Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 3 (1924)
- Issue
- 5 (31.1.1924)
- Date
- 1924-01-31
- Page
- Seite 37 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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37 Die Samson-Schule in W-lsenbüttel. , Von Gustav E r ch e n g r ü n. Die Samson-Schlll'e Ln Wolfenbüttel ist im Jahre 1786 von dem Hosbankier Philipp Samson als Freischule gegründet worden. Die Schule war in den ersten beiden Jahrzehnten ihres Bestehens.eine Talmud-Thora-Schule, und Leopold Z u n z, der Begründer der Wissenschaft des Judentums und nächst Moses Mendelssohn wohl der bedeutendste deutsche Jude, spricht in seinem als Manuskript gedruckten. Heftchen irr dankbarer Erinnerung von der „Jefchiwo" in Wolfenbüttel, die er besucht hat und der er im wesentlichen seine Ausbildung auf vorn Gebiete der jüdifchm Wissenschaft verdanke. Im Jahre 1809 wurden 31t den jüdischen Lehrdisziplinen zwei profane Fächer, Schönschreiben und Rechnen, 'hinzugefügt. Bon dieser Zeit an nahm die Angliederung an die Erfordernisse der Gegenwart in bezug auf den Unterricht immer mehr zu, so daß im Jahre 1889 unter dem segensreichen Direktorat des verewigten Professors Dr.Dachau die Anstalt eine Realschule wurde und vom Staate die Berechtigung erhielt, das Zeugnis für den einjährig-freiwilligen Dienst auszustellen. Troß dieser Veränderung. des Charakters hinsichtlich der Unterrichtsfächer ist die Schule bis zum gegenwärtigen Augenblick ihrer Aufgabe treu- 7 geblieben, die Zöglinge zu guten und selbstbewußten Inden" heranzubil'den. Im Gegensatz 31c der Jakobson-Schule in Seesen, die auf rein paritätischer Grundlage aufgebaut war, hat die Samson-Schule zu Wolsenbüttel stets ihren jüdischen Charakter betont lind betätigt; am Sabbat findet kein Unterricht statt, die Verpflegung ist rituell. : Zu Beginn des vorigen Jahrhunderts wurde auch "den Knaben aus bemittelten Familien gegen ein entsprechendes Honorar gestattet, die Schule zu besuchen; -aber die Verwaltung hat es immer als ihre wesentliche Pflicht angefeheu, die Anstalt im Sill ne der Stifter als eine Zufluchts- und Bildungsstätte für die Söhne armer jüdischer Familien zu erhalten. So waren denn bis zürn Beginn des Weltkrieges etwa 30 Frei- und 15 bis 20 Halbfreistelleu besetzt. - Den Eltern der Freizöglinge erwuchsen für die Allsbildung ihrer Söhne keinerlei Allsgaben, da neben der freien Station llnd dell notwendigen Büchern — bis wenige Jahre vor dem Kriegsaufang — sogar die Bekleidung aus Llnstaltsmitteln bezahlt wurde. Stiftungen der verschiedensten Artsorglcu -ailch für die Ausbildung der Schüler nach ihrer Entlassung aus der Schule. Unter anderem veudielck hervorgehoben 311 werden, daß ft a n d i (} ein erhebt i ch e s Leg a t für solche Freizöglinge vorhanden war, die sich einem Kunsthandlverk widmeten. Neigungen der Zöglinge zur Fortsetzung ihrer Studiums fanden lebhafte Unterstützung durch die Anstaltsleitung, und es wurde dafür Sorge getragen,.daß sie in ihrem akademischen Studimn von Sorgen für ihren Unterhalt befreit waren. Stiftungen anderer Art bezweckten, daß die Zinsen besonders tüchtigen Freizögliugen -als Belohnung anheimsielen. Solcher Nebenkassen wären mehr All erwähnen, und die vorhandenen Gelder bienten allgemein dem Wohl der Freizöglinge. Das Leben der Zöglinge innerhalb der Anstalt ist in jeder Beziehung behaglich zu nennen. Wohl ist es notwendig, daß die Knaben durch energischen'Willen ihrer Erzieher zum Fleiß, zur Ordnung, zur Pünktlichkeit, kurzum, zu allen bürgerlichen Tugenden erzogen werden, doch herrschen zugleich ein herzlicher Ton und rege Beziehungen zwischen Schülern und Lehrern, und diese vergessen nie, daß sie an den K i n d e r n die Stelle d e r E l t e r n vertreten. Allein im Laufe der letzten Jahrzehnte haben die Schule mehr als 2000 Schüler besucht, und alle sind der schale dankbar ergeben, da sie, soweit es ihre Stellung anbetrisst, im Grunde genommen der Schule ihre Existenz und den geraden Weg, den sie im Leben eingeschlagen haben, verdanken. So wirken denn -ehemalige Samson-Schüler in der „ .segensreichsten Weise als Wissenschaftler und Künstler, als Kaufleute und Industrielle. Bon den wirtschaftlichen Erschütterungen, von denen unser deutsches Vaterland schwer heimgesucht worden ist, ist die Samson- Schule nicht unberührt geblieben. Es wäre aber Lies tragisch und für das deutsche Judentum 'ein itn e r s ctzH tch er B e r'l nst, wenn die Samson-Schule, die 150 Jahre in der segensreichsten Bbeise zu Ehren des Judentums und des Deutschtums gewirkt hat wie wenige Institutionen unseres Vaterlandes, zugrunde ginge. Um sie zu erhalten, bedarf es nur des Willens der Eltern? ihre Heranwachsenden Söhne der Samson-Schule anzuvertrauen. Eltern? die an kleinen Orten wohnen, wo sich keine Ausbildungsuwglichkeit an höheren Schulen bietet, oder deren häusliche oder Schulverhältnisfe es wüuschenswert machen, ihre Söhne^ in Schülerheimen nnterzubringeu, sollten sich stets -an die Samson-Schule tuenden. Trotz der verabreichten guten Verpflegung ist das Honorar für Unterricht, Erziehung und Verpflegung als' äußerst gering anzu- | sehen und beträgt pro Monat 110 Mark. Es dürfte wohl kaum möglich sein, Knaben für diese verhältnismäßig geringe Summe in einer Großstadt zu erhalten -und zu erziehen. Es müßte Pflicht eines jeden Juden sein, für die Erhaltung der Samson-Schule in obiger Weise zu wirken. Mehr als sonst ertönt unter den heutigen Verhältnissen von den besten der Juden immer der Ruf nach Gründung jüdischer Schulen, und da wäre es beschämend für die deutsche Judenhe it, wenn eine Anstalt, die mit Stolz auf ein segensreiches Wirken von anderthalb .. Jahrhunderten zurückblicken kann, und die in bezug ans ihr Gebäude und ihre innere Einrichtung mustergültig dasteht, zugrunde ginge. Ich glaube, es bedarf nur dieser eindringlichen Mahnung an unsere Glaubensgenossen, daß sie, soweit es in ihrer Kraft steht, besonders durch Zuschickung ihrer K i n d e r z u r S a m - s 0 n - S ch u le dt e se erhalten, d a m it s i e weiterhin zur Eh re des jüdischeu und des deuLfchen Namens F s e g e n s reich w i r k e n u n d na ment l L ch i n d i e s e r Z ei t l der w ü st e n a n t i 1 e m i Lisch e n Hetze indische n K n a b e n ei ne g l ü ck l i ch e Z u f l u ch t s st ä t t e b I e i b e n k n n n.?lus Üer Aeitungswelt. . In der ^Kölnischen Bolkszeitttng" vorn 19. Januar finden wir den Bericht über einen Bortrag des Herrn Dr. Alfons Steige r in Köln. r l>"^x Autral-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens hatte die Kölner Oeffent Lichte it 31t einem Vortrage des bekannten Berliner ^Schriftstellers Dr. Al'sons Steiger über das Thema „Katholizismus und Judentum" erngeladen. Schon längst, vor Beginn der Beiunstaltung war der große Saal der Lese bis auf den letzten Platz gefüllt. Später stauten sich die Nachzügler vor derp Eingängen. Die Versammlung wurde in seiner, geschickter Werw geleitet vom Präsidenten des einladenden Vereins, Herrn Dr. Frank. Nach dessen einleitenden Worten sollte die Versammlung den Zweck haben, die Kölner Katholiken auf die immer rveiter sich ausdehnende antisemitische Hetze aufmerksam zu machen, die mit einem Kampf gegen das Christentum und insbesondere den Katholizismus sehr bedenkliche Nachbarschaft hält. In fast einernhalbstündlger Rode zeichnete der Redner in durchaus vuhigsachlicher Weise die Entwicklung des jüdischen Volksteils in Deutschland und die Lieferen Gründe der mehr oder minder scharfen Judeuversolgung und Ilnteirdrückmig in den verflossen er; Jahrhunderten. Der Redner, der, wie er selbst betonte, der Judenfrage in Deutschland ein jahrelanges intensives Studium gewidmet Hai, verfügte über eine ungewöhnliche Sachkenntnis auf dem von ihm behandeltem^ Gebiete. Das Schwergewicht legte der Vortragende auf die Schilderung und KriLisierung der antisemitischen Strömungen der Jetztzeit, bei der insbesondere die d e u t s ch v ö l k i - s ch e n K r e i s e unzweifelhaft die Lorbeeren zu ergattern sich bemühen. So wußte denn Dr. Steiger an Hand zahlreich vorliegenden Materials die so, gelinde getagt, unfeinen und undeutschen Angriffe gegen unsere jüdischen deutschen Staatsbürger zu widerlegen und abzuweisen. Was uns als Katholiken besonders au stiel, war die nicht genug zu beachtende Tatsache, daß die gegen das Judentum gerichteten Angriffe häufig begleitet sind von einer grotesken Herunterziehung der einem jeden Christen und Katholiken heiligen Ueberzeugung. ' Geradezu banal war ein sogenanntes „antisermlisches Vaterunser", das auch dem unbefangensten Zuhörer' in erschreckender Weise die Angen geöffnet haben dürste. Ganz zu schweigen von den Kostproben, die der Redner aus der deutschvölkischerh richtiger deutsthheidnischen Religionsküche bot. Die Ausführungen Dr. Steigers, die wiederholt von lebhaften Beifallskundgebungen unterbrochen wurden, lösten am Schlüsse minutenlangen Beifall aus. — An den Vortrag schloß sich eine Aussprache an. Wir Hütten lieber keine solche gesehen im Interesse der ausgezeichneten Ausführungen des Referenten. Unbeschadet ihuer Unparteilichkeit und Toleranz hätte die Versammlungsleitung bei verschiedenen Diskussionsrednern schärfer von ihrem Hausrecht Gebrauch machen dürfen. Doch auch das heitere Moment fehlte nicht, dafür sorgte ein deutschvölkischer Jüngling, der sich als Katholik bekannte und — nebenbei, scharfe Worte fand er gegen die Arbeitgeber und die christliche rp Gewerkschaften — für bk Rettung des Katholizismus in Deutschland in der scharfen Bekämpsuu-g der Zentrnmspartei das Allheilmittel fand. — Brausenden Beifall fanden die Ausführungen des Herrn Hilq c r s vom katholischen Beamtenverein Köln-Ehrenfeld." Neue Sucher. Artur Dirrter: Das Evangelium. 1. Auflage bei Emil Kubisch, Langensalza 1923. Nachdem der Verfasser der Sünden wider Blut, Geist und Liebe auf dem Romamvege bei unkritischen Lesern Beifall gefundenhat, huldigt er jetzt aufs neue seiner alten Neigung, der „Wissenschaft". Immer darauf bedacht, alles^ Tagewesene zu übertrumpfen, wagt -er sich an die. Bibel selbst heran und bietet der erstaunten Leserwett ein neues Testamerck für Hakeickreuzler nach eiaeuem höchst persönlichen Geschmack. . Sache der Theologie beider christlichen Konfessionen wird es sein, die zahllosen Ilngereimtheiten und Behauptungen, für die kein Schatten des Beweises besteht, gebührend abzutun. Auffällig ist inzwischen, daß der rechtsstehende Teil der Tagespresse, welcher ganz andere kirchliche Ztnschauungeu als Dinker vertritt, diesem Machwerk nicht die erwartete Zurückweisung zuteil lverden läßt. Als vollkommen Unberufener, der nach eigenem Eingeständnis in den Anmerkungen seines „Evangeliums" weder von der hebräischen noch von der aramäischen Sprache Kenntnisse hat, drängt sich Dinier zur Auslegung dieser schwierigen Materie, und es gehört schon eine — allerdings bisher erfolgreiche — Spekulation auf die Torheit der Ahnungslosen dazu, auch ans diesem Gebiete eine ähnliche Leichtgläubigkeit und blinde Folgsamkeit voranszusetzen. Uns Juden interessiert innerhalb dieses Buches nur ein eriger Ausschnitt. Dinier kann nämlich nicht unterlassen, um die.Sympathien seiner völkischen Freunde auch im Nahmen dessen, was er für Wissenschaft hält, zu werben und ihnen die alten Märchen vom arischen Geblüte des Galiläers Jesus und dem Teufelswerk des Alten Testaments vorzusetzen. Wo bleibt eigentlich der Staatsamvalt, wenn er sich erkühnt, den Gott des Alten Testaments mit dem ^atan zu identifizieren, oder wenn er Paulus, die röurische und lutherische Kirche und alle Talar- und Tonsurträger in unerhörter Weise mtgreift. Daß der Geist des unfreiwilligen Spottes diesem Erguß nicht Fehle, dafür sorgt Dinters wiederholt uachgewiesene literarische Kindlichkeit, und so möge ihm gesagt sein: Schopenhauers Hauptwerk „Die