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Central-Verein-Zeitung · 1924-02-14 · 7 (14.2.1924) · p. Seite 62

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
3 (1924)
Issue
7 (14.2.1924)
Date
1924-02-14
Page
Seite 62 (sequence 6)
Language
German
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Iüöische Einflüsse bei Leibniz. Von Dr. I. Münz (Berlin). Die Preußische Akademie der Wissenschaft hielt vor kurzem den diesjährigen Leibniz-Tag ab, und bei dieser Gelegenheit legte der Vorsitzende Sekretär,.Prof. Lüder.s, den ersten Band des großzügig angelegten Leibniz-Werkes vor, dessen Herausgabe die Akademie besorgt hat. Der jetzt vorliegende Band mit seinem ungemein reicher: und Liefen Inhalt lenkt von neuem die. Aufmerksamkeit auf die Lebensarbeit dieses großen, scharfsinnigen deutschen Denkers, der fast alle Gebiete menschlichen Wissens mit seinem Geiste umspannte. In den nachfolgenden Zeilen mögen die Beziehungen Leibniz' zum Judentum betrachtet werden. Das bedeutendste und einflußreichste Werk der jüdischen SMt* gionsphi'losophie im Mittelalter ist der „F ühre r der Der r r r t e n" des Maimonides. Johann Buxtorf, der Jüngere, der gelehrteste Hebraist irr Basel, hatte im Jahre 1629 eine neue lateinische Uebersetzung des Führers erscheinen lassen, die viele Leser fand. Aus dieser lieberfetzung schöpfte auch Leibniz seine tiefe Kenntis der Mainlonidischen Religionsphilosophie. In der staatlichen Bibliothek zu Hannover, in welcher Stadt dieser große Denker viele Jahre gelebt hat, wurde.'ein Heft gefunden, das Auszüge aus der genannten lateinischen Uebersetznng des Führers von Leibnizens Hand enthält und mit zahlreichen Bemerkungen von ihm versehen ist. An den Schluß des Buches hat Leibniz feilt Urteil über das Maimonidische Werk gesetzt: „Vortrefflich finde ich das Werk, das den Titel führt: Führer der Verirrten. Es hat einen viel größeren philosophischen Wert, als ich gedacht habe, und ist würdig, mit Aufmerksamkeit gelesen zu werden. Der Verfasser war ein Mann, in der Philosophie und in den mathematischen Wissenschaften, in der Heilkunde und in der Kenntnis der Heiligen Schrift gleich ausgezeichnet." — Zu den interessantesten Problemen, die Maimonides in seinem „Führer" behandelt, gehört seine Lehre von der Existenz des Uebels unb der Güte und Weisheit Gottes. In seinem populärsten und verbreitetsten Werke, in der Theodicea, hat Leibniz diese Untersuchung des jüdischen Philosophen verwertet und weiter ausgeführt. Auch nach ihn: ist die Welt die beste, die es geben könnte, und das Uebel, das Schlechteste in derselben, sei. nicht etwas Wirkliches, Positives, sondern bestehe in der Negation des Seienden, in dem Nichtsein des Guten. Er spricht auch unter anderem den Maimonid-ischen Gedanken aus, daß selbst in dem Falle, wenn in der Menschenwelt ein Uebergewicht des Uebels sich fände, doch im gesamten Weltall mehr Gutes als Böses vorhanden sei. Nur Toren und oberflächliche Denker können sich einbilden, daß alle Kreatureil zun: Zwecke des Menschen geschaffen seien, und alles in der" Welt von dem engbegrenzten Gesichtspunkte ihrer Persönlichkeit aus beurteilen. Vielmehr müsse :nan bedenken, daß der Atensch im Verhältnis zum unermeßlichen Weltall eine verschwindende Größe darstelle. „Der Nabbiller Maimomdes", sagt Leibniz, „hat über diese -Frage vo:n Uebergewicht des Guten über das Uebel in der Welt ebenfalls sehr richtig geurteilt." Leibniz führt aus dem dritten Teile des Führers eine diesbezügliche Stelle an und nimmt die Worte des jüdischen Denkers gegen ein Mißverständnis des französischen Gelehrten Bayle in Schutz. Noch merkwürdiger ist es, bei dem berühmten christlichen Philosophen dieselbe eigentümliche Anschauung über die Wunder in der .Heiligen Schrift anzutreffen wie sich unser großer jüdischer Lehrer in seinem Führer entwickelt. Gleich Maimonides erklärt auch Leibniz, daß die Wunder nicht den Gesetzen der Natur widersprechen, sondern daß sie vom Anfänge an als Ausnahmen von der Regel mit in den Weltplan ausgenommen und in der ursprünglichen Einrichtung der Dinge prüforniiert seien. Es liegt sogar die Vermutung nahe, daß Leibniz zu seiner originellsten und hervorragendsten Leistung, zu seiner Monadenlehre, durch Maimonides' Darstellung der Atomenlehre der arabischen Religionsphilosophie die erste Anregung empfangen habe. Wie Leibniz aus dem Werke des großen' jüdischen MeistersJieles gelernt hat, so hatte er auch Gelegenheit, aus dem reicheil Schatze seines Wissens einem jüdischen jungen Manne zu spenden. In Hannover lebte zu seiner Zeit der später berühmt gewordene Astronom Raphael Levi. Er hatte das rabbimsche Lehrhaus in Frankfurt a. M. besucht und seinen Geist in den talmndsichen Diskussionen geschärft; später bekleidete er die Stelle eines.Buchhalters in dem Bankhause Wolf Oppenheimer in Hannover. Seine Mußestunden benutzte er, wie Moses Mendelssohn, dazu, sich lateinischeinnd französische Sprachkenntnisse allzueignen und mathematische Studien zu treiben. Der berühmte Leibniz, auf die gediegenen Kenntnisse Levis aufmerksam gemacht, nahm sich seiner mit väterlicher Fürsorge an. Er zog ihn in sein gastfreundliches Haus- und wurde sein weiterer Lehrer. Raphael Levi hing.auch mit tiefer Verehrung an Leibniz, dem er einen großen Teil seiner matbematischen und pyilosophisck'ell : Kenntnisse zu verdanken hatte. Wichtiger aber als der Unterricht, den Leibniz dem jungen jüdischen Gelehrten erteilte, ist der Umstand/ daß er, lvie oben erwähnt, durch seine vielgelesene Schrift, die Theodioea, den Namen und die Lehren des jüdischen Denkers Maimonides in die neuere Philosophie hineintrug und in weiteren Kreisen bekannt gernacht. . : Ursache und Wirkung. Eine rechtshistovische Plaudere t. Wir befinden uns in Antiochia: es ist das Jahr 213. Claudius Tryphoninus, der römische Statthalter in Syrien, hat soeben nach beendeter Sitzung das Gerichtsgebäude verlassen. Wir sehen ihn den Weg zum Ufer des Orontes einschmgen. Er will von der Last des Tages, dem Drang der Geschäfte. in der erquickenden Kühlung des hereinbrech'enden Abends sich erholen. Sein Spaziergang führt ihn längs des Flusses hinaus in die stillere Landschaft. Das Leben hat dem Manne gehalten, was es dem Jüngling versprach. Die Gedanken des e'lnsam Wandernden schweifen zurück rn die frohe Jugendzeit, die er, umgeben von Freunden und Gleich strebenden, in der fernen Reichshauptstadt zubrachte, allen edlen Genüssen nachhängend und voll Eifer unter der Leitung des besten Lehrers, seines unvergeßlichen Meisters Cervidus Scalvola, die Rechte studierend. Aemter und Würden waren später dein zun: Manne Gereiften beschieden, wie ja den uleisten Jüngern der Justitia. Ihn nun hatte seine Laufbahn hierher in den Osten des Reiches geführt. Uebrigens, merkwürdig war doch der Fall, den er heute nicht sogleich erledigte, sondern zur erneuten Verhandlung vertagte. Die Erben einer Frau, Cornelia Salvia genannt, waren verklagt. Sie hatte in ihrem Testament „der Gemeinde der Inden, die in der tstabt Antiochia ansässig sind", ein Vermächtnis ausgesetzt. Das klagte die Gemeinde ein. Konnte ihrem Begehr ohne weiteres stattgegeben werden? Nichtig ist, daß einst Julius Cäsar, der Diktator, als er den: üppig wuchernden Vereinswesen so scharf zuleibe g'ng und zahlreiche Verbindungen unterdrückte, den Glanbensveremen der Diaspora des jüdischen Volkes wei te r z n bestehe n erlaubte. Seitdem gelten sie im Reich als gesetzlich zu,gelassene Körperschastern., somit als fähig, selbständig Rechte zu erwerben und im eigenen Namen zu klagen und verklagt zu werden. Und ebenso unstreitig ist, _daß ein Senatsbeschluß unter Kaiser Marc Aurel (verklärten Angedenkens) allen erlaubten Körperschaften auch die Legatsfähigkeit ausdrücklich zuerkannte. Hier aber liegt die Sache ffo einfach doch wohl nicht. Kann die Gemeinde zu Antiochia noch als jüdische Gemeinde angesehen werden, als ein Religionsverein des zerstreuten Volkes der Ebräer? Sie hat sich' mehr und mehr der neuen Lehre zugewandt. Möglich, daß hier am Ort eine jüdische Gemeinde immer schon bestand. Die sich beute so nennt, verdient vielleicht den Namen bereits seit langem nicht mehr. Doch halt! Dürfen wir in ihre inneren Angelegenheiten uns mischen? Wer will ihr verwehren, im Laufe der Zeit ihre Glaubenslehre, ihre Glaubens-' satzungen so zu verändern, so zu besseril oder selbst zu verschlechtern, wie es ihr behagt? Schon recht, schon recht. Wenn nur nicht im Laufe eben dieser Zeit die Gemeinde durch immer häusmere Aufnahme Fremdbürtiger ihre Wesensart eingebüßt hätte. Man braucht sie ja nur an ihrem wöchentlichen Ruhe- und Festtage zu beobachten, wenn llach beendetem Gottesdienst die. Gläubigen in dichten Scharen aus dem Heiliatnm kommen. Nach Sprache und Aussehen sind es überwiegend Griechen. Ist denn also nicht der Name der jüdischen Gemeinde hier zu einer leeren Hülle geworden und wären wir besuat, die Rechtsfähigkeit, die der Gesetzgeber einer bestimmten und beschränkten ^tammesgemeinschaft erteilte, dieser dem Namen nach gleichen, dein Wesen nach fremden Vielheit von Personen zuzubillraen? Trvphomns Entscksiuß war gefaßt. Er wird Rom die Entscheidung überlassen. Gedacht, getan. Als am sestgeseüten Termin die Parteien wieder vor ihm erschienen, erüffnete er ihnen, daß er in dieser Sache dem Kaiser schreiben walle. L-chon in den nächsten Tagen sandte er das Schreiben ab. worin er den Tatbestand berichtete und mit seineil Bemerkungen versah. Es -vergingen einige Monate, bis ans der kaiserlichen Kanzlei die Antwort einlief, die ein Kurier dem Statthalter niberbrachte. Sie lautete: „Die jüdische Gemeinde zu A n t i o ch i a hat k e i n e n klagbaren Anspruch auf das, was ihr Cornelia Salvia I e tz t w i l l i g z u g e d a ch t." Drei Jahrhunderte waren seit dieser Begebenheit verrauscht. Längst war der Kampf der Weltanschauungen entschieden. In Koustantinopel, der jüngeren Hauptstadt des geteilten Weltreiches, regierte Justinian I., die bedeutendste Ersckeimmg des christlichrömischen Kaisertums. Der Eriche mänaelte iedoch die Einsicht, daß eine siegreiche geistige Macht nicht die Rotte der Verfolgten Weebt neue TtUtgliedee füt den E.D. mit der einer Verfolgerin veriauschell dürfe. Justinian hatte eine Gesetzsammlung anzulegen besohlen, worin alle wichtigen früheren und jetzigen Kaisererlasse enthalten seien. Die von ihm beauftragten Männer stießen bei ihrem Sammelfleiß auch auf das Reskript Kaiser Caracattas. .Kein willkommenerer Fund schien ihnen denkbar. ' Schon ein heidnischer Herrscher also hatte die Zurücksetzung der jüdischen Gemeinden für richtig befunden! Flugs wurde es kopiert, denn man bestimmte es dazu, irr dem Abschnitt: „Von den Juden" den Reigen zu eröffnen. ' —mt—. # Biele unserer Freunde werden fragen: warum 'bvingit ihr das? Das sind die gleichen, die nur ein Lächeln dafür übrig haben., wenn der C. VS auch die geringste Verletzung des Rechtes der Inder: bis zum äußersten: verfolgt. Man braucht nicht gerade an Folgen zu denken,wie che das .Reskript Caracattas zeitigte. In die Zukunft kann keiner schauen, aber die Gegenwart können wir mit unserem Millen erfüllen, mit pflichttreuem,, verantwortungsvollem -Wirken.

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