncen-Cxpedilion Rudolf Masse, Berlin SW 19, und deren Filialen. Linzeigenpreise: 0,60 Goldmark für die 7 gespaltene Keile nach Rudolf Blosses Nornlalzeilenmesser Nr. 4, Familienanzeigen und Stellengesuche für Mitglieder des Central-Bererus 0,30 Goldmark, die 90 mm breite Neklamezeile 3 Gold mark. Die ^unöeutfche^ Reichsverfasiung. von Dr. Hugo preuß, ehemaligem Neichsminister. Der Kampf gegen die Verfassung von Weimar wird, wie gegen alles in Deutschland Unbequeme, unter der Parole geführt, daß er segrm Judenwerk, hier ein Werk von Hugo Preuß, gehe. In letzter Leit Hetzen sich, vor allem in Wahlversammlungen, diese Angriffe gehäuft. deshalb Herrn Reichs minister Dr. Preuß gebeten, hierzu ■ D^ilmrg zu nehmen. Professor Preuß hat dieser Bitte in dem nach- 'Mgenden Aufsätze entsprochen, der gleichzeitig in der „Vossischen K'ütung" erscheint. Die C ch r i f t l e i t it n g. Am Horizont unserer politischen Lage beginnen sich einige, zwar noch schwache und ferne, aber immerhin erkennbare Lichtpunkte zu zeigen, Wirtschaftlich macht sich eine gewisse vorläufige Entspannung fühlbar, weil endlich nach Vergeudung kostbarster Zeit eine zielklare Währungspolitik in Angriff genomitten ist, seitdem auf diesem Gebiet, leider auch viel zu spät, die Führung an Dr. Schacht gekommen ist, einen entschiedene« Demokraten und Republikaner, -der sich die Ziele seines Wollens nicht durch Fraktionstreiben und Parteientaktik verwirren läßt. Gewisse Anfänge günstiger Folgewirkungen m den auswärtigen Beziehungen sind auch nicht zu verkennen. Ueberschwengliche Hoffnungen wären freilich vom Uedel; die weitere Entwicklung ist überaus zweifelhaft und wird zum großen Teil nicht vom Willen Deutschlands bestimmt. Indessen sind doch gewisse Voraussetzungen eines günstigen Fortganges «er Dinge abhängig von der Einsicht und dem Willen des deutsche« Volkes und seiner Wortführer. Politisch wie wirtschaftlich müßte das mühselig Begonnene sofort wieder Zusammenstürzen, wenn es nicht gelingt, nach innen und außen die nationale und wirtschaftliche Einheit des Reichs und ihre verfassungsmäßige Grundlage unbedingt zu sichern und festzuhalten. Das ist so klar und selbstverständlich, daß auch Richtungen, denen aus irgendwelchen Gründen die bestehende Staatsordnung nicht gefällt, gerade jetzt davor zurückscheuen müßten, diese bestehende Ordnung und damit die ganze Zukunft des Vaterlandes durch Entfesselung schwerster Verfassungskämpse in Frage zu stellen. Dies um so mehr, wenn solche Richtungen sich als die eigentlichen Träger vaterländischer Gesinnung 'aufzuspielen Pflegen. Wir müssen zu eigenem Schmerze «nd zu nicht gerade achtungsvollem Erstaunen des Auslandes das Gegenteil erleben. Just den gegenwärtigen Augenblick halten die Patentpatrioten im Bunde mit Partikularismns und Reaktion für geeignet zu einem Generalsturm flegen die Grundlagen der Reichsverfassung und zu dem Veruch, das bisher unter schwersten Mühsalen und Kämpfen Aufgebaute wieder abzutragen und damit jeden Weiterbau unmöglich zu machen. Für solch heilloses Treiben kann es schlechthin nur einen möglichen Beweggrund geben: die Furcht Vieser Leute, daß jede wirkliche Besserung unserer Lage eine Befestigung der ihnen verhaßten bestehenden Staatsordnung zur Folge haben muß; und daß damit ihrer Agitation, die sich vom Elend Deutschlands nährt, die Wirkungskraft entzogen wird. Das wollen sie um jeden Preis verhindern. Weil sie aber diesen ihren wahren Beweggrund sorgfältig verbergen müssen, arbeiten sie mit möglichst unklaren und verwirrenden Schlagworten. Während es gerade jetzt die nationale Pflicht jedes Deutschen ist, unverbrüchlich an der Reichsverfassung fest^uhalten, die aus den Schrecken der Niederlage die deutsche Einheit gerettet hat, Hetzen die sonderbaren VaterlandSverteidlger gegen eben diese Verfassung, weil sie „undeutsch" sei. Es ist dies eines jener Schlagworte, die trotz ihrer bodenlosen Dummheit und Verlogenheit doch schlau auf Wirkung in die Breite berechnet sind. Einmal ist das Schlagwort wie diese.ganze Agitation auf die antisemitischen Neigungen eines gewissen Publikums eingestellt; denn wenn diese Leute mit hämischer Betonung von „deutsch" und „undeutsch" sprechen, so meinen sie nicht die deutsche Volksgemeinschaft und ihre Gegner, sondern sie rufen ganz bewußt den Antisemitismus zur Hilfe herbei. Wenn ich persönlich bei solchem Anlaß mit Schmutz beworfen werde, so genügt mir zur Abwehr das Wörtchen Pfui, das Bismarck als den deutlichsten Ausdruck des Ekels und der Verachtung bezeichnet hat. Aber so widerwärtig all jene Erscheinungen der Gossendemagogie sind, — das Schmerzlichste und eigentlich Gefährliche ist der vergiftende^ Einfluß, den sie, begünstigt durch das gerade von ihresgleichen mitverschnldetc Unglück Deutschlands, auf Gutgläubige und ehrlich national empfindende Gemüter ausüben. Edle Leidenschaft, namentlich der Jugend, die im Wirrsal der Zeit nach Wahrheit und Klarheit ringt, die sich an das gedemütigte Vaterland mit desto innigerer Liebe anschließen will, wird durch jene Lügenpest verseucht, abscheulich irregeführt; und sie gefährdet in ihrem so erzeugten Wahn aufs schwerste die Erhaltung und Rettung des Vaterlandes, der sie dienen will. Wer gutgläubig das Schlagwort von der „undeutschen" Weimarer Reichsverfassung nachspricht, beweist damit, daß ihm die großen Strömungen deutscher Geschichte völlig fremd sind. Von gewissen Hetzaposteln sollte man freilich nach ihrem Beruf und ihrer Vorbildung annehmen, daß sie es besser wissen müßten: aber ihr unwahrhastiges Schlagwort kann nur dcshalö Umheil stiften, weil manchen Kreisen seit zwei Generationen die * wahre Geschichte des deutschen Volkes in der Tat fremd geworden ist. Haben jene Verkünder des allein echten deutschen Geistes je über das Wort Hegels nachgedacht, falls sie es kennen sollten: „Deutschland ist der gesetzte Widerspruch; daß ein Staat sein soll und nicht