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Central-Verein-Zeitung · 1923-09-06 · 36 (6.9.1923) · page 3

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
2 (1923)
Issue
36 (6.9.1923)
Date
1923-09-06
Page
– (sequence 3)
Language
German
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291 Das Ende eines Ritualmoröschwin-els. Der Skelettf'und in Bebra aufgeklärt. In Bebra wurde anläßlich des Ilmbaues der Synagoge bei den Ausschachtungsarbeiten am 14. Juni 1921 ein menschliches Skelett gesunden. Die judenfeindlichen, Blatter haben sofort, wie cutf geheime Verabredung, in fentationeller Aufmachung „das Kindesskelett in der Synagoge" benutzt, um das Gespenst eines Ritualmordes in deutschen Landen umgehen zu lassen. So hat das „Deutsche Wochenblatt" vom 4. Juli an die in großen Lettern an der Spitze des Blattes gebrachte Nachricht folgenden Kommentar geknüpft: „Was wird aus dieser Untersuchung für ein Ergebnis entspringen? Es wird totgeschwiegen werden! Solange nicht eine völkische Negierung in alle diese geheimnisvollen! Vorgänge mit starker Hand eingreift, werden wir vergebens auf Klarheit und Wahrheit hoffen." Der „Völkische Beobachter" schreibt am gleichen Tage, es sei schade, daß man an dem Skelett eines so jungen Mädchens nicht Nachweisen könne, ob es ein jüdisches oder einchristliches gewesen sei. Das Ergebnis der Ermittelungen seitens der Staatsauwaltsschaft liegt jetzt vor. Die Tageszeitungen in der Umgebuit 13 Bebras bringen folgende Zuschrift der Oberst a a t s an w a l ts sch af t in Cassel: Die Ermittelungen über das am 14. Juni 1923 bei dem Umbau der Synagoge gefundene Skelett eines Menschen haben folgendes ergeben: Es handelt sich um das Skelett eines etwa 30 Jahre alten , Mannes, nicht um das Skelett eines etwa 6 Jahre alten Mädchens, wie gelegentlich in der Presse verbreitet wurde. Das Skelett lag etwa 30 cm unter dem Fußboden, der aus Tonplatten bestandüber welche weiter eine Holzdielung gelegt war. Die Knochenreste waren bereits im Zustande des Verfalls. Die Oberfläche der Knochen war nicht mehr glatt, sondern sehr rauh und uneben, teilweise iu fester Verbindung mit erdigen Bestandteilen Mit Rücksicht auf die Beschaffenheit dps feuchte!: Lehmbodens, iu dem die Knochenreste gefunden wurden und in dem der Verwesungs- Prozeß um ein Vielfaches langsamer vor sich geht als in anderen . Bodenarten, und im Hinblick auf die Erfahrung über die Dauer der Verwesung von Knochenresten ist nach dem Gutachten des vernommenen Sachverständigen mit einer an Gewißheit grenzenden Wahrscheinlichkeit der Schluß gerechtfertigt, daß im vorliegenden Falle der Tote mindestens 100 Jahre, ja sogar noch viel länger, und zwar vielleicht m e h r e r e I a h r h it n d e r t e i n d e r Erde g e l e g e n.h allen m u ß. Mit Rücksicht auf die heute noch am Hinterkopfe des Schädels und oben nachweiWaren Schädeloerletzungen - f 0 m m t off e n b a r ei n gewaltsa m e r Tod in Frage. Durch Vernehmungen der ältesten eingesessenen Ortseinwohner in Bebra steht fest, daß ihnen aus eigenem Wissen oder ans der Erzählung noch älterer Ortseinwohner über das Verschwinden einer Person in oder im Umkrerse von Bebra nichts bekannt geworden ist. Das Erinnerungsvermögen dieser Leute im Alter von 77, 83 und 87 Jahren geht bis auf die Zeit von mindestens 65 bis 75 Jahren zurück. Nach ihrer Bekuudnug hat sich die Synagoge immer in demselben veralteten Zustande befunden. Ob die Synagoge früher als Scheune gedient habe, hat sich nicht mit Bestimmtheit seststellen lassen. Nach Auskunft des zuständigen Katasteramtes ist der älteste Nachweis für das Vorhandensein der Synagoge auf 2. 9. 1892 datiert. Ein über die bauliche Einrichtung des jetzt abgebrock^nen Gebäudes vernommener Bauunternehmer hält es mit Rücksicht^ auf die Balkenlage für möglich, daß das Gebäude früher als Scheune diente. Von welcher Person das Vorgefundene Skelett stammt, hat sich nicht seststellen lassen, ebenso auch nicht, ob ein Mord oder Totschlag vorlag und wer als Täter in Frage kommt. Anhaltspunkte zu weiterer Strafverfolgung sind demnach nicht gegeben und ebensowenig ein Anlaß zur Beunruhigung der Bevölkerung." " ' Wir haben diese Erklärung der Oberstaatsanwaltsschast auch dem , D e u t s ch e n W 0 chenblat i" nnd dem „B ölkisch e n B e - 00 acht er" zugesandt und sind überzeugt, daß sie den wahren Tatbestand ihren Lesern nicht vorenthalten werden EelÄenLaten -er Hitler-OarZe. Tie „M ü n ch e n - A u g s b n r g e r dl b e n ^d z e i t it n g" vom 28. August bringt ein kleines Stimmungsbild über den Schluß der letzten Hitler-Versammlung in München: „Nach Schluß der Versammlung zogen 80 Mann mit einer Fahne durch die Marsstratze gegen die Sei'dlstraße. Ihnen schlossen sich die übrigen Versammlungsteilnehnnr an. An der Seidlstraße hielt Schützmannschaft den Zug auf. Es kam zu einer kleinen Reiberei wegen der mitgeführten Fahne. Der Zug schwenkte durch die Seidlstraße gegen den Stachus, wo er durch Laudespolizei aufgehalten und zerstreut wurde. 80 Mann zogen weiter in die . Altstadt zur Maximilianstraße, wo ein jüdisch allssehender Mann verprügelt wurde." Daß das rechtsstehende Blatt dieses Stimmungsbild mit der Spitz marke „Der übliche Schluß" versteht, ist recht bezeichnend: l vorbilöliche Arbeit in Hapern. Eine öffentliche Versammlung de,v Amberger Ortsgruppe des Central-Bereins. lieber eine jüngst stattgefundene öffentliche Versammlung unserer Ortsgruppe Amberg, in der Stadträbblner D. P. Rieger (Stuttgart) über „S i n d d i e Juden i n D e u t s ch l a n d heimatberechtigt?" sprach, wird uns berichtet: Nachdem der große Saal der Bierhalle bis auf den letzten Platz gefüllt war, eröffnete der Vorsitzende der Amberger Ortsgruppe die Versammlung und führte einleitend aus, daß die Amberger nationalsozialistische Presse bei der. letzten Versammlung der Ortsgruppe es bemängelte, daß der damals anwesende Referent Dr. Hannover (Würzünrgl die Judenfrage lediglich vom religiös-ethischen Standpunkt ans behandelte, statt die Raflenfrage anzuschneiden. Aus diesem Grunde hat die Ortsgruppe Herrn Dr. Rieger (Stuttgart) gebeten, über das oben bezeichnete Thema hier in öffentlicher Volksversammlung zu sprechen. In seinem von tiefster wissenschaftlicher Forschung durchdrungenen Referat führte Dr. Rieger den einwandfreien Nachweis, daß bereits vor Christi. Geburt jüdische Genreinwesen auf deutschem Boden existierten. Bereits um das Jahr 351. nach Christus legte der damalige deutsche Kaiser der Kölner jüdischen Gemeinde die gleichen Lasten aus wie der übrigen ackerbautreibenden Bevölkerung. Daraus gehe schon hervor, daß die Juden nicht nur vor Jahrtausenden in Palästina, sondern auch im Exil vorwiegend sich mit »der Bebauung des Bodens beschäftigten und erst durch die jahrhundertelange Bedrückung von außen dom Handel in die Arme getrieben wurden. Redner wies weiter darauf hin, welche unsterblichen Verdienste sich insbesondere um die deutsche Sprache, um deutsche Kunst und Kultur, um die medizinische Forschung, Jurisprudenz, Literatur, Handel und Industrie hervorragende Vertreter der deutschen Judeüheit zu allen Zeiten erworben haben. Namen von unsterblichem Klang bewiesen den aufmerksam Anhörenden, welch große Verdienste am Ausbau der deutschen Kultur Pas deutsche Judentum zu seinen Gunsten buchen darf. Mit Bezug auf die wissenschaftliche (Seite der Rassenforschung ,,wies der Redner einwandfrei nach, daß von hervorragenden christlichen Gelehrten wiederholt die Thesen über Schädelbildung, Haarfarbe, Angen-farbe und Körperbau in das Reich der Fabel verwiesen wurden. Unter Hinweis auf die nenerstchende amerikanische Rasse zeigte der Redner den Einfluß des Bodens und der klimatischen Verhältnisse auf die körperlichen Veränderungen des Menschen. Am Schlüsse seiner mit großem Beifall aufgenommenen Ausführungen zog der Referent ans dem Vorgetragenen den Schluß, daß eine Rassenfrage für die deutschen Juden nicht existiere und daß auch die schlimmste nationalsozialistische Hetze nicht imstande sei, dem deutschen Judentum das Heimatrecht auf deutschem Boden allzustreiten. Der erste Diskussionsredner, ein M e h r h e i t s s 0 z i a l i st, führte in ruhiger und sachlicher Form insbesondere aus, daß ihm em hervorragender schwcdi.scher PÄitiker seine Ansicht über die Rassenfrage dahin kund gab, daß er die Mischung der urgermanischen Rasse .mit anderen Völkerstämmen als durchaus fördernd für deutsche Kultur und deutsches Wesen betrachte. Der schwedische Politiker bedauerte, daß in dem territorial hierfür sehr ungünstig gelegenen Schweden eine derartige Stammesmischung sehr zum Nachteil seines Heimatlandes nicht stattgefunden hat. Ter Redner verurteilte die nationalistiffche Presse hauptsächlich deslvegen, weil dieselbe ständig ans Rassegründen antisemitische Hetze betreibe. Nachdem sich ein National sozial t st gegen bk Angriffe des Sozialdemokraten gewehrt hatte, bekannte er sich in bezug auf die Nafs^nfrage als Laie und beschränkte sich auf die bekannten.nationalsozialistischen Gemeinplätze, die jedoch t>om Bersamrnlungsleiter sachlich und einwandfrei Zurückgewiesen wurden. Einem ans der Mitte der Versammlung heraus geäußerten Wunsch betreffs Aufklärung über den viel Umstrittenen Taitmnd kam der Hauptreferent des Abends dadurch entgegen, daß er in großen Umrissen eine Erläuterung dieses jahrtausendealten wissenschaftlichen Werkes gab. Zum Schlüsse richtete er einen warmen Appell an die Anwesenden, doch über nichtige Lächerlichkeiten, wie ' sie die Frage über Langschädel oder Rundschädel, blonde oder schwarze ] Haare, schwarze oder blaue Augen usiv. darstellt, nicht zu vergessen, daß der gemeinsame Feind den blühendstem wertvollsten Teil Deutschlands unter fürchterlichem Drucke der Bevölkerung besetzt halte und gewillt sei, Deutschland restlos zu vernichten und die gesamte Bevölkerung ohne Unterschied der Konfession und Stammeszirgehörigkei-k aus Generationen hinaus zu Fronsklaven zu machen. Er schloß unter stürmischem Beifall: „Glauben Sie nicht, daß der Antisemitismus in Deutschland deswegen so groß geuwrden ist, weil darin zu viele und zu schlechte Juden "wohnen^ sondern weil leider Gottes zu wenig wirklich gute Christen darin leben." Die von ungefähr 600 Personen ans allen Kreisen der Bevölkerung besuchte Versammlung v e v 1 i e ] v 0 llk 0 m m e n störungslos und wird hoffentlich dazu beitragen, die vorhandenen Gegensätze überbrückeu zu Helsen! Die in Hunderten von Exemplaren zur Verteilung gelangten A u f k l ä r u n g s sch r i f t e n warm in wenigen Minuten den verteilenden Herren buchstäblich tut* den Händen gerissen — ein Beweis, wie weite Teile der Bevölkerung angesichts der maßlosen antisemitischen Hetze förmlich nach Ausklärung lechzen.

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