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Central-Verein-Zeitung · 1924-02-14 · 7 (14.2.1924) · p. Seite 61

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
3 (1924)
Issue
7 (14.2.1924)
Date
1924-02-14
Page
Seite 61 (sequence 5)
Language
German
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61 ------ Völkische Neöekunst im Reichstag. (Bim ei n cm Paria menisjour na.Ii ste n.) Wer o,it tt. N eben hören will, darf sie heutzutage nicht mehr im deutschen Reichstag suchen. Diese ,,H alle der W i e d e r - 1) o l u n g e n", une ein Kritiker den Retchstagsfitzuugssaal einst -nannte, bietet gegenwärtig wirklich keine oratorischen Genüsse. Vielleicht schaffettdie Er ne u o r n n g s wah len i m M a i hier Wandel. Man erinnert sich noch mit Wehmut daran, welches Aufsehen es stets erregte, wenn A u g u st Beb e l, F r i e d r i eh N a u m an n oder E u g e n Richter das Wort ergriffen, wie sie. um den Parlament steclM scheu Ausdruck zu brauchen, „das Ohr des Hauses hatten". Jetzt fehlen solche Reden besonderer Art vollkommen im Reichs-Hause. Was dort geleistet wird im politischen Spiel -der Kräfte, reicht wenig über den Durchschnitt hinaus. Nur wenn L u d w i g H a a s das Wort uinnnt zu eindringlichen Darlegungen, dann wird man vielleicht noch an die Zeiten erinnert, in denen noch Wert gelegt wurde auf wirksiche parlamentarische Re de tun st. Einen d erheblichen Teil der politischen Debatten im Reichstage nehmen jetzt kleinliche politische Zänkereien ein, bei denen -es an derbsten Schimpfworten nicht fehlt. Die Ordnungsrufe sind billig geworden als Brombeeren. Erregte es früher großes Aufsehen, wenn der Präsident zu dieser Waffe der Geschäftsordnung greifen mußte, so horchenjetzt die Volksboten erst beittr dritten Donnerschlag dieser Art auf, meint die Gefahr der Entziehung der Diäten droht. An dem jetzigen Ties st a n d der p a r l a m e n t a r i s ch cn Tis - k n s s i o n sind alle Parteien mitschuldi-a. Am tollsten haben es in dieser Beziehung aber von jeher die a n t i se m r t i s che n oder, wie sie sich jetzt nennen, die „völkischen" Herren getrieben, von den Zeiten des edlen Rektors A h twardt an, der mit seinen zerfetzten Hosen kokettierte, bis zu Herrn Wühle. Es waren immer absonderliche Gesellen, diese Herren, die von jeher einen rüden Ton in die Debatte brachten. Das sollte originell und urwüchsig sein, verfehlte seinen Zweck aber vollkommen. Die Herrschaften spieltenans rednerischem Gebiete immer eine höchst unglückselige Rolle, weil sie eben stets nur die eine Feld-, Wald- und Wiefenrede hertmterhaspelten, die sie sonst in Bolksversauttnlnngen memo anspruchsvollen Leuten vorzusetzen Pflegten. Im Reichsparlament konnten sie damit natürlich keine Lorbeeren ernten, und auch Herr Lieb er inet int v. Sonnen b e r g, einer ihrer Führer, siel durchweg mit seinen Erpektorationen und Rodomontadeu glänzend ab, selbst wenn er sich durch reichlichen „Tee"-genuß in Schwung gebracht hatte. Dasselbe war von dem inebeven Porzellanmaler bc a a b aus Hamburg zu sagen, der auf sein M. d. R. so stolz war, daß er es jeder Geschästsanzeige beifügte. Er war der Vater mancher hübschen rednerischen Entgleisung, die dann ihre Runde durch die Blätter inachte. So warnte er einstmals, allzuviel Steuern -aus d i e s ch io a ch e S ch ulte r dg s B i e r c s zu legen. Er behauptete auch, daß durch die Mißstände ans dem Gebiete des- Kreditwesens -schon zahlreiche Gewerbetreibende an den Rand -des Strickes gebracht worden feien. Zu demselben Thema erklärte er noch, daß die Rot des Kleingewerbes derart gestiegen sei, daß sein Tiefstand bereit s a u f d e m h ö ch st e n P u nkte anqelangt sei. Geradezu eine komische -Figur war Herr Ludwig Werner (Hersfeld), der nur einmal im Jahre ans der Rednertribüne auftanchte, um das Wohlwollen des Staatssekretärs für eine kleine Beamtengruppe zu erbitten, zu der er Beziehungen hatte. Im übrigen bevölkerte Herr Werner während der Parlamentszett ein in der Nähe gelegenes Vierlokal. Köstlich war es stets, wenn der Butzbacher Prüfe s s o x W e r lt c r , ein Namensbruder des Vorigen, auf der Vildnäcije erschien, seine Rede in einem dicken Mtenbaud unter dem Arm. Kaum hatte er fünf Minuten lang gesprochen, so begann eine ergötzliche Häkelet mit dem Präsidenten, der den Herrn Professor darauf ansmerksam machte, daß cs im deutschen Reichstag unzulässig sei, Reden ab zu losen. Herr Werner hatte nämlich seine Rede stets aus etwa 100 bis 200 Zer tungs ansschnitteu zusammeugestellt, die ditrch mehr oder weniger geschickte Zwischensätze miteinander verbunden waren. Der Präsident blieb natürlich schließlich der Sieger, und Herr Werner mußte stets betrübt abziehen, nachdem er erst die Hälfte seiner Zettuugsansschnitte verzapft hatte. Herrn La tt mann aus Schmalkalden, der eine Zeitlang Führer der „Wirtschaftlichen Vereinigung" war, die — weil ihre Mitglieder sich ständig gegenseitig in den Haaren lagen —- im Reichstage durchweg „Wirtschaftliche Vor u n eimgung" genannt wurde — passierte ebenfalls manch böser Lapsus. So sprach er einmal in ernster politischer Krisenstunde dem Reichskanzler das „r ückgra tlose" Vertrauen seiner Freunde aus. Dieses Wort löste die Spannung, itnd minutenlang herrschte übersirömende Heiterkeit aus den Bänken der Volksboten und der Regierungsvertreter, und mühsam berichtigte Herr Lattmann, daß er natürlich das rückhaltlose Vertrauen hätte darbringen wollen. Ausfallend ist, daß alle diese Volksvertreter nur in den seltensten Füllen imstande waren, frei von der Leber weg zu sprechen, daß sie entweder ihre Weisheiten vorlasen, oder daß sie sie auswendig gelernt hatten. War das nicht der Fall, so handelte es sich eben um die üblichen demagogischen Mätzchen aus Volksversammlungen, wo aa na i inerte Anhänger gern bereit sind, jedem dreisten Wort Beifall zuzuschreien. Auch amt-er der neuen Generation der „Völkischen" im Reichstage befindet sich kein einziger, den man einen Redner nennen könnte. Herr v. Graefe wirkt außerordentlich langweilig und erhebt sich kaum über den Wasserspiegel eines Gutsteiches. Er findet auch kaum noch Zuhörer und erntet höchstens Heiterkeit wegen seiner schiefen Bilder oder seiner anjaeregten Gesten. Nur einmal fand er allgemeine heitere Zustimmung, als -er bei irgendeiner Gelegenheit sagte: „Ein fast tragisches Geschick, tragisch, wenn es nicht so traurig wäre." Herr v. Hennimg lispelt wie -eine Penstonatsjungfrau und spricht etwa im- Stile eines Kreisblattes zweiter Güte. Herr Wulle rollt und donnert beim Sprechen, lockt aber -auch damit teilten der- Herren von den anderen Parteien aus dem Reichstagsrestaurant herbei. Zu den Völkischen rechnen sich ihrer ganzen Einst-ellung nach noch einige -andere Herren der.Rechten, die zum Teil noch bei den Deutsch' nationalen sitzen oder bereits als Eigenbrödler durchs parlamentarische Dasein wandeln. Sehr nahe steht ihnen u. a. Herr G r ä s (Weimar), der einmal einen Antrag einbrachte, d i -e F v c m d w ö r t e r a u s dem Neichst-age im Interesse des Deutschtums zu beseitigen. Er verunglückte dabei recht kräftig. Er begann seine Anklagerede gegen den Fremdwörterunfug nämlich mit den Worten: „Für das Büro, wo der Direktor sein Domizil hat, muß sieh ein. anderes Wort finden lassen!" Diese Art deutscher Sprachreinigung löste natürlich! große- Heiterkeit aus, die noch stieg, als der Redner fortfuhr: „Sachliche D i f f e r e u z e n e x i st i e r -e u in dieser Nt a - terie wohl nicht!" Da war natürlich kein Hallen mehr, und der sachlich vernünftige Antrag wurde niedergelacht.' Auch Herr B r tl h n von der „Wahrheit" wird selbst, im kleinsten Bezirksverein mit seiner rednerischen Begabung kein Aussehen erregen. Nun rüsten sich ja eine Anzahl von neuen „völkischen" Herren, tun in den Reichstag einzudringen- Der „K n ü p p e l - K u u z c" steht vor den Toren und fordert Einlaß. Es ist aber kaum anzunehmen, daß ihm der große . Wurf gelingen loird. Bon ihm gilt dasselbe lote von seinen schon im Reichstag sitzenden Gesiuunngsgenosseu. Auch er vernichtet, die andersdenkende Umwelt an der Hand eines wolllvorbereiteten Konzepte, wie ja. zum Beispiel auch der bekannte D r e s ch g r a f P ü ck l e r seine wilden Hetzreden w o r t w ö r t l ich ausgezeichnet hatte. Man muß zusammenfassend feststellen, daß von Paria ment a r i s ck'.e r R e d e k n n st in den jetzigen Parlamenten und besonders im Reichstag so gut wie nichts mehr zu spüren ist, und daß es gerade d i e A n t i f e m t t e tt n n d „B ö 111 f ch e n" gewesen sind, die zur B e r r oh n n g de s T o n e s hier bei getragen haben. Das Ansehen des Parlamentarismus hat dadurch außerordentlich. gelitten. Tagung -er Beamten -es C. v. Eine zweitägige Konferenz vereinigte die Beamten des E e ntral - B e rein s am 3. und 4. Februar in Berlin. Es umreit 24 Herren aus allen Teilen des Reiches erschienen. An den Sitzungen nähmen auch Mitglieder des Hauptvorstandes regen Anteil. Die S o u n t c g -Versammlung wurde von Direktor Dr. H o l l ä ud e r in der Hauptgeschäftsstelle des Eentral-Vereins mit eindringlichen Worten, in denen aus die 'Notwendigkeit der engen Jnsammeuarbeit zwischen Berlin und dem Reiche hingelviesen wurde, eröffnet. Die Erledigung der T ng e s o v d n u n a. auf der R e s e rate über die „A u s g e st a l t n n g d e s Philo- V e r läge s" (Frl. I a c o b y) und „Ka s s e n f r a'g e n" (Herr R o h s e) standen, nahm den Nachmittag in Anspruch, während vormittags jeder der Herren aus den verschiedenen Landesteilen Gelegenheit erhielt, mit jedem der Dezernenten Sorgen und Wünsche eingehend zu besprechen. Abends leisteten Hanptvorstand und Beamte einer E i n l a d u n g der Herren' G o l d - s ch m i d t, K l e e in a n n und W a l l a ch zu einem?lbendessen im Hotel ,,K a.i s e r h o f" Folge, das den beabsichtigten Zweck, Hauptvorstandsmitglieder und Beamte des Eentral-Vereins in Persönlicher Bekanntschaft näherzusühren, durchaus erfüllte. Die Montag-Sitzung im „Höhenzolternsaal" des „Kaiserhof" wurde von dem stellvertretenden Syndikus, Herrn Dr. Wiener, " geleitet. Der 1. Vorsitzende dos Vereins, Instizrat Tr. Brodnitz, hielt ein Referat: „W a 8 erwartet de r H a u p t v o r st a n d v o n den Beamten im L a n d e das in dem Wunsche ansklaug. der E. B. möge in den Beamten selbständig deulonde, aber die vom Hauptvorstand gegebenen Nichtlinien streng einhaltende Vertreter haben. Herr H i r s ch b e r g sprach über ,.W a s e r w arte t d i e H a n Pt g e s ch ä f t s st olle v o n d e u B e n m t c n i m Lande?" An beide Vortrüge schloß sich eine rege Anssprache, in deren Verlauf die Einsetzung einer Kommission zur endgültigen Feststellung der in den Vorträgen -dargebotenen Thesen eingesetzt wurde. Mt diesen Punkten wurde das Thema ,,E. V.-Zeitnug" vor-, bnnden, bei dem Herr Schweriner ansbauende Kritik und positive Mitarbeit forderte. In der N a ch m i t t a g s s-i tz u n g wurden innere Vereinsangetegenh eiten 'behandelt und durch Dr. Holländer, Dv Wiener und Schweriner vertrauliche Mitteilungen über die verschiedensten Gebiete der Arbeit in den letzten Monaten gemacht. Ein mit ganz besonderem Beifall aufgenommenes vorzügliches Referat von Rechtsanwalt F o e r d e r (Breslau) über „R e ch t s s ch u tz f r a g e n" soll im Druck erscheinen, ebenso die Richtlinien des Vortrages von Dr. Eharig (Hannover) über „J-u g e n-d.f r.a g e n". Erst -tu später Abendstunde konnte die in alten Teilen allsgezeichnet verlaufene Tagung -durch ein Schlußwort des Herrn Dr. Holländer beendet tverdeu, in dem der Direktor : des Eentral-Vereins seinen Mitarbeitern in ergreifenden Worten aus den Weg gab, den geistigen Inhalt unserer Arbeit niemals über dem Tageskampf zu vergessen. ' .

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