Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 3 (1924)
- Issue
- 3 (17.1.1924)
- Date
- 1924-01-17
- Page
- Seite 19 (sequence 3)
- Language
- German
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19 Luüerröorjf an öen jriörricus . Der tiefernste Kern der Hitler-Bewegung. In großer Ausmachung teilt der „Fridericus" in seiner letzten Nummer des Jahres 1923 der staunenden Unrwelt stolz und geehrt mit, daß General Ludendorff dem Schriftleiter höchsteigenhändig einen Brief geschrieben hat. Seit dem mißlungenen Münchener Putsch kämest der General wieder mit ge listige n Waffen und — schreibt Briefe. Man weiß, daß im völkischen Lager, die Meinungen über die Eignung -des Generals als Führer der Freiheitsparter durchaus geteilt sind. Auch der „Friderieus" machte aus seinem Herzen keine Mördergrube: die Hitlerei, züchte ein LandZ'knechtstum groß, das sich zum Todfeind jeder geistigen Bewegungauswachsen müsse. Nachdem der General zu beweisen gesucht hat, daß er wohl eine umstrittene Person sei, daß dieses Los aber allen aufrechten Leuten — also wieder aufrecht, Herr General — zuteil werde, belehrt er den „Fridericus" wie folgt: Wenn Sie der Hitler-Bewegung, m deren Führer Sie mich machen, diese Bedeutung zufprechen — tiitb ich nehme an, daß Sie es bei Kenntnis meiner Pevsvn tun —fo bin ich darüber erneut und danke Ihnen für dieses Werturteil. Wenn Sie aber glauben, der Hitler- Beweguna weniger Gehalt geben zu sollen, so fürchte ich, daß Sie wegen der Schale nicht den tiefernsten sittlichen Kern der H i t (e r - B e w e g u n g , das heißt der völkischen Bewegung sehen. lFür Hitler, v. Graese und für mich und für alle anderen Führer in der deutschen Freiheitsbowegung geht es um Weltanschauung, Rasse, Volk und großdeutsches Vaterland, und schließlich hcute mehr als je um den deutschen Menschen der Treue, der Wahrheit, der Ehre und Mannhaftigkeit und um die Wehrhaftmachung des Volkes im Dienst dieser Idee und nicht als Landsknechttmn. Daß hierzn als erstes die Errettung des Volkes aus Hunger und Elend gehört, ist der völkischen Bewegung nur zu sehr bewußt. Darüber ist sich die überwiegende Mehrheit des deutschen Volkes klar, daß Putschisten vom Schlage eines Ludendorff Hunger und Elend des deutschen Volkes ins Graue n hafte st e i g e x n würden, wenn sie zur Negierung kämen. Der Hitler-Putsch hatallen, die noch einer Belehrung zugänglich, find, bewiesen, daß der Wiederaufbau Deutschlands nicht mit, sondern gegen Herrn General Ludendorsf wird bewerkstelligt werden müssen. „völkische" Kröeit im Reichstage. Don einem Parlamentsjo u r n a l i sie n . Im Reichstage sind die Deutsch-völkischen in Reinkültur durch drei Herren vertreten, die bisher in der Deutschnationalen Volkspartei saßen, aber dort kein besonderes Ansehen genossen. Kein Wunder, daß die edlen Drei glaubten^ besser zu fahren, wenn sie sich selbständig machten. Da ist zunächst der Herr v. Graefe, der seinen Herrensitz in Goldebee in Mecklenburg hat. In seinem Leben slänsle in, das er sür den Reichstagsalnianach geschrieben hat, teilt er unter anderem rühmend mit, daß er ' 1912 mit der Negimentsiuniform aus -dem Militärverhältms verabschiedet ist. Der <Ltolz seines Daseins ist, daß er in den neunziger Jahren eine Reise um die . Welt machte. Im Jahre 1899 wurde er Besitzer des ritterschaftlichen Gutes Goldebee in Mecklenburg und damit ohne weiteres g e b o r e n e r Gesetzgeber f ür Mecklenburg. Sein Vater war der bekannte Augenarzt; der sich zu den Liberalen rechnete. Im parlamentarischen Leben des Herrn v. Graese gibt es zwei Angelpunkte. Er fürchtet dauernd, für einen unechten Junker gehalten zu werden, weil sein „Adel" noch sehr jungen Datums ist, und er lebt dauernd in der zitternden Angst, daß man in ihm einen Juden ab komm ling sehen könnte. Wird einer dieser Angelpunkte im Parlament'in- Bewegung gesetzt, etwa durch eine bissige Bemerkung des „Zehngebote- Hoffmann", so taucht Herr v. Graese unweigerlich mit einer persö nl ich e n Be me r k nng ans. Mit Emphase behauptet er immer und immer wieder, daß kein Tröpflein jüdischen Mutes in seinen Adern flösse, und daß er gern bereit sei, demjenigen, der ein solches Tröpflein ihm Nachweisen würde, eine reiche Belohnung zu gewähren. Das ist die Verzweiflung seines Lebens, daß rhm/dem Herrn v. Graefe, trotzdem immer wieder nachgefagt wird, er stamme von Juden ab. In diesen Kämpfen um seine Rasse reinh eit erschöpft sich nahezu völlig die parlamentarische Tätigkeit dieses preußischen MeAenburgers. Unlängst schien sich „Großes" vorzubereitem und Herr v. Graese fuhr nach München, um den Hi tler-Putsch mitzumachen. Als es dort aber brenzlich wurde und die Reichswehr keinen Spaß verstaüd, war er einer der ersten, der dem Rufe der tapferen Hitler- Leute „Hin legen!" Folge leistete. Seitdem wird Herr v. Graese im Reichstage, wenn er aus der Rednertribüne erscheint, von der Linken mit demspöttischen Rufe: „Hinlegen!" begrüßt. P ra ktische Arbeit hat dieser Volksvertreter weder im „völkischen" noch in einem anderen Sinne bisher 'geleistet. Seine Haupttätigkeit besteht darin, daß er „Bravo!" ruft, wenn sein Freund Henning oder sein Freund Wulle einmal das Wort erhalten haben. Apropos Henning! Das ist der zweite der drei Musketiere. Stammtaus dem Badischen, Offizierskarriere, und war im April bis August 1918 Bevollmächtigter des Kriegsministeriums bei der deutschen Gesandtschaft in Moskau. Er hat sich nie mit politisch e n A n g e l e g e n h e i t e n beschäftigt und wurde daher völkischer Re ich s tags ab g eo rd ne te r. Die äußerliche Eignung dafür bringt er mit, da er beim hastigen Sprechen mit der Zunge an—-s—t—ößt. Auch er muh irgendeine unklare Stelle in seinem bisherigen Wirken haben, denn wenn er sich zum Worte meldet, so ruft die böse Linke: „Osnabrück!" Darauf wird Herr Henning sehr rot im Gesicht und sehr aufgeregt und erklärt, daß er wegen dieser Vorwürfe einen Redakteur schon seit drei Jahren verfolge, daß sie aber nicht zueinander kommen könnten, weil das Wasser viel zu tief wäre. Aber nächstens werde schon ein Verhandlungstermin stattfinden! Und gerade jetzt läßt der neue Jnstizminister alle diese Privatklagen aus die lange Bank schieben. Scheußlich! Auch hier gilt wieder das, was von der „Nummer 1" der Deutschvölkischen gesagt wurde: Praktische Arbeit hat dieser Volksvertreter weder im „völkischen" noch in einem anderen Sinne bisher geleistet. Seine Haupttätigkeit -besteht darin, daß er „Bravo" ruft, lvenn sein Freund v. Graefe oder sein Freund Wulle einmal das Wor-t erhalten haben. Hm, ja? Wulle! Reinhold Wulle aus Pommern ist blond, sehr blond, allerdings erst in den letzten Jahrzehnten nach Auftreten der völkischen Bewegung und E r f i n d u ng des W asser - st o s f s uperox yd s. Wie er im Reichstagsalmanach mitteilt, ha! er zahllose Leitartikel versaßt und auch einige Bücher geschrieben, u. a. ein Werk „W e llen L ran d", das wahrscheinlich nach einer ausgedehnten Nachtsitzung entstanden ist. Herr Wulle soll, wie seine Freunde behaupten, an sich und Wotan glauben. Als Gebrauchsmuster hat er beim Patentamt, als Ersatz für das undentsche Wort „Prost" den schönen deutschen Ruf „Heil" angemeldet. Er spricht mit Donnerstimme und — sprudelt dabei! lind wenn er zu reden anhebt, dann leeren sich die nnchstgelegenen Bänke, und in der weiteren Umgebung spannt man den Regenschirm auf. Herr Wulle arbeitet sehr viel mit Zeitungsausschnitte n. Er hat vor Jahren eine reiche Erbschaft gemacht, indem er den Zetkelkaste n des antisemitischen Professors Werner aus Gießen und Butzbach erhielt. Damit hatte er das nötige Handwerkszeug für einen völkischen Abgeordneten zur Verfügung und trat in den Reichstag eim Auch hier ist zum Schluß zu sagen: Praktische Arbeit hat dieser Volksvertreter weder im „völkischen" noch in einem anderen Sinne bisher geleistet. Seine Haupttätigkeit besteht darin, daß er „Bravo!" ruft, wenn sein Freund v. Graefe oder sein Freund Henning einmal das Wort erhalten haben-. Z u s a m nt enfas s e nd: die drei Herren, haben bisher n o ch keinen einzigen sachlichen Antrag e i n g e b r ach t. obwohl sie die nötigen Unterschriften von Freunden aus der Nachbar- |d>Qft wohl erhalten könnten. Sie haben sich nur darüber beschwert, daß ihre Arbeitsräume gesperrt wurden, und daß die Schlafwagen schlecht geheizt seien. Nur jedesmal, wenn der Reichstag eine Vertagung beabsichtigt, erscheint einer der drei auf der Treppe zur Prästdententribüne und beantragt, doch noch am nächsten. Tage eine Sitzung zu halten, da er und seine Freunde so außerordentlich viel auf dem Herzen hätten. — Heil! Heil! Heil! —