Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 3 (1924)
- Issue
- 6 (7.2.1924)
- Date
- 1924-02-07
- Page
- Seite 47 (sequence 3)
- Language
- German
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das jüüifthe Herz. Der Buchstabe tötet den Geist, das Gesetz erdrückt die Seele, die Vorschrift verknöchert das Herz. Fast wie eine Antwort auf dieses so oft von der Oberflächlichkeit über unser Judentum gefüllte Urteil folgt auf die erste Sammlung des jüdischen Gesetzes, welche nicht nur Rechts- und Sitten-, sondern auch Ritualvorschriften umfaßt, die erste großartige Kundgebung des jüdischen Herzens. Es opfert den einzigen Besitz, das einzige, was die Sklaven als Ertrag jahrhundertelanger Arbeit mitgenommen haben. Denn es gilt, ein Heiligtum zu bauen. Das jüdische Herz, es ist gewachsen aus den: jüdischen Gesetz. Das Gesetz war der Nahmen, in welchem es sich betätigte, der Körper, den es mit seinem, warmen Schlage belebte. Wenn Israels Söhne sich noch heute mit Stolz barmherzige Kinder barmherziger' Ellern nennen dürfen, so verdanken sie dies ihrem Gesetz. Jahrtausende langer Haß hat das heiße Erbarmen in der Seele der jüdischen Menschen nicht töten können. Wenn auch die innige Menschenliebe des jüdischen Herzens von allen Zurückgelviesen und abgelehnt wurde, es stockte nicht ittib wurde nicht hart. Es kam niemals außer Uebung; denn Israels Lehre verlangt das Herz. Hat sich die Hyperkritik, die mit überlegenener Geringschätzung auf die starre Gesetzlichkeit des Judentums herabschaute, niemals gefragt, wie es denn Zu erklären , sei, daß die Bekenner dieser Gesetzesreligion stets immer als erste mit dabei waren, wenn es galt, Werke des Herzens zu vollbringen? Hat sie nie daran gedacht, daß dieses Gesetz der ewia, lebendige GoUeZgeist ist, der den Alltag auch in seinen kleinsten Hebungen und Verrichtungen erhebt und beseelt? So sehen wir, wie das jüdische Herz in seiner ersten Manifestation ein Heiligtum errichtet, das Heiligtum des einig-einzigen Gottes. Und wenn immer es gab!, Heiligtümer zu errichten de'n strebenden Menschengeist, der Wissenschaft,' der werktätigen Menschenliebe in ihren mannigfachen Verzweigungen, das jüdische Herz hat niemals versagt. Seines jüdischen Herzens rühmt sich auch mancher, der sich vom jüdischen Gesetz losgesagt hat, und glaubt sich damit den Kern,, das Köstlichste seines Judentums erhalten zu haben. Er gleicht einem Wanderer, der sich von der Heimat losgerissen hat und in der Fremde noch die trauten Erinnerungen der Jugend Pflegt. Seinen Kindern aber sind diese Erinnerungen nur noch ein totes und leeres Schaugeprange. Das Gesetz ist die ewige Heimat des Inden. Aus ihm knospen die starken Triebe des jüdischen Herzens. Nur ans seinem fruchtbaren Boden können sie wachsen, blühen und reiche Früchte tragen. Drum seid recht behutsam mit dem seltenen Gute des jüdischen Herzens und reißt es nicht aus aus dem Mntterboden der Lehre. Auch das Heiligtum der Zukunft, an das wir glauben, wird -nur -errichtet werben von Männern, „die das Herz dazu treibt", und das jüdische Herz lebt nur durch das jüdische Gesetz. JschTikwoh. Ein Prüf öes Herrn v. Graefe. „Die Juden un 0 ö ie D e u ts ch v ö l k i s ch e Freiheitspartei." Von Zeit zu Zeit reißt deutschnationalen Führern, die nicht tatenlos Zusehen möchten/wie die Deutschvölkische Freiheitspartei der Rechten die Wühler abspenstig macht, der.Geduldsfaden. Dann -sausen die Hiebe besonders auf das Haupt des Herrn v. Graefe nieder, der in den Künsten der Demagogie am besten ausgebildet ist. ' In Nr. 24 des „Rostocker Anzeiger" vorn 29. Januar 1924 findet sich ein offener Brief des Vorsitzenden der Deutschnationalen Partei in Rostock, Justizrat Dr. Knebusch, an Herrn v. Graefe mit der bemerkenswerten Ueberschri-ft:- „Die I u den u n d die D e u t s ch v ö l k i s ch e Freiheitspartei." Dr. Knebusch wendet sich gegen den Vorwurf, die Deutschnationaleu seien judenfreundlich. Er habe diese Beschuldigungen in Versammlungen mit dem Hinweis beantwortet, die Den tschvölkck schen sollten nicht so zimperlich sein, d e n n i h r e Parteifreunde wäre n doch a u ch nicht ä n g st l i ch. Ein Gründer der Freiheitspartei m Mecklenburg, der in den ersten Versammlungen des Herrn v. Graefe stets in seiner Begleitung erschienen sei, sei ein Herr, dessen Großmutter eine geborene Levi wäre. In Goldberg sei Herr v. Graefe zu einer politischen Versammlung in dem Auto einer j ü d i s ch e n Firma gefahren. N o ch weit später als H e r r H e r g t Hab c sich H e r r v. Graefe ge g en 'de n A u s s ch l u ß der Juden a u s der D e u tfjt) nationalen Partei ge w endet. Hier folgt der Abdruck eines Schreibens des Herrn v. Graefe, vom 5. Februar 1920 aus Goldebee an Herrn Justizrat Dr. K n e b u s ch gerichtet. In diesem Schreiben heißt es wort l i ch : „Mag sich die Partei (Deutschnationale), wenn neue Ausgaben kommen, später wieder nach diesen umgliedern oder teilen — für den Augenblick der tiefsten nationalen Not des Vaterlandes kommt es auf den -einheitlichen Zusammenschluß aller national klarsehenden Mitbürger in einer Parteigemeinschaft an, n n d wenn ich da an ei n m ö g l i ch st e s Z u s a m m e n - kommen auch mit der „Deutschen Volks Part ei" d c n k e, da n n m ü ff e ft i n solcher G e mein s ch a f t auch M ünner w i e R i e ß e r, Rein ck e -Bloch u s w. verbleiben könne n. M i r scheint also ein A n t r a g a u f prinzipiellen A n s s ch l n s; der I n d e n n s w. ans der G e s amtPartei d e m Wesen einer politischen Partei nicht gerecht zu werden, wenigstens nicht innerhalb unserer staatsbürgerlichen Auffassung. Diese meine Auffassung tut meinem offenen Kamp? gegen das Judentum nicht den geringsten Abbruch." Man kann mit einiger Gewißheit voraussehen, daß diese Enthüllungen im nächsten Wahlkampf eine große Rolle spielen und Herrn v. Graefe eine harte Nuß zu knacken geben werden. Selbst für den geschäftigen und um Ausreden nie verlegenen Herrn v. Graefe wird es schwer sein, eine befriedigende Antwort zu erteilen. Das Enöe folgenschwerer Verleumöurigen. u n j chuldige 1 ü d i s ch e A n g e k l a g t e i n W o lf h a g e n. Vor der ordentlichen Strafkammer des Land g e r i ch tsKassel fand am 30. und 31. Januar ein Prozeß gegen 2 1 Ei n w o h n e r ans Wolfhag en. (Bezirk Kassel) statt, die angektagt waren, am 22. und 23. September 1923 Mitglieder de s I u n gd e u tschen O r d e u s bei einer Zusammenkunft in Wolfhagen ü b e rfnlle n und v e r p r ü g e l t z u h a b e n. Die Anklage lautete bei achtzehn Beschuldigten ans schweren L a n d s rieb e n s b r u ch, bei drei, Beschuldigten auf A ix ft i f t u n g hierzu. Die Verhandlung hat deshalb über Wolshagen hinaus grösstes Interesse für die deutsche Judenheit, weil ihr Verlauf die V e r lo>g e u heit de r I u d e n h e tz e symptomatisch beleuchtete. Unter den Angeklagten besandeu sich auch fünf jüdische Einwohner ans Wolfhagen. Zweien, die verurteilt wurden, war vor geworfen (Moses Block und seinem, nach dem eidlichen Gutachten des Kreisarztes geistig minderwertigen Sohn Julius), durch e. r m u t i g e n de Z u r u f e („Nur fest drauf" usw.) zu der Straft«at als Rüde lsfüh rer aufgereizt zu h übe n. Den M i t g l i e d e*r n der jüdische u Gemein d e, Kreisvvrsteher Moritz Ai ö k l e r i ch , Abraham K >a tz e n st e i n und Samuel K l e b e, hatte man zur Last gelegt, durch Geschenke (Schnaps) und Zurede n zu der Straftat a n - gestiftet zu haben. Seit den Vorfällen im SePteinber war ein regelrechter Boykott gegen die jüdischen Einwohner in Wolshagen bemerkbar, der sich in nächtlichen Ueberfüllen, im Beschmieren jüdischer Häuser mit Hakenkreuzen, Einschlagen von Fenstern, Beschädigung von Garten- Zäunen und vor allem in eine m a u s g e s P r o ch e n e n Liefer u n g's st reit nichtjüdischer Gewerbetreibender und Landwirte zeigte. So^ar der A u s s ch l u ß des Kaufmanns Möllerich aus dem örtlichen Bürgerverein, dem er seit seiner Gründung angehörte, war wogen des durch die angebliche Anstiftung zu dem Laudfriedensbruch „bewiesenen" unwürdigen Verhaltens Möllerichs verlangt worden — und dies alles, obwohl die drei Genannten st ä n d i g i h r e U n s ch u l d b -e t e u e r t e n und sich ni-emand in den vier Monaten vor der Verhandlung gefunden hatte, der ihre Beteiligungen der Straftat aus eigener Kenntnis bestätigen konnte. In der HauPtverhandlnng wurde f e st g e st e l l t, daß dir Anzeige gegen Möllerich, Katzenstein und Klebe jeder G r u n d - läge entbeh r t e. Der vernichtenden Kritik, die ihre Verteidiger, Rechtsanwälte Dr. Kugelmann (Kassel) und Dr. Marx (Frankfurt), an der Wahrheitsliebe der Mitglieder des Jungdo Wolshagen und Umgebung übten, schloß sich das Gericht bei der B e g r ü n d u n g d e s f r e i s P r e ch e u d e n Urteils an. Selbst der S t >a a t s a n w a l t hatte die F r e i s P r e ch u n g beantrag t. Ter V o r s i tz e n d e erklärte w ö r t l i ch : „Bei M ö l l e r i ch , K a tz e n st e i n und Klebe ist auch nicht der Schimmer eines Veweifes dafür erbracht, daß sie sich irgendwie an den Vorgängen beteiligt haben. Es ist nicht hervorgeLreten, daß sie irgendwie versucht haben, die kommunistische Partei oder andere Leute dazu zu mißbrauchen, jungen Leuten, die ihnen religiös -und politisch feindlich gesinnt sind, eins auszuwischen. Es ist eine unglückselige Eigenschaft der Deutschen, daß sie verallgemeinern. Wenn irgend etwas passiert bei einem, der einer bestimmten politischen Richtung oder Konfession angehört, dann heißt es immer: Die Konfession oder d i e Parteirichtung. (Lo ist es geschehen, daß die Hetze ganz zu Unrecht getrieben wurde. So sind die Vorgänge gegen "die Juden in Wolshagen, die das Gericht aufs lebhafteste bedauert, psychologisch zu erklären. Der Freispruch erfolgt nicht wegen Mangels an Beweisen, sondern, wie 'das Gericht nochmals besonders betont, weil die Angeklagten tatsächlich unschuldig find. Durch diese Erklärung werden sich die Verhältnisse in Wolshagen hoffentlich wieder regeln." Möge dieser Freispruch Verleumdern eine W a r n ung sein. Die zu Unrecht Beschuldigten werden, nachdein das Gericht gesprochen hat, gegen neue Verleumdungen rücksichtslos Vorgehen.