Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 2 (1923)
- Issue
- 48-49 (6.12.1923)
- Date
- 1923-12-06
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Serussproklematik der Juden. Von Felix A. TheilHaber (Wilmersdorf). r Ohne daß die deutsche Judenheit etwas davon bemerkt, geht eine st a r k e Veründ e r u n g mit ihr vor. Ohne auf die Kausalität der Dinge einzugehen, mag daran erinnert werden> daß die deutsche Jndenheit bis vor 190 Jahren fast ausschließlich an den Handel gebunden war. Dann zeigen sich in den neu erworbenen polnischen Provinzen und stellenweise auch im Rheinland, in Hessen und Franken Ansätze zu einem aufblühenden Handwerkerstand. Stärker und wichtiger aber wird das Einströ in ende r I nde n i n d i e fre ie n Berufe. In der Theaterwelt, der Presse, im Musikleben suchen Zahlreiche Inden ihr Fortkommen und unter den Aerzien und Anwälten ist ein großer Prozentsatz von Juden. Die Betätigung in der L a n d w i r t s ch a f t bleibt nach wie vor von den Juden vernachlässigt. Dazu trügt mancherlei bei. Jahrhundertelange Entwöhnung und Fernhaltung von der Scholle hat die Massen seelisch der Arbeit entfremdet, die überdies vor dem Krieg keinen besonderen Wirtschaftlich-ökonomischen Anreiz bot. Für die große Landbevölkerung war die Arbeit auf und an der Scholle das gegebene,, wie für die Städter die Betätigung in städtischen Verdienstmöglichkeiten. Für die f a u f m ä n n i s ch interessierte -und an ihr gebundene Bevölkerungsschicht der Juden konnte eine Umstellung nur dann erfolgen, wenn entweder wirtschaftliche Notwendigkeiten Vorlagen oder ein ideelles Moment zu anderen ökonomischen Betätigungen lockte. Die intellektuellen Berufe trugen beiden Momenten Rechnung. Den Tüchtigen war ein gutes Fortkommen gesichert und überdies -winkten dem Akademiker wissenschaftliche Forschung, Ansehen, Auszeichnungen. Die Zeiten haben sich nun wirklich geändert und die deutschen Juden mit ihnen. Vom Andrang zum Studium spürt man nicht mehr viel. Sogar approbierte Aerzte, Zahnärzte, Anwälte, Ingenieure, Chemiker, bekannte Schauspieler und Kunstmaler, Philologen und Schriftsteller verlassen fluchtartig' ihren Beruf, der den Mann nicht mehr ernährt (von der Farnilie nicht zu sprechen). - Machtlos steht die deutsche Judenheit diesem tragischen Vorgang, gegenüber. Sie kann es nicht ändern, «daß in einer Zeit, in der vielen und den besten die Existenzmöglichkeit in ihrem alten Beruf genommen ist, jeder — sauf qui peut — -sich dort Arbeit sucht, wo man seine Kraft, Ausbildung, Intelligenz -überhaupt annimmt, respektive, -wo er mit seinem Pfunde arbeiten kann. Vielleicht wird matt in einer Generation aber doch über eines " -unzufrieden sein, daß bei der Zurückflutung der Juden in die wirt- -schaftlicheren Berufe keinerlei Rechnung der Wandlung der Zeit getragen wird. Die Landwirtschaft, die noch vor zehn Jahren als unrentabel galt, reüssiert glänzend und geht nicht fortwährend den Krisen, Erschütterungen usw. entgegen, wie sie Handel , und Fabrikation bedrohen. Und die im Boden steckende Substanz erscheint als das sicherste Kapital in einer Zeit, die sich noch aus Jahre hinaus nicht beruhigen wird. Soweit also die Ntathematik des täglichen Lebens von Bedeutung ist, erscheint uns heute die a g r a. r i s ch e Tätigkeit als eine in jeder Weife fruchtbringende und anlockende. ■ Die j ü disch e Jugend, die irgendwie geistig interessiert ist, sucht neue Werte. Sie sucht neue Lebensformen und einen Inhalt ihrem Streben, in dem Drang nach Persönlichkeit. Biele, nicht alle sehen in dem Handel ein n ot w endiges Ueb el, aber ein Nebel und sie drängen dazu, mehr an den Quellen der ^Produktion sich volkswirtschaftlich nützlich zu machen. Biele haben wirklich keinen Kopf für den Handel xmb nicht immer die Fähigkeiten zum Denker oder 311111 Dichter. Wer nun seine Kinder in Berufe überführt, die ihnen nicht liegen, bringt sie in ständige Konflikte mit ihren Anschauungen, Vorstellungen und Fähigkeiten. ' Die jüdische Jugend schielt zur Landwirtschaft hinüber. Ges u n d u n g s ch e i n t i h r a u s d e r Bern h r n n g mit der l n 11 e r Erde zu ko mme n, wie Sage und Erfahrung gleich - gichtig lehren. Aber die Großstädte lasten nicht so rasch von ihren Opfern. Um so mehr, als der guten Gesellschaft die Bedeutung der -landwirtschaftlichen Berufstätigkeit noch immer nicht klar geworden -ist. In Amerika haben die Führer der Judenheit - schon lange die einseitige Berufstätigkeit der Jndenzudurchbrechen gewußt. Es gibt nicht nur jüdische 1 Farmer, sondern auch eine Organisation der jüdischen Landwirte, die 'für ihren Berus werben und ihren Mitgliedern Vorteile erringen. 5 In- Deutschland ist die Abwanderung der Juden vom Flachen Lande eine wohlbekannte Erscheinung, die durch nichts gehemmt wird. Der Bodenkulturverein der Juden in Deutschland Hat mangels amtlicher Unterstützung und infolge der absoluten Vernachlässigung der wohlhabenden Kreise der deutschen Juden eine nur geringe Reichweite, .obwohl feine Ziele und Bestrebungen für den ganzen Werdegang der deutschen Juden von besonderer Bedeutung sstnd. Nun kann im Kampfe mit -dem Antisemitismus, in der Unterstützung der der Landwirtschaft sich zuneigenden Jugend nur eine Organisation der-jüdischen Landwirte von-Nutzen sein. Allein ihre Existenz wird segensreich wirken. Aus diesen Erwägungen -heraus hat der Vodenkulturverein beschlossen an die jüdischen Grundbesitzer, Pächter, Landwirte usw. heranzutreten Und sie vorerst ihrer Organisation anzugliedern, bis diese sich so weit gekrästigt hat, um ihrer Sache selbst das Wortzu reden. . Daß es sich hier um eine bedeutungsvolle Angelegenheit handelt, bedarf keiner weiteren Erwägung., Darum gilt es, die Durchführung zu fördern. Es fehlt dem Bodenkulturverein das Adressenmaterial, es fehlen ihm die jüdischen Landwirte, die für sich selbst die Notwendigkeit dieser Berufsumschichtung verstanden Haben, einzeln aber weder den Elan noch die technischen Borkehrnngen für eine größere Berufsgruppierung ausbringen können. Nur dadurch, daß den breiten jüdischen . Massen die Namen der vereinzelten jüdischen Agrarier namhaft gemacht werden, daß sich jüdische Landwirte zur Mitarbeit zur Verfügung stellen, kann die Arbeit des Bodenkulturvereius gedeihlich weitergehenJ. In den letzten 50 Jahren haben vier Fünftel der deutschen Juden ihr Domizil geändert. Was die nächsten 50 Jahre bringen werden, kaun niemand wissen. Man müßte aber aus der Tatsache lernen, daß -die akademischen Berufe,, deren goldener Boden von den besorgtesten Schwiegereltern anerkannt wurde, völlig wirtschaftlich ruiniert wurden. Ob die Nebersüllung des Handels, insbesondere des Zwischenhandels, der Zeitweise zum wirtschaftlichen Gedeihen der Berufsangehörigen führte, stetig bleiben kann, erscheint zweifelhaft. Vielleicht setzt eine grauenhafte Arbeitslosigkeit auch hier ein. Wer daher Volkspolitik betreibt, und als ernsthafter jüdischer Politiker gelten will, muß immerhin mit ungünstigen Wandlungen rechnen. Er muß daher vorbereiten, daß alle die Elemente, die an sich nicht sonderlich für die merkantilistifchen "Berufe sich eignen oder erwärmen, Möglichkeiten vorsinden, sich ll a n d w i r t s cha f t l i ch a n s z n b i l d e n, und daß auch die öffentliche Stimmung unter den Juden dieser Berufswahl günstig ist. Dazu gehört, daß die jüdische Oefsentlichkeit 'weitschauend diese Ziele fördert. Auch hier gehört das Verdienst dem Bodenkulturverein, nach dem Krieg, trotz der mangelhaften Unterstützung mit zwei Anstalten der Berufsbildung jüdischer Landwirte Rechnung getragen zu haben. Bei den starken Zusammenhängen, die politische und wirtschaftliche Fragen haben, ist es Sache der deutschen Judenheit, durch Wirtschaftspolitik die Entwicklung ihres Geschickes und ihr Dasein stärker zu beeinflussen. Die Mithilfe, welche die deutsche Judenheit der jüdischen Jugend leisten müßte, welche zur Landwirtschaft übergeht, müßte doch wohl selbstverständlich sein. Ehre, Gesundheit, W-irtschaftsglück und vieles andere sind daran gebunden. Völkischer Wahlkampf. Gegen Katholiken und Juden. Während der jüngst stattgehabten B ü rge r s cha s t s m a h l e n i n Bre m c n fand sich auf allen Anschlagsäulen und in den Zeitungen folgendes deutsch-völkische Bekenntnis: Inda, Jesuiten und völkische ringen um die Macht in Deutschland! » wer deutsch denkt und fühlt, verurteilt die g Machenschaften der Juden und Jesuiten » und wählt die > deutfchvölkische Lifte I Senger. *-tfi Bemerkenswert ist noch, daß die völkischen Führer in Bremen sich nicht ganz einig zu sein scheinen, ob dieser Kampf e h r l i ch oder u n e h r lich, offen oder versteckt geführt werden soll. Einmal hieß es: „Juda und N 0 m", ein andermal „Juda und I e s u i t e in". Entsprechende Mitteilungen usw. sind zu richten an Herrn Gelveimrat Fränkel, Charlottenlmrg, Neue Kantstraße >5, an Herrn Gcheimmt Kali scher, W'SQ, Rofenhei mer Straße 17, oder an Herrn Ritter gutsbesilzer I. Brandt, Meibtrerfftraße 4V.