Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 2 (1923)
- Issue
- 44 (2.11.1923)
- Date
- 1923-11-02
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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340 Die Lehren -es H-chverratsprozesses Zuchs.-Mach Haus. Dr. C h a r i g (Hannover). Jever, der aus politischen Prozessen für seine politische Bildung Gewinn ziehen will, muß zum Verständnis der bayerischen Verhältnisse eine Schrift gelesen haben, die unpassender als alle Presseberichte und sonstigen Veröffentlichungen einen vorzüglichen Einblick in die Dinge gewährt. Vor kurzen: ist in München das Stenogramm über die Verhandlungen vor d e m V o l k s g e r i ch L g e g e n Fuchs und Genossen -erschienen, das mit seinen 232 enggedruckten Seiten spannender wirkt als mancher Kriminalroman. Betrachten wir Zunächst die drei Hauptangeklagten. Keiner von ihnen weilt mehr unter den Lebenden. Kühles und.M ach haus haben schon vor ihrer Verurteilung, Fuchs bald danach freiwillig den Tod gesucht. Alles Persönlichkeiten, die, im politischen Leben bisher völlig unbekannt, dennoch eine Stellung errungen haben. Wieder einmal erlebt man das Schauspiel, daß Leute, über welche Menschenkenner zum Teil vernichtende Urteile fällen, die Politische Macht an sich zu reißen imstande sind. t An erster Stelle steht da Machhaus, ein Kapellmeister nnt einem Fan-atismuS sondergleichen und einer ebensolchen Willenskraft. Einer von jenen, die der Krieg entwurzelt hat und die sich im bürgerlichen Leben nicht mehr zurechtfinden konnten, zumal er auch infolge seines Berufes in den Strudel der Verarmung geraten war. Ein Freund, der Mediziner ist, urteilt über ihn: „Machhaus war wahnsinnig überreizt, überhetzt, übersteigert, sein ganzes Wesen war ein Vulkan, der nicht zur Ruhe kam." Ich sah immer einer Katastrophe nervöser Natur entgegen." Was Wunder, daß dieser Mann auch als glühender Antisemit geschildert wird, der, wie Rüge bekundet, in den Juden die Wurzel und den Grund unseres Unterganges steht. Auch Fuchs, dem für seine literarische 'Betätigung der Professortitel verliehen wurde, gehört zu denen, die als „wahnsinniger Idealist,' der in der heutigen Zeit keinen Fuß fassen könne", uns vorgeführt wird. Bemerkenswert ist, wie ein guter Freund, der ihn seit 40 Jahren kennt, sich ausläßt: Fuchs habe eine große Begabung für Schlagworte gehabt und sich an solchen gern berauscht. Sein eigener Verteidiger bemerkt einmal, 'der Angeklagte habe „ein Vergrößerungsglas im Gehirn". Gelegentlich erklärte Fuchs, er sei nie Antisemit gewesen, während an einer anderen Stelle ein Zeuge aussagt — es ist der ehemalige Leiter der politischen Polizei in München —: „Wir, Herr Präsident Pöhner und ich, haben insofern gemeinsame Ansicht nnt Fuchs, als wir mit ihm und wohl mit verschiedenen anderen Leuten in München die Abneigung gegen* das jüdische und sozialistische Berlin empfanden." Der Dritte, Rechtsrat Dr. Kühles, früher Leiter der Münchener Kohlenstelle, bietet keine Besonderheiten. Dagegen muß noch -ein Wort über den wegen Beihilfe zum Hochverrat verurteilten Kaufmann Munk gesagt werden: Er war Jude, hat sich dann aber taufen lassen, was ihn nicht gehindert hat, mit dem Judenfresser Mach'haus Zusammen zu arbeiten, und u tug e ke h r t i st a n ch M achh au s Are u n d und Gönner M u n k s g e wese n. Alle diese Leute wollten in das Schicksal unseres Vaterlandes mit Gewalt eingreifen und haben sich für diesen Zweck französischer Hilfe bedient. Der Staatsanwalt sagt, sie wären „die Totengräber Deutschlands" geworden, wenn ihr Streich geglückt wäre. L-ehr lehrreich ist die äußere Begründung, die Fuchs seinem Tun gibt. Immer wieder ist es „die bolschewistische Gefahr", die von Norddeutschtand droht und die von Bayern ferngehalten werden müsse. In Wahrheit war es nur der Gedanke der Loslösung vom Reich, der hierdurch verschleiert werden sollte. Woher die Angeklagten daS G e l d bekommen haben, darüber gibt der Prozeß leider auch nicht die volle Auskunft. Eins erkennt man aber: Geld war da tose Heu. Durch den f r a n z ö s i sch e u Ober st Richert füllte sich immer von neuem die Kasse der Hochverräter. Mehrfach findet ein Scheck über 1000 Dollars Erwähnung. Auch solche'über 500 itn-b 8000 französische Frauken kommen vor. Daneben schwirren Millionenzahlen 'mnher.- Das inciftc Geld haben die Empfänger dafür verwendet, die ihnen nahestehenden Verbände in ihrer Kampfkraft zu stärken, wobei ihnen allerdings nicht das falsche Spiel bekannt 'war, das mit ihnen gespielt wttrde. Anderseits versichern alle Zeugen, die als Führer irgendwelcher Bünde sich das Vertrauen von 'Fuchs und Machhaus errungen haben, das Geld sei stets „nur zu vaterländischen Zwecken" verwandt worden. Das Gericht führt in seinen: Urteil aus: „Man hätte das empfangene französische Geld nie anrühren dürfen, vielmehr hätte es sofort verbrannt werden muffen, denn »tan dürfe den Wiederaufbau des Vaterlandes niemals auf französisches Judasgeld stützen." Ganz anderer Ansicht ist darüber Herr Rüge. Er sagt, er habe dabei nichts Anstößiges empfunden. „Denn ich stehe auf dem Standpunkt, daß man dem Feind erst das Geld und das Leben nehmen muß." Der ultraradikale Judenhasser Privatdozent Dr. R u g e spielt im Prozeß eine große Rolle, und man gewinnt aus den Aussagen, die er macht, und aus denen, die ihn betreffen, einen eigenartigen Eindruck. Der Zeuge Hug schildert uns eine Zusammenkunft in der Wohnung des Rüge. Dort wurde der Plan zu jener Einrichtung gefaßt, die unter dem Namen Tscheka in einem späteren Verfahren Herrn Nuge aufs schwerste belastet hat. Die. Aussage ist so inhaltsreich, daß sie hier zum Teil im Wortlaut wiederaegeben werden soll. „Am 17. Februar hat To. Rüge nt ich und Vau in seine, Wohnung geladen und schlug wieder die Tscheka vor. Er schlna in dieser Nacht vor, mit Bau als Mitarbeiter. in der Tscheka. WutsbrüderschaHt zn machen. Die Blutsbrüderschaft zwischen-.mir und Bau wurde auch gemacht. Daraus sagte Dr. Rüge: „Jetzt sind Sie von jedem Eid, den Sie anderswo geschworen haben, entbunden-. Sie sind nur an Ihre eigenen Sachen gebunden, Sie haben nur sich selbst Rechenschaft zu-.geben. Sie müffennoch andere Leute suchen, um die Sache aktivistisch zu machen. Die ersten, die beseitigt werden müßten, sind Dr. Heim und Dietrich Eckart." Von der Beseitigung Schäfers wurde in dieser Nacht nicht mehr gesprochen. Tr. Nuge Zeigte uns ein Schüchtelchen mit Gift vor, teilweise Keine Fläschchen mit Gist, andere mit Salz. Er sagte, die Flüssigkeit kann nur in Tee ge geben, werden, sie wirke irr sechs Stunden tödlich, ohrre eine Spur Zu hinterlässen. Das Salzwirke in Flüssigkeit wie Gist. Am nächsten Tage kamen wir wieder zu Dr. Rüge. Rüge sagte, wir brauchen ungeheuer viel Geld für die Tscheka. ich solle zn- Machhaus ge hem und Geld holen. Er, Rüge, brauche 1JA: Millionen in Devisen, mit seine Familie sicherzustellen. Ich ging auch zu Machhans. der erklärte, er werde das Geld Dr. Rüge selbst hinbringen. . . . Nach der Anordnung R-uges verpflichtete ich Weinbrecht für die Tscheka. Barr und Weinbrecht sollten Tr. Heim in- Regensburg endo l che n, Tr. Rüge wollte Dietrich Eckart umbrmaen. Auf meine Frage, warum-, erklärte Rüge, das ist der Mann-, dev Hitler immer -aufreizt- und dannwieder -Zügelt, er sei ein Hindernis für Hitler. Eckart sollte durch Gist beseitigt werden." Daraufhin wurde Rüge dem Zeugen gegenübergestellt. Er bestreitet trotz der eidlichen Anssage des Hug alles aufs entschiedenste. Hochdramatisch endet diese Gegenüberstellung. Hug: „Ich habe heute früh die volle Wahrheit gesagt: Tr. R-u.ge hat grlvgen, Lie (zu, Dr. Rüge) sind ein ganz gemeiner Lügner." Rüge: „Ich habe Ihnen ja schon oft gesagt, daß Sie -ein ganz gemeiner/Lutnv find." Vors.: „Lv war die Gegenüberstellung nicht gemeint." ' Eine ganze Reihe von Zeugen lassen sich nun über Rüge des näheren ans. Der eine nennt ihn „mental überreizt", einanderer erklärt, „daß er jeden, der von Dr. Rüge angegriffen wird, für einen zweifellos nationalen und anständigen' Menschen halte". Wieder einer bekundet: Rüge sei geistig nicht normal,- sei pathologisch sehr schwer veranlagt. Er leide an Größenwahn und bezeichne sich selbst als den Vorkämpfer der völkischen Bewegung. Rüge hat in Münchener politischen Kreisen zweifellos eine Rolle gespielr. Mit der Reichswehr steht er auf gutem Fuße. Der ehemalige Adjudant des bayerischen Landeskommandanten zählt zn seinen Bekannten. Rüge spricht selbst mehrfach -von seinen Beziehungen zn- Reichswehrkreisen, die keine oberftächlichLn gewesen sind. Auch in der Polizeidirektion ist er ein öfters gesehener Gast. Der frühere Leiter der Polizei hat seine Telephonnummer sogleich Zur Hand, obwohl Rüge nicht int Fernsprechverzeichnis'stand. Durch den ganzen Prozeß zieht sich die Tatsache, daß ein „Führer" den: anderen mißtraut und -einer den anderen bespitzelt. Bon „allgenreinen Intrigen unter der Führerschaft" hören wir. Es wird ein allgemeines gegenseitiges Versteckspielen getrieben. Gerade der Gegensatz zwischen -dem Kreisleiter des B ln che r b u n d e s itnd dein Ortsleiter von M ü n che n beschäftigt immer wieder die Beweisansnahme. Zum Schluß hat dieser einen'solchen Grad erreicht, daß Rüge von der „S ch l e i ß h e i m e r ch l a ch t" sprechen fcmit. Denn dort ist es zu einer sehr lebhaften Auseinandersetzung gekommen, die uns ein Zeuge recht -anschaulich darzustellen weiß. „Die Stimmung in Schleißheim war eine äußerst gespannte. Wir waren vielleicht alle etw-as nervös geworden, infolgedessen saßen -beide Parteien mit Pi st o l e n in de r T a s che da, und man wußte nicht, ob es nach den Drohungen des Machhans zu Auseinandersetzungen fommeu würde." , Sieht man schon an diesem kleinen Beispiel, daß es auf Menschenleben gar nicht anznkommen scheint, so gewinnen wir ans anderen Aussagen einen noch tieferen Einblick in die -Geisteswelt der hier handelnden Personen. Das Wort „umlegen" ist feststehender Begriff geworden. Wer -irgendwie gefährkich erscheint, soll „umgelegt" werden. Wenn anr Tage des Pntsches Pöhner, Möhl oder andere zu- Staatsämtern ausersehene Mäntter nicht mitmachen wollen, so -wird einfach ihre Beseitigung verfugt, lieber das Schicksal Dr. Heimshaben wir schon gehört. Noch andere Personenstehen auf der „schwarzen Liste". Von solcher ist nämlich mehrfach die Rede. Gerade Machhaus legte auf diese besonderen Wert. Daß wir Juden bei all den Dingen nicht zn kurz foimnen, liegt auf der Hand. Mehrfach begegnet man Ansdrücken wie „Berliner Jndenwirtschaft". Der Hauptbelastnngszeng.e erklärt, Fuchs und Machhans hätten sich ihm gegenüber nicht genug i h r e s A n t i - s e m i t i s m it s r ü h m c n können. Einem nationalsozialistischen Führer gegenüber erzählt Machhaus, mu den Betreffenden zu gewinnen: „Die Aktion gehe hauptsächlich gegen die Juden, und da er, Lckieglbaner, einen kleinen Besitz von 'einem Juden gepachtet hatte, könne er durch die Teilnahme an der Aktion in den Besitz dieses Gütchens kommen." Aust der änderet: Seite' schelten sich die Herren nicht, ebensowenig wie ihr stockäntisemitischer Freund Richert, sich gelegentlich jüdischer Hilfen zn bedienen. Abgesehen von Munk tritt ab und zu auch ein gewisser Karsunkelstein ans. « Ueberblickt man noch -einmal das Gesamtergebnis des Prozesses, so versteht man, wenn der Verteidiger seine'Rede schließt: „Der Hochverratsprvzcß ist ein charakteristisches Flammenzüchen für die Verhältnisse, in denen wirleben. In welche Abarnnde hat man, im Verlaufe dieses Prozesses geblickt, welche Einblicke bat man gewonnen von Dingen, die hinter den Kulissen spielen-. Man stelle sich vor, man würde auf einen Augenblick den vaterländischen Mantel vor: all diesen, Erscheinungen hinwegzi-eh-en, welch grausiger Anblick bliebe dann übrig! Was ist das für eine Giftatmosphäre. in die man in diesem Prozeß -geblickt hat! Was ist das für ein Lurnivß der sich irr