Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 3 (1924)
- Issue
- 7 (14.2.1924)
- Date
- 1924-02-14
- Page
- Seite 58 (sequence 2)
- Language
- German
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58 v ist nicht aus der Welt zu schaffen, wenn auch keineswegs identisch mit einem „beherrschenden Einfluß".- Handelt es sich aber dabei um einen „Einfluß des Judentums"^ Tie große Masse der Versammlnngshörer macht diesen Unterschied nicht, der Urteilsfähige und Verantwortliche wird ihn machen. Um vom Wirtschaftsleben Zu sprechen: Wenn die Hambnrg-Alnerika-Lime ihre Größe dem deutschen Juden Ulbert Ballin verdankt, .wenn die A.E.G. das Werk Emil Rathenaus ist, wenn da und dort in deutschen Landen maßgebende Unternehmungen --.ich darf als uns räumlich nahestehend an alte Firmen der Fürther Glas- und Spiegelindustrie und der Nürnberg-Fürther Spielwarenfabrikation erinnern von Juden begründet und geleitet sind, ist der von diesen Stätten ausgehende Einfluß ein jüdischer Einfluß? Nennt man sie nicht vielmehr im In- und Ausland als Wahrzeichen deutscher Arbeit und deutschen Unternehmungsgeistes^ Lassen sich christliche Unternehmer, z. B. die großen Werke der -Schwerindustrie im Westen, in denen keine Juden tätig sind, etwa von anderen, vielleicht gar von mehr altruistischen Grundsätzen leiten als die jüdischen? Sieht mau in den Forschern Hertz, Millstätter, Ehrlich, in dem Philosophen Simmel, in dem Literarhistoriker Gundvlf, dem Maler Lieb ermann, dem Musiker Mahler gemeinhin Juden: oder nicht vielmehr d e u t s ch e Gelehrte, d e u t s ch e Meister? Ich darf hier auch den Namen Jakob H e r ->, nennen. Sein Denkmal vor Ihrer Universität Erlangen erinnert an den Gelehrten und gütigen Arzt, der eine Zierde der Hochschule war. Er könnte heute nicht mehr dort lvirken, das würde der völkische Geist, seiner Hörer nicht dulden. Aber wer steht wohl dem deutschen Genius näher, der still bescheidene Hochschullehrer jüdischen Stammes oder diese Deutschesten von heutet stein zweiter Jurist hat in den letzten Jahrzehnten den gleichen Einfluß auf das deutsche Rechtsleben ausgeübt wie der Berliner jüdische Anwalt Staub. Er hat ihm das deutsche Handels- und -Verkehrsrecht erst voll erschlossen. Tie leitenden Gedanken seiner Gesetzesauslegung waren Treu und Glauben und Sicherheit des Rechtsverkehres. Tie höchsten Gerichte haben auf seinen Auffassungen weitergebaut. Soll all dies;u dem übermäßigen Einfluß des jüdischeir Geistes zählen, dem endlich ein Ende gemacht werden muß? Tie mögen einwenden, daß ich nur von den Großen rede. Aber auch wir deutsche Juden haben das Recht, nach unseren Besten gemessen zu. werden, und es ist nicht unbescheiden, wenn wir Jagen und zeigen, daß der viel geschmähte „jüdische G e i st" der deutschen Kulturwelt Werte geschenkt hat, die nicht ans ihr wegzndeuken sind. Es ist hier nicht der Sri, und ich bin auch nicht berufen, den Ursprung und das Wesen dieses jüdischen Geistes — um dieses Wort zu gebrauchen — näher darzulegen. Ich meine indes, es ist klar, daß das heilige Feuer der Bibel stärker als anderswo in einer Gemeinschaft fortwirken mußte, die Jahrhunderte hindurch nur durch den religiösen Gedanken verbunden war und ihm die schwersten Lcidensopser bringen mußte. Auch kann diese harte Leidensschule selbst, der schwere Kamps ums Dasein, nicht ohne tiefste Wirkung geblieben sein. Wenn auch nach kritischem Urteil dem Inden Strebsamkeit, Nüchternheit, Familiensinn lind Pietätsaesühl besonders eigen sind, ivenn in ihm ein starkes seelisches "Verstehen für andere, eilt ausgeprägtes Mitgefühl und soziales Empfinden, ein tiefgläubiger Optimismus leben, so mögen hier Urgedanken der Bibel und erworbene Eigenschaften znsammemvirkeu, um die jüdische Persönlichkeit mitzuformrn und ’>u beeinflussen. Neben den Lichtern sind auch Schatten, sie fehlen auch in keiner anderen Eigenart, die in dentschen Landen vertreten ist. Man bekämpft niedrige, unsoziale Eigenschaften innerhalb der jüdischen Gemeinschaft mehr, als Ihnen bekannt sein dürste. sie sehen, daß ich eine jüdische Eigenart als bestehend anerkenne, in der ebengezeichnelen Beschränkung ans gewisse seelische Beeinflussungen. Was ich aber nicht anerkenne, ist, daß diese Eigenart der Entfaltung dentschen Wesens und deutscher Gesinnung im Wege stünde. Im Gegenteil, gerade in unseren Besten unter den d e n tsch e n Inden verkörpert sich die V e r l> i n d n n g b e st c u dentschen Empfindens mit bester jüdischer Tradition. Tamil ist wohl auch bereits die Behauptung von der „V.olksfremdheit" der deutschen Inden gewürdigt. Es gibt kaum einem Zweig, des deutschen Geisteslebens, in dem nicht auch deutsche Inden ans tiefster Seele schöpserisch mitgearbeitet hätten. Und das sollten VvWfremde seiul -Alle die deutschen Juden seit zwei Jahrtausenden mit der deutschen Heimat verbunden find, mag Ihnen besser, als ich es könnte, die Schrift von Dr. R i e g e v „Vom Heimatsrecht der deutschen Inden" sagen, die sch mir erlaube Ihnen zu übersenden. Aber ich möchte mit Absicht bei dieser Frage nicht lange verweilen. Auch Sie werden anerkennen, daß es sich bei der Frage der Volkszugehörigkeit und Volksfremdheit doch' letzten Endes um Auffassungen und Theorien handelt - - insbesondere als Ausgangspunkt die umstrittene Rassentheorie —über die eine Einigung nie zu erzielen sein ivird. Steht aber irgendwem das moralische Recht zu, am. Grund seiner Theorie, -und sei er noch so sehr von ihrer Richtigkeit überzeugt, andere Bürger -des Staates Politisch entrechten zu wollen? Sie sprechen wohl nur von einer Ausschaltung der. deutschen Juden von der Leitung der politischen Geschicke. Ich glaube nicht, daß sich die deutschen Juden. nach dieser. Leitung drängen. . Aber darum handelt es sich nicht, es geht um ö a.-’* i suH1- Wer deutschen Inden das Recht der vollen Politischen Mitarbeit, sei es an welcher Stelle nur immer, versagen will, der verletzt den Grundsatz der Gleichberechtignug aller Bürger des Staates, der doch nicht nur ein rechtlicher, sondern ein sittlicher Grundsatz ist. Tenn jedem Staatsbürger soll das Wohl und Wehe des Staates in gleicher Weise nahegehen, und er muß die gleiche. Möglichkeit haben, darauf emznwirken, nur so kann er sich eins fühlen mir den: staat, und seine Einzelperson dem Ganzen nnterordneu. Haben Sie auch erwogen, was diese Entrechtung gerade je!;: bedeuten soll, nach einem -Krieg, in dem Tausende deutscher Inden für ihr deutsches Vaterland gcfallen.find? Sollen die deutschen Juden a l s st a n o n e nfutter d e n t s ch q e n u a gewesen sein, aber jetzt z u vol k s f r c m d für die AnMbung ihrer vollen Politischen Rechte? ' Schließlich wäre zu fragen, -w e nr i o l ch e G e d a n i e n - g ä n g e n n d A n g r i ff e d jene n solle n. ' Ich nehme nicht an, daß es sich dabei um agitatorische oder taktische Zwecke handelt. Man findet zrvar für'Acnßerungen dieser Art in München ein dankbares Publikum, vielleicht auch anderswo, aber der Erfolg ist mir vorübergehend. Tenn was immer man den Leuten sagt, die solche Dinge gern hören, es lvird ihnen immer zu zahm sein, und der Nächste, der übertrumpft, wird den größeren Beifall finden. 1 Was als tatsächliche Wirkung bleibt, ist eine Verstärkung des Hasses und der Entfremdung. Sie mögen mir dabei nicht verübeln, ivenn ich vorn Standpunkte der überwiegenden Auffassung der deutschen Jllden. die sich die uubeirrte Pflege deutscher Gesinnung zur Aufgabe gestellt haben, dabei auch der Rückwirkung aus die Gefühle der deutschen Inden gedenke. Wern ist damit gedient, wenn Huuderttauscnde, die sich als Deutsche fühlen und bezeichnen, systematisch den deutschen Belangen zu entfremden versucht werden? Tenn was bedeutet die große antisemitische'Aktion in ihrer Gesamtheit anderes, als eine Bewegung zur Entde ntfchn n g d er d eu tfche n Iud e n? In einer Zeit, in der man noch kaum die Fehler vergessen hak, die man sich in der Behandlung vormals zum Reiche gehöriger Stämme, wie der Elsässer, zuschulden kommen ließ, will man andere ans der Gemeinschaft -herausstoßen, die zu ihr gehören -vollen! Das ist nicht mehr ein "streit um Theorien, sondern eine höchst unverständige, verhängnisvolle praktische Politik. Und vergegenwärtigt man sich in ernsten streifen die notwendige Wirkung auf die jüdische Jugend? LeutZ die mit ehrlicher Begeisterung ins Feld zogen, mußten nach der Rückkehr als Juden Schimpf und Schande über sich. ergehen lassen. In den schulen, besonders den Mittelschulen, begegnet die jüdische Jugend brutaler Abschließung und Beleidigung. Für. die seelische Mißhandlung der jüdischen akademischen Jugend werden Sie ja an der. Universität Erlangen nicht ersr nach Beispielen suchen müssen; haben doch dorr erst letzthin die Studeirtell es abgelehnt, mit einem jüdischen Kommilitonen am nredizinischen -Ferienkurs teilzunehmen, andere haben es abgelehnt, mit einenr Inden ins Examen zu gehen; von anderen Dingen nicht zu reden. Es ist, als wollte man mit Gewalt der jüdischen Jugend ihre F r e u d e a n der d e u t s ch e n G e m e i n sch a f t r a u den itttb sie in irgendein radikales Fahrwasser h i nein tr eibe n. Wohl bemerkt, all' diese Brutalität geht am stärMeri in Bayern vor sich, wo doch -von einenr maßgebenden" Einslus; der Juden aus Regierung und Politik gewiß keine Rede fern