Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 2 (1923)
- Issue
- 47 (30.11.1923)
- Date
- 1923-11-30
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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c7ßCoßIi88o rfLTER HEINBRAND , Der zweite Redner, Rechtsanwalt Df. Bruno Weil, weist darauf hin, daß. feit der Emanzipation >m Preußen, zum mindesten viermal es den Anschein gehabt habe, als ob die vollkommene Gleichberechtigung der Inden in Deutschland auch tatsächlich durchgeführt gewesen sei, und zwar nach dem siegreichen Feldzug von 1813, nach der Märzrevolution von 1848, nach den großen Kämpfen der sechziger Jahre und des siebziger Krieges, und endlich zu Beginn des Weltkrieges lind nach der Revolution von 1918. Jedesmal sei aber eine Reaktion dieser Epoche gefolgt. Es lasse sich aber nicht verkennen, daß der Antisemitismus in seiner gegenwärtigen Form von dein des vergangenen Jahrhunderts durchaus verschieden sei. Die moderne antisemitischvölkische Bewegung sei ans der Niederlage und dem Druck der Außenpolitik geboren. Sie finde ihre Nahrung in der inneren wirtschaftlichen Lage des Reiches, die dauernd trostloser werde und nach einer kurzen Scheinblüte zum Zusammenbruch großer BevMerungskreife geführt habe. Es sei irrig anzunehmen, daß zu diesen Bevölkerungsschichten Juden nicht gehörten. Vielmehr sei das große Heer der jüdischen Akademiker, der freien Berufe, der Angestellten mit ihren christlichen Berufsgenossen gleichermaßen enteignet. Der Antisemitismus völkischer Observanz stütze sich nur aus R a s s e n i n st i n k t e und führe gleichzeitig einen Kampf gegen die positiven Religionen. In München sei es zu heftigen Ausfällen gegen die katholische Kirche gekoinm-en, und eine ungewollte Verteidigungssront bilde sich zwischen den positiven Bekenntnissen gegen den völkischheidnischen Jdeenkreis der Antisemiten herauf. Trotz der betrüblichen Erscheinungen in München, Nürnberg und in ganz Bayern, bei denen bk Staatsgewalt nicht sofort mit der nötigen Entschiedenheit für den Schutz friedlicher Bürger gesorgt habe, lasse sich nicht verkennen, daß die Freiwerdung der deutschen Juden große Fortschritte gemacht habe, und daß es sich jetzt um die Verteidigung des Errungenen handle, während das vergangene Jahrhundert von dem Kampfe um die Erringung der Gleichberechtigung ausgefüllt gewesen sei. Ter moderne Kamps findet zudem auch ein seiner Kräfte und seiner Abstammung selbstbewußtes Judentum, das im Bewußtsein, mit dem Geschick des deutschen Vaterlandes für alle Zejten verbunden zu sein, st o l z aus seine jüdische Vergangenheit, den ihm aufgezwungenen Kamps mannhaft und mit Entschiedenheit durchführen werde. Der Antisemitismus, den Kaiser Friedrich III. als die Schmach des 19. Jahrhunderts gebrandmarkt habe, sei im 20. Jahrhundert angesichts der inneren und äußeren Lage des Reiches zu einer kapitalen Du m m h e i t geworden. Darauf nimmt t* m*h **• S"“** *'“** ‘ Die Erzählung vom Propheten Jona: Gewaltiger Sturm. Das Meer geht hoch. Das Schiff droht zu zerschellen. Die Schiffsleute in ihrer Angst werfen das Los. wer schuld sei au dem Unglück. Und es fällt auf Jona, den Juden. Der aber liegt im Bauche des Schisses und — schläft. Bis der Schisfsmeister unsanft ihn rüttelt: „Wie lange noch willst du schlafen?" Das Spiegelbild der Stunde. Volksnot. Auf den sturmgepeitschten Wogen treibt das Schiff des deutschen Volkes und droht zu zerschellen. Man lost um den Schuldigen, und wieder fällt das Los auf den Juden. Der aber schläft. Wie lauge noch wollen wir schlafen? Der Judenhaß hat seinen Höhepunkt noch nicht erreicht. So wenig wie die Volksnot. Des Volkes Pein geht weiter, und in dem gequälten, getretenen, geschändeten Volke speichert sich weiter Verzweiflung, Wut, Haß bis zum Bersten. Nach außen kann dies alles sich nicht entladen, um so leichter wird auch in Zukunft die Ablenkung aus den Juden sein. Dazu weiter wachsende Not im Innern. Kälte, Hunger, Arbeitslosigkeit. Und die schwerste Belastungsprobe: die Umstellung von der Zahlenlüge auf die harte Wirklichkeit unseres Elends. Gesteigerter -Druck von außen, gesteigerte innere Not: das sind die Gründe, aus denen der Judenhaß weiter seine Kräfte ziehen, wird. Der Gefahr ins Auge sehen! Aber sie nicht überschätzen! Wir Juden, in tausendjähriger Leidensgeschichte gestählt, lassen uns durch Eintagserlebnisse nicht von unserem geschichtlichen Grunde abdrängen. Trotz allem und mehr denn je fühlen wir uns eins mit dem deutschen Vaterlande. In seinem Glücke dursten wir schweigen, nicht sicher vor Mißdeutung unseres Gefühls. Irr seinem Unglück bekennen wir laut: Wir stehen au ihm, in Leid wie in Freud! Wie sehen wir die Gegenwart? Wie die Zukunft? Wir Juden bringen unsere eigene Betrachtungsweise an die Dinge. Wir tragen in uns den Maßstab unserer Geschichte. Wir stehen vor den Makkabäertagen. Was hat sich im jüdischen Bewußtsein niedergeschlagen von jenen Geschehnissen der Vorzeit? Kein Heldenbericht, keine Siegesklünge . . . Eine fromme Erzählung vielmehr ganz anderer Art. Unter den Trümmern des wiedergewonnenen Heiligtums fand sich ein winziges Krüglein mit Oel, das rein geblieben war. Daran entzündete sich von neuem der Funke, der anwmhs zur leuchtenden Flamme. Das ist die Idee des Judentums: Nicht Macht, nicht Kraft, nicht Gewalt, sondern der Geist isüs, der entscheidet. Das ist auch die Schicksalsfrage Deutschlands: Wird unter den Trümmern seines Zusammenbruchs ein neuer Makkabi ein Krüglein finden unbefleckten Oeles, an dem die heilige Flamme sittlicher Kräfte sich entzündet, die die Wiederauferstehung und die. Ewigkeit bedeuten? Was haben wir Juden zu tun in dein uns aufgezwungenen Kampfe? Das Wort Hillets zu beherzigen: „Wenn ich nicht für mich bin, wer sonst soll es sein? Wenn ich nur all mich denke, was bin ich dann? Und wenn nicht jetzt, wann dann?" Staat und Behörden haben ihre Pflicht zu tun, uns ben Schutz zu gewähren, auf den wir ein Recht haben, und für die Ordnung zu sorgen, ohne die das Chaos kommt.' Aber: Wenn ich ilicht für mich bin, lvenn wir selbst nicht nufere Sache führen mit denr letzten Einsatz nuferer Kraft, wer sonst soll es tun? Und jeder ei nzelne von uns hat die Pflicht. Jeder muß sich bewußt sein der Verantwortung, die er gegenüber der jüdischen Gesamtheit trägt. Wenn ich nur an-mich denke, was bin ich dann? Ein Jude, der nur an sich denkt, sich nicht in jedem Augenblick bewußt ist, daß er mit seinem Tun und Lassen im Haus und in der Oeffentlichkeit, in der Gesellschaft und im Beruf, die Gesamtheit mitverschnldet, der all Selbstzucht und Zurückhaltung, au Lebensernst und Rechtlichkeit es fehlen läßt, ist ein Verbrecher an seiner Gemeinschaft. Und'endlich: Wenn nicht jetzt, wann dann? Nie waren die Zeiten so ernst. Wenn die Stunde höchster Gefahr uns nicht das Gewissen schärft, zur Pflicht uns ruft und dell Opserwillen weckt,' wann daM soll es geschehen? Wenn das deutsche Judentum seine Pflicht^begreift ulld sie übt, daun wird es die Schwere der Gegenwart und Zukunft überdauern, wie es durch das Leid vergangener Zeiten geschritten ist uni> wird zu seinem Teile mit beitragen zum Wiederaufbau und zur Herbeiführung glücklicherer Zeiten für unser Vaterland und die Menschheit. Nachdem der Vorsitzende, Justizrat Dr. Julius Brodrntz, die einst i nt m ige A n n a h m e der e i n g a n g s w i e berge g e b e n e n Ents ch l i e ß u n g f e st g e st e I l t hatte, führte er aus: Die heutige Versammlung irnd der spontane Beifall, der allen Ausführungen der Redner gefolgt sei, laßt keinen Zweifel darüber,' daß hinter den Führern die große Schar unserer Freunde auch in dieser schweren Zeit stehe und die Pflichten zu übernehmen bereit sei, die die Gegenwart uns auserlegt. Die heutigen Versammlungen, die nach den inzwischen eingegangenen Berichten sämtlich in der gleichen erhebenden Weise verlausen sind, sind für uns, die nur tu vorderster Reihe zu kämpfen haben, ein Ansporn, wie er besser mls nicht gewährt werden kann. Wir haben es stets als unsere Aufgabe betrachtet, den Dingen, soweit sie uns aufs allerpersönlichste an gehen, in Ruhe gegenüberzutreten. Wir können dies nur, i n d e nt wir uns -K rast entnehmen aus den E w i g feit s - l e h r e n unseres Judentums, die allen Pr ü s u n g e u gegenüber niemals Resignation anskommen lassen. Wir sind stolz darauf, Idealisten zu sein und zu bleiben. An alle muß der Ruf ergeben, die Stoßkraft unserer Bewegung m fördern unter Einsetzung aller ideellen und materiellen Kräfte. Es ist nur zu begreiflich, daß die jetzige Zeit Nervosität auslöst, und daß gutmeinende, aber umnsormierte Kreise glauben, daß jetzt erst etwas getan werden müsse. Wenn wir mit unserer Arbeit solange gewartet hätten, bis das Haus brennt, dann würde es heute anders aussehen in unserem Vaterlande. Ieder muß in seinen Opfern an die Grenze des Möglichen, ja weit hinaus über dasjenige gehen, w a s man früher für möglich gehalten Hütte. Wenn mit der Begeisterung und der Opferfreudigkeit, die aus der heutigen Versammlung spricht, unsere Freunde weiter mit uns gehen, so werden wir als echte jüdische Idealisten auch durch diese schweren Tage erhobenen Hauptes gehen. * In der Alhambra am Moritzplatz waren zirka 500 Mitglieder aus den südlichen Stadtteilen versammelt. Dr. med. Edmund Werner wies in seinen Bsgrüßungsworten aus den Ernst der politischen Lage hin. Die wirtschaftliche Not unseres Volkes steige von Tag zu Tag/ und dunkle Mächte seien am Werke, Not und Elend unserer Tage politischen Zwecken dienstbar zu machen. Das Treiben Luden-