Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 2 (1923)
- Issue
- 48-49 (6.12.1923)
- Date
- 1923-12-06
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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366 <3/ICoBINER> derartiger Kundgebungen. Sie muß einmal in dem Z u st r o m von Energien und moralischen Elementen erblickt werden, die die Berührung der vielen Gleichgesinnten miteinander ergibt. Sie gibt, wie dem Riesen Antäns die Berührung mit der Erde als seiner Mutter, immer erneut Krast, wenn die zueinander Gehörigen mit Raten und Taten miteinander sich zu neuem Tun anspornen. Sie läßt in dem Kreise der Zuhörer das Gefühl eines starken Vertrauens ans sich s e l b st und die Gerechtigkeit der Sache, um die gekämpft wird, entstehen, läßt aus dem Fluidum zwischen Redner und Angeredeten einen Strom starker Aufmunterung und höchster Anspannung von geistigen Kräften überspringen, und sie weckt endlich das Echo der gesamten deutschen Welt. Ihr wird versucht, in diesen Kundgebungen noch einmal ins Gewissen zu reden, ihr klarzumachen, was nicht allein an jüdischen, sondern auch an deutschen Werten auf dem. Spiele steht. Ihr wird die Bedeutung der Stellung des Judentums im deutschen Volks Organismus, seine Beziehungen zur deutschen Kultur, sein Anteil an dem Wachsen und Werden des Volkes und des Vaterlandes klargemacht, und sie läßt in Herzen, in denen der Optimismus nicht ganz abgestorben ist, die Hoffnung wach werden, das ebenso wie der Appell an die Einsicht auch der an Herz und Gemüt nicht umsonst sein wird. Unsere Zeit mag von Humanität und Toleranz nicht viel hören; unsere Pflicht aber als Träger des ältesten Humanitätsgedankens der Welt ist es, innerhalb und außerhalb des deutschen Volkes für die wahren Ewigkeitswerte der Gerechtigkeit auch in diesen Tagen zu wirken. Weit über die deutschen Landesgrenzen ist die antisemitische Bewegung in Deutschland von der Oefsentlichkeit auch uns freundlicher gesinnter Länder peinlich empfunden worden. Aber selbst diese Tatsache kann uns von der Notwendigkeit und der Berechtigung unserer Anklagen nicht entbinden, und die Klagen m ü s f e n erhoben werden gegen diejenigen, welche durch Schaffung von unerträglichen Zuständen die Aufnrerksanikeit der ganzen Welt aus die Judenfrage in Deutschland lenken. Daß in München Oesterreich zugunsten der ausgewiesenen Juden mit Erfolg intervenieren kann, daß Beamte der polnischen Republik am gleichen Orte über die Frage der Berechtigung der Ausweisungen mit zu Rate gezogen werden müssen, weil es die polnische Regierung so verlangt, daß selbst im amerikanischen Senat und bei der Frage der Darlehnsgewährung zur Linderung deutscher Not die Vorgänge in Berlin und München ihren Widerhall finden, sind Tinge, die der höchsten Beachtung wert sind. Sie v e r a n l ä s s e n uns zu dem dringenden Appell an alle unsere Freunde, von jeder U e b e r t r e r b u n q der Din g e, die an sich schon schlimm genug sind, abzusehen. Sie nötigen uns, die gesunden 'Teile des deutschen Volkes darauf aufmerksam zu machen, welche ungeheuer schädliche Wirkung die vergiftende antisemitische Propaganda nicht allein auf das deutsche Volkstum, sondern auch auf die internationalen Beziehungen unseres Landes ausüben muß. Nichts ist geeigneter, auskeimen de Hoffnungen schneller zu zerstören, sich an spinnen de Fäden grü n d l i ch er zu zers ch n e i d c n, a [ 8 w c n n Deutschland, das immer noch gern das Volk der Dichter u n d D e n k er genannt w i r d , in den Ruf eines b a r b a r i s ch e n A n t i s e in i t i s m u s f o m m t. Wir glauben, daß die großen Kundgebungen, die wir mit dem hier niodergelegten Programm und zu den anseinandergesetzten Ztvecken einbcrnfen haben, eine mir gute Wirkung haben konnten und gehabt haben. Wir haben uns von jeder U ebertreib ung fern gehalten, verlangen aber, gestützt auf unser gutes Recht, daß Staatsgewalt und öffentliche Meinung sich gegen dreist wütende Intoleranz, völkische Ueberheblichkeit und antisemitische Dummheit mit größerer Entschiedenheit als bisher wenden. Die Danziger Wahlen. Sieben DeutsAsoziale im Volkstag. Die Wahlen zum Danziger Volkstag, dem Parlament der Freien Stadt Danzig, sind vorbei, und ihr Verlauf und ihr Ergebnis sind wohl geeignet, auch bei den Juden i n D e u ts chl a nd A ir j in e r k -- samkeit und Beachtung zu finden. Geben doch diese Wahlen, wenngleich sie in dem von Deutschland getrennten und vielfach eigenem Geschick unterworfenen Danzig stattfanden, zugleich ein Bild der politischen Kräfteverteilung auch im Deutschen Reich, ein schärferes und richtigeres, als es die zahlreichen, meist vor Jahren gewählten deutschen Parlamente ausweisen. Es wäre übertrieben, zu sagen, daß der lärmende Antisemitismus bei diesen Wahlen in besonders großem Maße hervorgetreten wäre. Wohl prangten überall die aus Deutschland bekannten Plakate und Aufschriften, wohl traten in allen Versammlungen der bürgerlichen Miitelparteien die bekannten Sprengkolonnen auf und machten in den Versammlungsinseraten die stereotype und für das Niveau eines Wahlkampfes von heute so bezeichnende Formel nötig: „Gäste, die sich der Hausordnung fügen wollen, willkommen." Was aber in weit höherem Maße dieser Wahl das Gepräge gab, war der Einzug von sieben deutschsozialen Abgeordneten in deck Volkstag (die der Demokratischen Partei' entsprechende Deutsche Partei erhielt acht Sitze!) und die Rolle der Judenfrage in fast allen Parteien. Nicht weniger als dreizehn Parteien zogen in diesem Miniaturstaat infolge der Zersplitterung und politischen Kopflosigkeit des Bürgertums in den Wahlkamps. In letzter Minute kam die deutschsoziale Liste, auf der ein Drittel der Kandidaten aus Beamten der Post-, Zoll- und Polizeiverwaltung besteht, zusammen, sehr zum Aerger der Deutschnationakeu, die schon gehofft hatten, den deutschsozialeu Anhang für sich gewinnen 3U können, und zu diesem Zwecke streng völkisch orientierte Männer an die Spitze ihrer Liste gesetzt hatten. In ihrem völkischen ReinlichkettsbeDürfnis gingen sie sogar so weit, eine ihrer bisherigen Abgeordnetinnen, weil ihre Urahne Jüdin gewesen, zum Rücktritt zn zwingen. Die Dame kandidierte darauf für die „Danziger Volkspartei für deutsche Art und Sitte" (!), die sich aus Grund von Meinungsverschiedenheiten über die Stellung der Frau in ’ der Politik von den Deutschnationaten abgespalten hatte, sich schließlich jedoch an der Wahl nicht beteiligte. Ein ganz eigentümliches Gebilde, eine „C h r i st l ich - na 1 iona l c sozial e A u sgleichspart e i" mit stark arisch^antisemitischeur Einschlag verdankte der politischen Großmannssucht eines Zwischen Zentrum und Deutschnatioualen hin- und herpendelnden Wgeordneten seine Entstehung, ohne ihm jedoch das ersehnte Abgeordnetenmandat retten zu können. Aus den Boden des rechten Flügels der Deutschen VolLspartei im Reiche stellte sich eine das Unternehmertum repräsentierende Neugründung, die „Doutsch- Dauziger Volkspartei". Ein jüdisches V o r st a n d s m i t g l i e d w u-i'T)e kurz vor d er Wahl „au s taktischen Gründen" 31tnt Nücktritt veranlaßt. Die „Deutsche Partei für Fortschritt und Wirtschaft" zählt unter ihren Abgeordneten einen Juden, die Vereinigte Sozialdemokratische Partei zwei. Zwischen diesen beiden Parteien entstand eine Beamten- und Angestelltenpartei, die aus eine judenreine Liste, wiedermn „aus taktischen Gründen", Wert legte. Schließlich noch ein Wort über die Wähler der Deutschsozialen Partei. Wenn man die Wahlergebnisse in den einzelnen Wahlbezirken vergleicht, so stellt man fest, daß die Durchschnittszahl in der Stadt Danzig 50 deutschsoziate Stimmen war. In einigen Bezirken dagegen stößt man auf mehrere hundert Stimmen, und die Ursache? Es sind die Bezirke 79a und 87 mit den ehemaligen Train-, Husaren- und Maschinengewehrkasernen, die heute die Schutzpolizei beherbergen. Wenn es feststehen sollte, daß die Danziger Schupo kolonnenweise dentschsoziat gewählt hat, so wäre das außerordentlich bedauerlich. Wie es sich mit den Ausgaben der Hüterin der öffentlichen Ordnung verträgt, eine Partei zu unterstützen, die eine Dodfemdin der gegenwärtigen Staatsform ist, fragt man sich vergebens. l leb erblickt man das Ergebnis des Wahlkampfes, so stellt man fest, daß die stärksten Fraktionen Deutschnationale und Sozialdemokraten stellen, den eigentlichen Gewinn jedoch Kommunisten und Deutsch-soziale davontrugen. Dieser Zug nach den Extremen zeigt die Krankhastigkeit der politischen Verhältnisse in hellstem Licht. Wenn Danzig — wie man hier hofft — durch seine Währungsreform in wirtschaftlicher Beziehung festeren Boden unter den Füßen gewinnt, w i r d a u ch eine g e s ü n d e r e politische E i n - st e l l u n g P t atz greife n und den Antisemitismus mehr und mehr zurückdrängen. An der Zahl der antisemitischen Abgeordneten bei der nächsten Volkstagswähl wird man roie an einem Fieberthermometer feststellen können, wie weit die Krankheit überwunden und von gesunden politischen Ansfassnngeu verdrängt worden ist. Ick L.