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Central-Verein-Zeitung · 1923-10-27 · 43 (27.10.1923) · page 2

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
2 (1923)
Issue
43 (27.10.1923)
Date
1923-10-27
Page
– (sequence 2)
Language
German
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330 c7ACoBMER> von Marxismus spricht. Uns scheint aus dem Grunde, weil er die Instinkte der Masse durch das Wort Marxismus besser auszupeitschen glaubt. Denn Marx war, wenn auch in vielem Judengegner, immerhin jüdischer' Abkunft. Daß vielleicht die wichtigste Theorie von Marx, die sogenannte Werttheorie, schon vor Marx von englischen Theoretikern entwickelt worden war'), daß auch gerade die Marxsche Wertlehre einen sehr energischen Vertreter in dem alles anders wie sozialistischen, vielmehr streng katholischen Nationalökonomen Wilhelm Hohoss gesunden hat, weiß Herr Hitler nicht-). Es ist natürlich auch nicht wahr, daß, wenn schon einmal von Marx gesprochen wird, Marx damals national und sozial als stärkste Gegensätze hingestellt hat. Vielleicht hat er den Nationalismus und Sozialismus als miteinander unvereinbar gekennzeichnet, keineswegs aber ist es ihm jemals eingefallen, zwischen Begriffen, die gar nichts miteinander zu tunJja&en, Gegensätze oder Widersprüche ausstellen zu wollen. 'Sehen wir uns die zweite Grundlage der Hitlerschen Rede an. Wir bringen wieder wörtlich: „Zweitens aber sagten wir uns, es gibt und kann keine Klassen geben. Klasse heißt Kaste und Kaste heißt Raffe. Wenn es in Indien Kasten gibt — jawohl — dort ist das möglich, dort waren einst Arier und dunkle Ureinwohner. So war es auch in Aegypten und Nom. Bei uns aber in Deutschland, wo jeder gleiches Blut trägt, wer überhaupt Deutscher ist, wo jeder die gll.uche Sprache spricht, ba kann es leine Klaffe geben, da gibt es nur ein Volk und weiter nichts. Gewiß, auch wir erkennen an, daß es „Stände" geben muß und geben wird... Und »venu Sie nun sagen: „Es'muß aber doch einen Unterschied geben zwischen den redlich Schassenden und den Nichtstuern — jawohl!..." Wir möchten fragen, wozu diese eigentümliche „Beweisführung" gut ist. Sie dient dazu, um die dritte Behauptung des Herrn Hitler zu befestigen, welche da lautet: „Der Arier faßt Arbeit auf als Grundlage zur Erhaltung der Volksgemeinschaft unter sich, der Jude als Mttel zur Ausbeutung anderer Völker. Er arbeitet niemals als produktiv Schassender, ohne die große Aussicht, Herrschender zu würden. Er arbeitet unproduktiv als Benutzer und Genießer anderer Leute Arbeit. Und deshalb begreifen wir den eisernen Satz, den Mommsen einst sprach: „Der Jude ist das Ferment der Dekompvsttion der Völker." Das heißt: er zerstört und er m u ß zerstören, »veil ihm der Begriff der Gemeinschaft bildender Arbeit vollkommen fehlt. Es spielt dann keine Rolle, ob dieser Jude im einzelnen „anstündlg" ist oder nicht. Er trägt seinen Charakter zur Ansicht, den ihm die Natur verliehen, und er kann ihn niemals kaffen. Uns ist er schädlich." Wir wollen nicht viel über den Unsinn sprechen, der in dem Satze liegt: „Klasse heißt Kaste und Kaste heißt Raffe." Gewiß, Herr Hitler mag einmal gehört haben, daß das Wort Kaste ursprünglich in der Povtugiefischen Sprache Raffe und Stamm bedeutete. Er weiß aber nicht, daß selbst in Indien keineswegs die Einteilung in Kasten sich auf die Verschiedenheit der Rassen gründet. Von den ersten blutigen Zeiten nach der Eroberung Indiens abgesehen, hat der Raffenunterschied den Kastenunterschied nicht begründet, im Gegenteil. In Indien ist die Zahl der Kasten immer gewachsen. Die Kasten haben einen stark berufsmäßigen Charakter angenommen. Weder heißt Klasse Kaste, noch Kaste Rasse. Weiter fragen wir Herrn Hitler: Wie will er seine Ansicht begründen, daß' der Jude die Arbeit als Mittel zur Ausbeutung anderer Völker aussaßt? Was heißt das, der Jude faßt auf? Gemeint damit kann nur sein, daß diese von Herrn Hitler geäußerte Anschauung in den Lehren des Judentums begründet sei. Wenn Herr Hitler das behaupten sollte, so müßten wir ihn \ der Lüge zeihen. Und wenn Herr Hitler seinen Zuhörern den Satz Mommsens wiedergibt, der lautet: „Der Jude ist das Ferment der Dekomposition der Völker", so sagt er nicht, daß er diesen Satz aus dem Zusammenhang gerissen hat, und er sagt auch ferner nicht, daß Mommsen ausgesprochen hat: „Antisemitismus ist Kanaille und die Gesinnung der Antisemiten ist die Gesinnung der Kanaille." *) Vergl. darüber A. Menger: „Das Recht aus den vollen Arbeitsertrag." -) Wilhelm Hohoss: „Bedeutung der Marxschcn Kapitälskritik". *N|Ml i' Die vierte und fünfte Grundlage der Auffassung des Herrn Hitler sei kurz dargestellt: Er sägt, wirtschaftliche Blüte sei unzertrennlich von politischer Freiheit. Damit müsse das Lügengebäude des „I n ter n at io n ali s mus" sofort,in sich zusammenbrechen. Politische Freiheit sei ewig nur eine Folge der Macht. Darum müßten die Nationalsozialisten grundsätzlich die fanatischsten Nationalisten sein. Herr Hitler spricht von Internationalismus. Was er darunter versteht, hütet er sich zu sagen. Er setzt bei seinen Hörern die Kenntnis eines durchaus schwankenden Begriffes voraus. Ist mit Internationalismus etwas, ähnliches wie Vaterlandsverrat gemeint, so wird jeder Denkende mit entschiedener Ablehnung einer solchen in sich widerspruchsvollen Geüankenführung einverstanden sein. Ist damit das Streben nach Schaffung von allen Völkern gemeinsam dienenden Kultureinrichtungen gemeint, wie Weltpostverein, Rotes Kreuz, so ist dieser Internationalismus ein Segen. Ist das Streben nach erreichbarer Dölkerversöhnung auf Grund der politischen Freiheit jedes einzelnen Volkes gemeint, so wird auch eine solche Bewegung nur zu billigen sein. Aber man muß wissen, was der Betreffende meint, sonst bleibt das Wort Internationalismus ein gefährliches Schlagwort. Ob politische Freiheit ewig nur ein Folge der Macht sein kann, ist zum mindesten zweifelhaft. Sie muß mit allen, namentlich auch geistigen Mitteln erstrebt werden. Jetzt kommt der Saltomortale des Herrn Hitler, wenn er weiter ausführt: „Will man die politische Freiheit, so muß man der fanatischste Nationalist sein, den man sich denken kann." Fanatismus ist ebenso verderblich wie Nationalismus, denn beide Eigenschaften stellen Uebertreibungen und Verkehrungen an sich berechtigter Bestrebungen des Menschen dar. Nationalismus, aber nicht etwa nationaler Sinn, bringt jedes Volk ins Unglück. Und das jetzt siegreiche Frankreich wird dieses Unglück sicherlich am eigenen Leibe erleben. Fanatismus verdrängt Vernunft und Charakter. Nationalismus vernichtet jeden Verstand in der Politik. So stellt sich die Rede des Herrn Hitler „Die -Hetzer' der Wahrheit" ^als das Uneinanderreihen einer Menge unverständlicher '«-chlagwörter dar. Warum solche Reden wirken, wird im Zusammenhänge mit dem Inhalt der übrigen Ansprachen des Herrn Hitler demnächst geprüft werden müssen. Wenn weite Kreise die den Hitlerschen Reden beigegebenen „Leitworte", die den geistigen Extrakt feiner Gesinnung darstellen sollen, läsen, würde ihnen zum Bewußtsein kommen, wesst Geistes Kind Herr Hitler ist, der also verkündet: „Die sogenannten anständigen und „alt eingesessenen" Juden sind, um diese Sentimentalität auszuschalten, zuerst mit aller Schärfe zu bekämpfen." In diesem Satze äußert sich der Hetzer Hitler. Er hat uns schon einmal wegen Beleidigung verklagt. Mag er es noch einmal tun. Wir bringen mit allen unseren Freunden den Mut auf, die Wahrheit zu sagen und zu schreiben. In diesem Bestreben wird fortgefahren werden, unbekümmert um Drohung und Gewalt. /lufktärungsversammlrmg in Mslin. Vor Vertretern der politischen Parteien. Am Sonnabend, 14. Oktober, sprach der Syndikus des Landesverbandes Pommern, Dr. Hermann, vor geladenem christlichen und jüdischen Publikum über das Thema: „Wir deutschen Juden und die gegenwärtige politische Lage". Geladen und erschienen waren die Vertreter der Deutschen Voltsparlsi, des Zentrums, der Demokratischen und der Sozialdemokratischen Partei, der Friedensgesellschaft, des Abwehrvereins, der freien und der christlichen Gewerkschaften und der Presse. Auch die „Christliche Gemeinschaft" hatte einen Vertreter entsandt. Die Jüdische Gemeinde war ebenfalls zahlreich zur Stelle. Dr. Hermann ging in längeren Ausführungen von etwa, einstündiger Dauer aus die Ursachender gegenwärtigen politischen Lage ein und setzte sich mit den Angriffen der Antisemiten gegen das deutsche Judentum wie mit den Bestrebungen der Nationalsozialisten und DeuLschsozialen Partei auseinander. An den Vortrag schloß sich eine rege, hochstehende Aussprache an, in der u. er. die Herren GurnperL (Deutsche Volkspartei), Seelbach (Abwehrverein), Hoeftmann (S. P. D.), Wutzow (Demokrat), Schroeter (Zentrum), Dr. Graf (Friedensgesellschaft), Dr. Neifse (Christliche Gemeinschaft) sprachen. Besonders die Ausführungen des Herrn Hoeftmann, der fich in unübertrefflicher Weise gegen die Indifferenz der Juden wandte, und Dr. Neisse, der gerade vom christlichen Standpunkt aus dem Antisemitismus schärfste Absage Zuteil werden ließ, machten tiefen Eindruck.

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