Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 2 (1923)
- Issue
- 45-46 (23.11.1923)
- Date
- 1923-11-23
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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347 Dunkle Tage. Schwere /lusjchreitungen in Derlin unö im Reiche. Die vergangene Woche hat die Ha uP tge schü f t s sie L l e des C e n Lralvereins einer schweren Belastungsprobe unterzogen. In den Tagen der Gefahr zeigt es sich ob die Stunden der ruhigen' Vorbereitung und planmäßigen Arbeit genutzt worden sind xutb eine ausreichende Attionssähigikeit herbeigeführt °haben. Trotz all dem Niederdrückenden nnd^Cmtsetzlichen/ivas wir erlebt haben, kann es den Männern an der (spitze des Gentralvereins eine gewisse G e n u g - Luung sein, daß die nervenzerrüttende Tätigkeit der letzten Wochen und Monate nicht vergebens geleistet wurde.' Wer den Sturm auf unsere Fernsprecher am 5. und 6. November*) nniterlebt hat, wer gesehen hat, wie in tatkräftiger Zusammenarbeit mit der Führung des Frontbnndes sofort zur Abwehr der pogromartigen Ausschreitungen geschritten werden konnte, wird sich vornehmen, nie mehr die gedankenlose Frage an sich oder Umstehende zu richten: „W a s tutder Ce ntr al v e rei n?" Wir sahen die blutige Saat ausgehen und wußten, daß politische Hetze und wirtschaftliche Not Pogvomsrüchte reifen lassen würden. Dem gerechten Sinn der Behörden, wie unseren unermüdlichen Bemühungen ist es zu verdanken,^ daß Schlimmeres verhütet wurde. Den Auftakt zu den Ausschreitungen in Berlin, die durch die Tagespresse hinreichend bekannt geworden sind, bildete ein Leitartikel des „Deutschen Tageblatts" aus der Feder des Herrn W u l L e: ' „D a s Volt verhungert. Im wilden Taumel überstürzen sich die Preise . . . Ein grotesker Anblick, die Ernte ist unter Dach .und Fach und das Volk hungert bei vollen Scheruren. Warum? Weil nur unsere Währung von einem Dutzend Grotzjuden in New-Uvrk und Berlin bestiinunen lassen und nicht von dem Wert der eigenen- Arbeitsleistung und der eigenen Prodnlktion. Es ist den Juden in der Tat gelungen, ein ganzes Volk buchstäblich hungern zu lassen, wei) diese New-Borker Großschieber mit Hilfe der lächerlichen Goldbafis unsere Valuta bestimmen und jetzt täglich den Wert der Mark ■u m die H ätste herab setzen ... Das Volk friert. Zwar ist für den Hausbrand trotz Ruhrbesetzmlg genügend Braunkohle vorhanden-, es wird auch verhältnismäßig gut gelfördert. Kohlenbergö liegen da. aber das Volk tarnt die Kohlen nicht kaufen. Unser ganzer Nativ nalreicktuin und Nativnalbrsttz wird in der Tat dem deutschen Volte enteignet. Waruin? Weit die Now-No-rker Börsenjuden swischerrdem Produzenten und dem KonlsnmenLen die Papiermavk eingeschoben haben, über die nicht der Werte sthastende Deutsche, sondern eben der Jude bestimmt. Der New-Dvrker Jude entscheidet darüber, ob der Deutsche sich Kohle «kaufen kann, entscheidet über den Preis, und der deutsche Michel friert und erfriert bei hohen Kohlenbergen. -und die Regierung? Sie berät über Krisen, sie . berät über eine «neue Währung, sie berät über alles Mögliche, nur über eins berät sie nicht, nämlich darüber, wie.man die deutsche Arbeit und die deutsche Erzeugung u-nab'hängig von den Börsenschiebern den Deutschen zugute kommen Lassen kann. . . . Jetzt ist die Zeit reis, die Not lehrt beten. Und das Gebot, das heute ans aller ^Lippen liegt und ries aus dein Herzen dämmt, ist der Anfang der Selbstbesinnung des deutschen Volkes. Gewiß, nur der Anfang, aber es hat viel Arbeit getestet. dis überhaupt der Anfang kam. Jetzt ift'er da. und dieses Ansangsgebet 'lautet: „Hub € i i ö s c n n s v o n d e m XI e b e l." Die Herren Maurenbrecher, Wülle und stanze stützen ihre dunklen Pläne auf die Straßendämmerung, die H i r u e u n d Herzen der Arbeitslosen. Aus den Zentren d i e s e r unglücklichen Armen, die sich von völkischen Hetzern mißbrauchen ließen, wurde der Stoß in das Berliner Ostjudenviertel geführt. Düs Leben und Treiben in der Grenadierstraße war schon seit langem den Bolksaufwieglern Willkommener Anschannngsnnkerricht für gewissenlose Hetze. Obwohl die Schupo sofort eingrisf, war sie dein unerwarteten Ansturm vieler Tausender nicht gewachsen. Plünderungen, Ausräubungen, Mißhandlungen jagten . sich wiib in den schlimmsten Zeiten des Mittelalters. Ein unvergeßlich beschämender Anblick für jeden, der diese Schmach des Jahrhunderts mit ansehen mußte. Es ist auch schon durch die Presse - bekannt, daß es vielen jüdischen Frontsoldaten recht übel, erging und daß der Geschäftsführer d e r G roß- B e r l i n e r O rtsgruppe n des C e n t r al ve r e i n s es int r ei nem Wun d er Zu.verdank e n h a t, d a ß e r m i t d ein Leben davongel o m ment st. Sobald die Schupo in einer achtunggebietenden Stärke dem Pöbel entgegentreten konnte, faßte sie fest zu. Mehr als fünfhundert Zweifelhafte Gestalten wurden im Polizeipräsidium eingeliesert. Wenn auch am Mittwoch und Donnerstag durch die umsichtigen Maßnahmen der Polizei Störungen der Ordnung nur vereinzelt zu verzeichnen waren, auch diese vereinzelten Ausschreitungen zeugen von einer so brutalen Verirrung aufgehetzter Voltskreise, ~ daß man gewisse völkische Führer um d-en Erfolg ihrer Arbeit nicht beneiden möchte. Am Mittwochnachmittag kehrten L H d tragende I *) Ein Teil dieses Berichtes war bereits für die nicht, erschienene Nummer der „C. B. - Fettung" beftümnt. Die Schriftleitmrg. Von der.Beerdigung des Verstorbenen Jnsiizrats U. heim. Auf die nn der Haltestelle des Weißeuseer Friedhofes Bersantinelteu drang ein Pöbelhause ein und bedrohte und mißhandelte sie. Der Sohn des Verstorbenen umrde zu Boden geschlagen und gefährlich verletzt.. Ebenso ein Neffe des Verstorbenen, der sieh infolge einer Krankheit nur ''mühsam fvrtbewegen tonnte. Als unser Berliner Geschäftsführer b l u t ü b e r st r ö m t aus ein Auto der Schutzpolizei geschleppt nmrde, fuhr dieses unter dem johlenden Hurra des Mol, in der Grenadierstraße davon. Mögen die Drahtzieher dieser unmenschlichen Ausschreitungen Freude an ihrem. Werke empfinden, mögen die völkischen Zeitungeii in Berlin ihr Gewissen beruhigen, indem sie von der „Rache des hungernden Volkes" sprechen. Die schweren Tage haben gezeigt, daß die völkischen Führer Raub und Mord an Juden nicht verschmähen, um znm politischen Ziele zu gelangen. An dieser Tatsache ändert auch nichts, daß die „D eutsche Zeit u n g" vom 6. November „dem drersten Versuch" vorbengt, „das Kommende schon jetzt auf deutschvölkische Süudenböcke abzuschiebeu" und sich wie folgt unvoreingenommen gebärdet: „Immer wieder maß man in den Zeitungen lesen, die „Sveknlatwn" habe diese oder jene Nichtswürdigkeit begangen, „es" sind folgende Bestimmungen und Verordnungen mißbraucht worben. Wer ist dieses „cs"? _ Wer macht die „Spekulationen"? Die VoMstimme antwortet daraus kurz und bündig: „Die Inden", und meint dabei hauptsächlich die eingeivanderten Ostjuden. Auch hier wollen wir keinesfalls von vornherein, ohne die Beweise dafür in der Hand zu haben, die Beschuldigungen als berechtigt erklären. Außer den L>stjuden ist sicher auch ein gewisser Teil unseres jetzt verwahrlosten und verkommenen Volkes mitschuldig. Warum aber hören wir niemals von drakonischen Strafen «gegen dieses Gesindel, das uns mit unseren letzten Groschen bringt? Waruin wächst die- Zahl der Berliner Neureichen im Verhältnis beinahe «ebenso schnell, wie die Zahl der. Verzweifelten und Selbstmörder? Auch hier müssen wir neben der säumigen Staatsgewalt der Presse harte Vorwürfe machen, diesmal alllerdings meiir der bourgoisen Judenpresse. Was brachte sie zmn Beispiel gestern über die Trinrrclie im Judenviertel? Wehleidiae Klagen über die mißhandelten Juden rrnd freche Bezichtigungen der Döl-Lischen, als „anlisemitische?lgitatoren" das Ganze angezettelt zu haben. So wird die Lust immer dicker werden und das Gewitter nicht mehr aus.zuhalten sein." Vemvrkensw'ert ist, daß die G e w e r k s ch a s t s v e r - t x e t n n g e n b e r 33 c x l i n c r A rbeiterschast in einenr Aufruf: „Arbeiter! Die Augen auf!" ihre Mitglieder lvarnen, sich für die dunklen Plane der Bölkischerr gebrauchen zu lassen. In der Abendausgabe des „Vorwärts" vom 8. November leitartikelt Artur Erispin Liber die Jndenhetze unter der Xieberschrift: „Arme Betrogene" und erinnert an einen Ausspruch Friedrich Engels: „Das Lumpenproletariat, dieser Anhub der verkommenen^ Subjekte aller Klassen, der sein Hauptquartier in den großen Städten anfschlügt, ist von allen möglichen Bundesgenossen der schlimmste. Dies Gesindel ist absolut käuflich und absolut zudringlich. Wenn die französischen Arbeiter bet jeder Revolution an die Häuser schrieben: Mort anx voleurs! Tod den Dieben! nnd auch manche erschossen, so geschah das nicht aus Begeisterung für das Eigentum, sondern in der richtigen Erkenntnis, daß man vor allem sich diese Bande vom Hals halten müßte. Jeder Arbeiterführer, der diese Lumpen als Garde verwendet, oder sich auf sie stützt, beweist sich schon dadurch als Verräter nn der Bewegung." Planmäßige Angriffe auf jüdische Einwohner sind in Bayern vor dem Hitler-Putsch an der Tagesordnung gewesen. Die Weiterentwicklung der Dinge ist zur Stunde nicht zu übersthen. Besonders bedenklich häufen sich Gewalttätigkeiten in der letzten Zeit in N ü r nberg. wie ans einer Eingabe der Ortsgruppe Nürnb e r g d e s E. V. an die P o l i z e i d i r e k t i o n h e r v o r g e h t: „Anbei unterbreiten «wir der Polizeidirekiivit Berichte über mehrere llebersälle, die in Nürnberg in Veit letzten Tagen Vorgekvitmren sind. (Fol(st die natnentliche Anszühlung brr Opfer.) Bedürfte es neben den Berichten noch anderer Beweise, sv wären sie in Tatsachen zu.finden, die der Polizetvirekuotr bereits bekannt sind. Am 27. Oktober, haben bewassnete Slurmlrnvvs eine Reihe von Gaststätte cc b.'urchsncht, und Leibweise Gewalttätiakeiten verübt: im Cafb „Zentral" hat der Führer «der Stnrmtrnpps in einer Ansprache erklärt, es loürde in den nächsten Tagen das Bankhaus Anton Kvyn gestürntt werden. Ohne polizeiliche Erlaubnis waren an den verschiedensten Stellen der Stadt, insbesondere an Plakatsäulen, Zettel anqeschlaqen, die offen zur Judcnermordung aufsordern; es heißt in diesen Zetteln unter anderem: „Erwürgt den Juden", und der Schluß lautet: „B a ti t Galgen, h äugt sie daran auf, schont keine!" „B l n j muß fließen, Jndenblut." Diese Zettel sind in der Zwischenzeit teilweise von der Polizi entfernt: an einzelnen Stellen der Stadt, fv der Plakatsäule gegenüber, denl AlbvechL-Dürer-Haus, ist der Zettel noch mit einigen geringen Beschädigungen sichtbar. Bekannt dürfte der Polizeidirektivn auch sein-. Daß in der Nacht vom 28. aus 29. Oktober bei einer Reihe von jüdischen Geschäftsinbabern (Albert Acüller, Kvnigstraße, Bartich, Tietz, Lansergasse), die Schaufensterscheiben eingeschlageit wurden. Wachtnteisier Herrmann soll dem Vernehmen ttach bereits festgestellt haben, daß die Täter, sämtlich aus dem Beckengarten, 'also dem Versammlungsort der Nationalsozialisten, igekonunen sind.