Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 2 (1923)
- Issue
- 42 (18.10.1923)
- Date
- 1923-10-18
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Ein Meisterwerk christlicher Talmu-gelehrsamkeit Von Bezirksrabbiner Dr. Beermann (Heilbronn). Man kennt das Streben der Judenhetzer, das Christentum. als eine Religionsschöpfung darzustellen, die im Gegensatz zum Judentum aus indogermanischem Gedankengut sich gebildet hat. Bei näherer wissenschaftlicher Prüfung zeigt sich aber, daß diese Behauptung völlig haltlos ist. Nicht nur war Jesus kein Arier, Andern Jude, nicht nur waren die Verfasser der neutestamentlichen Religionsurkunden Juden, sondern sie können auch nur religionsgeschichtlich im Zusammenhang mit dem Judentum zur Zeit Jesu richtig gewürdigt werden. Darum wünschte man längst eine Erläuterung des Neuen Testaments, die den zur Beleuchtung dienenden Stoff saus-, der talmudischen Literatur sammelt und in zuverlässiger Uebersetzung den: Leier zugänglich macht. Zu dieser Riesenarbeit hatte sich der - Meister christlicher Talmudgelehrsamkeit, der leider zu früh verstorbene Professor Hermann Strack, mit seinem kenntnisreichen MJ-ünger, dem Pastor Paul Billerbeck, verbunden. Gewemfam schufen — die beiden in sechzehnjährigem Bemühen ein imponierendes Werk .--'in vier Bänden (München, Becks Verlag): Jomnten^ar 3um N euenTe st a m ent a u s T a l m u d u n d Midra s ch", von dem der erste umfangreichste Band, „D a S E v a n g e l i u m n a ch M a t h a e u s", vorliegt. Schon aus dem Umstand, daß die talmudischen Aehnlichkeiten, Beleuchtungen, Hinweise zu diesem Evangelium einen Band von mehr als 1000 Seiten füllen, kann man abfühlen, wie stark der jüdische Einfluß in diesem Evangelium zu Worte kommt. Es kann an dieser Stelle auf die gewaltige Fülle wissenschaftlicher Anregungen, die dieses Denkmal deutschen Gelehrtenfleißes^ bietet, nicht eingegangen werden. Aber einige Einzelheiten, die auf allgemeinere Anteilnahme rechnen dürfen, sollen doch herausgehoben werden, um auch dem Laien eine einigermaßen hinreichende Anschauung von dem Werte des hier Gebotenen zu vermitteln. Der Talmud, ein viele Jahrhunderte umfassendes Sammelwerk von Besprechungen und Diskussionen über alle Fragen, des jüdischen Religionsgesetzes, will durch die strenge Zucht der jüdischen Lebensordnung die Reinheit des geistig-sittlichen Eingottglaubens vor heidnischer Trübung sicherstellen, daß ihm aber die ethischen Werte der Frömmigkeit die höchsten sind, zeigt folgende Erzählung, die der' Kommentar auf Seite 134 unten anführt: „Abba Tachna, der Fromme, kam an einem Rüsttage auf den Sabbat keim Eintritt des Dunkelwerdens nach feiner Stadt und sein Bündel lag auf seiner Schulter. Er fand einen Aussätzigen, der an einem Scheidewege lag. Dieser sprach zu ihm: „Rabbi, tu ein gutes Werk an mir und schaffe mich nach der Stadt." Trotz des nahenden Sabbats willfahrte der Rabbi. In jener Stunde ließ Gott die Sonne noch einmal aufleuchten (um ihm zu zeigen, daß er den Sabbat noch nicht entweiht habe). So triumphiert hier die Pflicht der Nächstenliebe über die rituelle Rücksicht, so leuchtet über den Bedenken gesetzlicher Religiosität die Sonne der Herzensgute." Aus dem reichen Material, das unser Buch bietet, ergibt sich deutlich, daß die Gleichnisse Jesu sich nicht nur in. ihrer Form, sondern auch in ihrem Inhalte mit denen der Rabbiner berühren, daß die Worte der Bergpredigt ihre Parallelen in der jüdischen Neberlieferung haben. Der Gedanke, daß Gott der Vater der einzelnen Menschen fei, begegnet lange vor Jesu. S. 471: „Mt welchem Maße ihr messet, wird euch gemessen werden", ist wörtlich im. Talmud zu finden. Seite 472 heißt es: „In der alten Synagoge hat es eine Geistesmacht gegeben, der sich niemand entziehen konnte, der einen öffentlichen Ein-flutz gewinnen wollte; eine Geistesmacht, der auch Jesus unterstanden hat. Diese Macht ist die religiös-sittliche Gedankenwelt des Alten Testaments gewesen." Wenn Hillel im Talmud die Morte: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" damit erläuterte: „Was dir unliebsam ist, sollst du ihm llicht tun", so ist zuzugeben, daß die positive Fassung, die Jesus wühlt, die weitergehende Forderung enthält. Es -darf aber nicht übersehen werden, daß Hillel zu einem Herden spricht, dem er gleichsam den ersten Schritt in seiner neuen jüdischen Religion, zu der er sich jetzt bekehren will, mit diesem Worte umschreibt; .er sagt chm: fang erst einmal an, keinem wehe zu tun, dann bringst du es ließlich fertig, jedem wohl M tun." Sicher meint aber Hillel mit dem Nächsten jeden Menschen, auch den Nichtjuden, wie man feinem Wahlspruch entnehmen kann: .„Sei ein Jünger des friedliebenden Aron, liebe die Geschöpfe, so bringst du sie zu Gott", d. h. so wirst -du auch am besten die Heiden von ihrem Irrwahn zur wahren Religion leiten. Seite 358 wird auch der Grundsatz Ben Asais angeführt: Der wichtigste Satz der Religion ist, daß alle Menschen durch Abstammung von einem Elternpaare Geschwister seien. In diesem Zusammenhang wird Seite 360 die heiß umstrittene, von den Antisemiten auf die Christen bezogene Abkürzung Akkum richtig als Anbeter der Sterne und Sternbilder erklärt und betont, wie sich diese Wendung' als eine Erfindung der christlichen Zensoren in den Handschriften und ältesten Drucken überhaupt nicht findet. Auch sonst sind alte Vorurteile als solche erkannt, zum Verspiel zu der' Pflicht, dem Bruder siebenzig mal sieben zu vergeben, hat Lightfort gemeint, daß nach rabbiniicher Lehre nur dreimal nötig sei, den Beleidigten um Verzeihung zu bitten. Man berief sich dabei aus den Satz: „Wenn ein Mensch eine Uebertretung einmal und zweimal begeht, so verzeiht man ihm, aber begeht er sie 31111t drittenmal, vergibt man ihm nicht." Dieses Wort handelt jedoch gar nicht vom Vergeben seitens e-mes Menschen-, sondern von dem Vergeben Gottes. Das unbestimmte „man" ist eine ganz gewöhnliche Ausdrucksweise, um den- Namen Gottes zu vermeiden, im Stilgebrauch des Neuen Testaments wird dafür aus demselben: Grunde, die passive Form des Verbums angewandt. Daß bei einem so groß angelegten Werke auch einige bestreitbare Punkte sich finden, nimmt MchL Wunder. Zum Verspiel wird aus Seite 410 die Vermutung ausgesprochen, daß man im Gebete möglichst in der „Wir"-Form sprach und „unser Vater" sagt statt „ich" und „mein Vater" hinge offenbar mit abergläubischen Beweggründen zusammen. Vielmehr läßt sich zeigen, daß darin ein soziales Gefühl, ein warmes Empfinden dafür, daß der einzelne sein Schicksal nicht von dem der Gesamtheit trennen soll, zum Ausdruck kommt. Schade ist, daß die angekündigten Sonderuntersuchungen, zum Beispiel Iber den Synagogengottesdienst, über Heidentum und Judentum', auf die oft hingewiesen wird, erst später erscheinen werden, und daß dem Bande kein Verzeichnis der Schlagwörter und Begriffe zur. Erleichterung des Auffindens beigegeben ist. Dem gegenüber steht aber der gewaltige Gewinn, den die Forschung aus dieser Arbeit schöpfen wird. Fortan wird die Erkenntnis als unbestritten geltent Ueber neutestamentliche Dinge zu urteilen ist nur berechtigt, wer die jüdische Ideenwelt kennt, zu der auch die Evangelien nach Form und' Inhalt gehören. Selbst -re Streichholzschachtel ... Auf d en Spuren judenfe ind licher Hetze» Ein christlicher Leser unseres Blattes schreibt uns: „Ein kleines unbedeutendes Erlebnis hat beim Erzählen immer so viel Interesse erregt, daß man mich wiederholt zur Veröffentlichung aufforderte! Ich komme der Anregung mit etwas schlechtem Gewissen nach, weil ich die Spalten einer vietgelesenen Zeitschrift eigentlich als zu wertvoll betrachte.' , * Ich war viele Jahre Herausgeber eines großen, wissenschaftlichen Werkes, das mit 600 Mitarbeitern zusammenwirkie. Jeden Band, der etwa 1000 Seiten umfaßte, mußte ich vertragsgemäß innerhalb von neun Monaten fertigstellen. Da hieß es, keine Minute zu verlieren. Mein Tag aber war mit Verwaltungsangelegenheiten, Besprechungen, BrieswechseL und Telephongesprächen voll besetzt. Ich konnte deshalb meine lviWfMftlHeÜ"-Md^Aedäktiött§arr^it-eckIiÄv in der Nacht erledigen. Anfangs schlief ich dabei regelmäßig ein; nur vas Zigarren rauchen konnte mich wach -erhalten, und so kam es, daß ich zu einem furchtbaren Raucher wurde, der ohne Zigarre einer starken Unruhe verfiel und sich keiner Denkarbeit mehr fähig fühlte. Dieses Laster hat mich nicht verlassen, auch während des Krieges nicht, den ich als alter Mann freiwillig mitmachte, und auch nach dem Kriege nicht, wo ich leider nicht mehr Herausgeber bin, sondern in der Zeit größter Teuerung von einer winzigen Kriegspension leben muß. Der Raucher aber ist abhängig von Streichhölzern, und mit großer Besorgnis erfüllte mich die gewaltige Preiserhöhung dieses ArtikelA, mehr jedoch die unreelle Fabrikation, die zunehmend einen großen Teil der Hölzer ohne brauchbaren Zündstoff ließ. , Jüngst fuhr ich durch Mitteldeutschland, um einen Vortrag zu halten. In dem Eisenbahnabterl, das ich bestieg, saßen drei Herren der gebildeten Stände, die zahlreiche A ü n d h ö ^z e r s ch a ch t e l n ausgebreitet und entleert hatten, um den Inhalt zu untersuchen. Sie ärgerten sich über dieselben Mißstände, wie ich, und stellten eine gründliche Statistik auf. Jede Schachtel sollte 48 bis 50 Hölzer enthalten, lieferte aber beispielsweise nur 32, 19 und sogar 8 verwendungsfühige Stücke. Ich interessierte mich natürlich für diese Beschäftigung. Die Schachteln stammten von neun verschiedenen Firmen. Da einer der Herren mich als gelegentlichen! Journalisten kannte, so wurde ich aufgefordert, den Uebelstand in einem Zeitungsaufsatz, etwa unter dem Titel „Jüdischer Betrug", zur Sprache zu bringen. Ich wies daraus hin, daß kein- Beweis und kein Anzeichen für die Urheberschaft von Juden vorliege, daß auch die Ausschristen der Schachteln nicht daraus hindeuteten. „Doch, doch," war die Antwort, „sehen Sie diese vier Schachteln! Der Name ist allerdings nur einer kleinen thüringischen Stadt entnommen; aber die Fabrikmarke zeigt einen geweihten Hirsch. Mithin ist der Fabrikant ein Jude namens H i r s ch." — Ich erklärte, daß ich nicht so gewissenlos sei. aus Grund eines derartig fadenscheinigen Beweises einen Teil unserer .Volksgenossen, der schon genug unter ungerechten Verdächtigungen zu leiden habe, von neuem zu verleumden, schlug aber vor, daß wir auf der. nächsten Station zur Ergänzung unserer Statistik noch einige Zündhölzerschachteln kaufen wollten. Ein ganzes Paket wurde erworben. Und stehe: Jede Schachtel enthielt bei gleichem Preise wie die übrigen, nicht 50, sondern 60 Streichhölzer, und wir konnten darunter kein einziges unbrauchbares Holz feststellen. Die Firma aber hieß „W. und 6.", — ein wegen seiner Gediegenheit weithin bekanntes „jüdisches" Geschäft in Thüringen. Ch. v. R. j.