Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 2 (1923)
- Issue
- 50 (13.12.1923)
- Date
- 1923-12-13
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Das HewUen. Fichte hat einmal an die Tatsache, «daß das Wort „Charakt e r" ein griechisches Wort ist, und daß der Deutsche keine eigene Bezeichnung dafür geprägt habe, den folgenden kühnen Schluß geknüpft: „Das hatte der Deutsche auch nicht nötig; deutsch sein heißt Charakter haben. Wenn man ein Deutscher ist, hat man, eo Ipso, Charakter und braucht kein eigenes Wort hierfür." Dieses Diktum, bei dessen Anhören allen deutschvölkischen alten Jungfern, und namentlich auch denjenigen männlichen Geschlechts, ein Wonnebach des Entzückens am Rücken herunterrieseln muß, gehört zu denjenrgen Stellen, wegen deren Fichte zum Range eines deutschvölkischen Schutzheiligen -erhoben worden ist. Wer sich nicht Leicht durch Redensarten betrunken machen läßt, wird sich ohne weiteres sagen, daß hier einmal mit dem großen deutschen Philosophen, um einen volkstümlichen Ausdruck zu gebrauchen, die Schecke durchgegangen ist. Eine einfache kühle Ueberle'gung muß uns sagen, daß das ans dem Griechischen stammende Lehnwort „Charakter" sich in allen Kultursprachen vorfindet, und daß also schon aus diesem Grunde der von Fichte zugunsten des deutschen Charakters gezogene kühne Schluß hinfällig ist. Auch der gute Homer hat manchmal geschlafen, und trotz solcher gelegentlichen Entgleisungen hat es der große Philosoph, der das große Wort von der Gleichheit alles dei se 11, was Mensche n an tli tz trügt, geprägt haü noch lange nicht verdient, zum Sch'wurzeugen der Antisemiten und Deutschvölkischen degradiert zu werden. Zum System und zur Methode hat das Jonglieren mit solchen Denkfehlern Treitschke geinacht. Er sagte einmal: „Der Jude hat kein Gewissen; Beweis: In der Bibel (gemeint ist die jüdische Bibel) kommt das Wort „Gewissen" nicht vor." In einem Artikel der Zeitschrift „Ost-West" (August 1918) wird dieses Diktmn mit folgenden treffenden Worten glänzend ad absurdum geführt: „Seine (Treitschkes) hebräischen Kenntnisse waren so groß wie seine Wahrheitsliebe ... I n b e r Bibel kommt kein Wort für Lunge vor . . . Sollten die alte n H e b rüer fei n e L n n g e g e h a b t h a b e n?" Das lateinische Wort conscientia für Gewissen ist eine Uebersetzung des griechischen c'ndZr^ (syneidesis) und ist als Lehnwort in der Form conscience ins Französische und Englische, als eoseienza ins Italienische und als concieneia ins Spanische übergegangen. Das deutsche Wort „Gewissens stellt eine sogenannte Lehnübersetzung aus dem Lateinischen (con—seientia) dar, wie ja auch der lateinische Ausdruck eine Lehnübersetzung aus dem Griechischen ist.- Möglicherweise ist auch der griechische Ausdruck eine Lehnübersetzung aus einer semitrschen Sprache. Was würde aber Treitschke für Augen gemacht haben, wenn man ihn darauf aufmerksam gemacht hätte, daß in dem Religionsbekenntnis, dem er selbst angehört hat. dem protestantischen, wohl in den meisten Füllen, wo das Wort „Gewissen" gebraucht wird, dies .auf a l t t est amentlich er G r u n d l a g e geschieht. Luther übersetzt nämlich die alttestamentliche Stelle, Hiob 27,6, die wörtlich übersetzt lautet: „Nicht schämt sich mein Herz (lew) ob meiner Tage" mit: „Mein Gewissen beißt mich nicht meines ganzen Lebens halber." Wie sehr diese alttestamentliche Stelle aus Hiob unsere Sprache beeinflußt hat, kann man ganz deutlich aus Büchmanns „Geflügelte Worte", 25. Auflage, (&. 23, ersehen, wo die Entstehung des Wortes ,,G e w i s s e n s b i s s e" mit vollem Recht auf die in Rede stehende Hiob-lLtelle zurückgeführt wird. In Fritz Reuters „Ut miue stromtid" (Kap. 31) sagt Brasig zu seinem Freunde Karl Habermann, um diesen zu trösten: „Dein Hart ist jo rein wie Hiob . . 's is doch souderboren mit die Gewissen . . Und in dem Kapitel 4 derselben „Stromtid" läßt Reuter den prächtigen, grundehrlichen, alten Juden Moses zu seinem durch den Verkehr mit den nichtjüdischen Halsabschneidern Slusuhr und Pomuchelskopp verdorbenen Sohch David wiederholt sagen: „David, hast du an Gewüssen? Ich will dir sagen was neues: du hast kains!" Reuter, dessen Frau eine Psarrerstochter war und der auch selbst mit evangelischen Pfarrern viel Verkehr unterhalten hat, hat also an beiden Stellen mit voller Absicht die alttestamentliche Grundlage des Begriffes „Gewissen" hervortreten lassen. Derselbe Dichter uchanöelr dies Thema noch an einer dritten Stelle seiner „Stromtid". Tür alte Moses erzählt im dritten Kapitel zum Belege für seine kräftige Abneigung, eine Klage bei einem Gericht einzureichen, die höchst ergötzliche Geschichte, wie^ ein Kandidat der Theologie, der ihm Geld schuldete, auf seine Mahnung mit folgendem Gesangbuch- Verse geantwortet habe: „Mein Genüssen beißt mich nicht, Moses darf mich nicht verklagen; Der mich frei und ledig spricht. Hat die Schulden abgetragen." Der hier angeführte Vers stammt aus dem Kirchenlied „Jesus nimmt die Sünder an" des Kirchenliederdichters und Hamburger Hauptpastors Neumeister (7 1756). Die erste Verszeile stammt wörtlich aus dem Buch Hiob in der Lutherschen Uebersetzung. Es ist einigermaßen ergötzlich, wenn man die alttestamentlichen „Forschungen" eines Treitschke durch einen Profanen Schriftsteller wie Fritz Reuter glatt widerlegen kann. Aber ein noch größerer Deutscher als Reuter straft einen Treitschke in der „Gewisteus"- fraae auf das eindringlichste Lügen. Es ist dies Deutschlands großer Feldherr Graf Hellmuth v. M 0 l t k e, der in seinen im ersten Bande Der gesammelten Schriften abgedruckten „T r oft g e d a n k e n" wörtlich folgendes niedergeschrieben hat: „Das Gewissen ist der unbestechliche und unfehlbare Richter, welcher sein Urteil in jedem Augenblick spricht, wo wir ihn hören wollen ... Es sagt uns, daß jeder Tag dem Herrn geweiht sein sollte, daß selbst der erlaubte Zins, vom Bedrängten erhoben, unrecht sei, mit einem Wort, es Predigt die Moral tn der Brust von Christen und Juden, von Heiden und Wilden." Es ist eine Unverfrorenheit Ion* dergleichen, daß Leute wie Fritsch uird Konsorten es gewagt haben, einen Mann, der so etwas geschrieben hat, ebenfalls als Kronzeugen für ihre Hetze in Anspruch zu nehmen. Dr. I. Stanjek.- Bus öer Zeitungswelt. „H i st 0 r i s ch e Miniature n" benennt Dr. I s m a 1 Freund einen interessanten Aussatz im „Gernein-eblatt der? Jüdischen Gemeinde zn Berlin" (Nr. 10), dem wir folgende Stelle entnehmen: Rom war in Flammen ausgegangen. Die öffentliche Meinung bezichtigte immer lauter Nero der Brandstiftung. Da .suchte dieser nach einem Mittel, der Erregtheit der Massen eine andere Richtung zu weifen. Wir lesen darüber bei Tacitus: „Um dem Gerede ein Ende zn machen, schob er als Schuldige, die er nunmehr mit den ausgesuchtesten Martern hei'msuchte, die „Christen" vor, wie das Volk die durch ihre Verbrechen allgemein Verhaßten benannte. Tausende wurden für schuldig erklärt. In Tierfelle gehüllt, starben sie. Zerfleischt von Hunden. Oder sie wurden ans Kreuz geschlagen. Oder sie brannten, mit leicht entzündlichen Stoffen bekleidet, nach Sonnenuntergang als nächtliche Fackeln." Das Mittel war probat. Jahrhunderte hindurch bediente die Cäsarenpolitik des absterbenden Weltreichs sich seiner. So oft es im Volke zu gären begann, wann immer Erschütterungen des Staates das seelische Gleichgewicht der Massen zu stören drohte. Drei Jahrhunderte hindurch, bis aus der unterdrückten die herrschende Kirche wurde. Trajan. Marc Aurel. Septimius Severus, Maxi minus. Decius, Valerian. Diocletian u. a. bezeichnen die Leidensstationen der Christenpogrome. Es „wurden die Gescheuchten das Ziel des Volksgeschreies. -inan schlug sie, man zerrte sie, man schmähte sie. man warf sie mit Steinen, mau sperrte sie ins Gefängnis. Der Pöbel, Männer und Weiber. Laten ihnen, an, was sie nur konnten." (Keim, „Rom und Christentum", S. 611.) Quintus Septimius Tertullian, der älteste der lateinischen Kirchenväter, der die Christenverfolgung unter Kaiser Septimius Severus (193 bis 211) miterlebte, schreibt in seiner zur Verteidiguna seiner ver- . folgten Glaubensgenossen verfaßten Schrift über Wesen, Grund und Verlauf dieser Verfolgungen: .. „Zur Rechtfertigungihres Hasses gebrauchen sie den unsinnigen Vorwand, daß sie glauben, von jeher öffentlichen Kalamität. von jedem das Volk treffenden Ungemach feien die Christen die Ursache. Wenn der Tiber bis in «die Stadtmauern steigt, wenn der Nil nickt die Feldsluren überschwemmt, wenn die Witterung nicht Umschlägen will, wenn die Erde böbt, wenn es eine Hungersnot, wenn es eine Seuche gibt, sofort heißt es: „Die Christen vor die Löwen!" So Tertullian im 40. Kapitel seines „Apvlvgetiikum". Man setze -statt „Christianos" (Christen), „Judaeos" (Juden), und wir sind nicht mehr im Jahre 198 n. Chr., sondern haben, auf eine epigrammatische Formel gebracht, ein charakteristisches Spiegelbild unserer Tage. In seiner Nummer vom 6. Dezember macht „Der Israelit", das Zentralorgan für das orthodoxe Judentum, unter dem Titel:« „Wie lange noch?" die folgenden, dringlicher Beachtung werten Ausführungen: Ist sich die jüdische Oeffentlichkeit bewußt, was sie an sich selbst und ihren Kindern dadurch sündigt, daß sie die geistigen Führer darben läßt? Auf die Dauer ist es eine Unmöglichkeit, daß Männer, die von fürchterlichsten Geldsorgen niedergedrückt werden, den idealen Schwung sich bewahren, der für die erfolgreiche Tätigkeit eines Raws oder Lehrers Voraussetzung ist. In erster Linie scheint durch die Not nur die Familie des unmittelbar Betroffenen zu leiden. Tatsächlich ist die ganze Gemeinde, vor allem die Heranwachsende Generation, die Leidtragende/ Und weiter. Wieviel junge Lehrer und Rabbiner haben schon ihren Beruf verlassen oder sind im Begriff es zu tun! Und wst wenig Eltern können es noch über sich bringen, ihre Söhne einem Beruf zuznführen. der seine Trägev in so schwere morgen stürzt. Woher werden wir in .zehn Jahren die geistigen Führer unserer Gemeinden nehmen, wenn der Nachwuchs immer geringer wird. Selbstbesinnung der verantwortlichen Männer auf ihre ersten Pflichten ist Schicksalsfrage der deutschen Judenheit für Gegenwart und nächste Zukunft. Je sorgenvoller die wirtschaftliche und politische Lage der deutschen Juden uns stimmt. um so ernster muß nufer Streben dahin gehen, daß der Augenblick Führer findet, die nicht durch Geldsorgen zermürbt werden, sondern ihr ganzes Denken und Fühlen der Gesamtheit widnien können. - Und ebenso müssen die Jünglinge, welche sich den jüdischen Lehrberufen widmen wollen, wissen, daß sie nicht gezwungen fein werden, -ihren Idealismus im Kampfe um das trockene Brot Zu Verlieren. „Oie Deutschen sind wie die Juden: zu unterdrücken, aber nicht zu vertilgen, auch nicht zu entmutigen; selbst wenn ihnen beschieden sein sollte, kein Vaterland mehr zu besitzen, würden sie stark und geeint bleiben." „Wie die Juden müssen die Deutschen in alle Welt zerstreut und verpflanzt werden, um die Masse des Guten, das in ihnen liegt, ganz und zum Heil aller Nationen zu entwickeln." „Deutsche und Juden gehen nicht zugrunde, weil es Individuen sind." Johann Wolfgang Goethe,