Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 2 (1923)
- Issue
- 37-38 (17.9.1923)
- Date
- 1923-09-17
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Doppelnummer 150000 M. Yerlin, 17. September 1923 II. Jahrgang ♦ Nr. 37|3$ unv1u0enMm kvryan -es tknlrul-Verons deutsch« Staatsvümerjüdtkchen VtauvensLv. S^U^emems Zeitung des Judentums verlug u. Schriftleitung: (entral-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens e.v. Gerlin SiVbS, Lindenstr. 13 Fernsprecher: Amt Dönhoff 3594, 3595 ♦% Telegrammadresse: „Centralglauben Berlin" Postscheckkonto: Berlin 30472 Bankkonto: Dresdner Bank, Wechselstube Q„ Berlin SW 68, Lindenstr. 7 Die Ze it sch r ist ist nur durch die zust ändige P v flanstalk zum Preise von vierteljährlich M. 2000000,— zu b ezi ehe» Alleinige Anzeigenannahme: Annoncen-Expedition Rudolf Mosse, Berlin 8^V IS, ünd deren Filialen. Anzeigenpreis: M. 500000,— für die 7 gespalten« Zeile nach Rudolf MosseS Normalzeilenmesser Nr. 4, Familienanzeigen und Stellengesuche für Mitglieder des Central-Vereins mit 5(?/<» Nachlaß. Die 90 mm breite Reklamezeile M. 2250000,— . '. Sekennen und Zasten. von Rabbiner Dr. Jacob (Dortmunöj. glaubt, als vis der Besiegte ihn gelegnet hat. Das erst wäre Völkerversöhnung und das Morgenrot des Die Juden begehen in diesen Tagen ihren heiligstes Festtag im Jahr, den „Jaum Kippur", d. i. der Versöhnungs» tag, bester: der Tag der Sühne. Es ist derjenige jüdische Feiertag, der auch den Eh ri sten immer am meisten auffiel, besonders als sie noch in den kleinen Ortschaften enger mit den Juden zusammenlebten. Für alle anderen jüdischen Feiertage hat man irgendwie christliche Seitenstücke, nicht aber für diesen Tag, die „lange Mcht" der Juden/ wie er im Volksmunde genannt wurde. Mancher erinnert sich wohl noch aus seiner Jugend der Unterhaltung mit christlichen Kameraden: „Wie, einen ganzen Tag fasten, von Abend bis Abend? Dürft ihr denn gavmchts essen? — Aber trinken dürft ihr doch? — Nein/ das hielt ich nicht aus!" Denn dieses Verbot gilt in seiner Strenge bereits für die Jugend vom 13. Lebensjahre an. Und dazu noch den ganzen Tag in 'der Synagoge zubringen und beten! Das Merkwürdigste ist nun aber, daß gerade dieser Tag, der so sehr die Verwunderung der Nichtjuden erregt, zwar tief im jüdischen Glauben wurzelt und seine Krone und herrlichste - Blüte ist, andrerseits aber am wenigsten Jüdisches an sich hat. In den Gebeten des Tages ist von Israel kaum die Rede, er ist mit keinem Symbol äusgestattet, das-erst geschichtlich erklärt werden müßte. Der Tag erfaßt den Menschen rein als Menschen. Alle Menschen könnten ihn mit uns aus dieselbe Weise wie wi r f e i e r n. Es wäre weder konfessionelle Werbung, sie dazu gewaltig auszurufen, noch halten wir es für nationale oder Politische Ketzerei, zu sagen: als erziehlicher und segensreicher denn alle Siegesfeste oder Kaisers-Geburtstage oder Maifeiern oder Versassungstage würddn wir als einen in der Verfassung aller Länder der Welt festzulegenden Feiertag Vorschlägen: die Feier eines von jedermann im ganzen Volke nach jüdischer Art zu begehrenden Sühne-- und Versöhnungstages. Nach jüdischer Art! Der Angelpunkt dieses Tages, das Grundmotiv aller Gebete an ihm ist das Bekenntnis: Wir haben gesündigt!' Gibt es einen Menschen, ein Molk, das nicht also zu sprechen hat? Die.nicht einen Tag der bis in den tiefsten Grund ihres Wesens dringenden Selbstbesinnung Einkehr und Umkehr brauchen könnten? Gibt es einen Menschen, ein Volk, die keiner Sühne, keiner Versöhnung bedürften, keine Wiedergutmachung und keine Reparation zu leisten hätten? Und gelten sie nur für die Besiegten und nicht ebenso auch für die siegreichen Völker? Als der Erzvater Jakob im Nachtkampse den Engel besiegt hatte und dieser sprach: „Laß mich ziehen, denn die Morgenröte bricht an!" Da antwortete ihm Jakob: „Ich lasse dich nicht ziehen, du habest mich denn gesegnet!" Nicht das ist ein Sieg, wenn der Sieger den Unterlegenen, die Knie auf der Brust und die Faust an der Gurgel, anschreit: Unterschreib oder . ,.! Sondern das ist d er w a h re Sieg, wenn der Sieger nicht eher an ihn Völkerfriedens. ' - ~ Insbesondere müßten die Folgen des Weltkrieges -unser deutsches Volk mit aller Macht zu einem Schuld- und Sündenbekenntnis mahnen. Nicht der Schuld a m Kriege — an ihr haben ganz gewiß auch die andern ihr volles Maß — wohl aber vor ihm, in chm und nach ihm. Nichts ist sittlich fruchtbarer,' als in einer Katastrophe nach der eigenen Schuld zu fragen und daraufhin sein äußeres und inneres Leben durchzuprüfen. Wenn das deutsche Reich unb Volk zugrunde gehen, so werden seine Feinde nur die Werkzeuge gewesen sein. Schuld -werden die tiefen Gebrechen sein, die es neben herrlichen Vorzügen in weiten Kreisen, die sich dabei für die Besten halten, zeigt: - herrische Brutalität und innere Roheit, Mangelan Patriotismus, wenn er nicht bezahlt und kommandiert wird, Uneinigkeit neben Vergewaltigung von Minoritäten aus Mangel an Gerechtigkeitssinn und wahrer Humanität, ein krasser Materialismus, -der -nur zu h-äben und zu genießen trachtet, und die >Sün-de aller Sünden: die rücksichtslose ^Selbstsucht. Der Antisemitismus, gegen -den wir in diesen Blättern besonders kämpfen, ist von alledem nur eine Erscheinungsfornr. Nicht an ihm.wird das deutsche Volk zugrunde gehen, wohl aber an dein Gift, a n s d e m e r keim t. Nicht am Fieber stirbt der Mensch, sondern an der Krankheit, durch die es hervorgerusen wird. Und wenn ein Volk genesen will, wird es ein Zweites lernen müssen: zu fasten. Denn fasten können heißt: die Kraft haben zu verzichten und zu entsagen, zu opfern und seine Lebenshaltung heväbzümindern, wofür eben das strenge Fasten eines -Tages Symbol und Schule ist. Darin aber stich oft die stärksten Riesen elende Schwächlinge. Sie -können auf Grund ihrer starken Knochen alles kurz und klein schlagen, aber wenn sie aüsffteiem Willen einen Tag entbehren und fasten sollen/ dann stöhnen , und winseln sie. Ist das deutsche Volk in diesem Sinne ein starkes, ein männliches Volk? Ob es wohl in unserem V-akerlande möglich wäre, eine freiwillige, vollständige 'Entsagung vom A l ko hol auch nur für einen Tag des Jahres zu erzielen, geschweige denn, ihn wie in Amerika gänzlich-zu-verbieten? Auch bei jeder neuen Steuer, ob sie gleich/für die Rettung und Erhaltung des Staates als absolut notwendig anerkannt werden muß, erhebt sich ein gewaltiges Geschrei- Keiner «will entbehren, keiner will fasten, keiner -bei sich selbst an-sängen. In den Zeitungenstand zu. lesen, daß ausländische Photographen in Deutschland umherziehen und in den Vergnügungsstätten, Tanzlokälen, Dielen, Luxusbädern Aufnahmen machen, die dann in -der Welt verbreitet werden unter der Ue'berschrist: „Das arme Deutschland". Ach ja, es gibt