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Central-Verein-Zeitung · 1923-12-27 · 52 (27.12.1923) · p. Seite 851

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
3 (1924)
Issue
52 (27.12.1923)
Date
1923-12-27
Page
Seite 851 (sequence 3)
Language
German
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Groß-berliner Versammlungen. . Der Verband G ro ß--Ber Liner Ortsgruppen beendete das laufende Geschäftsjahr mit einer Reihe sehr wirkungsvoller Veranstaltungen, Trotzdem eine alte versammlungstechnische Erfahrung sich gegen ein zu reges Arbeitsprogramm in den Weihnachtstagen ausspricht, hatten wir das Wagnis, eine große Anzahl von Mitgliederversammlungen abzuhalten, nicht zu bedauern. Als Auftakt fand am Sonnabend, den 15. Dezember, eine Aussprache der Frauen gruppe 8, SW, SO statt, die wieder einmal das rege Interesse unserer Damen für diese Reugründung Zeigte. Drei Veranstaltungen fielen allein auf Dienstag, den 18. Dezember. Die Ortsgruppe S, SW, 80 hatte gemeinsam mit dem Bezirk Süd der Deutsch-jüdischen JugendgememschafL einen, gemütlichen Abend. Dr. Friedrich Brodnrtz referierte über „Die Deutsch-jüdische Jugendbewegung und der Antisemitismus". Die Ausführungen des - Redners gipfelten in einer temperamentvollen S ch i L - der ung der Demütigungen, B eschränkungen und Leiden, denen unsere Jugend auf der Schn-.e und der Universität heute so vielfach ausgefetzt ist. Er wies aus die Notwendigkeit hin, die jüdische Jugend frühzeitig mit dem Kampf gegen den Antisemitismus vertraut zrr machen, und schilderte daun die Verwirklichung dieses Gedankens in der D. I. I. G. Musikalische Vorträge. Tänze und Votksspiele gaben dem Abend einen harmonischen und gemütlichen Abschluß. Am gleichen A'lend sprach in der Ortsgruppe NW Frau Justizrat Dormitzer (Nürnberg) über die letzten Ereignisse in Bayern. Ihr Bericht" gab ein erschütterndes Bild von dev Not unserer Glaubensgenossen in Bayern und mag uns norddeutschen Juden ein Weckruf sein, uns mit aller Kraft rrnd Entschiedenheit einer Uebertragung dieser Verhältnisse Zu widersetzen. Zur gleichen Zeit sprach in der Ortsgruppe Weißensee Herr Dr. Kauffmann über: „Das jüdische Rasseproblem". Der Referent gab -in gründlichen., wissenschaftlichen Ausführungen eine Darlegung der Rassetheorien und deren Kritik und ging danach auf das Problem der Abstammung der Juden ein. Am Mittwoch den 19. Dezember, sprachin den Ortsgruppen 0, NO und O Herr Rechtsanwalt Dr. Walther Kochmann über: „Walther Rathenau". Der überfüllte Saal zeigte, welchen aktuellen Reiz dieses Thema auch noch heute hat. Die interessante rrnd lebendige Form, in der der Herr Referent die Persönlichkeit Rathencms rekonstruierte und den Zuhörern Leben und Schaffen des großen Toten ins Gedächtnis rief, fand außerordentlich starken Beifall. Am gleichen Abend stellte in einer Mitgliederversammlung der Ortsgruppe N Herr Dr. Alfred Cohn Betrachtungen über „die Organisation unserer Abwehr" an. Das Publikum brachte seinen fesselnden Ausführungen die manchen beachtenswerten Reform- Vorschlag enthielten, lebhaftes Interesse entgegen. Am ersten Abend eines Vortragszyklus, der dem Kampf gegen d i e j u d e n h e tz e r i s ch e n S ch l a g w ö r t e r gewidmet ist, sprach um Donnerstag, den 20. d. M., Chefredakteur Georg Bernhard über die „Jüdische Presse" im überfüllten Oberlichtsaal der Philharmonie. In eingehender, temperamentvoller und. stets fesselnder Weise widerlegte Bernhard, oft vom Beifall der Zuhörer unterbrochen, dieses Schlagwort und zeigte im Gegenteil die Gründe auf, aus -denen - von einer aufgekauften Presse immer wieder die Beschuldigungen gegen die jüdische Presse in die Welt gesandt würden. Der Einwand. daß ein großer Teil der Presse in den Händen jüdischen Kapitals sei, sei belanglos gegenüber der Tatsache, daß ein wert größerer, zahlenmäßig heute überhaupt nicht festlegbarer Tel! der deu tschen PressedirekL oder indirekt von der Schwer i n d u st r i e a b h ä n g i g s e i, die u u t e r dem Deckmantel der Vertretung nationaler Interessen d o ch n n r die Interessen der Jnflations- Verdiener vertrete. Und noch schlimmer — man könne dieser Presse den Vorwurf machen, mit dem sie selbst die sogenannte jüdische Presse belaste, nämlich den: unter der Vorgabe, deutsche Interessen zu vertreten, gegen die Interessen des deutschen Volkes zu arbeiten. Es sei nichts falschen, als anzunehmen, daß die Journalisten, die an solchen Blattern schrieben, ihre Ueberzeugung verkauften. ■ Aber die groste Gefahr bestände darin, daß Tausende ehrlicher Menschen darüber getüuschL werden, welchen Interessen ihre Blätter dienen. Dem anderen Vorwurf, daß das deutsche Volk durch jüdische Journalisten in undeutschem oder internationalem Sinne unter- -richtet würde, sei entgegenzuhalten, daß der Kreis, der von den ausgesprochen jüdischen Zeitungen erfaßt würde, ein äußerst geringer sei. Abgesehen von den paar Großstadlzeitungen und ganz wenigen ProviuzZeitungen sei überhaupt keine jüdische Presse vorhanden, wenn man sich nicht gerade die Beweisführung der Hammer- Broschüre „Der Pressepoly p" — die u. a. auch Blätter wie die „Zeit", die „Borsen-AeiLun g" und die selige „Tägliche Rundschau" als „jüdisch" kennzeichnet, — zu einen machen walle. Par Resnm6 sei das ganze Gerede von „jüdischer Presse" nichts weiter als ein Ablenkungsmanöver gewisser Kri egs.- und Inf lationsverdieuer. Wenn die SLp° bilisierung der Währung a nh ä lL, werden wir in e i n i g e n M o n a t e n d i e Quellen versiegensehen, aus denen die indu strie (le Presse gespei st w urde. u nd daun wird auch das ganze Lügengebäude des Anti« semistisrnns - Zusammenstürzen,- das rNe . seine jetzigen Aus maße"hä tt e gewinnen könne tt, w en n s c ine V ä t er st a t t dessen Steuern bezahlt hätten. „Die völkische Hetze lebt von den Geldern,'die dem deutschen Volke entzogen wurden", schloß Bernhard. — Sorgen wir, daß der Kampf der Geister wieder ein Kampf von Weltanschauung gegen Weltanschauung wird und nicht bleibt, was er jetzt ist: der Kampf , einer Welp cmschayung gegen gepanzerte Kapitalmacht." Hitlers hochverräterische „Niesenüummheit". Knilling über den Putschistenführer Hitler. Die außerbayerische Presse hat aus der großen Rede, die der bayerische Minsterpräfident jüngst vor dem bayerischen Landtage über die politischen Ereignisse und besonders über den Hitler-Putsch hielt, nur kurze Auszüge veröffentlicht. Wir glauben darum, die Aufmerksamkeit unserer Leser zu finden, wenn wir an Hand der wörtlichen Wiedergabe der „Münchener Neuesten N a ch r i ch t e ir nochmals aus die Dinge eingehen. Mit großer Klarheit sprickü v. Knilling die schärfste Verurteilung des hochverräterischen Unternehmens und seiner Urheber aus: Und doch wäre das deutsche Elend noch namenlos g e - st e i g e r t worden, wenn das Hitleosche Unternehmen auch nur vorübergehend geglückt wäre. Ein dauerndes Gelingen konnte ihm wohl nie beschieden sein; denn es war von vornherein auf einer falschen Rechnung aüfgebaut, nämlich auf der Annahme, daß ein ernstlicher Widerstand gar nicht zu besorgen sei, da schon der berühmte Name des Kriegshelden, der sich in den Dienst der Bewegung gestellt hatte, genügen werde, damit viele Tausende und aber Tausende aus ganz Deutschland sich unter der entrollten Hakenkreuzfahne sammelten und insbesondere auch die Polizei- und Reichswehvtruppen unter Verzicht aus Gegenwehr sich der Bewegung anschlössen. Diese Hoffnung ist schon in München an der staatstreuen Haltung unserer Landes- Polizei und Reichswehr gescheitert. Ein Paar Zeilen weiter heißt es: Der würde die Stimmung draußen im Lande und noch mehr die im übrigen Deutschland gründlich verkennen, der glauben würde, daß ein unter dem Zeichen des Kampfbundes unternommener Kreuzzug gegen Berlin in der Provinz cknd außerhalb der bayerischen Grenzen, wenn er diese je überschritten hätte, mit allgemeiner Begeisterung ausgenommen worden wäre- Viel näher wäre die Gefahr des Ausf l a m m e n s eines fürchterlichen allgemeinen Bürgerkrieges gewesen. Jedenfalls wären die Scharen der Kampfverbände, deren Munitionzu einem Putsche, nie aber zu einer ernstlichen Kriegführung ausreichte, und die vor einer verhältnismäßig geringen staatlichen Macht bei der Feldherrnhatte angesichts der ersten Schüsse auseinanderstoben, nimmermehr dazu befähigt gewesen, den Kamps mit der außerbayerifchen Reichswehr, die ihnen rvahrscheinlich schon auf bayerischem Boden entgegengetreten Wäre, mit Aussicht ans Erfolg auszunehmen. Bemerkenswert ist, wie der bayerische Ministerpräsident die außenpolitischen Folgen beurteilt. Er sagte: Und wie hätten sich die Ä u ß e n m ä ch t e, vor allem Frankreich, zu einer.solchen Aktion verbalten? An die von basier drohenden, doch recht naheliegenden Möglichkeiten, scheinen die Strategen vom BürgersirLnketter überhaupt nicht gedacht zu haben oder, wenn sie daran gedacht haben, sind sie mit geradezu freventlichem Leichtsinn über sie hinwegaegangeu. Aber — so konnte man in München vielfach hören — Hill r hätte, wenn er die Macht in Bayern errungen hätte, dafür gesorgt. daß wir mehr und b i l l i g e r e Lebensmittel bekommen Hütten. Auch Hier Ware eine arge Enttäuschung nicht au sä geblieben. Viellmbbr Hütte Wohl sofort ein Lieftrltreik vom Lande, her als unmittelbare Folge eines Hiilerschen Umsturzes eingesetzt, und München hätte wahrscheinlich schon zwei Tage später vor einer Hungersnot sondergleichen gestanden. Und klar folgt die Schlußfolgerung: Im voraus zum militärischen Mißlingen verurteilt, hätte das aus kurzsichtiger nationaler Beacisteruna entsprungene Unternehmen nur das sine Eraebn-s gebebt. daß wir in München und Bayern vor e i n e.m T r ü m m e r h a u s e n gestanden hätten, daß unsere Wirtschaftliche Not ins Ungemessene vergrößert. Bayerns guter Name und Ansesien dauernd zerstört worden wäre. Jene Unzähligen, die in ienen Tagen vom 9. bis 11. November sich in München mit Hochrufen aus Hitler und mit Tüchenschwensi n nicht genug tun konnten, was hätten sie gesagt, wenn die von der Vre sie gemeldete Versii-mmg des Hitlerseben F'nonzkomitees, an dessen Spitze der Vorkämpfer für Brechung der Zinsknechtschaft, der um sein eigenes Bankguthaben vorsichtig besorgte Gottfried Feder stand, in die Tat um gesetzt worden wäre? Falls die darin an-g kündigte Stellung der Banken unter Staatsaufsicht und die Sverre aller Bankguthaben durchgeMrt worden wäre, hätten alle jene, die sich durch eine solche Maßnahme in ihren heiligsten Gesichten bedroht ae-ehen hätten, schwerlich mehr „Heil, Hitler!" gemnen. Und so wird jeder, der im Kamps politM>er Leidenschaft nicht die letzten Reste von UrteilsWiakeit verloren hat. eingestehen müssen: Das was am 8. November -im Bürgerbrüukeller proklamiert wurde, war nicht bloß ein hochverräterisches Und ruebmen. sondern auch eine Riesendummheit, zugleich aber eine Todsünde gegen den vaterländischen Gedanken, dem durch solchen Wahnwitz ein geradezu tödlicher Schlag versetzt werdenmußte. Am folgenden Tage nahm im Verlaufe der Diskussion Herr v. Knilling nochmals das Wort. Hierbei wandte er sich gegen die Ausschreitungen, die gegen hervorragende Persönlichkeiten borge kommen seien: Zu dem betrüblichsten der letzten Ereignisse gehört es, daß die verehrungswürdige Person des Herrn Kardinals in die politischen Ereignisse hineingezogen und sogar gröblichst persönlich verunglimpft wurde. Besonders bedauere ich dabei die Beteiligung der akademischen Jugend, die dem um das Werk der Studentenhilfe hochverdienten Kardinal den wärmsten Dank entgegenbringen müßte. Diese Erkenntnisse des Herrn Ministerpräsidenten vor Jahresfrist in die Tat umgesetzt — und die Rede wäre überflüssig gewesen.

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