Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 3 (1924)
- Issue
- 4 (24.1.1924)
- Date
- 1924-01-24
- Page
- Seite 25 (sequence 1)
- Language
- German
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Einzelnummer 10 Golüpfennkg Serlin, 24. Januar 1424 IH. Jahrgang ❖ Nr. 4 VMtter für-eÄscdtmu un0 Judentum vryan des tenlral-Verems öcuticlier Slaalsvüryer i üEcden ttauvensLv. 2Ulj&emeine Zeirun^ des Oudenrums Verlag u. Schriftleitung: Eentral-Verein öeutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens e.v. Herlin SWbS» Linöenstr. 13 Fernsprecher: Amt Dönhoff 3594, 3595 Telegrammadresie: „Centralglauben Berlin" Postscheckkonto: Berlin 30472 Bankkonto: Dresdner Bank, Wechselstube G, Berlin SW 68, Lindenstr. 7 Monatsabonnement (ein vierieljährsiches gibt es vorläufig nicht) 40 Goldpfennig Alleinige Anzeigenannahme: Annoncen-Expedirion Rudolf Masse, Berlin 8W19, und deren Filialen. Anzeigenpreise: 0,60 Goldmark für die 7 gespaltene Keile nach Rudolf MosseS Normalzeileikmesser Nr. 4, Familienanzeigen und Stellengesuche für Mitglieder des Central-Bereins 0,30 Goldmark, die 90 mm breite Reklamezeile 3 Goldmark. Drei Zragen an jeden Deutschen. von Dr. Paul Eohn lGuben). Drei Fragen stelle ich an deine Seele, in der Hoffnung, daß sie das Letzte noch nicht verloren hat: die S ch a m. Bist dir ein Mann, bist du noch Christ, bist du ein Deutscher. Bist d u ei n Ma n n? Ein Mann ist, wer aufrecht ist; wer nur das sagt, was er denkt; wer den Mut zu seiner Meinung hat; wer sich selber führt, nicht sich führen läßt. Wer redlich ist. " Skrupellose Menschen ohne Scham und ohne Gewisien hetzen seit Jahren — in Volksversammlungen, in Blättern, auf Plakaten, unterstützt durch einen bei der furchtbaren Not dieser Hungerzeit empörenden Geldaufwand, in berechneter List und mit leider nur zu guter Seelenkenntnis der durch hohle Schlagworte leicht zu betörenden Masse — die Summe des Volkes gegen einen winzig kleinen Bruchteil, hundert gegen einen, aus, um dabei selbst im Trüben fischen, seine eigensüchtigen Machtziele erreichen zu können. Die angegriffene kleine Minderheit, . durch Gesetz gleichberechtigte Bürger unter Bürgern, das Treiben beim ersten Mick durchschauend, will vor Verachtung und Ekel am liebsten verstummen. Sich gegen Lumpereien rechtfertigen, heißt sich herabsetzen. Sie sieht die wechselnden Masken — erst: gegen „Religion", dann: „ Rasse", dann: „Marxismus" — und will doch nicht glauben, daß ein'gesundest Volk sich von ihnen blenden läßt. Sie erwartet als sslbstverständlich, daß in einem Sechzigmillionenvolke überall Männer ausstehen werden, die Das Treiben ebenso anekelt, die den feigen Heuchlern die Maske vom Gesicht reißen, ihrem.'verderblichen Treiben ein Halt Zurufen werden. Sie 'selbst ist Partei, ihre Selbstverteidigung könnte parteiisch aussehen. Es ist ja nur Ritterpslicht, den zu Unrecht Angegriffenen, die Minderheit gegen die Mehrheit, in Schutz zu nehmen. Und du: weißt dies alles. Du durchschaust das Treiben, Du hörst lene Worte in den Versammlungen, du liest jene Schmutzsätze in Den Zeitungen, in den Anheftungen. Und du erträgst es, zuzusehen? Du erträgst es, stumm zu bleiben, wo einer gegen deine eigene innere Meinung, gegen Deine innerste Scham als Mann, Lügen, Verleumdungen, Infamien ins Volk hineinschreit? Du erträgst es, Mithammel in der Herde zu fein. Die einem solchen Leithammel folgt? Du läßt dir Das gefallen, ohne dagegen auszustehen? Du läßt diese Vorwürfe gegen dein tiefstes Mannesbum auf dir selbst haften? Ich würde vor Scham vergehen, wenn ich in einem Saale säße, »M ein durchtrieben berechnender Schuft einen Mann ohne genauesten Beweis verleumdete, und ich erhöbe mich nicht und schleuderte dem ehrlosen Gauner seine Niedrigkeit ins Gesicht. Bist du noch Christ? Um dich ist dunkelstes Mittelalter. Menschen werden um ihres Glaubens willen verfolgt, aus ihren Wohnungen hinausgeworfen, nackt auf die Straße gepeitscht, gequält, geschlagen, getreten, bespien, verwundet, gemordet. Deine Religion wie die meine haben ein Gesetz gemeinsam: das der Nächstenliebe. U n d D u siehst nun zu? D u läßt Das geschehen? Du hältst das mit deiner Religion aus? Du willst das vor deinem Herrgott verantworten? Bist Du noch Christ? B i st d n ein D e u t s ch e r? Deutsch sein heißt treu und wahr sein. Treu sein heißt seinem Ich treu sein, seinem Glauben treu sein, seiner Ehre treu sein; heißt Der Fahne der Reinheit treu sein, zu Der man geschworen hat. Wahr sein heißt, gegen sich selber wahr sein, gegen die Dinge wahr sein, gegen die Menschen wahr sein; heißt, sich nichts vormachen, sich nichts Vormachen lassen, und anderen nichts vormachen lassen. Heißt: es mit einer Lüge in sich vor Scham nicht aushalten; ja, nicht einmal mit einer Zweideutigkeit, mit einer Halbwahrheit, mit einer halben Redlichkeit leben können. Du erkennst die Lüge, Du erlaubst die Lüge, du verschweigst die Lüge, du läßt die Lüge in dich hinein; du wendest dich von dem strengen Ewigkeitsantlitz der Wahrheit weg, weil Du ihren Flammenblick nicht ertragen könntest; Du fliehst feige vor Deinem eigenen Gewissen. Bist du noch Deutscher? Soll diese Schmach, dieser Unsinn, die Schande, dieses letzte Mittelalter noch woitergehen? Schämst du dich vor dir. vor deinen Enkeln, vor der zukünftigen Geschichte Deines Volkes, vor der Nachwelt? Ist das das deutsche Wesen, an dem einmal die Welt genesen sollte? Die Frage ist gestellt: Antworte! Wenn du verstummst: hast du dir geantwortet, nicht mir. Und um dieser Antwort willen habe ich meine Frage gestellt.