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Central-Verein-Zeitung · 1923-10-18 · 42 (18.10.1923) · page 2

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
2 (1923)
Issue
42 (18.10.1923)
Date
1923-10-18
Page
– (sequence 2)
Language
German
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<JßCoBIi88o , rfUTER NEINBREND Seuthener Srief. Aus PlcchmLNgel mußterr wie den rrachfolgenöeu Bericht für öie heutige Nummer zuMckstellen. Tr zeigt, wie die Ausschreitungen in Beuthen durch planmäßige Hetze Vorbereitet worden sind. Gchriftl. Die Wahlen Zum SLadtParlamenL in Beuchen hatten die absolute Majorität des Zentrums beseitigt, das von 42 Sitzen nur 17 erhielt. Als Zweitstärkste Fraktion Zog die DeuLschsoziale Partei des Herrn .Knüppel-Kunze mit fünf Abgeordneten in das Rathaus ein. Der Posten des stellvertretenden StadtverordneLenvorstehers wurde mit dem Vorsitzenden des Bezirksverbandes Oberschlefien der Kunze-Partei-, Herrn M o ch n; a n n, besetzt. Zn jeder Stadtverordnetensitzung legen die Deutschsozialen es darauf an, einen antisemitischen Skandal heraufzubeschwören. Den.Radauhelden wird durch die demokratischen Stadtverordneten Behrendt und Dr. Bloch in ruhiger und sachlicher Weise gedient. Im Mittelpunkt einer der Letzten Debatten stand ein Antrag der deuischjozialen Fraktion auf Ausweisung der Juden, insbesondere.der Ostzuden, welche nach dem 1. Januar 1922 in Beuthen zugezogen sind. Die Kunze-Leute verlangten weiter Verweigerung der Zuzugsgenehmigung, der Gewerbekonzesswn und des Rechtes, Gebäude für Juden und Ausländer zu erwerben. Dieser Antrag wurde in der vorberatenden Kommission aus staatsrechtlichen Gründen für unzulässig erklärt, und in der Sitzung vom 10.' September beantragte im Aufträge der Kommission ein Zentrumsabgeordueter die A b l e h n u n g d e s A n L r a g >o s, soweit die Ausweisung in Frage käme. Im übrigen wurde Ueberweisüng nn den Magistrat bzw. Zurückweisung an die Kommission vorgeschlagen. In diese Sitzung hatte die DeuLschsoziale Partei etwa 200 ihrer Anhänger kommandiert. Auch die Angehörigen des „Wohnungslosenverbandes", der im Kunze-Fahrwaffer schwimmt, waren erschienen. Der Zentrmnsabgeordnete rvurde durch das Lärmen der deutschsozialen Zuhörer derart gestört, daß der Vorsteher drohte, von seinem Hausrecht Gebrauch zu machen. D r e i i m Z uhö r e r - raum anwesende jüdische H e r r e n w u r den bed r o h t, die jüdischen Stadtverordneten Behrendt nnd Dr. Bloch in der unflätigsten Weise beschimpft. Charakteristisch für das Niveau dieser Debatte sind die Aeußerungen des Deritschsoziaten Fleischer: „Wenn Sie diesen Antrag ablehnen, so werden in einer Stunde snnfH«!Ndert Wlmn uns der Strotze und in zwet Stunden fünftausend zu seiner Durchführung erscheinen." Hierauf Dr. Bloch: „Es wäre besser gew esen, wenn Ihre fünftausend Dt a n n i n d e r F ran ZosenZe.it zur Stellegewesen wären. Damals war von einer Deutschi ozialen Partei allerdin gs nicht di e Rede." W o ch m a n n antwortete: „Die Juden haben uns die Franken ins Land gebracht und das Ruhrunternehmen verraten." Eine Gegenäußerung Dr. V l o ch s geht im Brüllen und in Drohrufen der Zuhörer unter. Die Unmöglichkeit, aus parlamentarischem Wege die von der Kunze-Presse und -Agitation seit langem versprochene Entrechtung der Juden durchzuführen, reizte nun die Anhänger der Kunze- Partei noch stärker als sonst zu Gewalttätigkeiten an. Schon bei den Lebensmittelunrnhen in Beuchen Mitte September war eine Auswirkung der lediglich auf die Lobensmittelnot zurückzuführenden Demonstration in antisemitischem Sinne festzustellen. Die Schupo wurde — das scheint Parole zu sein — ständig mit dem Ruse: „Judenschupo, Judenknechte" begrüßt. Auf den Straßen herrschte eine derartig gereizte, antisemitische Stimmung, daß jeder Jude beschimpft, und 'in einzelnen Fällen ohne jeden Grund geschlagen wurde. Antisemitische Elemente machten sich die Verwirrung in der Stadt zunutze und überfielen den Stadtverordneten Behrendt, dessen Person im Brennpunkt des antisemitischen Interesses steht. Behrendt wurde in seiner Wohnung ausgesucht, und es gelang ihm nur durch Geistes Gegenwart, sich dem Angriff zu entziehen. Während der Antisemitismus sich bei den Lebensmittelunruhen nur als Auswirkung gellend machte, war er Motiv für die Unruhen am 22. September 1923, die dnvchans den Thavaktev eines vorbereiteten Pogroms trngen. Am Sonnabend, den 22. September, rotteten sich auf der Bahnhofstvaße und dem Ka'iser-Franz-Jvses-Platz etwa 400 weift junge Burschen, darunter auch eine größere Anzahl Schüler höherer Lehranstalten, z u f et nt nt e n und durchzogen unter Absingung des Liedes von der „Judenrepublik" die Gleiwitzer Straße. Ferner wurde gesungen: „Siegreich wollen wir die SchuPo schlagen" nach der bekannten Melodie von „Siegreich wollen Wir Frankreich schlagen". Dem Ziemlich gut formierten Trupp gingen Führer voraus, die aber sofort verschwanden, wenn 'Lchupopatrouillen sich leben ließen. Als die Schupo Verstärkt cmstrat, stob die Masse - auseinander, und zog zu dem größten Caft der Stadt, dem Caf« Hmdenburg, und dem Eaftz Schmitt, ba§ man zu stürmen dro!)te. Auch dies mißlang, und so begnügte man sich mit dem Verprügeln jüdischer Passanten oder solcher Passanten, die man für Juden hielt. Die. „Oberschkesis che Zeitung", das Benthener Organ des Zentrums, brachte in ihren Nummern vom 24. und 25. September folgende Artikel: „In Beuchen kam es am Sonnabend gegen 8 Uhr zu tumultuarischeu Austritten. Eine Horde jugendlicher übermütiger Gestalten zog. etwa 400 Mann stark, durch die Prekärer Straße zum Baynlwf. Es rvaren dieselben Kreise, die. auch bei den letzten Unruhen provokatorisch im Hintergrund gestanden waren. lieber -düs Vorhaben. am Abend Plünderungen Zu veranstalten, war bereits gegen 7 Ubr sichere Kunde in die Qessentlichkert gedrungen. Nach den bis jetzt vorliegenden Berichten sind eine Reihe von P ersonen beraubt und su nt Teil schwer mißhandelt worden. Vorgesehen war auch eine Plünderung des Theaters. Ein Trupp ürgendlicher Radaubrüder — kerne Arbeiter und keine Kommunisten — drang in das Theater und erkundigte sich, ob I uden im Theater sind. Anscheinend 'batte das jugendliche Gesindel! doch nicht den Mur. mit den Zausten der Zuhörer Bekanntschaft Zu machen. Sie verdufteten und ließen ihren Heldenmut an einzelnen Straßen Passanten aus. indem-sie Brieftaschen und Uhren raubten. Der Kreis der Täter ist genau bekannt. Die Schupo stellte die Ordn-uns wieder her. Festnahmen sckternen aber nicht erfolgt zu fein, da die 'Landsnedsnsbr-echer die Taktik verfolgten, jede Berührung mit der Schupo zu vermeiden. Dieser neueste s-chlvere Fall von Landfriedensbruch ist geeignet, auf die Beuthener Verhältnisse ein ganz bedenkliches Schlaglicht zu werfen. Straßenräubereien kommen sonst nur im knl-trrrlosen Staate vor: wenn nicht bald Remedur aeschafsen wird, können die politischen Partien nicht umhin, die Gründe und Ursachen dieser Vorkommnise eingehend darzuleaen- und an geeigneter Stelle kategorisch Abhilfe zu verlangen." Der Zweite Artikel in der „Oberschlesischen Zeitung" vom 25. September 1923 Hab folgenden Wortlaut: „S t r a ß-e n b a n d i t e n. Von zwei Neberfallenen geben uns zu den Vorfällen am Sonnabend folgende Schilderungen Zu. Der eine schreibt: Ich ging ruhig die Bahnhosstraße entLang, als eine Horde jugendlicher Rowdys, mit Stöcken und Armeerevolvern bewaffnet, mich mit dem Rufe überfiel: „Haut den Juden!" Ich erwiderte: „Ich bin kein Jude", woraus einer schrie: „Haut ihn, et t ft ein weißer I u d e". Daraus schlug eine Bande von etwa zwan.üa Leuten aus mich ein und raubte mir Uhr und Brieftasche. Einem anderen, dem Sohn eines hiesigen apgesehenen Katholiken, erging es ähnlich. Die Rowdys stürzten sich mit dem Ruse: „Haut den weißen Juden" aus ihn und schlugen ihm sämtliche Vorderzäh-ne ein. Einem bekannten katholischen Geschäftsmann drohten sie ebenfalls, die Läden emzuschlaaen. In der Krakauer Straße versuchten die Banditen, einen Laden Zu stürmen. Tie gleichen Elemente, welche die Handgranate bei den letzten Unruhen gegen' das KonZerthaus lvarsen, brachten wiederum eine Handgranate zur Explosion." Bei dien A n s f cfj reit it n g e n a m 22. September 1923 wurden eine ganze Anzahb jüdischer und christlicher Her x e n verpr ü ge l t Diese Vorgänge haben natürlich aus die jüdische Bevölkerung in tiefstem Maße erbitternd gewirkt. In der rechtsstehenden „M orgenp o st" erschien ein Aussatz des Stadtrats Mo l d st e i n, in dem gegen die skandalösen Vorgänge, die sich in der ernst so ruhigen und friedliebenden Stadt abfpielten, energisch Protest eingelegt wird. Gerade die jüdische Bevölkerung Beuthens trage zur Linderung des Notstandes recht erheblich bei und glaubt, für ihre Opfer mx Gut und Blut, die sie in und nach dem Kriege gebracht hat und fortgesetzt bringt,, Anspruch aus erneu ausrercheuveu und vnvkfamen Schutz vor verbrecherischem Gesindel zu haben. Die an deik Nothilst beteiligten jüdischen Mitbürger hätten deshalb beschlossen, ihre Beitragsleisümgen so lange auszusetzen, bis dem Unwesen in durchgreifender Weise ein Ende gemacht sei. In einer Sitzung der Deutschen Notgemeinschaft ergriff der Contra Lverentsvorsttzende in Beuthen- Herr O b e r r a b b i n e r Dr. Kopfstein, das Wort, um feinet- Empörungdarüber Ausdruck Zu geben, daß die Leitenden Stellen der Stadt Beuthen die Zustände so weit hätten kommen lassen, daß Pogrome möglich wären. Trotz beruhigender Versicherungen seitens der amtlichen Stellen änderte sichern Beuthen wenig. In der stadtverordnetensitzung am 27. September kam es w i e - d e r u m z u T u m u l t s z e n e n im Zuhörerraum. Dev SLadtvevovduete Behvendt Vmvde tätlich bedroht, so daß er die Hilfe des Stadtverordnetenvorstehers in Anspruch nehmen mußte. Die Mehrzahl der Stadtverordneten flüchtete infolge der Unruhen aus dem Laal. Die „O st d e u t s ch e M o r g e n * p o st" berichtete, daß der Saal, einem wüst e n Durcheinander glich, in dem man gestikulierende und schreiende Leute sah. In der Ätadtverordnetensihüng vom nächsten Tage gab der ^-tadtverord-. netenvorsteher Z a w a d z k i (Zentr.) s e in e m lebhafte n B e - dauern darüber Ausdruck, d a ß V o r g ä n g e > d i e das T An sehen der S t a d t B e u t h e. n z it schädigen geeig ne t s i n d, s i ch w i e d e r h o l t e n. Dabei sprach er nach dem Bericht der.„Oberschlesischen Zeitung" vom 29. September feine schärfste Mißbilligung zu dem Verhalten einzelner Stadtverordnete ans und gab die Erklärung ab, dafür zu sorgen, daß die Stadtverordneten als gewählte Vertreter der Bürgerschaft.unbehelligt ihr Amt ausüben können. Trotzdem ging in derselben Sitzung ein neuer Skandal los, so daß der Stadiverordnetenvorsteher die T r i b ü n e rii u in c n laffen mußte. Am 5. Oktober ereigneten sich dann die schweren Ausschreitungen, über die wir in der letzten Nummer der „C. B.-Zeituüg" berichtet haben.

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