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Central-Verein-Zeitung · 1924-01-24 · 4 (24.1.1924) · p. Seite 26

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
3 (1924)
Issue
4 (24.1.1924)
Date
1924-01-24
Page
Seite 26 (sequence 2)
Language
German
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Die „Wische" Internationale. Ein, Vortrag von Dr. Bruno Weif. Der Verband Groß-Berliner Ortsgruppen des Central-Vereius hatte am Dienstag, den 15. Januar, nach' dem Großen Saal der „Gesellschaft der Freunde" geladen, wo im Rahmen des- Ausklürungszyklus „Das d e u t s ch v ö L k i s ch e S ch l a % m o r t" Rechtsanwalt Dr. Bruno Weil (Berlin), Mitglied des Hauptvorstandes-, Zu der Frage ' der „jüdischen" Internationale Stellung nehmen sollte. Nach kurzen einleitenden Worten des Berbandsvorsitzenden Herrn Otto I. K rast nahm vor dem überaus zahlreich erschienenen Publikum der Referent das Wort: „Die Vorträge, die im Rahmen des geplanten Zyklus gehalten werden, unterscheiden sich in einem bedeutungsvollen Punkte von der heutigen Aufgabe; denn während sonst zu dem Vorwurf Stellung genommen werden mutz, daß die Juden auf dem einen oder anderen Gebiete i n dem deutschen Vatermnde eine ihnen nicht Ankommende Vormachtsstellung einnehmen oder erstreben, hat mein Referat Dinge zu behandeln, die a u ch ü der die Grenzen Deutschlands h i n a n s gr e i f e n. # Internationale Bestrebungen hat es überall und zu allen Zeiten gegeben! Ihre Beurteilung war nach der Zeit, in der sie zu beobachten waren, verschieden. Im klassischen Zeitalter deutscher Geisteskultur schloß der Begriff des Weltbürgertums keinen Borwurf in sich, bedeutete vielmehr Lob. Die Grenzen zu finden, zwischen dem, was bei internationalen Bestrebungen erlaubt und was verboten ist. ist eine der Hauptaufgaben, die einer Untersuchung über die jüdische Internationale vorausgeheu muß. Auf den verschiedensten Knlturgebieten, dem des Rechts, des Verkehrs, der sozialen und wissenschaftlichen Bestrebungen gibt es internationale Beziehungen und Abma chu ngen. Sie werden, wie das Rote Kreuz, der Urheberschutz, der Weltpostverein, Abmachungen über Eisenbahn- und Telegraphenweseu, die Internationale Vereinigung für Arbeiterschutz, die Interparlamentarische Union, und zuletzt der im Friedensvertrage medergelegte Völkerbund als Errungenschaften einer fortgeschrittenen Zeit betrachtet, die o h n e internationale Beziehungen überhaupt nicht auskommen kann. Etwas ganz anderes ist es aber, wenn von den sogenannten Internationalen gesprochen wird. Fast alle Regenbogenfarben sind in Anspruch genommen, um die einzelnen Internationalen voneinander zu unterscheiden. Die „rote" Internationale der Sozialdemokratie, die „schwarze" der Katholiken, die „grüne" der Landwirtschaft, die ..goldene" der Weltfinanziers — sie alle bestehen^wenn überhaupt, so doch nur zu dem Zweck, um gemeinsame Juterepen international in gleicher Form zu regeln, ohne die einzelstaatlichen Interessen!zu verletzen. Die jüngste Internationale ist die „weiße", die es sich zur Aufgabe gemacht hat, überall die revolutionären Vorgänge der letzten zehn Jahre wieder rückgängig zu machen. Bei ihr spielt der Antisemitismus eine Hauptrolle. Von keiner ist jedoch iu den letzten Jahren w viel gesprochen worden wie von der jüdischen. Um sich mitz diesem Vorwurf unserer Gegner anseinanderfetzen zu können, mutzen wir zunächst einmal wissen, was diese unter j ü b i f ch er Internationa (c verstehen. Ihre mündlichen Aenßerungen wie ihre Literatur zeigen alles andere eher als Klarheit und Einheitlichkeit der Auffassung. Wenn wir die einzelnen Formen, in denen der Vorwurf, es gäbe eine jüdische Internationale, austaucht, prüfen, so müssen wir unsere Aufmerksamkeit zunächst dem Argument Zuwenden, daß die Juden international seien, weit sie in der ganzen Welt eine gemeins a in e Rei i g i o n h a b e n. Es liegt aber im Wesen der Religion, daß sie über staatsrechtlich gezogene Grenzen hinausgreift. Und der Hinweis muß hier Platz finden, daß auch die beiden anderen großen Konfessionen nicht aus einzelne Länder beschränkt sind, sondern'sogar, und dies im Geaensatz zum Judentum, das niemals Proselyten' gemacht hat, ihre Anhänaer sogar in exotischen Ländern unter völlig anders gearteten Menschen zu finden sich bemühen. Das zweite Argument wird aus der g e m eins a m e n A b - st a m m u n g aller Juden hergeleitet. Die Behauptung wird bisweilen mit dem Vorwurf verbunden, daß die Juden sich als etwas Besseres fühlten als die Völker, in denen sie ihren Aufenthalt hätten, und ist damit die Vorstufe eines zweiten Vorwurfs, daß nämlich die Juden nach einer allbeherrschendcu Stettrrrrg unter den Völkern der Wett streben. Man spricht uns die Fähigkeit ab, mit den Völkern, unter -denen wir wohnen, gleichen Rhythmus des Erlebens zu haben! Auf geistvolle Weise, die in der Form von These und Antithese bestechend wirkt, hat Spengler diese angebliche Tatsache mit der Feststellung zu erklären versucht, daß die Gegensätzlichkeiten in der Weltausfasstmg, die zwischen den Juden als Vertreter des magischen Kulturkreises und den Deutschen als die des faustifchen bestehen, unüberbrückbar seien. Brutaler formuliert diese Dinge Theodor Fritsch, der mit seinem Anhang behauptet, die Juden bildeten trotz ihrer Zerstreuung über die ganze Erde noch immer einen eigenen Staat, den sie dem Staatswesen, in dem sie leben, übergeordnet halten. Sie fühlen sich sozusagen als Teilhaber ihrer Wohnstaaten, denen sie die geschäftlichen Vorteile abzuschauen versuchen, um sie dann zum Vorteile ihres „Ueber"staates zu verwerten. Ten Gipfel der Phantasie nach dieser Richtung erreicht ein Buch, über das man lachen könnte, wenn es nicht soviel Unheil schon herbeigeführt hätte: „Weisen von Zion . Das von einem Narren oder Geisteskranken herrührende Buch ist ja inzwischen auch von anständigen Nechtskreisen preisgegeben worden. Aber die schädliche Wirkung ist damit nicht ausgeräumt. Das Kriterium, ob internationale Organisationen und Verbindungen wünschenswert sind o d e r n i ch t, i st d i e F rage i h re r Z u tr ä g! i chke i t oder Schädlichkeit f ü r die Interessen des eigenen Landes. Derselbe Maß stab muß an den Emzelmenschen gelegt werden. Wir haben erfahren müssen, daß man uns alles, was von jüdischer Seite auch getan oder unterlassen wurde, als bewußte Schädigung unseres Vaterlandes auslegte. -Für alle Behauptungen über das Bestehen einer jüdischen Internationale haben eigentlich die Widersacher die Beweislast, zwingen uns aber zu der probatio diabolica, einem Teufels beweis: Wir sollen Nachweisen, daß etwas nicht da ist. Gibt es nun im deutschen Judentum Dinge, die zwangsläufig zu einer jüdischen Internationale führen müssen? Fünf Dinge sind für die BenrteiLnng maßgebend, ob man national oder international gewertet werden muß, vier objektive: Religion. Sprache, Kultur, Abstammung, ein subjektives: Bewußtsein und Mlle. Ueber die Frage, ob ein Zusammenhang z w i s ch e n Religion und Internationalismus besteht, haben wir; schon gesprochen. Niemand wird durch die Treue zu seinem angestammten Vüterglanben an der Liebe zum Vaterlande gehindert. Insbesondere gibt es keine Vorschrift im jüdischen Religiönsgesetze, die den Geboten des nationalen Willens oder der Wahrung nationaler Interessen entgegenstünden. — Es hat einmal eine gemeinsame Sprache der Juden gegeben, das Hebräische. 'Aber ihre Kenntnis ist — leider — weiten Kreisen verlorengegangen. Fast ausschließlich als Gebetssprache ist sie aus die Gegenwart überkommen. Wir sirrd groß geworden in der deutschen Sprache, sie ist unsere Muttersprache, in ihr haben wir denken gelernt, Männer sind ans unserer Mitte hervorgegangen, die die deutsche Sprache bildeten! und meisterten wie nur irgendeiner der Großen unserer Sprache. In diesen Zusammenhang gehört die Frage, ob, wenn nicht Religion und Sprache, so doch eine g e m e i n s a m e K u l t u r dre Juden zum Internationalen treibt, ihre Einwurzelung in einen anderen Kulturkreis verhindert und internationale Bindungen schafft. Auch diese Frage können wir in vollem Umfange verneinen. Seitdem man uns oentfche Juden teilnehmen ließ an dem Ergehen unseres Vaterlandes, haben wir mit heißem Bemühen gestrebt, in seine Kultur einzudringen. Zwei Jahrhunderte sind ein langer Raum, um Entwicklungen reifen zu Lassen — und heute ist die Einfügung der deutschen Juden in die deutsche Kultur eine Tatsache. Dagegen kann für die Ostjuden eine besondere, aus den dortigen Verhältnissen sich ergebende, aber auch durchaus nicht einheitliche Kultur anerkannt werden. Als letztes der vier objektiven Momente kommt die Abstamm u n g in Frage, die allen Juden gemeinsam ist und die somit die Schaffung überstaatlicher Zusammenhänge begünstigen könnte. Aber gerade hier versagt das Argument vollständig. Wenn wir die stammesmäßigen Zusammensetzungen der europäischen Staaten betrachten — von dlrnerika zu schweigen — erkennen wir, wie Absta mmun g mit sta at l ich er Zu geh örgkeit und j nationalem Z n s a m m e n h a n g nichts mehr zu schassen hat." j Der Redner geht die europäische Geschichte durch, zeigt das bunte j Vvtkergemisch. das der Abstammung nach Ln Italien zu srnde« ist,; stellt die Abstammung Spaniens. Frankreichs und Englands dar,! und zieht eine Parallele zwischen dem Deutschland um Christi? Geburt, ums Jahr 10M und beute. Er zeigt, wieviel länger die | Juden in Deutschland ansässig find und weite Gebietedes heutigen f Deutschen Reichs zum deutschen Sprach- und Kulturkreis gehören.; „E ntscheidend für die nationale Zugehörigkeit ist das subjektiv e'Mo ment, das BeimrtzLsein und der Wille jedes einzelnen. Die» Gliederung des deutschen I u d e n t u m % sei es nach geographischen, politischen, kulturellen oder nach beruflichen Gesichtspunkten betrachtet, läßt erkennen, daß es in die Schichten, zu denen es jeweils soziologisch gehört, ausgegangen ist, und daß Abweichungen, une sie vielleicht hei der Berufsgliederung zu erkennen sind, auf Jahrhunderte währende, durch Gewaltmaßnahmen erzwungene Wschlietzung zurückführbar sind. Der Nachweis, daß alljüdische, die Weltherrschaft erstrebende Bemühungen vorhanden sind, ist in ernsthafter Weise niemals versucht, geschweige denn erbracht worden. Gerade die Kriegszeit hat ergeben, daß in allen Ländern die Juden das Nationale in hervorragendem Maße auch durch die Tat betont haben. Bei der bedrängten Lage Deutschlands wäre es eher nützlich als schädlich, wenn die deutschen Juden etwa vorhandene internationalen Beziehungen auf irgendeinem Gebiete zum Nutzen ihres deutschen Vaterlandes mehr als bisher geltend machten. Die seelische Geschlossenheit unserer Stellung zu unserem Vaterlande hat uns unser unvergeßbarer Eugen Fuchs gegeben. Wir sind ohne unser Judentum nicht die Deutschen, die wir sein sollen, ohne unser Deutschtum nicht die Juden, die ihre Aufgabe erfüllen können. Wirft man uns Internationalismus vor, so antworten wir mit dem Goethe-Wort: D i e H u m a n i t ä t i st daswa h r e e w i g e Ziel. Weder der Vorwurf der jüdischen Internationale noch irgendein anderer Vorwand, die alle nur den gleichen antisemitischen Instinkten dienen sollen, werden uns aus der Kampfstellung, die eine Verteidigung erworbener staatsbürgerlicher Rechte geworden ist, herausdrüngen' können. Wir geben von den errunaenen Positionen keinen Deut preis und suchen alle Wälle, die zwischen uns und der vollkommenen Gleichberechtigung stehen, niederzuwersen." Reicher Beifall der angeregt folgenden Zuhörermenge folgte den fachlichen, klaren, inhaltsreichen Worten des Redners,

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