Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 2 (1923)
- Issue
- 47 (30.11.1923)
- Date
- 1923-11-30
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Einzelnummer 10 GolKpfennig Serlin, 30. November 7023 II. Jahrgang ❖ Nr. 47 Blätter fürOrutsclUumWj unäTuoentum. 'vryan 0es LLntnü Vereins üeoticlrer StaatsdüryerjüMcllen Maudens*« Verlag u. Schriftleitung: Lentral-verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens e.v. Gerlin SlVdS, Lindenftr. 13 Fernsprecher: Amt Dönhoff 3594, 3595 Telegrammadresse: „Centralglauben Berlin" Postscheckkonto: Berlin 30472 Bankkonto: Dresdner Bank, Wechselstube O, Berlin SW 68, Lindenstr. 7 Monatsabonn em eni (ein viertellährliches gibt es vorläufig nicht) 4V Goldpfennlg Alleinige Anzeigenannabme: Annoncen-llxpedition Rudolf Bwsse, Berlin SW 19, und deren Filialen. Anzeigenpreise: 0,60 Goldmark für die 7 aefpaltene Zeile nach Rudolf Blosses Normalzeilenmesser Nr. 4, Familienanzeigen und Slellengeüiche für Mitglieder des Central-Bereins 0,30 Goldmark, die 90 mm breite Reklamezeile 3 Goldmark. Jtir Sk» lMkrsOsii - wiSer Sie SelWrßkMi. Kundgebung des (entral-vereins in der Reichshauptstadt. G Vier überfüllte Massenversammlungen in den größten Sälen Berlins, zum Sonntag, den 25. November, vom Central-V erein deutscher Staatsb ürger jüd i s ch e n G l a u 6 ens einberufen, nahmen einmütig folgende Entschließung an: Tausende vom Central-Verein ventscher Staatsbürger jüdischen Glaubens zu den heutigen Versammlungen aufgerufene Inden Berlins fordern im Bewußtsein ihrer unlösbaren Verbundenheit mit dem Schicksal des deutschen Vaterlandes die jüdischen Mitbürger in den deutschen Gauen auf, mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Kräften für die unversehrte Einheit des Reiches und für die Wiedererstehnng ans harter Bedrängnis zu einstiger Blüte und Größe einzntreten. Der Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, als berufenster Verteidiger der staatsbürgerlichen Stellung der deutschen Inden, weist alle Angriffe, die geeignet sind, den nach jahrhundertelanger mühseliger Arbeit beendeten Emanzipationskampf der Inden in Deutschland wieder aufleben zu lasten, entschieden ab. Er wendet sich gegen das verbrecherische Treiben und die Gewalttätigkeiten verblendeter Kreise, die die Selbstzerfleischung des deutschen Volkes fördern, indem sie den Bemühungen, alle Kräfte zum Wiederaufbau und zur Befreiung des geknechteten Landes znsammeuzufasten, die Hetze gegen einen einzelnen, in der Minderheit befindlichen Bevölkerungsteil voransetzen. * In dem Niesen raum des M a x m orsaales a m Z o o waren die westlichen Ortsgruppen so zahlreich vertreten, daß er bereits dicht gefüllt war, als der Vorsitzende des . Centralvereins, Justizcat Dr. Julius Brodnitz, die Massen willkommen hieß. Er erteilt das Wort Zunächst den: Ehrenvorsitzenden des Centralveveinsi. Geheimen Jnstizrat Engen Fuchs, der aussührle: 1 Wir haben das Bedürfnis empfunden, uns heute wieder einmal zu versammeln, um durch -Zusammensein und Aussprache uns von der Not der schweren Zeit zu erholen. Der Redner schildert ausführlich, wie oft im Laufe der Geschichte in Zeiten äußerer Not und Bedrängnis die Juden den bewährten Sündenbock äbgebeu mußten. So macht man sie auch Heute für alle Not des Vaterlandes verantwortlich. Eine fürchterliche Hetze gegen die Juden vergiftet die öffentliche Meinung. Die Hetze hat blutige Saat gezeitigt. Die Schamröte steigt einem zu Kopf, wenn man von den Ausweisun- , gen der Juden in Bayern hört, wenn die gestrigen Zeitungen berichteten, daß die polnische Regierung d u r ch V e r m i t t - l u n g ihres Berliner G e s a n d t e n s i ch bei m N e i ch s - k a n z l e r ü b e r die Mißhandlung und P l ü n d e r u n g polnische r Staatsbürger j ü d i s che n Glaub c n s b e° s ch w e r t h a b e. Wenn Deutschland sich das von Polen sagen lassen muß, so ist das ein Monument von unserer Z e i t e n S ch a n d e. Das ist nur zu erklären, wenn gewissenlose Hetzer, die ihr Geschäft treiben, . der Welt suggerieren, daß jüdisch alles ist, was mißfällt, daß Wagemut ebenso wie Feigheit, Servilismus ebenso wie lleberhebnng, Kritik ebenso wie Angriffe, Kapitalismus ebenso tute Marxismus und Bolschewismus jüdisch ist. Was ist zu hur? Als vor 100 Jahren der korsische Eroberer die deutsche Nation knechtete, und sie um ihre Befreiung rang, da hat Fichte ihr das befreiende Wort zugerufen, daß kein Mensch und kein Gott rutd keines .von allen im Gebiete der. Möglichkeit liegenden Ereignissen weiter helfen kann, und daß wir uns selbst helfen müssen, falls uns geholfen -werden solle. Geholfen kann uns nur werden, wenn jeder im Nahmen des Vereins kämpft für die Gleichberechtigung der Judenheit und für die Gleichberechtigung des Judentums, wenn wir Selbstbewußtsein haben und Selbstzucht üben, unsere Pflicht gegenüber den Glaubensgenossen und den Menschen erfüllen. W i r w o l l e it u n s e r h -e b e n , u i ch t klag e n. Wir haben gelernt, zu leiden und zu ertragen. Israel ist wie keine ztveit-e Bekennerschast durch die Schute des Leidens gegangen. Selbst die Tragödie seiner Geschichte konnte seinen Optimismus nicht erwürgen. Airs dem Boden unseres Glaubens wollen wir uns in dem Schmerz erheben und getreu der Mahnung Fichtes an die deutsche Nation durch innere Einsicht in unsere Lage, in unsere noch übrig gebliebene Kraft die Mittel zu muerer Rettung suchen. U n } e r e Rettung kann n i ch t liege n in d e r Vertröstung auf Hilfe, d i e v o n außen k o nt m t, s o n d e x n in der Kraft des Gemüts. Denn nicht die Gewalt der Arme, noch die Tüchtigkeit der Massen, sondern die Kraft des Gemütes ist es, die Siege erringt. Wie schon einmal sittliche Kräfte dem zw sammengebrochenen Staat zur Neu gebürt verhalfen, so können es jetzt auch nur sittliche Kräfte sein und die befreiende Macht des Geistes. Wenn wir Selbstzucht üben, nicht protzig austreten und doch voll Stolz unser Judentum vertreten, so ist uns um die Zukunft nicht bange. . . Was die Legionen Roms, was die Scheiterhaufen des Mittelalters überwunden hat, was das Elend und die Knechtschaft der Jahrhunderte nicht zermürben konnte, was durch euch und uns seine Schwungkraft wieder erhalten hat, wird auch weiter lebendig und lebenskräftig bleiben auf dem Boden'unseres Vaterlandes.