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Central-Verein-Zeitung · 1923-09-30 · 39-40 (30.9.1923) · page 4

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
2 (1923)
Issue
39-40 (30.9.1923)
Date
1923-09-30
Page
– (sequence 4)
Language
German
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deutsches Judentum in -er Selbstöarstellung -eutjcher Iu-en. Eine Buchbesprechung von Rabbiner Dr. Rieger (Stuttgart).. Wer sich und andere über das Wesen des deutschen Judentums in der Gegenwart Literarisch unterrichten will, gerät in arge Verlegenheit. Es fehlt allerdings nicht an E i n z e l d a r st e l l u n g e n des deutschen Judentums von Freund und Feind. Steht ja kaum eine Frage so weit im Vordergründe des deutschen Gegenwartsinteresses wie die deutsche Judensrage. Um so grotesker ist die Gegensätzlichkeit in ihrer Beantwortung. Ob einer wie Hans Günther „Die Rassenkunde des deutschen Volkse" (München 1922) darstellen will oder wie H. Jordan „Von deutscher Not und deutscher! Zukunft" (2. Auslage 1922) redet oder wie Reinhold Seeberg „Zum Verständnis der gegenwärtigen Krisis" (Berlin 1923) sein von ihm sicher hochgeschätztes Urteil abgeben will, glaubt er die Judensrage behandeln und natürlich endgültig lösen zu müssen. Wer die im letzten Jahrfünft über die deutschen Juden unverlangt abgegebenen Urteile zusammenstellt, schafft ein höchst amüsantes, aber tiefbedauerliches Buch, dessen Endergebnis die Tatsache einer fast rätselhaften Unkenntnis von den Grundtatsachen über Juden und Judentum und insbesondere von den wirklichen Stinunungen und Strömungen int* Judentum der Gegenwart ist. Wer sich ein ehrliches Urteil über den Komplex der Judenfrage bilden will, darf allerdings nicht Bücher oder Einzeläußerungenüber Juden lesen, sondern muß sich der Arbeit unterziehen, sich mit den S e l b st ä u ß e r u n g e n der Juden zu befassen, ihre geistigen, sittlichen, religiösen, sozialen und wirtschaftlichen Selbstbekenntnisse Prüfen; er darf nicht am Einzelbilde hasten, sich' nicht durch die Einzelerscheinung und das Einzelerlebnis zum Vorurteil verleiten lassen, vor allem aber nicht die Gedankenlosigkeiten anderer urteilslos nachbeten. Ein Mensch, der über das deutsche Judentum der Gegenwart urteilt und nicht mindestens Hermann Cohens „Religion der Vernunft aus den Quellen des Judentums", Franz Rosenzweigs „Stern der Erlösung" und Leo Bäcks „Wesen des Judentums" sich innerlich angeeignet hat, ist ein ü b l e r S ch w ä tz e r. Es ist das Verdienst einer soeben erschienenen-Sammlung von Aufsätzen, dem, der sich belehren lassen Will, diesem Einblick in. das Innere des deutschen Judentums fast mühelos auf achtzig Druckseiten - zu erschließen. Das Augustheft der „Tat, M o n a t s sch r i f t für die Z u k u n ftdeutscher Kultur" (Herausgeber Eugen Diederichs, Jena 1923) erscheint unter der Leitung von Tr. Gustav Löffler in Frankfurt a. M. als „Sonderheft der jüdischen I u g e n d b e w e g u it g". Wenn auch in ihm einzelne Junge zum Worte kommen, so ist doch die Mehrzahl der 18 Mitarbeiter! weniger als Werdende, sondern vielmehr als ausgereifte Träger und Vertreter des deutschen Judentums zu bezeichnen. Das berechtigt zu!der hohen Wertung der Gesamtarbeit als eines Querschnittes durch das Innere der deutschen Jude Istzeit. Es ist eine hoch einzuschätzende Leistung, eine so wackere Schar wertvoller Mitarbeiter aus so engem Raum-zu vereinen. Eine kleine Schar von Bekennern tritt hier mit schöner Aufrichtigkeit vor die deutsche Mitwelt, um ihr zu erzählen, was sie unter Judesein versteht, was ihr das Judentum bedeutet. Die Aufsätze find nicht gleichwertig; sie enthalten manchen fachlichen und fachlichen Irrtum (so sind alle Bibelworte im ersten Aufsätze falsch Zitiert und dadurch ungenau verstanden)^ Aber nicht diese schließlich kleinen Jrrtümer find das Wesentliche an dieser kleinen Sammlung, sondern das frohe Bekennen, die stolze Ehrlichkeit, der sittliche Ernst, mit dem ein jeder das ausspricht, was ihm der Seele Tiefstes, der Stern und der Kern seiner Stellung zum Judentum ist. Darum will dieser Hinweis auf -das kleine Heft nicht alle seine Einzelbeiträge gesondert betrachten, sondern ihren Geist kennzeichnen und an ihm dartun, was das deutsche Judentum im Bewußtsein der deutschen Juden selbst ist. Das Wesen des jüdischen Charakters ist die wundersame Einheit von stärkstem Idealismus und nüchterner Wirklichkeitsersassung. Die „Dienstbarkeit aller am Geiste", „die Hingabe an den Geist als vorwaltender Wesenszug" (Löffler) offenbart nur die eine Seite des jüdischen Charakters. Die andere nicht weniger bedeutsame ist „sittliche Wirklichkeit" (Wehl), die in die Tat umgesetzte „jüdische Wirtschaftsgesinnung" (Goslar). „Der Zaddik (d. i. der idealjüdische Mensch) erfährt das Wunder und will die Welt, und darum wird all sein Werk Wunder" (Glatzer). „Der Glaube an Gott muß zum Leben mit Gott führen", denn „die Liebe drängt nach Tatausdruck" (Levinger). Der Unterschied zwischen nichtjüdischer und jüdischer Mystik (ich möchte dafür Frömmigkeit sagen) ist, daß alle Erlösungs- Mystik letzten Endes nihilistisch ist, daß aber die jüdische Mystik ein Ari-stch-Ausnehmen des Göttlichen, „eine Mystik des Willens und seiner Versöhnung, des Gebotes und seiner Verwirklichung, eine aktive Mystik" ist, die Wille ustd Welt mit Gott versöhnen will (Bäck). Darum ist der jüdische Messianismus kein Erlösungsglauben, sondern- >,Antrieb zu edler Arbeit am eigenen Ich, Opferwilligkeit für Volk und Menschheit" (Wolfsberg). Die Liebe ist im Judentum ,Mn Ausruhen und Behagen^ sondern ein seMÜMWL Dienst am Ganzen", indem der Mensch „sich mitverantwortlich am Leben (und. Leiden) seines Nächsten fühlt" (Wehl). „Judentum und wirkliche jüdische Gesinnung sind eben keineswegs identisch mit dem, was sich heute . . . in der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland zeigt." „Wenn in Deutschland die Rothschilds führend auf dem Gebiete der Modernisierung und Stabilisierung des Staatskredits sowie der Eisenbahnsinanzierung waren, wenn andere Juden bei der Begründung der Aktienbanken und dem Ausbau des neuzeitlichen Wirtschastskreidits> bei der Schaffung der chemischen, der elektrochemischen, der Leder-, der Konsektions-, der oberschlesischen Hüttenindustrie, der. Warenhäuser, der Handels- und Passagierschiffahrt sowie zahlreicher anderer Industrie- und Handelszweige an erster Stelle standen, wenn sie beim Ausbau des Instrumentes der Börse, der Jndustriesinanzierung usw. ganz Besonderes geleistet haben", so sind das alles Folgen einer besonderen wirtschaftlichen Befähigung. Weit wesentlicher ist aber die Tatsache, daß „Juden sich zu allen Zeiten an die Spitze der. Bewegungen gestellt haben, die Gerechtigkeitsideale aufstellten", „Es ist kein Zufall, daß gerade der feinste und konstruktivste Kops unter den jüdischen Großunternehmern Deutschlands, Walther Rathenau, auch' ein so außerordentlich weitgehendes Verständnis für die heute noch so vielfach umkämpften, nach altjüdischem Empfinden aber nur mit selbstverständlicher Eindeutigkeit zu lösenden Fragen der Arbeiterwohlsahrt und Arbeiterbildung hatte." Will man echt jüdische Gesinnung erkunden, so muß man zu den Urquellen jüdischer Kraft zurückkehren, zum Gesetz und zu der Zeit, in der dieses Gesetz auch gelebt wurde. Seine Wirkung ist „die jüdische Wirtschaftsgesinnung". die im Sabbatgebot, das den jüdischen Menschen für einen Tag der Woche von der Außenwelt loslöst und ihn aus sein eigenes seelisches Ich zurücksührt, in der mosaischen Bodenreform^ die den römisch-rechtlichen Begriff von: Eigentum an Grund und Boden verwirft und den Boden als dem Volke nur zur Nutznießung anvertrautes Eigentum Gottes betrachtet, und im Soziälgesetz, das die Unterstützung des wirtschaftlich Schwachen zur sittlichen Pflicht des einzelnen wie der Gesamtheit gemacht hat, ihren klassischen Aus-, druck einst gesunden hat, ihn in den besten Juden heute noch findet und hoffentlich wieder das Merkzeichen und Leitmotiv jüdischer Lebensauffassung für alle Juden werden wird. Der durch das Sabbatgebot, das mosaische Bodengesetz und die biblische Sozialgesetzgebung zu solcher Wirtschastsgesinnung erzogene jüdische Kaufmann „kann und muß das lebende Gewissen lind das immer stärker werdende Verantwortlichkeitsgefühl seiner Kaste, seines Berufes darstellen. Mit aller Eindringlichkeit, mit allem Nachdruck muß er den heute ltm das goldene Kalb der Wirtschaft Tanzenden zu-rusen, daß es kein Erportinteresse, keine Wirtschaftsfrage, kein Finanzprojekt geben kann, das es wert sei, daß seinetwegen Blut und Gesundheit auch nur -eines lebenden Menschen hingemordet werden" (Goslar). Der Z i o n i s m u s , in dem der unzerstörbare Zukunftsglauben des jüdischen Volkes in vielen Tausenden seinen politischen Gegenwartsausdruck findet (Speyer), und die Rückkehr junger Juden und Jüdinnen (der Chaluzim und Chaluzoth) zu den einfachsten und natürlichsten Berufen körperlicher Arbeit, zur Landwirtschaft, zup Gärtnerei, Schlosserei, zum Straßen-, Häuserbau usw. und ihre bewußte Abkehr von der nur-intellektuellen Betätigung sind wohl zurzeit die eigenartigste Aeußerung der Verbindung ideologischer Lebenserfassung mit Praktischer Betätigung („Der Chäluz"). . -j Diese Verbindung kennzeichnet aber alle Gruppen, deren Gesamtheit die deutsche Judenheit bildet. Aus ihr treten vier Gruppest sichtbar hervor: die erste, kleinste, die weder jüdisch noch deutsch)! sondern nur weltbürgerlich empfindet, die zweite, die nurdeutsch sein will und ihr Judesein nur als Zufälligkeit bech wertet, die dritte, die nur jüdisch denkt und sich als F r e m d -! ling im Deutschtum empfindet, die vierte, die deutsch und jüdisch fühlt und d i e V e r s ch w i st e r u n g b e i d e r Wesenheiten in ihrer Seele verwirklicht. Die vierte umfaßt die bei weitem größte Mehrzahl der deutschen Juden, die mit dem Stolz auf ihre jüdische Kulturüberlieferung ein starkes Deutschbewuhtsein verbindet. Wenn dieser Gruppe die Gemeinschaft der nach Preußen geflüchteten Hugenotten als Vorbild empfohlen wird, die noch heute die durchaus deutsch gewordene „französische Kolonie" bildet (Edinger), so ist übersehen, daß die säst zweiLausendjährige Geschichte der Juden in Deutschland (denn auch die sogenannten Ostjuden sind nur aus Deutschland einst ausgetriebenü und nach Deutschland zurückgekehrte deutsche Juden) sie bodenständig gemacht hat und daß die Bezeichnung „französische' Kolonie" schion heute (nach zweihundert Jahren) eine fast inhaltleere! Formel für die Refugies geworden ist. So bilden die achtzehn Aufsätze des Sammelheftes der „Tat" und die ihnen angeschlossene Umschau, in der eine gute Gegenüber?, stellung Hermann Cohens und Georg Simmels (Margarete Susman) hervorzuheben ist, eine eigenartige Einheit. Sie beleuchten das) Wegen -er Feiertage erscheinen öie Nummern 39 und 40 gemeinsam als eine Nummer am 30. September« tze-aktionsschluK: ^0. September 23.

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