Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1923-09-17 · 37-38 (17.9.1923) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
2 (1923)
Issue
37-38 (17.9.1923)
Date
1923-09-17
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2277379-2277415-2277452--00753-2279913
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

300 Deutschland Deutschland, über alles!! r iS Von vr. zur. I. Lev y. .<> Auch Lieder haben ihre Schicksale. Kaum hatte Hofsmann v. Fallersleben sein „Lied der Deutschen" gesungen, so wurde er seiner Breslauer Professur vorläufig, bald endgültig entsetzt, von Haus und Herd gejagt, heute hier, morgen dort ausgewiesen, steckbrieflich verfolgt, als Demagog und Revolutionär gehetzt — obwohl der antisemitische Professor Roethe neuerlich entdeckt hat, der Dichter sei ein „völkisch ernpsindender Monarchist und Hohenzollernfreurzd" gewesen. Ms solchen hat er ihn im Alldeutschen Verband gefeiert. Und wer die „Unpolitischen Lieder" und des Sängers Leben und Leiden kennt, hat dazu schmerzlich gelächelt. ' „Deutschland, Deutschland über alles" war zuerst die Hymne jener Parteien, die für deutsche Feiheit und Einheit schwärmten und stritten, 'als diese Ziele den Machthabern noch als verbrecherisch galten. „Deutschland, Deutschland über alles" klang es schon von Millionen Lippen, als der Minister v. Mühler noch dem Dichter die Rückkehr auf den Lehrstuhl verweigerte und für ausreichend hielt, daß ihm der Staat der Hoheuzollern täglich einen Taler und 8%; Pfennig Wartegeld zahlte. Und dann, als Hoffmann in die Grube gefahren war, machten — Wunder über Wunder — just die Antisemiten das „Lied der Deutschen" zu ihrem Schlachtgesang. Erst „Juden raus", dann „Deutschland, Deutschland über alles", so oder in umgekehrter Reihenfolge tönte und dröhnte es seit langen Jahren in ungezählten Versammlungen, neuerdings in anmutigem Wechsel mit dem Hakenkreuzlied der Ehrhardt-Brigade. . Also w a r Hofsmann v. Fallersleben wenigstens Judenfeind? Schon in den „Unpolitischen Liedern" findet sich ein Gedicht vom 21. Februar 1840 unter der Ueberschrist „Israel", dessen Schlußstrophe lautet: Kein Messias kann dich retten, Aber Gott erbarmet sich Und erweckt durch deine Leiden Lieb' in Christen und in Heiden Und die Liebe rettet dich. In derselben Sammlung macht sich der Dichter her über Artikel der Bundesakte vom 8. Juni 1815, der bestimmte: ,',Die Verschiedenheit der christlichen Religionsparteien kann in den Ländern und Gebieten des Deutschen Bundes keinen Unterschied in dem Genüsse der bürgerlichen und politischen Rechte begründen." Also nur den Christen sollte die Rechtsgleichheit gesichert sein, nicht den Juden. Worüber der Dichter sagt und klagt: Das alte Lied, das alte Lied, Das ew'ge Lied vom Unterschied: Wer nicht des Staates. Glauben hat. An den auch glaubet nicht der. Staat. .Du altes, unausstehlich Lied; Du ewig Lied vom Unterschied, Wann beugt doch Engel, Mensch und Vieh ' - ' Vor Einem einigen Gott das Knie? Ueber eines seiner Gedichte „Willkommen im Freien" setzte Hossmann'ein Motto von Ludwig Boerne. Ihm bezeugt er: „Es worein edler Mann geschieden, des Vaterlandes treuster Sohn." Er spottet über einen „König von Spanien", der die Inden zum Dank dafür, daß sie ihm geholfen haben, in den Schoß der Kirche zwingen will; er spottet auch über den bayerischen Ludwig und die Walhalla: Da stellt man verdienstvolle Deutsche hinein. - Verdienstvolle Deutsche, das klinget gar sein. Darf drunter ein Ketzer und J u d' and) wohl sein? Er verurteilt den Fremdenhaß, das Schnüffeln nach Fremdvürtigem, Fremdstämmigem und läßt Ausgewiesene rufen: Wollt ihr noch Christen sein, so zeigt's durch Taten, Und treibt nicht wehr mit Christi Worten Spott! Nehmt uns als Brüder auf in euren Staaten! Nur wer die Menschen liebt, der liebet Gott. Doch „sage nur, mit wem du umgehst, und ich werde dir sag-em wer du bist". Hoffmann hat fein Leben bis 1868 selbst erzählt in sechs stattlichen Bünden. Dort stellt er auch Betrachtungen über Nati on algeist an. Die Nationali-tät der Deutschen sei» nicht feindselig, nicht negativ, sondern das „stille, reine Streben nach Verwirklichung der Idee des wahren Menschen". Er ist Feind jeder Unduldsamkeit, jedem Fanatismus. In seinen Breslauer Tagen verkehrt er sreundschastlich bei Friedrich Lewald, feiert und besingt die Haussrau und schildert rühmend die Nichte, „von der ich damals nicht ahnen konnte, daß sie Fanny.Lewald werden würde." Er verlebt einen, sehr „angenehmen Abend" mit dem Violinisten Ernst und dessen Bruder, „der eine Speiseanstalt für Juden hielt." In Helgoland geht er'mit dem Bankier Bielseld, dem Kaufmann Wolf, der Hof- Min Dessauer, denr Fabrikanten Hirschmann um. In Berlin besucht er mit Dr. Friedländer die Bibliothek, ist zu Tisch bei Dr. Lehmany, spaziert mit H. B. Oppenheim, bringt den Abend bei Glasbrenner zu. Alles Juden. In Hamburg nimmt er von Leopold Dukas. dessen Schriften über jüdische Dichtung im Mittelalter entgegen, die ihm „sehr lieb und wert" sind. Aus dem Jahr nach dem Lied der Deutschen berichtet er ausführlich über seine Teilnahme am Stiftungsfest der Gesellschaft der Freunde, eines „jüdischen Vereins", wo er Dr. Freund, Dr. Abraham Geiger und Dr. Francolin kennen lernt und ein Hoch auf Deutschlands Einheit ausbringt. Wieder in Berlin, besucht er Josef Lehmann, den späteren Herausgeber des Magazins für die Literatur, Lehfeldt, Alexander Weil, Rudolf Löwenstein, den späteren Kladderadatsch-Gelehrten. Alles Juden. In Mainz freunderer sich mit einem der Brüder Bernays an. In Oranienburg läßt er sich von Glasbrenner ein Stück aus dem neuen Reiuecke Fuchs vorlesen. „Der Erfolg konnte nicht glänzender sein." Er wird sehr intim mit Felix Mendelssohn-Bartholdy, der Hofsmanns Lied „Nun zu guter Letzt" komponiert. Seine Schilderung des Tonkünstlers und der Gattin ist begeistert. Er erzählt von David Kalisch, Johann Jacoby, Ferdinand Spiller. Alles Juden. Er ist längere Zeit „Lewins Quartiergast." Besucht auch in Düsseldorf eine Gesellschaft der Freunde, „lauter Juden", und ist entzückt. Er rühmt von näheren Bekannten weiter Julius Levy (später Rodenberg), Josef Joachim, Anton Rubinstein, Oberlandesrabbiner Dr. Heß, Ferdinand Lassalle, Albert Cohn (der später seine großen Sammlungen der Berliner Stadtbibliothek vermachte), den „Kunstfreund" Oskar Hainauer, Aron Bernstein, den Redakteur der „Volkszeitung" — alles Juden. Doch, auf daß die Liste nicht so lange werde wie die Leporellos, sei nur noch der langjährigen Freundschaft gedacht, die ihn mit einem jüdischen Arzt in Leiden verknüpfte. Er hatte dessen Bekanntschaft schon 1821 gemacht und monatelang seine Gastsreundschaft genossen. Dr. Salomon „bewies sich recht väterlich! gegen mich 'in allen Beziehungen", schreibt Hoffmann. „Seine Frau war eine poetische Natur, von tiefem Gemüt und unendlicher Herzensgute." Für den Sohn dichtete Hoffmann ein holländisches Lied aus die Melodie: „Stoßt an, Jena soll leben!" Im Jahre 1836 war er wieder in Leiden: „Dr. Salomon hieß mich herzlich willkommen. Ich bezog meine alte Wohnung (bei ihm) und war sofort angenehm und bequem eingerichtet." 1855 abermals, zuletzt im Juni 1856. Salomon war jetzt 83 Jahre alt. „Ich fand ihn", schreibt Hoffmann, „noch ziemlich rüstig. Er freute sich meines Besuches und war sehr liebenswürdig ... Wir sahenuns nicht wieder, und darum mag seiner i n L i e b e u n d D a nk b a r feit gedacht werden. Gottlieb Salomon., geb. 20. April 1774 zu Danzig, Sohn eines i s r a e l i - tischen Käusmannes, studierte..." folgt ausführlicher' Lebensabriß. Bedarf es weiterer Zeugnisse? Bedarf es der Anrufung seines annoch lebenden Sohnes, des Landschastsmalers, daß sein Bater die hilfreichsten- und treuesten Freundegerade unter den Juden gehabt hat und selbst nichts Widerwärtigeres kannte als Brutalität und Rassenhaß? Als dem Dichter ein Denkmal aus Helgoland gesetzt werden sollte, da erließ eines der Ausschuß-Mitglieder', Gotthold Krehenberg', einen Ausruf, worin er sagte, „Deutschland, Deutschland über alles", das Hohelied deutscher Gefühle, sei als Parteilied sich abschließender Empfindung mißbraucht worden. Wer „dieser Volksgesang hat in der Tat eine ganz andere., eine viel wichtigere, und erhabenere — keine feindliche, sondern eine versöhne n d e Mission." Er habe nicht der Schl-achtgesang der Urdeutschen oder des Antisemitismus sein sollen, „sondern im Gegenteil, von einem Hauch« des Kosmopolitismus umweht, der Ver brüderung sh y m n u s für alles, was deutsch heißt und spricht ..." So geschrieben im Jahre 1891. Und am 11. August 1922 erließ darum der Reichspräsident jene Verordnung, die das „Lied der Deutschen" zur Nationalhymne erhebt. „Einigkeit attnb Recht und Freiheit sind des Glückes Unterpfand." Hossmanns Lied-, gesungen von Zwietracht und Willkür, soll nicht — so heißt es in denr Erlaß —- Mißbrauch finden im Parteikampf, es soll nicht der Kampsgesang derer werden (oder bleiben), gegen die er gerichtet war; es soll auch nicht dienen als Ausdruck nationalistischer Ueberhebung. . . In der Tat, auch Lieder haben ihre Schicksale. Die Antisemiten, deutschvölkischen Hakenkreuzler tobten über den Erlaß. Als aber sein Urheber am 15. Februar 1923 bei der Tell-Ausführnng im Staatstheater erschien, da grüßte ihn aus tausend Kehlen das Lied der Deutschen. Denn der Unfug, den die Gehässigkeit trieb, indem sie sich das geistige Gut eines Mannes amnaßte, der nichts mit ihr gemein hatte, ist gerichtet, und in aller Form klargestellt: im Deutschen Reich ist der „festliche Ausdruck unserer vaterländischen Gefühle" des einft mit Juden eng und treu befreundeten. Dichters Lied De u t s ch l n n d , D e uts ch l a n d ü der a l l e s. wegen öer Feiertage erscheinen üie Nummern 37 unö 38 aem einsam als eine Nummer am 17. September.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.