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Central-Verein-Zeitung · 1923-12-27 · 52 (27.12.1923) · p. Seite 852

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
3 (1924)
Issue
52 (27.12.1923)
Date
1923-12-27
Page
Seite 852 (sequence 4)
Language
German
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392 „Die Juden haben nichts erfunden." PH i l i p pR e i ß — Em i l B e r l i ner —I o s e P HP o p per. Die in Frankfurt a. M. erscheinende und von Professor Dr. Bechhold herausgegebene ausgezeichnete Zeitschrift „Die Umschau", das anerkannt hervorragendste deutsche Organ, das sich die Berichterstattung über die Fortschritte in Wissenschaft und Technik Zur Aufgabe gesetzt hat, brachte vor längerer Zeit einen Aussatz eines Leider nicht mit Namen genannten frnn ländischen Gelehr t e n zum Abdruck, in dem dieser lebhaft Klage darüber führte, daß selbst in seinem deutschfreundlichen Heimatlande das Publikum auf Grund der englischen, französischen und amerikanischen Presse stets im Banne der Ueberlegenheit des angelsächsischen Erfindungs- und Entdecker- Sistes zum Nachteil der deutschen Erfinder und Entdecker gelten wird. Der Finnländer stellt im Anschluß daran eine Anzahl konkreter Fragen, die mehr als hundert Fälle betreffen und von denen hier als Probe nur einige wenige angeführt werden können: „Weshalb gilt Harvey und nicht Haller als Entdecker des Blutkreislaufs, weshalb soll Edison der Erfinder des Glühlichts sein und nicht Starz, weshalb Bell und nicht Reiß der Erfinder des T eleph.ons? Weshalb wird der Erfinder des Grammophons, der kerndeutsche B e r l i ner, zum Amerikaner gemacht?" Wenn man die lange Liste des Finnländers durchlieft, die dazu noch keineswegs auf Vollständigkeit Anspruch erheben darf, so wird man mit einem wahrhaften Entsetzen dessen gewahr, daß der von dem finnländischen Gelehrten seinen Landsleuten gemachte Vorwurf nicht auf diese zu beschränken ist, sondern in womöglich noch verstärkterem Matze den. Deutschen selbst zu machen ist. Die Probe auf dieses Exempel lieferte uns in geradezu beschämender Weise der im August dieses Jahres erfolgte Tod des Amerikaners G r a h a m Bell, der überall in der Welt und leider auch in Deutschland als der Erfinder des Telephons hinausposaunt wird, während in Wirklichkeit der Ruhm dieser weltbewegenden Erfindung, wie es der oben erwähnte finnländische Gelehrte mit Recht betont, dem armen, jetzt Mt gänzlich in Vergessenheit geratenen deutsch-jüdischen Lehrer Philipp Reiß gebührt. Ich habe mich bei dem Tode Graham Bells bemüht, recht viele Nekrologe in deutschen Zeitungen durchzusehen; mit einer einzigen Ausnahme wurde keines der von mir gelesenen Blätter dem unsterblichen Verdienste Philipp Reiß^ gerecht, selbst solche liberale Blätter nicht, die von den Antisemitenstets und ständig als „Judenblätter" geschmäht werden; sie brachten wohl überschwängliche Hymnen auf Graham Bell, nahmen aber mit keiner Silbe davon Notiz, daß in Wirklichkeit Reiß der Erfinder des Telephons ist. Die einzige rühmliche, scholl erwähnte, Ausnahme stellte ausgerechnet die antifemitifch-deutschvölkische „Deutsche Zeitung" des Herrn Maurenbrecher dar, die offenbar nicht gewußt hat, daß Philipp Reiß Jude gewesen ist. Sie machte in ihrer Nummer vom 10. August 1923 zutreffend darauf aufmerksam, daß Graham Bell keineswegs der Erfinder des Fernsprechers ist und sie schrieb: „Erfunden wurde der Fernsprecher bereits im Jahre 1860 von dem deutschen Physiker Philipp Reiß; Bell hat ihn lediglich verbessert." Die erschütternde Tragödie des 'deutschen Erfinders Reiß, die leider in ihrer Art keineswegs vereinzelt dasteht, ist in der im Jahre 1913 im „Weltverlag" (Berlin-Wilmersdorf) von Dr. Nathan Birnbaum' und Ernst H e p p n e r herausgegebenen Schrift „Juden als Erfinder und Entdecker" auf Seite 517 behandelt worden. Zur Ergänzung der dortigen Darstellung sei hier noch einiges angeführt, was für die Sache von besonderem Belang ist. Reiß, der im Jahre 1858 als Lehrer am jüdischen Knabenerziehungsinstitut zu Friedrichsdors bei Frankfurt a. M. angestellt worden war, hatte seine epochemachende Erfindung, die ihm im Jahre 1860 gelungen war, nicht nur der Frankfurter Physikalischen Gesellschaft, und dann im Jahre 1864 der Natursorscherversarnmlu"g in Gießen vorgesührt, wo sie der damalige Physikerpapst P o g g e n d o r s mit Hohn und Spott zurnckwies (wem fällt hier nicht der analoge Fall Ludwig Schleichs mit seiner Lokalanästhesie ein?), sondern er hatte auch Modelle seiner Erfindung an verschiedene rnländische und ausländische Physiker gesandt. Eines dieser Modelle gelangte durch Zufall 1862 in das naturwissenschaftliche Institut zu Edinburg, wo Graham Bell, der selbst aus Edinburg gebürtig war, 1862 bis 1863 die Universität besuchte. Es steht fest, daß den Studenten von Edinburg damals die.Erfindung von Reiß wiederholt vorgesührt wurde. Reiß starb 1874, nachdem seine Erfindung in Deutschland vollkommen in Vergessenheit geraten war. Graham Bell, der nach Amerika gegangen war, konstruierte im Jahre 1876 auf der Grundlage der Reißschen Erfindung das sogenannte „Bell-Telephon", das dann auch als amerikanische Erfindung in Deutschland Ausnahme fand. Nach der „Deutschen Optischen Wochenschrift" (Januar 1921) haben verschiedene ausländische Gelehrte ausdrücklich festgestellt, daß Bell als Edinburger Student die Reißsche Erfindung!gekannt und daß er sich bei seiner Telephonkonstruktion später aus ie gestützt hat. Von den: berühmten englischen Phy -- iker Prof. Silvanus Thompson wurde aus Grund eingehender wissenschaftlicher Untersuchungen im Jahre 1883 dem damals schon längst verstorbenen Philipp Reiß die Erfindung des Fernsprechers ausdrücklich zu erkannt. Für Graham Bell ist es sehr bezeichnend, daß er niemals der Wahrheit die Ehre gegeben hat; als er 1921 England besuchte, erklärte er in der „Times" ausdrücklich, er sei derjenige gewesen, dem die Welt Ne Erfindung des Fernsprechers verdanke. Ein Umstand von großer Bedeutung war es übrigens, daß, als. die beiden ersten Stücke der 1877er Type des Bell-Telephons Ende Oktober desselben JahreA. nach Europa gelangten, der deutsche Reichspostminister Stephan sie sofort in die Hände bekam. Er erkannte mit einem Blick den untt* meßlichen Wert des Apparates und machte ihn, nachdem Wernev Siemens ohne weiteres einen verbesserten deutschen Fernsprecher nach Bellschem System erbaut hatte, November 1877 und dam iß zuerst in derWe.lt, also a u ch n o ch v o r A m e r i k a, d em öffentlichen Verkehr dienstbar. Man ersieht hierauf was der Unverstand und die Voreingenommenheit Poggendorfs verschuldet hat. Hätte dieser Mann, der damals der tonangebende Physiker Deutschlands gewesen ist, sich die Mühe genommen, die Reißsche Erfindung zu prüfen, so wäre ein Werner Siemens sicher schon viel früher imstande gewesen, auf der Grundlage dieser Erfindung einen für die Praxis brauchbaren Apparat zu konstruieren. Es war nur eine unzureichende Genugtuung für den in völliger, Vergessenheit verstorbenen PhilippReiß, daß die Deutsche Physik kalische G e s e l l s ch a f t 1878 aus seinem Grabe in Friedrichsdoxs! ein Denkmal errichten ließ und daß die deutsche Regierung seine-. Witwe und seiner Tochter eine jährliche Pension bewilligte. Die in Rede stehenden Fragen des sinnländischen Gelehrten hak die „Deutsche Tageszeitung", im Feuilleton ihrer Morgennunwrer vom 25. Juli 1923 in einestr Aussatz „Die totgeschwiegen iS deutsche Wissenschaft" wortwörtlich zum Abdruck gebracht, und man muß dem agrarischen Blatt Dank wissen, daß es damit Dem Volke, das unserer modernen Welt den Gedanken der Menschlichkeit und der an keinen Unterschied des Glaubens geknüpften Liebe gebracht hat, lohnt der Antisemitismus dadurch, dass er beide ihm gegenüber verleugnet. — Gottlob, dass dieselben in der heutigen Welt bereits zu feste Wurzeln geschlagen haben, um diesem Unterfangen einen Erfolg in Aussicht zu stellen. — Rudolf von Ihering. sowohl den Verdiensten des Deutschen Philipp Reiß gegenüber Graham Bell als auch denjenigen des kerndeutschen Berliner (so ist auch wörtlich in dem Artikel der „Deutschen Tageszeitung" zu lesen), gerecht geworden ist. Der deutschjüdische Ingenieur Emil Berliner, der 1851 zu Hannover geboren ist und die Samson-Schule in Wolssenbüttel besucht hat, ging im Jahre 1870 nach Amerika und erfand dort mehrere wichtige Apparats darunter das G r a m m o p h o n; seine wichtigste Erfindung ist aber die des Mikrophon, das heute einen unentbehrlichen Bestandteil des Telephons darstellt, und ohne das das letztere sicher nicht seine jetzige gewaltige Bedeutung erlangt hätte. Ein Amerrkain-er Hughs machte freilich im Jahre 1878 dem Deutschen Berliner das Prioritätsrecht an der letzten Erfindung streitig, das amerikanische Patentamt entschied aber zugunsten des letzteren. Um auch diese Erfindung als eine amerikanische ausgeben zu können, macht man rn Amerika den Erfinder Berliner zum Amerikaner, der fimvländische Gelehrte der „Umschau" und mit ihm die „D e u t sch £ Tageszeitung" nehmen ihn aber mit vollem Recht als kerndeutsch für das Deutschtum in Anspruch. Die „Deutsche Tageszeitung" hat doch sicher gewußt, daß Emil Berliner nicht nur Deutscher, sondern auch Jude ist und Jude geblieben ist; wenn sie ihm also das Prädikat „kerndeutsch" zrrbilligt, so muß man ihr wegen dieses objektiven und gerechten Urteils alle Anerkennung zollen. Eine Schwalbe nracht freilich keinen Sommer; hoffentlich geht das Blatt in sich und sieht ein, welches Unrecht es in vielen anderen Fällen anderen deutschen Juden zu gefügt hat, die ebenso gutdeutsch gesinnt gewesen sind wie Emil Berliner, denen sie aber in ungerechtfertigter und ungerechter Weise die Liebe und die Zugehörigkeit zum Deutschtum abgesprochen hat. Als in der 'Weihnachtswoche 1921 in Wien der geniale Forsche- und Erfinder Joseph Popper- Lynkeus im Altier von 84 Jahren gestorben war, dürfte man zu den gerechtesten und sympathischsten Würdigungen, die ihm zuteil wurden, 'diejenigen rechnendie in der „Kreuzzeitung" und im „Deutschen Tageblatt" des Herrn Wulle veröffentlicht wurden. Das erster^ .Blatt rühmte ganz, besonders seine en t schieden deutsch bewußte Gesinnung, und, in dem Wulle> Organ feierte Dr. Ernst Wächter in.geradezu panegyrischen Lobpreisungen diesen „A r i st o k r a te n d e s G e i ste s". Da Dr. Wächter jüdisches Blut in den Adern hat, befleißigte er sich, offenbar um diesen Makel zu verdecken, in seinen früheren zahlreichen Publikatwnen einer besonders gehässigen antisemitischen Tonart. Er hat sicher nicht gewußt, daß Joseph Popper-Lynkeus ein Jude war un-d sein langes, gesegnetes und reiches Leben hindurch ebenso großen Wert auf seine Zugehörigkeit zum Judentum wie auf diejenige zum Deutschtum gelegt hat. Ebenso _ wenig wußte auch sicher die „Kreuzzeitung" davon, genau so, wie die „Deutsche Zeitung" auch in dem oben behandelten Fall Philipp Reih nicht gewußt hat, daß dieser ein Jude gewesen ist. Hätten die betreffenden antisemitisch gesinnten Zeitungen und Schriftsteller geahnt, daß es sich bei den von ihnen für das Deutschtum in Anspruch genommenen Persönlichkeiten um Juden« handelt, so hätten sie sich schwer gehütet, ihrer rühmend zu gedenken. Das wäre ja ein arger Verstoß gegen das unsinnige und blödS

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