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Central-Verein-Zeitung · 1923-12-13 · 50 (13.12.1923) · page 5

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
2 (1923)
Issue
50 (13.12.1923)
Date
1923-12-13
Page
– (sequence 5)
Language
German
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377 Von den Juden Ungarns. Von Ernst GoLH. Vor Jahren, als- Franz Molnar noch ein ständiger Nachtgast der Budapester Literatencaf«S war, machte er sich zuweilen den Spaß, die Bilder der diversen illustrierten Blätter mit neuen, zeitgemäßen Titeln zu versehen. So erschien einmät in „Ueber Land und Meer" eine Reproduktion des bekannten Gemäldes „Christlicke. Märtyrer in der römischen Arena", das just den Moment darstellt' da die wilden Bestien auf -die Verurteilten losgelassen werden. Unter dieses Bild schrieb nun Molnar: „Zu jener Zeit Hütte sich Baron Karl Hatvany wahrscheinlich noch nicht taufen lassen." Damals nämlich bildete ein Vorfall in der bekannten baronisierten Familie Hatva ny-Deutsch das Tagesgespräch Budapests. Ein jüngerer Sproß dieser Familie und Mitinhaber der Firma, Baron Karl Hatvany- Deutsch, der sich von seinen übrigen Verwandten seit jeher durch heftig zur Schau getragene feudale Neigungen unterschieden hatte, war zum katholischen Glauben übergetreten. Offenbar glaubte er so Aufnahme in zene aristokratischen Kreise zu finden, zu denen er sich — ohne jede Gegenliebe — hin gezogen fühlte. Der Familien- und Firmenchef, Baron Alexander Hatvauy-Deutsch', aber beantwortete diesen Schritt damit, daß er jede weitere Beziehung zu seinem Schwager Karl abbrach und ihn sozusagen ansder Firma wie aus der Familie hinauswarf. Alexander v. Hatvany-Deutsch nämlich — als Mensch wie als Geschäftsmann eine der bedeutendsten Erscheinungen Ungarns — war immer stolz daraus, es als Jude zum Baron, Magnatenhausmitglied und Großkreuz des Franz- Joseph-Ordens gebracht Alt haben, fühlte sich stets als Träger und Mehrer ehrwürdiger Familientraditionell, jüdischer Familientraditionen, und hatte nur mitleidige Verachtung für jene armseligen, eitlen Narren unter seinen Standes- und 'Glaubensgenossen übrig, die, kaum in den Besitz von ein Paar Millionen gelangt, glücklich waren, allerhand suspektes Grafengesindel auf ihre Schlösser, zu ihren Jagden laden zu können. Doch aufrechte Männer seinev Art waren in der Judenschaft Ungarns spärlich gesät. Und das strenge Gericht, das er Mer seinen abtrünnigen Verwandten hielt, erregte um so größeres Aufsehen, als ja Karl Hatvany nur getan hatte, was in leinen Kreisen — in der eleganten jüdischen Gesellschaft, die bereits Güter, Schlösser, Rennstülle, Adelsprädikate, Orden, nur eben leinenen tsprechenden Umgang besaß — längst üblich war. Die Taufe bildete für diese Leute den fast selbstverständlichen Abschluß ihres meist sehr raschen Aufstieges, und wenn sie sich in vielen Füllenauch darüber klar waren, niemals vollwertige Mitglieder der dominierenden Gesellschaftsklasse werden zu können, so trösteten sie sich damit, -daß dies vielleicht ihren Kindern gelingen würde— was in manchen Fällen auch zutras. Der Rassen- und Familienstolz, der sonst überall zu den erfreulichen Merkmalen angesehener, reicher, gebildeter Juden gehört, ging dieser Schicht der ungarischen Judenschast völlig ab; die liberalen Anschauungen und Gesetze des Landes einerseits, die herrschende Korruption, das ständige Bedürfnis aller Negierungen, ihren „Wahlsonds" zu stärken anderseits, bewiesen ihnen immer aufs neue, daß mit Geld und Verbindungen alles zu erreichen sei und steigerten ihre snobistischen Gesellschastsambitionen ins Maßlost. Wäre der Krieg nicht gekommen, so hätte man in Ungarn zweifellos bald auch jüdische Grasen gesehen; denn die Baronie schien manchen dieser Emporkömmlinge nicht mehr erstrebenswert, seit es Dutzende jüdischer Freiherrnfamilien gab. Und wie es die Großen trieben, so trachteten es die Kleinen zu treiben, und die Söhne auch noch nicht getaufter, wohlhabender, bekannter Judensamilien neigten fast stets dem widerlichen Typ des „jüdischen Gentry" zu — „Jünker" nannte sie einmal jemand, den „Junker" und das „Jüngel" zusanimenziehend — und trachteten in sinnloser Verkennung ihres Herkommens, ihrer Bestimmung, ihrer Oualitäten die hohlen, äußerlichen! Lebensformen des bei Zigeunermusik exzedierenden „Kavaliers" nachzuäffen. Dies aber war mehr als verachtenswerte Gesinnungslosigkeit', mehr als verwerfliche Unsitte, es war eine schwere Schädigung der Gesellschaft, des Staates. Denn just in Ungarn, wo das kapitalkräftige, intelligente Judentum ein Kulturserment von höchster Bedeutung darstellt, hätte es den Grundstock eines starken, selbstbewußten Bürgertums bilden müssen. Statt dessen splitterten seine besten, hierzu berufensten Schichten immer wieder ab, verdunsteten sozusagen in den Höhen einer komödiantenhaften Pstudoseudalität. Wo man ehrenwerte, fest aus stlbstgeschasstnem Lebensgrund stehende Patrizier zu sehen hasste, sah man unsichere und protzende Witzblattfiguren, die ihr bißchen Geltung unausgesetzt teuer bezahlen! mußten, und hinter deren Rücken spöttisches Kichern nie verstummte. Sie trugen die Schuld daran, daß es in Unga.ru> namentlich in Budapest, niemals ein rechtes, gefestetes Bürgertum gab. Hätte es eines gegeben, so sähe Ungarn heute anders aus: Es wäre dein Kommunismus nie gelungen, die bürgerlichen Krei se bm H anbittnbr ehen zu über ren n e n und au s - z u s ch a l t e n. Ungarn befände sich heute längst auf dem Wege zu zener Demokratie, die allein diesem Lande Wiedergesundung bringen kann und die es, wie die Dinge heute stehen, erst auf schweren, opferreichen Umwegen erreichen wird. Nach der Niederwerfung der Bolschewiken setzte, wie man weiß, ein wütender, brutaler Judenh>aß ein. Die ganze Judenschast des Landes sollte nun dafür büßen, daß ein Teil jener, vielleicht gutgläubigen, doch größenwahnsinnigen Kasseehansideologen, von denen die rote Flut entfesselt wurde, Juden waren. Kein Hinweis. darauf, daß die überwiegende Mehrheit der ungarischen Juden stets aus begeisterten Nationalisten, ja Chauvinisten bestand, war wirksam — Jud blieb Jud. Wie immer kitten die Kleinen', Hilflosen am meisten. Die vermögende, einflußreiche Oberschicht des Judentums, dieselben Leute, die immer schon bereit waren, -ihren Glauben gesellschaftlichen Vorteilen auszuopfern, vermeinte auch jetzt nichts besseres tun zu können, als die Taufe zu nehmen und so jede, auch die letzte Gemeinschaft mit den allgemein verfluchten „kommunistischen Verbrechern" demonstrativ abzulehnen. Ein Massentaufen begann, ein wahrer Tauftaumel, der selbst solche ergriff, denen bisher, nichts ferner lag, als ihre Konfession zu wechseln. Sehnsucht nach Ruhe und Uubehelligtheit mochte manche Gewissensskrupel zuin Schweigen bringen und vielfach wirkte auch wohl der immer wache, jüdische Wunsch mit, den Kindern ihren Lebensweg zu erleichtern. Besonders, als bald der nuinoruZ clausus an der Universität eingeführt wurde. Allein es Zeigte sich, daß nun die. Taufe den Haß der. Pogromhelden noch weit weniger zu mildern vermochte, als früher die Exklusiviiät der Aristokratie. Ob getauft oder nicht, auch weiterhin hieß es: Jud bleibt Jud. Druck aber erzeugt Gegendruck. Je länger sich die Juden verfolgt und geächtet sahen, um so rascher besannen sie sich daraus, was sie diesem Lande bedeutet, was sie in diesem Lande vollbracht hatten. Daß es in Ungarn blühenden Handel, daß es Großbanken und eine rege vorwärtsstrebende Industrie gab, war ihr alleiniges Verdiemst; doch jüdischen Journalisten verdankte auch die Tagespresse ihr heutiges Niveau, Theaterstücke ungarischer Juden wurden auf allen Bühnen der Welt gespielt, Bücher ungarischer Juden in alle europäischen Sprachen übersetzt. Max N o r d a u, Hermann V a m b e r y, Ignaz Goldzieher, Karl "Goldmaxl, Ludwig Barnay, Max Reinhardt, die Nobelpreisträaer Bar nah und Leuärd — mag letzterer jetzt auch den DeutschvMischen spielen — sie alle sind und waren ungarische Juden. Und alle geistigen Schichten Ungarns, das ganze geistige und wissenschaftliche Leben dieses Landes, in dem der autocktyone „Herr" nur selten und ungern einen anderen Berus ergriff als den des Offiziers oder des Staatsbeamten, zählt Juden childpatt enbein n Der ennoiz Alleinige Anzeigen-Annahme Rudolf Moese, Anzelgen-Annahms fftr sfcmtl» ZeUnagea ®eutsofclnnä» und des Auslands Berlin SW 19, Jerusalemer SrraHe 46-49 / BreSlau / Chemnitz ✓ Coln a. Rh. ✓ Dresden ✓ Düsseldorf / Erfurt y Frankfurt s. M. / Halle (Saale) Mamburg / Lannöver / Leipzig / Magdeburg / Mannheim , München / Nürnberg > Sruttgarl f Prag / Wien / Budapest / Warschau / Basel / Zürich.

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