Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 2 (1923)
- Issue
- 37-38 (17.9.1923)
- Date
- 1923-09-17
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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—' — — 298 eilt armes, verelendetes, darbendes Deutschland, aber e i n anderes praßt und schwelgt ärger und ärgerniserregender als ^uvor. Wie anders würde es der Welt imponieren, wenn ste auch nur einen Tag ein ganzes Volk fastend finden würde. Ahne die Fähigkeit und den Willen zu fasten gibt es keinen Gemeingeist, keine Staatsgesinnung, ja überhaupt keine soziale Moral. Unser Gesetz kannte den Menschen, als es den Sühnetag zugleich zu einem Fasttag machte. Denn die Wurzel und das Zentrum aller selbstsüchtigen Begehungen ist, so prosaisch es klingt, die Begierde nach Essen und Trinken. Und wenn wir vom deutschen Volke und seinen Pflichten sprechen, so meinen wir selbstverständlich immer auch die Juden. Die Antisemiten werfen uns bisweilen vor, daß wir von unseren eigenen Fehlern nichts wissen wollen. Wir kennen sie nur zu gut und schämen uns ihrer vor Gott und Menschen. Wir wissen nur zu gut und leugnen nicht, iüi'e auch uns Gewinngier und Genußsucht, Weichlichkeit und Wohlleben, Prunk und Protzentum, Lug und Trug, Hader und Unbrüderlichkeit, Materialismus und Egoismus entstellen und sittlich gefährden. Hiergegen mit uns selbst zu kämpfen, ist eben der Jaum Kippur eingesetzt. Mögen unsere Feinde einmal an diesem Tage, was ihnen nicht verwehrt fein soll, in unsere Synagogen kommen und sehen, wie ein ganzes Volk von groß bis klein büßt und betet und fastet, wie wir zehnmal des Tages zerknirscht bekennen: ..nicht wollen wir trotzig und hartherzig sagen: wir find gerecht und haben nicht gesündigt — nein! wi>v haben gesündigt! . . ." Wir danken Gott, daß er uns diesen Tag gegeben hat, unfern schönsten Festtag, an dem wir uns fastend mit Gott und unseren Nebenmenschen versöhnen sollen, um ein neues, besseres Leben zu beginnen. „H aus Jakobs, auf! Lasset uns wandeln im Lichte des Ewigen!" „Der C. V. muß erhalten bleiben!" Die Sitzung des Verwaltungsausschusses in Frankfurt. Die gewaltige Wirtschaftskrise der letzten Wochen ist auch an dem umfangreichen Gebäude des C. V., an der Zentrale, den Landesverbänden, den Ortsgruppen nicht spurlos vorübergegangen. Zu verhüten, daß unser in langen Jahren stärker und stärker gewordenes Gebäude gar ins Wanken geriet, war die schwere Aufgabe der Si'tzungdes V e r w a l t u n g Z a u s s ch u s s e s , die am 2. September unter Vorsitz von Henry Rothschild in Frankfurt a. M. vor sich ging. Die weittragende Bedeutung des Tages bewies die Anwesenheit von Justizrat Dr. B r o d n i tz , dem ersten Vorsitzenden des C. V., der eigens aus seinem Erholungsorte zur Sitzung gekommen war. Außerdem war eine Anzahl im Wirtschaftsleben erprobter Freunde aus den verschiedenen Teilen des Reiches erschienen.. E i n Gedanke beherrschte die über acht Stunden währende Sitzung: „Der C. V. mutz erhalten bleiben!" Mehr denn je ist seine Arbeit in diesen wilden Zeiten am Platze, in denen kein Mensch den Mails des folgenden. Tages Voraussagen kann. Mit aller Kraft müssen Zentrale, Landesverbände, Ortsgruppen, muß jedes einzelne Mitglied alles tun, um das deutsche Judentum ungefährdet durch die stürmischen Zeitläufte zu führen. Opfer größten Ausmaßes werden unsere Freunde zu bringen haben. Sie müssen, sie werden gebracht werden, soll das deutsche Judentum seiner hohen Vergangenheit würdig sein. Die Sitzung stellte fest, daß die E r f p a r n i s m. ö g I i ch leite n in dem Betriebe der Zentrale, insbesondere auch nach der geplanten Vereinfachung am 1. Oktober, nicht weiter ausgedehnt werden können, soll die Arbeit nicht ernstlich darunter leiden. Die „C. V.- Zeitung" bleibt vorläufig als Wochenschrift bestehen. Geklagt wurde, daß sehr viele Mitglieder immer noch nicht ihre Familienanzeigen in unserer Zeitung erscheinen ließen, obwohl die Zeitung, wie keine zweite, in den meisten, jüdischen Haushaltungen des Reiches gelesen werde. .Die A n l a g e d e s Verei n s v e r m ö g e n s in der Zentrale und in den Landesverbänden wurde im wesentlichen befriedigend befunden. Schars bemängelt wurde die allerdings kaum glaubliche Tatsache, daß in einigen, erfreulicherweise nur ganz vereinzelten Ortsgruppen Papiermarkbestände liegen gelassen wurden, ohne sie vor der Entwertung zu schützen. Der wichtig st e P u n k t der Verhandlungen, die F e st - s e tz u n g des Beitrages für das vierte Vierteljahr 1923 konnte überraschenderweise sehr schnell erledigt werden. Der aus Süddeutschland kommende Vorschlag, als Durchschnittsbeitrag den Portobetrag von zehn Fernpostbriefen, nrngerechnet nach dem Tarifsätze des Zahlungstages, festznlegen, fand einstimmige Annahme. Der Wortlaut des wichtigen Beschlusses ist unten angefügt. Dabei ist nicht 31t übersehen, daß dieser Betrag ein Durchschnitts-, kein Mindest- oder Höchstbetrag ist. Es wird unbedingt erwartet, daß Vermögende einen weit ansehnlicheren Betrag zahlen, während Minderbemittelte sich selbst einschätzen können. Ob jemand 10 000 Mark oder 10 000 000 Mark Beitrag zahlt, er gilt als Mitglied gleich viel. Das Ergebnis der Tagung, das in einer großen Anzahl von Beschlüssen feinen Niederschlag fand, ist als fruchtbar zu bezeichnen. Dringendste Pflicht einer jeden Stelle in unserer weitverzweigten Organisation, vor allem aber dringendste Pflicht eines jeden Mitglieds ist es, an der Durchführung der wichtigen Beschlüsse mitzuhelfen. Rechnet der Verein vergebens auf eine großzügige, sehr weitgehende Opferbereitschaft feiner Freunde, so ist er nicht zu erhalten. Zu erwähnen ist noch, daß die Sitzung auch zu einem Austausch der Meinungen über die p 0 l i tische Lage benutzt wurde, und daß die Ortsgruppe F r a n k f u r t sich um den tadellosen Verlaus der Tagung sehr verdient gemacht hat. "m Der neue V i e r t elj a h r s b eit r a g. Ter Verwaltungsausschuß beschloß in seiner Sitzung vom 2. September in Frankfurt« einstimmig: Der Vierteljahresbeitrag für das 4. Quartal 1923 beträgt das am Zahlungstage gültige Porto von zehn Ferubriefmarten. Da das Fernporto ab 20. September 250 000 Mark kostet, so beträgt demnach der Mitgliedsbeitrag für das letzte Vierteljahr 1923 bis zur nächsten Portofestsetznng 2 500 000 Mark. Dieser Betrag ist wie bisher als Durchschnittsbeitrag anznsehen. Es wird erwartet, datz Vermögendere einen entsprechend höheren Beitrag abliefern. Minderbemittelte mögen ihren Beitrag selbst bestimmen. Als Beitrag für das 3. Vierteljahr, sofern er noch nicht eingezogen ist, wird Der Portobetrag von fünf Fernbriefen beschlossen. Der Beschluß der letzten Verwaltungsausschußsitzung, der Zentrale -»on den eingehenden Beiträgen 55 Prozent znzuführen, die Regelung zwischen Landesverbünden und Ortsgruppen aber diesen selbst zu überlassen, lvird beibehalten. A n d i e G r 0 ß - B >e r I iner Mitglieder d e s C. V. Wir bitten dringend, den fälligen vierten Vierteljahresbeitraachn Höhe von zehn Fernbriesmarken, 2 500 000 Mark (bis 19. IßL 750 000 Mark), zuzüglich den für das dritte' Vierteljahr (fünf Fernbriefmarken) 1250 000 Mark (bis 19. IX. 375 000 Mart), im ganzen also 3 750 000 Mark, entweder auf Postscheckkonto Berlin 30472 oder über Dresdner Bank, Berlin SW 68, Lindenstraße 7, Wechselstube G, unverzüglich einzuzahlen. Wir erwarten, daß vermögende Mitglieder weit mehr als den oben genannten Durchschnittsbeitrag, weniger bemittelte nach ihrem Können zahlen. Verband Groß-Berliner Ortsgruppen des C. V. * Alle Landesverbände und Ortsgruppen werden hierdurch -aufgefordert, mit der Einziehung der Beiträge für das letzte Vierteljahr 1923 (bzw. auch noch für das dritte Vierteljahr) ans schnellstem Wege zu Beginnen. Deutscher Tag in Nürnberg. In Nürnberg hat am 1. und 2. September ein „D e u t s ch e r T a g" stattgesunden. Nach dem ursprünglichen Plan sollte er der kameradschaftlichen Erinnerung an die alte deutsche Wehrmacht, der Ehrung der Toten dienen. Die innere, und äußere Anteilnahme der jüdischen Mitbürger an einem s 0 l ch e n F e st wäre eine 'Selbstverständlichkeit gewesen. Nun haben es aber die Drahtzieher der „vaterländischen Verbände" trotz eines gewissen Widerstandes der Kriegervereine verstanden, die vaterländische Feier so umzugestalten, wie es ihren parteipolitischen Zwecken dienlich schien. Schon vor den „Fest"-Tagen war erkennbar, daß sie ganz u n t e r de m Z -ei ch e n des Hak e n k r e uzes stehen würden. Tie uationatsozuilistische Arbeiterpartei durste sich zu den Veranstaltern zählen, Hitler hatte sein Erscheinen zu gesagt, die bekanntgegebene Rednerliste wies fast ausschließlich Namen als jndensemdlich bekannter Männer auf. Der Verlauf der Tage entsprach den Erwartungen, die man danach hegen durfte: Meist parteipolitische Reden, ein Festzug, über dem vorwiegend' Hakenkr-euzfahnen wehten. Uniformierte, die a n H i t l e r i m Parade m a r s ch v 0 rbeiz 0 ge n — alles in allem eine „nationalsozialistische Veranstaltung", wie sogar der amtliche Polizeibericht einräumen mußte. Waren diese Tage für alle jüdische Bürger schmerzlich, so galt dies besonders für unsere jüdischen Fr on t s0 l d a t e n , die sich gehindert sahen, an einem'Feste teilzunehmen, das dem Namen nach wenigstens dem Heere galt, in dessen Reihen sie einst gestritten und an dessen gewaltigen Taten auch sie ihren Anteil hatten. Bei dem Charakter der Veranstaltungen war es für jeden jüdischen Deutschen eine klare Forderung des' Selbstbewußtseins und der Selbstachtung, sich j e d e r B'e t ä t t g n n g z u e n t h alten, Vereinzelte Ausnahmen, die sich damit selbst der verdienten Verachtung Preisgaben, ändern hieran nichts. Die Allgemeinheit jedenfalls hat die Größe der Gefahr erkannt. Möge sie auch die Folge die s e r Erke n n tnis 3 t e h e n! B.