Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 3 (1924)
- Issue
- 52 (27.12.1923)
- Date
- 1923-12-27
- Page
- Seite 853 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Thamberlaipsche Dogma gewesen, „die Juden haben nichts erfunden". Trotzdem man schon ganze Bücher mit dem-gefüllt hat, was die Juden für die menschliche Entwicklung überhaupt und insbesondere, was. die deutschen Juden für die deutsche Kultur geleistet haben — alle diese Bücher weisen den Mangel großer Unvollständigkeit aus, sie beweisen aber trotzdem, daß die Juden, soweit sie als Anreger, Forscher, Erfinder, Entdecker und Förderer aller Kultur sich betätigt gaben, stets den Prozentsatz weit, weit übertrofsen haben, den ihre Zahl gegenüber derjenigen der übrigen Bevölkerung einnimmt — halten die Antisemiten, an der unglaublich törichten Theorie von der angeblichen Inferiorität der jüdischen Rasse fest. Solche Fälle wie die oben behandelten sind vortrefflich dazu geeignet, um namentlich in christlichen Kreisen verbreitet zu werden, damit diesen die Stupidität aller der antisemitischen Theorien und Dogmen ganz besonders deutlich vor Augen geführt wird. Derartiges Beweismaterial muß einen jeden Nichtjuden, der sich noch einen Funken Gerechtigkeitssinn bewahrt hat., nachdenklich stimmen; sie müssen es ihm nahelegen, ob die Vorurteile, die er etwa seinen jüdischen Mitbürgern gegenüber hegt, > wirklich berechtigt sind. Es ist den Backfischen eigentümlich daß sie sich hauptsächlich von Vorurteilen und vorgefaßtere Meinungen leiten Lassen; leider haben wir in Deutschland noch viel zu viel Backfische. und zwar Backfische beiderlei Geschlechts und jeden Alters. Diese fallen dann am leichtesten der antisemitischen und deutschvölkischen Verhetzung zum Opfer. Alan sorge nur für die nötige Aufklärung, dann wird und muß es auch gelingen, weiten Kreisen, die noch heute von Vorurteilen gegenüber ihren jüdischen Mitbürgern befangen sind, diese Vorurteile zu nehmen. Manche werden sich freilich als unbelehrbar Erweisen; das macht nichts, die Zahl der Belehrbaren ist glücklicherweise viel, viel größer. Dr. Hans Bohr. Iuöenseinöliche Weltfremöheit. Von H. G. Erdmannsdörffer*) (Charlottenburg). Neulich traf ich einen jungen Verwandten, Studierenden an der Technischen Hochschule und Antisemiten, Wir kamen ins p o l i t i s ch e Gesprächs und ich beschloß, den Stier einmal bei seinen antisemitischen Hörnern zu nehmen. : „Womit b e g rundet ihr mm eigentlich euren Haß gegen die Juden?" so fragte ich den jungen Mann, von dem ich wußte, 'daß er an sich keinen bösartigen Charakter hat und einer gewissen idealen Gesinnung nicht entbehrt. „Wir sehen in den Juden das Prinzip des Bösen in der Menschheit; sie sind die Zersetzungselenrente, die Schädlinge im deutschen Volk", so antwortete er. „Lieber Freund,"' erwiderte ich, „das sind zunächst Redensarten. Wenn ihr Recht hättet, wenn also die Juden in ihrer Totalität oder doch wenigstens in ihrer überwältigenden Mehrheit Schädlinge im Volke wären, wenn sie Staat und Gesellschaft, zersetzten, nicht aufbauten, sondern nur zerstörten, so müßte ja eure Theorie etwas für sich haben. Aber dann müßt ihr Beweise führen — könnt ihr das?" Mein Gegenüber wurde etwas verlegen itnb suchte nach Worten. „Nein, ihr könnt es nicht," fuhr ich lebhaft fort; „ihr laßt euch von euren gewissenlosen Führern die Mär von der völligen jüdischen Unfähigkeit und Schädlichkeit vorerzählen, ihr selbst nehmt diese Unverschämtheiten für bare Münze, denn ihr tragt alle Scheuklappen und wollt das Leben nicht sehen, wie es wirklich ist. Ihr seid weltfremd, obwohl ihr mitten drin steht im rauschenden Leben. Komm," rief ich und packte den jungen Mann am Arm, „wir wollen durch die Straßen ge Heu und uns auf dem Wege der praktischen Beobachtung selbst davon, ganz objektiv, unterrichten, ob die Juden wirklich durch die Bank Schmarotzer, Faulenzer, Zersetzungselemente, kurz Schädlinge der menschlichen Gesellschaft sind oder ob nicht vielleicht schon die alltägliche Erfahrung des Lebens uns zeigt, daß sich unter ihnen doch mindestens sehr viele Nützlinge, wenn ich das Wort prägen darf, befinden." Wir gingen. Gleich an der nächsten Ecke zeigte ich auf ein bescheidenes Schild: „Mein Hausarzt, Jude, von 8 bis 9 Sprechstunde, viel Kassenpraxis!, dann Besuch bei Privatpatienten, mittags todmüde eine Stunde Ausruhen, von 4 bis 5 wieder Sprechstunde, wieder Krankenbesuche, so Tag für Tag, kümmerliches Einkommen, im Sommer drei bis vier Wochen Urlaub mühiam abgerungen; der Mann hat 95 Prozent christlich-germanische Kunden und so wie ihn gibt es zahlreiche jüdische Aerzte. Schädli n g e?" so fragte ich. Mein junger Begleiter zuckte die Achseln und schwieg. ■ Ein Rechtsanwaltsschild: Dr. $: ein Jude! Keiner von den „großen", den „gerissenen", die mit Vorliebe von den Antisemiten genommen werden, wenn sie sich wegen völkischer Geheimbündelei oder so verteidigen müssen. Sondern ein „kleiner" Anwalt — von früh bis spät abends aus den Beinen, im Bureau und vor Gericht, keine Sensationssachen: Erbschaftsgeschichten, Hypotheken, Der bekannte demokratische Schriftsteller Erdmannsdörner stellt uns di-ese,kleine Plauderei zur Verfügung, die uns zeigt, wie in vorurteilslosen nichtjüdischen Kreisen praktische ÄUsklärnngsarbeit geleistet wird, die für Mische Kreise vorbildlich sein kann. S ch r i s t 1 e i t u n & . allerlei zivile Rechtsstreitigksiten, 80 Prozent christlich-deutsche Klienten. Ein Schädling?" Mein Begleiter schwieg. Wir kamen zur Universität. Am Brett sahen wir Vorlesungsankündigungen einiger jüdischer Dozenten. Streng wissenschaftliche, forscherische Themata- Sachen, mit denen zumeist verdammt wenig Geld zu verdienen war. Aber für Deutschland, für die wissenschaftliche Erkenntnis, für unser Ansehen in der Welt recht wertvolle Vortrüge und Untersuchungen! Und ich fragte: „Können diese jüdischen Gelehrte n, indem sie die Wissenschaft bereichern, und Deutsch.au d also an ihrem Teil nutzen, Deutschland damit zugleich schädigen?" Und wir sahen auf jüdische Studenten, die, zumeist recht dürftig angezogen, eifrig in die Hörsäle strebten, auch in solche, in benen chrtstlich-germa nische Professoren dozierten, die doch sicherlich ihren Hörern nicht die Lehre beibrachten, wie man Deutschland schädiget und zerstören kann, sondern im Gegenteil. Und nun gelangten wir ins G e sch äs t s v i e r t e l. Wir sahen ein berühmtes jüdisches Haus, und ganz in der Nähe ein nicht mrnder angesehenes christliches Geschäft derselben Branche. In beiden Häusern würde streng reell bedient, die Preise waren angemessen, die Geschäftsbrauche waren tadellos, wer nicht kaufte, wurde nicht etwa vom Juden mit Gewalt zum Kausen genötigt, sondern von ihm wie vom Christen mit größter Höflichkeit zum Ausgang begleitet. „Was sagst du nun zu dem christlichen Kaufhaus?" fragte ich meinen Genossen. „Ausgezeichnet, prima!" ries dieser begeistert. „Und der Jude?" fuhr ich fort, und ich antwortete selbst: „Er ist ebenso reell, ebenso beliebt beim Publikum, ebenso gewandt und tüchtig — aber er ist nach euren Theorie ein Schädling, jener aber ein nützliches Glied der menschlichen Gesellschaft, nicht wahr?" Der junge Mann hatte keine rechts Erwiderung. „Ja", fuhr ich fort, „sieh diese zahlreichen Engros- .und Ladengeschäfte! Glaubt ihr Antisemiten wirklich, daß alle' diese Geschästsleute nur die eine Absicht haben, das Publikum übers Ohr zu hauen und sich unrechtmäßig zu bereichern?. Bei der starken Kontrolle und Konkurrenz dürfte auf die Dauer die Unreellität das übelste Geschäft sein. Und wissen die antisemitischen Kreise wirklich nicht, daß zahlreiche jüdische Fabrikanten und K a u f - leute geradezu sprichwörtlich bekannt sind wegen ihrer s a st a l t f r ü n k i s ch soliden G e s ch ü f t s g e b a r u n g, und daß viele christliche deutsche Familien ihre Söhne besonders gern in die Lehre bei jüdischen Geschäften geben, weil sie erfahren haben, daß die jungen Leute dort etwas Ordentliches lernen und in den guten, seriösen kaufmännischen Geist gewissenhaft eingeführt werden? Glaubt man tatsächlich in euren Kreisen, daß der Jude als Kaufmann (wo doch niemand gezwungen ist, von ihm zu kaufen!) sich halten könnte angesichts der Angriffe und Anfeindungen, wenn er nicht nützliche Eigenschaften für diesen Beruf mitbrächteV* Ich ging schließlich mit meinem Verwandten zu einem kleinen jüdischenS ch n e i d e r, der mich früher, als ich wir noch Anzügs bauen lassen konnte, sehr reell und billig 'bedient hatte. Der alte Mann freute sich, mich mal wieder zu sehen. . „Ja, Meister," sagte ich, „ich kann mir heute nichts machen lassen, ich wollte Ihnen hier nur meinen jungen Freund vorstellen, der es nicht glauben wollte, daß es auch jüdifche Handwerker gibt, die ganz in der Art wie die reellen deutschen Handwerker, ihr ehrliches Stück Brot erwerben. „Sv, so," sagte der jüdische Schneider und maß schon hinten die Jackettlänge, „d e r H e r r i st A n t i s e m i t; n a. w e n n e r ä l t e r wird sein, wird er sichdas schon abmachen-. Denn es haben ja schon viele zu ge lernt." Unser Rumpf für Deutschtum und Judentum» Christlich es Urteil üb er die „C. V.-Zeitung^ Seit Monaten bin ich Mitleser der „C. V.-Zeitung". Ich war niemals Antisemit. Wie hätte ich als gläubiger Katholik es sein können? Wie kann man als akademisch gebildeter Mann und als Mensch, der objektiv und taktvoll sein will, überhaupt nur solche hirnlosen und brutalen Unfug treiben? Man muß das schon grünen Primanern, halbgebildeten Studenten und gewissenlosen Hetzern mit der üblichen HaMmelherde hinter sich überlassen. Natürlich muhte man den Kampf gegen solches Treiben aufnehmen; und das tat der C.-V. und die „C. V.-Zeitung" in einer Form, die so außerordentlich sympathisch ist: ruhig, sachlich, wissenschaftlich, leweisend, nicht polternd, aber auch nicht zitternd und zaghaft, sondern energisch, freimütig, nicht aggressiv, sondern defMsiv und dabei doch gut Wagend. Die „C. V.-Zeitung" kämpft nicht nur für das Judentum, sondern! auch für das echte Deutschtum und für wahren Gottesglauben, gegen das Neuheidentum. Die „C. B.-Zeitung" müßte in Riesenauflagen regelmäßig unter das Volk kommen; sie wäre bei den Antisemiten mehr wie bei den Juden selbst noch des Lesens wert; und sie würde still wirken und* sicher manchen belehren und bekehren. Ich kenne bereits ein Beispiel dafür. Wie die Judengegnerblätter an belebten Plätzen verkauft werden, so müßte die „C. V.-Zeitung" ebenda gratis verteilt werden. Die deutsche Judenschast müßte und könnte die Geldopfer dafür bringen; sie würden sich lohnen. Ihnen dies zu schreiben, war mir ein Bedürfnis. Mögen Sie mein Schreiben verwerten, wie es Ihnen gut dünkt! — Stets nach Kräften ] Zu Ihren Diensten, . > I .. . Ergebenst 1 ■. Berlin ' Theodor Botz.