Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1923-10-18 · 42 (18.10.1923) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
2 (1923)
Issue
42 (18.10.1923)
Date
1923-10-18
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2277379-2277415-2277455--00779-2279942
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

323 Racholifthe Absage an Hitler. Eine Schrift des Franzistanerpaters Dr. E. Schlund. — Rede des Stcrdtpf-arrers Layer (Rastatt). ' ' Die Nationalsozialisten suchen in neuerer Zeit sich sehr christlich zu gebärden und in katholischen Kreisen vor allem dadurch Anhänger zu gewinnen, daß sie einzelne Geistliche als R e d n e r cmftreten lassen, die in Verkennung der ^Mahren Ziele der Nationalsozialisten sich von deren nationalistischen Redensarten blenden 'lassen. Demgegenüber ist es von Wert, den Standpunkt rnatzgebender katholischer Kreise zu hören, der in einer kleinen Schrift des Franziskanerpaters Dr. E. Schlund, ,K a t h o l i z i s m u s undVat e rla n d" (Dr. Franz A. Pfeiffer u. Co., Verlagsges. m. b. H., München, 1923) niedergelegt ist. Wir führen zur Charakterisierung nur folgende Stellen an: „Betrachten wir zunächst das Alte Testament. — Cs ist hier nicht unnütz zu bemerken, daß das Alte Testament nach katholischem Glauben unbedingt zu den notrvendigen Glaubensquellen gehört; wer ans irgendwelchen Gründen, seien es auch völkische oder direkt antisemitische Gründe, das Alte Testament als in- . girierte Offenbarung ablehnt, ist nicht -mehr katholisch . . . Durch iwrs Christentum ist das germanische Blut erst geworden, was es ist: mit dein Christentum hat die germanische Rasse ihre großen Kiltturleistungen vollbracht. Seien wir stolz darauf, wenn wir gute Deutsche und gute Christen sind: wir wollen aber nie mehr germanische Helden werden. Suchen wir die Sitten der Väter kennen und lieben zu lernen, aber machen wir uns nicht die vergebliche Mühe, die Zeit um Jahrtausende zurückzuschieben. Altväterliche Sitten u n d S i t t l i ch k e i t in E h r e n , a b e r keine altger m a n i s che 11 n k u I t u r . . . Auch in der auti-- semitischen Bewegung wird der vaterlandsliebende Katholik wieder klar scheiden müssen. Er wird mit dem Antisemiten einig sein in tunn Schmerz über immer größer -werdenden Einfluß des Judentums,-namentlich in Deutschland, und in dem Wunsch, diesen Einfluß immer mehr -gemindert' zu sehen. ... Er wird sich lvohl imnrer bewußt bleiben, daß die Juden Nassenfremde sind. Aber er wird nicht so weit gehen, die Juden einzig wegen ihrer . Rasse zu bekämpfen' und vertreiben zu wollen, und noch weniger wird er das Alte Testament ablehnen deswegen, weil die Offenbarung des Alten Testaments dem Judenvolk-' zuteil geworden ist. Er wird vielmehr immer sich erinnern, daß -das Judenvolk das auserwählte Volk Gottes war, und daß er als Christ die Pflicht hat, auch gegenüber den Juden, wie gegen jeden Menschen, gerecht zu sein . . . Bei uns ist der Nationalsozialismus noch viel weniger «ls in Italien der Faszismus aus der mehr kritischen Einstellung - gegen die Sozialdemokraten und Marxisten heraus getreten. Erlagt wohl, was beseitigt werden soll, aber er sagt nicht, wie es bester gemacht werden kann, was an Stelle des Beseitigten treten soll. Wir v e r m i s s e n an ihm ein positives P r o - fr a m m, na menüi ch eine A u s s a ge da r ü ber, w i e s ich der N a t i o n a l s o z i a l i s m u s zur Religio n u n d Kirche st eilt, und dann, was er unter dem „sozialistisch" in seinem Namen versteht. Jedenfalls schrecken den Katholiken ab gelegentliche Ausfälle mehr spöttischer Art gegenüber Kirche und kirchlichen Einrichtungen, wenn auch andererseits wieder die Notwendigkeit der Religion betont wird; dann aber die terroristischen Methoden und der starke antisemitische Einschlag, der namentlich in der einen Münchener Richtung das Alte Testament völlig ablehnt, und endlich das Hervorsuchen alter heidnischer Gebrauche, wie zum Beispiel des Julsestes." Dr. Schlund kommt zu dem Ergebnis, daß der Katholik vorsichtig und z it r ü ckha.ltend gegenüber der nationalsozialistischen Bewegung sein müsse, die sich noch ganz anders auswachsen könne, als es jetzt vielleicht den Anschein habe. , Im katholischen Gesellenverein zu Rastatt hielt kürzlich Stadtpfarrer Lay er, wie wir der „Rastatter Zeitung" vom 2. Oktober entnehmen, einen Vortrag, m dein er ausführte, daß die Hakenkreuzler sich in scharfen Gegensatz z um w i r k l i ch e n Ch r i.stentu m st eile n. Wer so programmatisch das Judentum bekämpfe, der könne kein guter Christ sein, denn er trete als Anhänger dieser Bewegung das G e b o t d e r N ä ch st e n l i e b e m i t Füßen? Kein Christ dürfe die Juden als solche für ehrlos und rechtlos erklären. Redner gab schließlich der Befürchtung Ausdruck, daß diejenigen, die bei den Hakenkreuzlern bleiben, gar bald um ihre ganze Religion kommen. Iungdetttsiher Gröen und Deutschvö'lkische. S t it r mi sche Berline r Ve rs'am rn l u n g. Der Hochmeister des-, Jungdeutschen Ordens, Herr M a h r a u n aus Kassel, sprach am Montag in einer gut besuchten Berliner Versammlung über die „Ziele des Jungdeutschen Ordens". Nach dem Bericht eines Allgenzeugen in der Dienstagnummer des „D en t - f ch e n T a g e b l a 1 t e s" scheint es aus dieser Versammlung zien stich bewegt Zugegangen zu sein: „Mahraun sprach, er sprach zwei Stunden lang ton der Not unseres Vaterlandes. Er sprach über die Notwendigkeit eines Freiheitskrieges, von Arbeitspflicht, von Kolonisation, auch von einem Kampfe gegen den Marxismus. Aus das Programm des Abends war ein Hakenkreuz gedruckt, aber daß der Marxismus eine jüdische Mache sei) davon sprach Mahraun nicht. Als ihm das ans der Versammlung zugerufen wurde, überhörte er es. Im Saale saßen Juden, das können' Zeugen bestätigen, trotz des Hakenkreuzes auf dem Programm. Alls der Versammlung kam die Aufforderung, die Juden herauszuwerfen. Bon der Versaurmlungsleitung wurde» keinerlei Anstalten getroffen. Die Inden hatten sich inzwischen vom -allein aus dem Saale gedrückt. Nun geschah das Unglaublichen', die Völkischen wurden voll den Saalordneru ziemlich unsanft ausgefordert, den Raum zu verlassen. Warum? Weil sie eine harmonische Versammlung durch ihr lautes Auftreten gestört hätten! Wenn ein Mann lote Mahraun, der sich völkisch nennt, nicht den Mut hat, die Wurzel des Hebels, das Judentum, zu nennen, dann mllß er eben mit der Nase daraus gestoßen werden. Welin er nicht den Mur hat, das auszusprechen oder wenn ihm vielleicht die Hände irgendwie gebunden sind, da;ln lnuß er seine Hände weglassen von der.Freiheitsbervegung und hat kein Recht, sich völkisch zu nennen." Wenn schon der Jllugdeutsche Orden sich zu solchen unzweideutigen Maßnahmen gegen die Anhänger des Herrn Wulle gezwungen sieht, dürfen sich die völkischen Radaubrüder wirklich llicht rnehr über den T e r r o r A n d e r s g e s i nute r beklagen. Völkische gegsn völkische Gedankenlosigkeit. „V ölkisch ist nicht, wer alle Schuld bei de n Indien sucht." Im 3. Heft seiner „Mo n a t s s ch r i f t f ü r nord i f che W i c - d e rgab u r t" bringt Dr. Ernst Hüntel, ein Mann, den man beleidigen würde, wenn man ihn judensreundlicher Regungen für fähig hielte, einen Aufsatz über „Di e Völkischen u n d das B o l k". Er beschäftigt -sich mit-einer Zuschrift an den „Hammer" über Rückzahlungen der Hypothekenbanken, die für eingezahlte Goldmark den nichtigen Papiermarkwert Zurückerstatten, und mit der dieser Zuschrift angefügten Frage: „II n d i n lu e s s e n Hände n i st eine Regie rn n g , d ie so-lche Bo rg ä n g e d ul-det?". Hören wir, was Herr Hun k e l dem-„Hammer" ins Stammbuch schreibt: „Mark ist gleich Mark, das ist der gesetzliche Standpunkt. Der Vater dieser Verbrecherpolitik ist aber kein Jude, sondern der ebemalige kaiserliche Staatssekretär und Vizekanzler und nunmehrige deutschnationale Abgeordnete v. Helsferich. Auch der Leiter der Reichsbank und sein Stellvertreter, Havenstein und v. Glasenapp, sind keine Juden. Womit beileibe nichts zugunsten der Juden, um so mehr aber a.eaen die Gedankenlosigkeit und Bequeinlichkeit vieler Antisemiten gesagt werden soll." Herr Hunkel. faßt seine Betrachtungen in -einem Schlußwort zusammen, in dem er seinen völkischen Brüdern folgende bittere Wahrheiten sagt: „Diese wenigen Beispiele mögen genügen, um anzudeuten, was ich meine, wenn ich sage: ,Wir haben überhaupt noch keine völkische Beioegung, die diesen Namen verdient/ Völkische Gesinnung erfordert doch wohl Liebe zum Volke, zu seiner Eigenart und zu den einzelnen Trägern der Volksart. Hinter d e m Wort Völkisch verbirgt sich n o ch v i e l zu viel U n e h r -l i ch feit u n d 1l n l a u t e x f e i t, auch Kurzsichtigkeit und Dummheit. Völkisch ist nicht, wer alle Schuld . bei den anderen, zum Beispiel bei den Jrrden sucht. Kurzllw. völkisch Ist nicht, wer so kleinlich, fü)wäll)lich und engherzig ist, so wenig Mut der Erkenntnis' rrnd Witten zrun Opfer besitzt, wer so tief in Phrase und Selbstbetrug steckt wie der Durchschnitt der heutigen Völkischen/' - lir halben dieser Kritik eines 'völkischen Führers nichts hinzuznfÜgLN. 8 Fünf Fernpostmarken für das 3. Vierteljahr -- 50 Millionen Mark} ab | 1 Zehn Fernpostmarken für das 4. Vierteljahr 100 Millionen Markj 20. Oktober 1923. | Z Mitglieder, die mit ihren Beiträgen für das 3. und 4. Vierteljahr noch im Rückstand sind, werden gebeten, W W 1 Sv Millionen Mark schleunigst ihrer Ortsgruppe zu übermitteln, ehe eine weitere (Entwertung einüitt! Groß- D H Berliner Mitglieder senden die Summe an Postscheckkonto 304 22 oder durch die Dresdner Dank, Berlin SW 68, | § Lindenstraße r, Wechselstube a. 8 § — Säumige Zahler schädigen sich und die Sache des Ceniral-Verems? |

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.