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Central-Verein-Zeitung · 1923-10-11 · 41 (11.10.1923) · page 3

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
2 (1923)
Issue
41 (11.10.1923)
Date
1923-10-11
Page
– (sequence 3)
Language
German
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315 Intrige und Fälschung gegen den Generalstaatskouuniffar. Aber Hitler und die Führer der übrigen in diesem Bund Zusammengeschlossenen Verbände haben Unterordnung unter Staatsnotwendigkeiten nie gekannt. Persönlicher Ehrgeiz und schrankenlose Machtgier lassen sie auch den Mann bekämpfen, gegen den man von verschiedenen politischen Standpunkten mancherlei einwenden kann, dessen nationale . Gesinnung aber gerade von völkischen Parteien nicht bezweifelt werden sollte. Aber eben d i e s e V ö l k i s ch e n bieten ein Lief beschämendes Bild verwirrender Uneinigkeit. Mit entstellten oder erfundenen Nachrichten von Aus- und Uebertritten einzelner Teilorganisationen suchen sie einander die Anhänger abzu;agen. Da wirft Hitler dem Führer des Bundes „Bayern und Reich", Sanitätsrat Pit trug er, Unwahryäftigkeit vor, und Wiking (vormals Organisation C des Kapitäns Ehrhard) und Blücherbund beschuldigen den „Völkischen Beobachter" der Fälschung. Da aber die Hochentwickelte Selbstgerechtigkeit unserer Völkischen eigene Fehler nie einsieht oder gar zugibt, "so müssen als Ursache dieser kläglichen Erscheinungen äußere Einflüsse ausfindig gemacht werden. Und wirklich, der „M iesbacher Anzeiger", der seit etlichen Wochen scharf gegen Hitler und seinen Hintermann General Lud endorff ^zu Felde Zieht, entdeckt unterm 5. Oktober: „Die nationale Bewegung ist in einer Krisis und diese Krisis ist hervorgerufen durch die Freimaurerei. Man braucht nur zwei Dinge Zu beachten: 1. Eine bestimmte Anzahl von Zeitungen hat mit der Vergrößerung ihres Formates den Kampf gegen das Freimaurertum auf die Seite gestellt. 2. Im gleichen Moment haben sie den Kampf gegen den monarchischen Gedanken ausgenommen." Dieser Hieb zielt unverkennbar auf den Beobachter" mit seinem englischen Format. Noch deutlichem, <thtt auch noch grotesker greift das Bundesblatt des Bundes „Bayern und Reich" Hitler an, der in seinem Kampf um Sonde rinteressen die Geschäfte der Internationalen betreibe. „D a s i st n i ch t m e h r national", heißt es da, „das ist a n t i n a t i o n a l." Das ist auch nicht mehr völkisch, das ist demagogisch . . . Das ist nicht Ditler scher Geist, sondern der Fluch seiner Umgebung: hier weht zweifelsohne ein semitischer Wind. Immer dieselbe Methode: Wie sich das Judentum in den Friedländer, Ratherran, Ballin nsw. an Wilhelm II. herangemacht hat, so sehen wir auch heute wieder Gestalten mit semitischem Aeußern im Stabe Hitlers . . u s w. mit Grazie. Wir gestehen, wir sind bei den Völkischen, deren Phantasie sich an den Geheimnissen der Weisen von Zion genährt hat, auf vieles gefaßt gewesen, aber darauf doch nicht, daß jetzt Juden in Hitlers Stab erschnüffelt werden sollen. Zunächst hat Herr v. Kahr durch ein zehntägiges Verbot des ..Beobachters" den Austrag dieses Konfliktes verschoben. Vielleicht klärt sich bis dahin die Lage. deutschvölkische Heldentaten in Erfurt. Protest der Stadtverordnetenversammlung. Am Schluß der letzten öffentlichen Stadtverordnetensitzung in Erfurt brachte Stadtverordneter Heß (Dem.) die folgende Anfrage ein: Ist der Magistrat in der Lage, die Ruhe und persönliche/ Sicherheit der Erfurter Bürger jüdischen - Glaubens zu verbürgen? Zur Begründung seiner Anfrage, deren Dringlichkeit von der Versammlung bejaht wurde, führte Herr Heß u. a. aus: In den letzten Tagen allein seien ihm einige 50 dringende Hilferufe wegen der systematischen Hetze gegen jüdische Mitbürger zugegangen, die Tag und Nacht den stärksten Belästigungen ausgeseht seren. Starke Gruppen junger Leute, deren Zahl auf über 200 festgestellt wurde, die untereinander durch Radfahrerpatrouillen Fühlung behalten, stellen am Hellen Tage jüdische Mitbürger auf der Straße und belästigen sie mit HePP-hePP-Rufen; selbst von Rädern werden sie herabgezog en und aus E a s e s h e r a u s g e h o l t. Kürzlich wurden sogar während des Gottesdienstes die Fenster der Synagoge e i n - geworfen, die Tür ausge rissen und der Gottesdienst durch „HePPhepp"-Rufe gestört; in diesem Falle wurde der Täter ertappt und verprügelt, aller leider wurde unterlassen, seinen Namen festzustellen, um zu ermitteln, welcher Organisation er angehört. Des Nachts werden systematisch Fenster in jüdischen Wohnungen eingeschlagen, in letzter Nacht erst wieder an fünf v er schi edenen Stellen. Zäune werden n i e d e r g e r i s s e n, ja man benutzt sogar den Fernsprecher, um jüdische Frauen durch falsche Nachrichten über ihre Ehegatten in Angst und Schrecken zu versetzen. Eine große Anzahl jüdischer Mitbürger, auch er (Redner), steht aus der Femeliste, allerdings auch der Regierungspräsident Tiedemann und Oberbürgermeister Dr. Mann, obwohl beide keine Juden seien. Ihm, dem Redner, werde fälschlich zum Vorwurf gemacht, die kommunistische Partei zu unterstützen (wie das an vielen Orten auch gegen andere jüdische Mitbürger geschehe). Er habe bei dem Polizeipräsidenten wegen dieser schweren Belästigungen nachdrücklich Klage geführt und von diesem auch die Zusicherung erhalten, mit allen Mitteln hiergegen einschreiten zu wollen. Aber er halte es auch für seine Pflicht, öffentlich auf diese den jüdischen Mitbürgern drohenden Gefahren hinzulveisen und alle anständig gesinnten Menschen zum Schutze gegen diese Ausschreitungen aufzurufen. ' Oberbürgermeister Dr.-Männ wendet:sich mit scharfen Worten gegen das geschilderte Treiben. Die Anfrage richte sich an den Magistrat. Aber für die öffentliche Sicherheit zu sorgen, sei die Ausgabe der- Polizei, die bekanntlich der Stadt mit der Verstaatlichung aus der Hand genommen fei. Er müsse gleichwohl aufs tiefste bedauern, daß solche Niederträchtigkeiten aus dem dunklen Hint.erhalt geschehen, und er erwarte, daß die Verüber endlich einmal gestellt und der verdienten Strafe übergeben würden. Er werde mit dem Herrn Polizeipräsidenten Rücksprache nehmen, damit diesem Treiben gesteuert werde. Stadtverordneter Bo t tke (Dem.) ergänzt die Schilderungen des Stadtverordneten Heß durch eine Reihe weiterer Einzelheiten. Stadtverordneter Görb ing (V. S. P.D.) stellt fest, daß diese jungen Leute alle das Hakenkreuzabzeichen tragen; kürzlich wurde ein Student aus der Goetheftraße als ein solcher Hakenkreuzler festgestellt, der auf der Straße andere Leute belästigte.' Wenn Arbeiter in Frage kämen, würde die Polizei wohl schärfer Vorgehen und die Schuldigen ermitteln. Er machte ferner darauf aufmerksam, daß auch noch invielenDien st stellen das Hakenkreuz von Beamten getragen werde, ohne daß die Behörden dagegen einschreiten. Mit den Pflichten gegen die Republik stehe das nicht in Einklang. Vorsteher Ben da findet es unverständlich, daß in einem Stadtgebiet, das schon seit langer Zeit als gefährdet gemeldet ist, solcher grober Unfug, wie er erst letzte Nacht verübt wurde, unbemerkt geschehen konnte. Er hoffe, daß die Aussprache mit dem Polizeipräsidenten endlich Abhilfe schaffe. Die siusfthreitungen in Seuchen. Am 5. Oktober, gegen 7 Uhr abends, rotteten sich auf der Bahnhofstraße und dem Kaiser-.Franz-Josef-Platz in Beuthen mehrere Hundert junger Burschen zusammen, die größtenteils mit Gummi- und Eichenkuüppeln bewaffnet waren. Aus den Aeußerungen der Leute ging hervor, datz man eine Jagd ans Inden beabsichtigte. Aeußerungen, wie: „Morgen ist Hitler da, dann kaufen wir alles umsonst" und „Schlagt h,ieIuden tot, wurden jeden Augenblick laut. Bisher sind folgende Fälle von schweren Ausschreitungen bekanntgeworden: Um 7 Uhr abends wurde ein jüdischer Student an der Ecke der Gleiwitz^r Straße (Kaiser-Franz-Josef-Platz) überfallen. Ein Haufen von etwa 20 Leuten schlug grundlos auf ihn ein. Als sein Bruder ihn in das väterliche Geschäft retten wollte, wurde auch dieser verprügelt. Um 1% Uhr wurde auf der Bahnhofstraße, etwa vor dem Hause Nr. 5, ein Herr niedergeschlagen, auf den man sich mit den Worten: „Das ist ein Jude", stürzte. Um 9 Uhr wurde ein Kaufmann auf dem Kaiser-Franz-Josef- Platz verprügelt und ihm sein Spazierstock geraubt. Um 934 Uhr wurden zwei Kaufleute und ein Kutscher angefallen und gefragt, ob sie Juden wären. Als sie dieses bejahten, wurden sie von 30 Mann niedergeschlagen. Föns Fernpoffnrarken für das 3. Vierteljahr — 25 Millionen Al. Zehn Fernpostmarken für das 4. Viertelrayr — 50 Millionen M. 75 Millionen papiermark als Mitgliedsbeitrag übermittele ein jedes Mitglied schleunigst seiner Ortsgruppe. Großberliner Mitglieder senden dies Summe an Postscheckkonto Berlin 30412 oder durch die Dresdner Sank, Serlin SW63, Lindenstraße 7, Wechselstube G. Seweist durch umgehende Einsendung der Beiträge, daß Hr unfern L. D. erhalten wollt! i — . Um 10 Uhr wurde die Bahnhofstraße in Höhe des Cas4s Hindenburg abgesperrt und jeder Passant daraufhin untersucht, ob er Jude wäre. In der Zeit Zwischen 10 und 11 Uhr sind dann zwei Herren auf der Bahnhofstraße verprügelt und verfolgt worden. Um 10% Uhr wurden drei Kaufleute in der Dyngostraße und bei Rudzki angefallen und beraubt. Um 11% Uhr wurden am Kaiser-Franz-Josef-Platz fünf jüdische junge Leute eingeschlossen und von etwa 200 Leuten zu dem Verschlag vor dem Zigarrenhaus Spiegel gedrängt. Als die fünf Leute nunmehr wehrlos gemacht worden waren, schlug-man sie nieder. Um die gleiche Zeit wurden ein Kaufmann aus Berlin und ein Bankbeamter von einem nach vielen Dutzenden zählenden Trupp überfallen, mit Fäusten und Knüppeln geschlagen, so daß beide Herren heute noch arbeitsunfähig sind. Es sei bemerkt^ daß in keinem der oben bezeichneten Fälle von den überfallenen Personen irgendeine Veranlassung für die Ausschreitungen gegeben wurde. Es handelt sich vielmehr in allen diesen Fällen um einen verabredeten Pogrom, von dem man in den Kreisen der antisemitischen Kampfverbände schon feit Längerer Zeit spricht. Wie lange will sich die preußische Regierung die Anarchie in Beuthen noch gefallen lassen?

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