Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 3 (1924)
- Issue
- 7 (14.2.1924)
- Date
- 1924-02-14
- Page
- Seite 60 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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60 völkische ltampfesart in Thüringen. „D i e gottverflu ch Le La t a n s P n r t e i." Die völkische Presse jubelt in allen Tonarten. Besonders der Erfolg in Thüringen hat sie aus dein Häuschen gebracht, wo die ,,Vereinigte Völkische Liste" 76 800 Stimmen auf sich oereinigen konnte. % Durch welche unerreichte demagogische Kampsesweise dieser Wahlerfolg errungen wurde, hat die „Germania", das offizielle Zenlrw.nsorgan, in einem Stimmungsbild aus Thuriilgeu geschildert. In Nr. 66 dieses Blattes lesen nur: „Tie im Ordnnngsbuud vereinigten bürgerlichen Parteien, Deutschnationale Voltspartei. Deutsch' Voltspartei. Zellt rum, Landbund und Demokraten, führen den Wahlkampf in objektiver W^ise. Nach Mitteilungen, die uns aus Parteitreisen zugehen, läßt sich' von den Sozialisten und isogar der: -Kommunisten im wesentlichen dasselbe sagen. Eine Ausnahme bilden nur die Deut sch völkis ch e n, die mit einer wilden Agitation den Wahlkampf vergiften. Die völkischen Größen reisen im Lande herum und suchen das Volk auszupntschen. Nach dem Grafen R e v e n t l o lo sprach vor einigen Tagen der berüchtigte A r t h u r D tute r, dessen Rede nach uns vorliegenden Berichtell, die mit Meldiingeu Weimarer Blätter übereinstimmen, so ziemlich das Tollste an Verhetzung barste den. was -bisher geleistet worden ist. Das Zentrum nannte er eine ,,g o t t o e r s l u ch t e ^atansp arte i" und den Reichskanzler Nt a r v beschimpfte er. als „Oberbonzell". Ghristus mit der s ch w a r z - io e i ß - r o Ich F a h n e und dein Hnkeutrenz soll'lallt Herrn Diuter der deutschvolkischeu Bewegung vorangehen und alle Pastoren, die sich der Bewegung nicht anschließen, »sollen wir „Unkraut ausgerottet lind ins Feuer geworfen werden". Diese Stichproben aus dem den Uei'vö l Lischen Wah Lst r a ll ß dü r ficu g eriügeu." Arthllr Diuter hat sein Abgeordneteltmaudat erhalten. Wir beglückwünschen dell Thüringischen Landtaa zu dieser Neuerscheiuullg. Hm. das schöne Thüringer Lälldchen braucht sich jetzt niemand mehr zu 'argen. A r t h u r Dint e r. d e r R orte r i st d a . . . Zum Kapitel „ftufklärungsarösiLN 6 f) r i ft i i ch e L ch ü I c r u n t c r L c 11 u lt g i h r e s 2 ei) rer 6 in der Ly n a g o ge. tzill Erlebnis voll Professor Dr. E u g e u W o t b e. Von dell Aenßernugen jlldenfeindlicher Gesinnllugen, wie sie leider aus vielen Gegenden des deutschen Vaterlandes berichtet wurden, erschüttert den Erzieher der singend keine der angeführten ^Tatsachen so sehr, wie die b e w ll ß t e k r n u f u u g j ü d i s ch e r ch ü l e r uub ihre Absonderung durch imsreundüche, verhetzte Klaisenkameraden. Wir luuß sich das zarte Kindergemüt dlrreh solche unverschuldete Gehässigkeit verwundet, wie muß es sich gedomütigt fühlen, iUvim es sich nach frelludschasUichem Gedankenaustausch ki}\\h unb ihnl statt dessen finstere Mienen und drohend geschwungene Fäuste mrgegenstarren! Dem N ü r ll ü e r g c r Beispiel folgeild, wo ein Professor lind ein BoltsschnlLehrer die Hauptagitatoreu im Kampfe gegen die siudeu find, sieht so lnaucher siugeudl ildner diese Ans- 'chließnng feiner jüdischen Schüler vour Verkehr mit den andersgläubigen Mitschülern llicht ungern und schürt vielleicht den Haß durch eine tendenziöse Darstellung von. Juden nnb siudemum. Ob es vorkomlut, daß christliche Lehrer ihre Zöglittae über unsere Religion ilnd unsere religiösen Einrichtungen, unsere Lehren llnd unsere Geschichte objektiv sicher gar wohlwollend iuformtereu —-s Vielleicht. Daß sie ihuell durch eigene Anschaililllg beu Weg hierzll bahiten, ist kaum auzunehmen. llxtb den.noch: Cf in solcher Fall hat sich eeeigNet und sei deshalb hiermit der OefferrMchteit übergeben: Ende November v. I. ging der B e r I i ll -e r si ü d i s ch e n G e - in e i ll. d e^nlit der Bitte um Weitergabe von einem Rabbiner das folgende schreiben eines an einer Groß-Berliner Aälsbanschute amkierendelk christlichen t u d i e n r a t » zu: „. . . sich u.nterrichte in zwei Untertertien in evangelischer Religionslehre unb die nichtchristliche Hälfte in Lebenskuude. Und mein Hauptbestreben dabei ist und bleibt, burd) Kenntnis anderer Religimlsformen den (reist allsrichtiger Achtung vor jeder fremden Meinung, vor altem jeder änderest Weltanschauung z'u erziehen. Heut komme ich zu sihuen mit der Bitte, ob E uns die größte lind schönste der Synagogen zeigen könnten t Wenn es sich irgetld einrichten ließe, lvären am: für eine Führuulg oder Erklärung durch einen Geistlichen oder einen Lehrer besonders dankbar. Der Bildungshunger unserer sinugen, die als Bogabtenttasse aus Arbeiterkreftsill llach siebelljähriger Volksschulzeit sich hier zusamnlengesnnden haben, dieser Bildlmgshlluger ist so vielseitig, daß ihn allch hällsigk sehr gelehrte Häupter llicht besriedigerl tonntcu. Besonders interessant ist es, wie diese, in der großen Mehrzahl kirchenfremden, zürn Teil völlig aiis der Kirche allsgeschiedenen sillngerl durch den Eilldrllck baulicher und malerischer Gestalten — also nicht durch dcm Bortrag sittlicher und 'metaphysischer Theorien — zur Beschäftigung mit der Religionsübung zunächst der anbercit kommen. — sich zlveifle llicht, daß nach Ueberschreitung der Pubertätsgrenze (jetzt sind sie etwa 14 siahre alt) auch selbständig sich religiöse Bedürfnisse geltend machen, werden. Wenn mx bei der Gelegenheit noch etwas über die verschiedeilen Gesttzesübevlieferungen, zürn Beispiel über den .Talmn-d,' ersah rer r tonnten, lvären wir besonders bau tim v, Jlv. den.- Zoisteu lvlchir sinniger Pogrollchetze llllüssen ' roio als Lehrer alles hm, was durch Aufklärung zur BerftärrdWing fuhrt . . Der Rabbiner übersandte mir dies Schreiben. Wüh-Wd er selber sich die Bor l e g n u g der T h o r a r o licn v-mbchrielt, übernahm ich die Führung zunr Gottesdienst. Anr wächsten Freitag, kurz vor 4 Uhr, erwarteten nvilcT) 5 0 Schüler mit de m Direktor n n b d e u L c h r e r n vor der ^ktten ShkMgogr. Oranienburger Straße. Ter Kälte wegen fand der-GotteMenft im T r a u s a a l statt. Tennoch führte lins der Hausmeister durch eine Sehenpforte zlun Allerhesil-igsten des großen TenchM, n-ud bcu für ein paar Minuten die elektrischen Lmn-pen anffhumnten, komfterr die Knaben wenigstens den Gesamteindruck dieses Herrlicherl' GottesCMlses in sich anfnehrueu. Der Gottesdicnst in deur stinumurgsvoll hergerichtetell TraHaal. m welchem der weihevolle Gesang des inzwischen leider. verekmAeu Oberkantors Wi'lhelnr Kleiin sowie Harnloninm imb Chor' zu voller Geltung hinten, hat die Lehrer und Schüler ungemei-nr erffreuk. rn i e f o it n teil n a ch h e r den Zauber unfereZ S y u - a g o g c n g e s a n g e s nicht g e n ir g r ü h m e n I Briur Scheiden' nahmen sie mir das Versprechen ab, gleich in der darauf folgenden Woche bei hüten in der Schule einen Bortrag über das Wesen- und dsi Einr-chtunaell des sindelltulns ztr halten. Wie gern erfüllte ich diese Zllsage! . . Zu dieseln --- im Plauderton gehaltenoll : - Vorträge saudeäk fiel) inr Gesangssaal, der Anstalt 8 0 Si n a b c n, g t eich t a l l s m.i.t de m D i re'kto r u u d d-e n Lehrer n, eim Anderthalb Shmden fprach ich' vor dieser voll Spannung lauschenden jugendlichen -^char. Tie Lehrer versicherten mir naelcher, der Stofs müsse die Knaben aufs lebhafteste gefesselt haben: es sei« nicht leicht, diese geistig nugeMetu bewegliche singelld.namentlich zu später Abendstunde - - für. einen inlmesihill lvijselrscha.ftti.chen Gegcnjtand zuiutereinercm Aus der Fülle des Materials hatte ich rnrr das Gutdrucksvollste, das Schönste und Mgleich das am meisten Angeseindcte und Verdächtigste ausgewählt, sich sprach von deur ungehellren Rätsel, das dje Erhaltungdes sindentnms jedem GeschichLskenner ausgibt, von der .Bedentnng dieser Nluttcrreliaioil. die zwei Weltreligioneu das Leben gab, und von der sinteresselosigkeit, welche Theologen und Ethnologen — die über dic Religion dersiibetauischen Bölkerstämlue dicke Bücher schreiben — dem sindentnm gegenüber all den Tag legen. Wir lnacheu für den Eiuk.'rilt in unsere ReUgiollsgemeinschast keine Propaganda - wer Einlaß begehrt, dem nruß der Rabbiner seiner Borschrist gemäß übratcu aber wir freuen ltus, wenn man ltns den Willen zur Verständigung kulldgibt, die Hand zitr Freundschaft und Brüderlichkeit reicht.' Wir haben keine Dogmen: keine oberste Behörde regelt unser Verhältnis ztl Gott, den jeder sich vorstellen darf, wie es Gemüt, und Verstand ihm vorschreiben. Unser Gokkeseegrisf gestattet aber keinerlei Trübung. Wir glauben an den Fortschritt des Menschengeschsichtes. der in der „messiauischen Zeit", wo Liebe und Gerechtigkeit ' herrschell werden, gipfelt: wir glauben an ecu Fortleben der Seele, aber nicht an Hölle und Teufel. Bei ltns gibt es. keinen Unterschied zwischell Geistlichen und' Laien; lv i r k e n ll e n n u r Lh r e n d esil n d L e r ll e ll d e. Kurz streifte ich die Strukturen der Gemeinden, die Forwibduua der Rabbiner unb die drei Richtungen im religiösen Leben der Gege-lwart. Da Ml sprach ich über B i b e l u u d D a l m u d. An der Hand einiger Stellen wies ich' nach, welche Berwirrurtg au-s dent Zusammetlhang gerissene Zitate allrichten, tmd lvelche Bedeutung detll Worte „Atmn" r Stern- und Planetenanbeter) zukommh. Alle diese Ausdrücke schrieb ich an die Tafel. Aus das Gebet übergehend entfaltete ich einen. Tallis, MMderte einen Freitagabend in der Familie mb ci\m\ Sabbatg'rltesdienü im Tembel und besprach ausführlich die Festtage. Selbstverständlich zeigte ich meinen Zuhörern die Wahrheit über das K o l - n i d rr - Gebe t allch welches barnt der Musiklchrer der Anstalt auf dem Harmonium vortrug. Auch unser ergreifendes Predigtlied „Job schimcho" ließ ich spielen; daltn las ich aus dem Berliner Gevetbuck; das Gebet vor: „Oeffne uns, o Gott, die Pforte des Heiles, che sickj schließet die Pforte des Lichtes", imb saug unter Harmomumbegleitn.uq die Ehannütta-Hymne, erst deutsch, daun hebräisch unser Berliner 'Predigtlied für das Neujahrsfest „Dil bist der König aller Sphären"/ und'simdlich einige Partien aus dem „Challel" in der bei Edllard Homburger, „Tempelgesängesi abgedruckterl ullvergLLichlich imligetl Kompositioll. Zliur Schluß.sprach ich über die Barmizw o h , über T r a u ll u g s - u nd T r a ll e r g e b r ä u ch e , sowie über' die hebräische Sprache und ihre Berroandrschaft mit der arabischen. Beispiele an der Tafel -erläuterten dies, sin bcu Friedensgrnß „Schatom -atecheur", „Salem Aleikuull klang die'Keine Causeri-eftns. Damit nicht genug, mußte ich nachher noch eine Anzahl schriftlich gestellter Fragen bearrtwsrteN, z. B. lvnrmn der Vorbeter der Gemeinde den Rücken zuwendeh ob die Anlage des salotnomschen aempels in dein lltodernen Syrmgogenbait wiederkehrh welche Bedeutung den ^peisegesetzen zu kommt, ob der sillde auch auf Reiftn die rekigiösell Bräuche hält, voas die Siebeuzahl im Kultus, was der David-Stern bedeute? Ob dieser stwn eilt semitisch-es Planetenzeichelt darstelle^ Welche Bewandtnis dsrnnftdem beim Gottesdienst beobachteten Weilltrinkcm eines Knaben Halm? Hoffentlich findetdas hier aufgezeigte Mittel pur Berstä'Mgullg lind' Versöhnung am int um Nachahmung.