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Central-Verein-Zeitung · 1924-01-31 · 5 (31.1.1924) · p. Seite 34

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
3 (1924)
Issue
5 (31.1.1924)
Date
1924-01-31
Page
Seite 34 (sequence 2)
Language
German
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G 34 Mwehr und Aufbau. Von geschätzter Seite ist in zwei- Aufsätzen cirt „positives Progr <rin m" entworfen worden. Wir werden Zn diesen Darlegungen, mit denen uns uns nicht identifizieren, Stellung nehmen, sobald der zweite Aufsatz veröffentlicht ist. S ch r i f t l e i t u n g. I. Vor wenigen Jahren erschien, heransgegeben von: Verband der deutschen Juden, eine Sammelschrift unter dem Titel „Parteien nnb Organisationen im dentschen Judentuu:". Sie enthielt aus der Feder führender Männer Darstellungen der Parteien und Vereine des dentschen Judentums, und Zwar im ersten Abschnitt der Parteien, im zweiten der Organisationen. Suchte ein neugieriger „Centralvereinler" nach der Partei, der er sich Zuzählen tonnte, dann machte er die seltsame Wahrnehmung, daß es eine solche n ichgab. Er konnte zwar feftftctlcn, daß er nicht Zionist,, nicht Misrachist, nicht Ajgudist sei, er konnte auch erfahreil, ob er — wenn er religiös emgestellt loar — seine Anschallnng „orthodox", „gesetzestre::" oder „liberal" neunen dürfe. Eine Partei, die mit ihn: unter Ablehnung des Zionismus den jüdischen Menschen in das deutsche Volk einbeziehen wollte, fand er nicht. Dagegen fand er int Zweiten Abschnitt unter den „Organisationen" einen gedrängten Bericht über die Tätigkeit des „Eentral-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" zur Abtvehr des Antisemitismus, auch hier aus der Feder eines Führers des (5. V. Dieser Fall i ft I c h r r c i ch. Er zeigt einmal, daß jener Typus des „Centralvereinlers" oder des „Liberalen", wie ihn der Volksmund, dem Zionisten gegenüberstellt, ein so unklarer Begriff ist, daß man ihn zur- Behandlung nicht für geeignet gehalten hat. Er zeigt ferner, wie der E. V. seine Stellung im Parteileben der deutschen Jndenheit aufsnßt oder wenigstens damals aufgefaßt hat. Er ist bezeichnend für die Verwirrung im Parteiteben der deutschen Juden, wie auch für die Verwirrung im Lager des E. V. über seine eigene Stellung und Bedeutung. Es handelt sich nämlich hier um die Frage: Ist der E. V. Abwehr-Verein mit denr Ziele der Bekämpfung des Antisemitisnms und ist er 31t diesem Zwecke der organisatorische Zusammenschluß der Kruste zur Erhaltung der staatsbürgerlichen siechte der deutschen Juden? — alsdann gehört er zu den „Organisationen" jener Broschüre: — ist er aber die P a r t e i v e r t r e t u n g der D e u tschjude n i m d c u t s ch e it Iudent u m , daun gehörte er unter die Parteien, und er hat sich danlals falsch eingeschätzt. Gegründet ist der E V. fraglos nur worden zur Wahrung der staatsbürgerlichen Rechte der deutschen Juden: daraus erklärt sich auch der unzeitgemäß gewordene Name lind die starke Durchsetzung seiner Führerschichten mit Juristen. Der „Kampf nms Recht" stand im Vordergründe. Später wurde der Wille zum deutschen Volkstum, die „Pflege .deutscher Gesinnung" seiner Aufgabe einverleibt. Von da all beginnt der Gegensatz zum Zionismus, und damit war der Weg zur Partei beschritten, die „für Deutschtum und Judentum" kämpfte. Die Ausgabe, deutsche Gesinnung zu pflegen, lenkte den E. V. unmittelbar in die Bahn deutsch-vaterländischer Verbände. Hatte er bisher nur mittelbar durch die Bekämpfung eines sittenwidrigen Judenhasses für die Reinigung des deutschen Volkslebens und für die Erhaltung des Judentums gewirkt, so hatte er jetzt in seineur Kreise d e u t s ch c it 11 d j it d i sch e A u s b n n a r b e t t zu leisten. War bisher seine Front int wesentlichen nach außen gerichtet, so hatte er sich jetzt die Einverleibung jüdischer Vien scheu in das. deutsche Volt vorgeschriebeu. Die Einheitsfront der deutschen Jndenheit, die für die Abwehr noch möglich war, war hiermit durchbrochen: die deutschgerichteie Jndenheit konnte sich ans den E. B. als den Verkünder ihres Willens berufen. Besonders durch Eugen Fuchs, dessen Tod einen überaus schweren Verlust für das Terrtschjudentnm darstellt, wurde dieser Wille in glücklichen und bedeutenden Gedanken zum Ausdruck gebracht. Letzten Endes verlangte jene Programmänderung eine Umstellung des E. V. dahin, daß er nun nicht mehr ans Anlaß des Antisemitismus, sondern aus dem Anlaß der Erziehung seiner Mitglieder zu Deutschjuden arbeitete und im Anschluß hieran den Kampf gegen den Judenhaß führte. Folgerichtig hätte jetzt ein solches Programm des, E. B. im Vereinsteben verwirklicht werden müssen. Die geistigen Grundlagen des. Deutschjudentmns hätten in einer Parteizeitschrift erörtert und den Geistesströmuugen der Zeit zur Bewährung ansgesetzt werden müssen. Die Partei dentschjüdischer Menschen hätte Verzicht leisten müssen auf die vielen Mitläufer, die Indifferenten, Assimitanten und „Trotzjuden" und auch die „Nurjuden", und zu einer bedeutenden Macht im kulturellen Lebert des Judentums sowohl wie des deutschen Volkes werdert sollen. Statt dessen schwankt man hin und her zwischen dem alten Abwehrverein und der neuen Partei, und immer wieder — so in der erwähnten Broschüre — kommt der alte Charakter des Vereins zum Durchbruch. Heute lassen sich zwar.für den Abwehrverein manche Gründe anführen; trotzdem ist diese'Zwitterstettnng des E. V. aus die Dauer nicht haltbar, und er wird über kurz oder lang zwischen der Gestalt des Abwehrvereins und d-cr deutschjüdischen Partei endgültig 31t w ä h l e n haben, wenn nicht die Entwickelung über ihn hinweggehen soll. Der Warmmgszeichen gibt es schon genug. Es ist erschreckend, wie sehr der E. V. infolge der Ungeklärtheit seiner Richtung die nntnrbeitsfreudige Gefolgschaft derer verloren hat, deren jüdischer Betätigungsdrang an der Abwehr antisemitischer Angriffe sich nicht genug sein läßt, die vielmehr jüdisches Leben in sich und in den anderen aufbauen wollen. Zu allererst wandert die Jugend ah, die den Führernachwuchs bilden müßte. Wesentliche Teile der Intellektuellen haben den: C. B. schon den Rücken gekehrt oder zahlen noch geringe Beiträge. Die sogenannten „nationaldeurschen Kuben" sind zwar mit ihrer vollendeten Gleichgültigkeit und Empfindungslosigkeit für das jüdische Leben ungeeignet, mit dem C. B. für das Judentum zu. wirken; aber es ist bezeichnend, daß auch sie auf die in deutschen Dingen Indifferenten, Hinweisen und dem C. V. Unentschiedenheit vorrversen. Eine viel größere Gefahr ist es aber für den E. B„ daß alle die, die von jüdi scheut Lebenswillen erfüllt sind, eines Tages die Hoffnung aufgeben, ihn hier zu verwirklichen, und sich — entsprechend den: „Verband nationaldeutscher Inden" — anderwärts die Heimat ihrer Gedanken schassen. Dame wäre der C. V. nicht mehr ilnstande, aus der Kraft eigener Idee sortzuleben, und in ruhigeren Zeiten würde, soweit es ans den größten Verein der deutschen Jndenheit ankäme, das deutsche Judentum sortfahren in die schrankenlose Assimilation hinüberzuschlnmmern oder aber sich dem reißenden Strome des nur allzu zeitgemäßen Zionismus in die Arme zu werfen. Diese Lage wird heute klar erkannt und eine Aenderung gesunder: werden müssen, die den deutschjüdischeu Gedanken wetterführt und die Lücke im jüdischen Partei leben anssüllt. II. Aber auch wenn man für diese Umstellung, die einige Zeit in Anspruch nehmen wird, die Zeit nicht für geeignet hält, muH der E. V. auch die bisherige Ansgäbe der Abwehr in einen: tieferen Sinne ausfasfen, als das heute geschieht. Ob die Abwehr „positive Arbeit" ist, hängt allein davon ab, wie inan sie betreibt. In jedem Falle hat sie die positive Wirkung, daß die Abwehrkämpser ausstehen und tätig voerden und, was noch wichtiger ist, die Voraussetzung für ansbau endo Arbeit überhaupt schassen und erhalte in DaS soll nicht vergessen oder unterschätzt werden. Die wahre Abwehr aber wird das geschützte Gut nicht nur verteidigen, sondern auch Pflegen. Mau \xnxb eine Pflanze, die man vor der Beschädigung durch rohe Hände schützen nult, nicht bloß mit einet:: Gitter -umgeben, man wird auch auf ihre Entwickelung, ihr Wachstum achten; sonst kann leicht das, was man so tatkräftig und besorgt verteidigt, währenddeisen verkümmern. Das ist die ganze Rechtfertigung des sogenannten positiven Programms, der Notwendigkeit aufbauender Arbeit im E. V., ohne die bloße äußere Abwehr Halbheit ist. Denn man wnrd weder glauben, daß das Judentilm so nnlebendig ist. . daß es einer Pflege nicht bedarf, noch daß es sich von allein erhält. Da es gelebt werden muß und das Leben der deutschen Juden verschiedenartige:: kulturellen Einflüssen ausgesetzt ist, kan::- es bald von anderen Kulturen ausgesogen werden, eine Folge, die ein für Deutschtum und Judentum eintretender Verein aufs schärfste bekämpfe:: muß, nicht bloß um des Judentums willen, sondern auch wegen der Möglichkeiten, die es der WeMnktur und auch gerade den: deutschen Volkstum gewährt. Denn wir dürfen getrost sagen, daß - der w a h r e j ü d i s ch e Geist, wie er freilich in vieler: Juden heute auch uicht mehr lebt, den: deutschen Volke sehr, heilsam sein, kann. Die Gefahr aufgewgen! 31t» werden, ist für das deutsche^ Judentum nicht gering; auch hier sind vielleicht das drohendste Warmmgszeichcu jene „nationaldeutscheu Juden", weil sie mit Bewußtsein und anscheinend auch mit Erfolg sich als Juden in der deutschen Kultur ansgeben. Es kann fraglich fein, ob das deutsche Judentum in seinem Bestände von außen her stärker gefährdet ist, als von innen; Angriffe von außen her Zwingen imrnerhin noch zur kraftvollen Verteidigung; der Feind im Innern aber entwurzelt die Verteidiger. Erschreckend ist die Unwissenheit und Un-empsin-dsauckeit in jüdischen Dingen, die überall — und heute auch bei Führern der Jndenheit — uns entgeaentritt. Ter Kampf gegen Indifferenz und Assimilationssucht muß daher den Kampf gegen den Antisemitismus ergänzen, um den Abwehrkamp; wirklich d a u e r h a f t und ii b c t h a it p t ft 11 n voll zu gestalten. Hiernach muß es die Aufgabe des C. V. sein, unter 'seinen Mitgliedern die Erkenntnis der geistiget: Grundlagen des deutschen Judentums derart zu fördern, daß es als-lebendige Kraft in den: einzelnen und damit als kulturelle Kraft überhaupt wirksam wird.

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