Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 2 (1923)
- Issue
- 35 (30.8.1923)
- Date
- 1923-08-30
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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284*; Geistige Gefahren! Von Wilhelm Michel. Wenn wir auch mit einigen Auffassungen des bekannten Schriftftellers nicht ganz einverstanden sind, geben wir seinem formvollendeten Aufsatz gern in unserer „C. V.-Aeitung" Raum. S ch r if t l e i L u n g. Wird das alles nicht gesehen, was uns erschreckt? Die Roheit, das Herauswirbeln aller kranken^ bösen Elemente, die Verlodderung aller Begriffe, der scheußliche Hexensabbat der Leidenschaften, die Ueberrennung aller Schranken? Und dies gerade in denjenigen Schichten des Volkes, die bewahrende, erhaltende Tendenzen zu vertreten behaupten? Es ist wahr, daß das ganze Volk, ohne Ausnahme, erkrankt ist, an Hitzen und Frösten, Krämpfen und Ohnmächten. Gesündigt und gelitten wird hüben und drüben, keiner hat das Recht zu dem Gebet: Herr, ich danke dir, daß ich nicht bin wie jener. Aber einen erheblichen Grad schlimmer ist es doch, wenn der Wildheit und Entartung die Namen des genauen Gegenteils gegeben werden, Namen, an denen alte Würde und ewige Ehre hängt und mit denen gerade diejenigen nicht sündigen sollten, die für Würde und Ehre einzutreten behaupten. Diejenigen erst unternehmen den entscheidenden Angriff auf die Kernpositionen des Geistes, die den frechen Mißbrauch der „Namen" begehen öder fördern oder dulden. Eine deutsche Schmach führt den Namen Artur Di nt er. Vor Jahresfrist gab er ein Buch heraus, das „Die Sünde wider d i e L i e b e" heißt. Hier wird Liebe genannt, was blöder stinkender Haß ist. Hier wird Christentum genannt, was wilder Nationalfetischismus ist. Das Schönste, das je über die Liebe geschrieben wurde, das 13. Kapitel des Korinther-Briefs, für uns Deutsche doppelt schön durch Luthers herrliches Wort, wird hier mit Hohn abgetan als ein weiches Gerede des „Fälschers Paulus". Der Römerbries ist „jüdisches Geschmuse", Paulus selbst ist Satansapostel, Tollhäusler, aufgeblasener, ruhmsüchtiger Phrasendrescher, Sadist, körperlich krummbeinig und krummnäsig, „der schönste Jppel, wie er in: Buche steht", Schrittmacher der Homosexualität und Perversität. Glaube und Gnade sind jüdisch-pfäffische Schlagworte, die das Christentum totgeschlagen haben, Liebe aber „duldet" durchaus nicht alles, sondern sie ist-,„Kamps, Kamps, Kampf bis zum Tode für Freiheit, BM und Vaterland". Was geht hier vor? Lästerung schlimmster Art. Und zugleich so niedriger Art, daß man zur Abwehr weniger an das Strafgesetz als an die Sittenpolizei denken möchte. Nicht das ist das Niedrige, daß dieser Nationalsetischismus haut und sticht, schießt und vergiftet, fälscht und beträgt. Tenn das liegt in seinem Wesen, und jeder Kultus des Völkischen oder Vaterländischen ist der Gefahr dieser fetischistischen .Entartung ansgesetzt, wofern er nicht durchgeistet, d. h. in den Dienst der Idee gestellt wird. Das Niedrige liegt darin, daß Liebe, sogar christliche Liebe genannt wird, was Haß n n b W u t von Ebern und Wölfen ist; daß die tierische W i l dheit n i ch t n u r volle Freiheit der Auswirkung, s o n d e r n a u ch dreh öch sie sittliche Würde für sich bea n s P r u ch t; d a ß s re n i ch t n u r v erstöndnislos vor der Arbeite und-Bedeutung des Paulus st e h t, sondern sich z um Richteer über ihn i aus wirst und als völkische, deutsche, christliche Auffassung vortragen darf, d e r g r ö ß t e Apo ft e I Christi feiern kru m mbein r g e r „I P P e l", e i n s a d i st i - scher Auswürfling, e in Beförderer widernatürliche r U.n z u ch t gewesen. Das ist geistige Höllensphäre, das ist gründliche „Umwertung", und das ist nicht etwa Private Vertierung eines einzelnen, sondern Hunderttausende, ja Millionen Deutscher machen sich, wie die ' Absatzziffern Dinterscher Literatur beweisen, zu Mitschuldigen an dieser Bestialität. Es ist natürlich m-icht mögliche Menschen wie Dinier von der Verworfenheit ihres Tuns und Denkens zu überzeugen. Di>e Witterung : der Zeit ist offenbar aller keimenden WiDheik günstig; sie schießen M!f und wuchern,, und kaum eines, der verschiedenen Lager ist von 1 diesem Mißwuchs frei. Es «ist ties betrüblich — daß in.m dies hier : nebenbei zu erwähnen —, selbst im Judentum einige Geister von der völkischen Tollheit ergrissen worden sind und Hand in Hand mit ■ den Judenhassern sich 'anschicken, den MMen Nationalfetischismus, - dle.BoGheich diie Du-mmh-ert, das. Verbrechen Änd die Raseveii heilig zu .-sprechen. Wr Deutsche, die wir uns um.dire Reiinigung unseres Volts- Heilstes von -der anttseimtti-schien Barbarei-' bemühen, fühlen uns von yen Verbrechern dieser Gesinnunggeradezu vorn Rücken her über- ' Lallen. Doch werden sich ohne Zwei,sek ün Judentum Männer' 'finden-, - me Mich uns die im eigenen Lager wütende Kanaille stellen und geistig niederrmgen. Ujm zu Dinker zurückzukehren, so trägt er in. Hm genannten 1 Buch das Politische Programm des Nationalsozialismu-s vor, ge-stirtzt ans ein angebliches „Urchristentum", -das er nach der Seite seiner „GeWehre" zu erweitern, strebt. Am Anfangdieser - GeiWeh-re stehen bekannte gnostrsche Gedanken (die materielle Vbelt als Folge des Geifteusalles, Mckkehr zu Gott und Ueberwrndung der mctte* riellen Welt durch Liede -und Sel!b,stlosigke.it), späterhin buddhistisch verfärbt (allmählicher Anstieg der Geister durch innere Ablösung vorn Raid des Lebens, dabev Geelenwan-dernmig). Der Himmel weiß, wieso diese Gedanken m ein tsvilches Hirn geraten sind. Jedenfalls erweist sich ihre gute Herkunft so mächtig, daß- Dinier durch sie zu einer Aeußerung über die Judenfirage genötigt wird, die ich oh>ne weiteres akzeptieren kann. Einige diabolische Vord-ersätze gehen freilich voraus: ,Le tieser eine Rasse steiht, -um so tieferstehen -auch die Geister, die sich in ihr. verkörpern. In den Negern zunr Beispiel verkörpern sich Gerstestypen niederer Intelligenz und niederer, ganz naiver SM'stsiucht. ..In der höchst entwickelten Menschenrasse, den Ariern, verkörpern sich Geister höher Intelligenz, die aber noch im erbitterten Selbstkampfe mit ihrer Eigensucht und Sünde li.egeu. Auch in den Juden verkörpern sich Geister hoher Intelligenz; sie stellen aber ihre Intelligenz zielkbewuht in den Dienst ihrer Selbst-- sucht und suchen durch ihre materialistischen Verführungskünste die noch schwer mit sich ringenden Geister der arischen Menschheit wieder und immer, wieder auf die Irrwege der Selbstsucht abzulenken und zurückzutreiben." Nach diesem wahnwitzigen, boshaften Galirnathias kommt dann jene Prägung: „Aus diesen Zusammenhängen ergibt sich klar, daß die Juidenfrage niemaN durch physische Gewalt, sondern nur durch geistige Kraft zu lösen, ist. Wir Deutsche lösen die Juidenfrage sür uns und damit für die ganze Menschheit nur nadumch, daß wir so. deutsch als möglich, das heißt so wahrhaftig und so selbstlos wie nm möglich sind" Zeichen und Wunder! Nichts Besseres, nichts anderes können wir unseren: Volk wünschen, daß es lerne, sein Deutschtum lediglich als Verpflichtung zur Wahrhastigkeit und zur äußersten Selbstlosigkeit aufzusassen und die physische Gewalt als Mittel zur Lösung ' irgendwelcher „Fragen" zu verwerfen.- Wie sicht aber >die Praxis aus, die Dinker aus diesem theoretischen Bekenntnis äblettet? „Sie ist nichts als rohe physische Gewalt." Dinier fordert nämlich 1. die Anerkennung der sogenannten jüdischen Religion als einer mit der christlichen gleichberechtigten Staatsreliaion ist auszuheben. 2. Kein Jude darf in Deutschland Lehrer, Beamter und Richter sein. 3. Das. deutsche Blut muß gegen jüdische Schändung und Bastardierung geschützt werden (Verbot der Mischehen, Zuchthausstrafe gegen Juden bei Verführung deutscher Frauen, Haarabschneiden für die betreffenden Mädchen öder Frauen usw.). 4. Kein Jude darf in Deutschland Grundbesitz erwerben. 5. Das Einwandern der Juden nach Deutschland wird verboten. Man sieht, hier wird nicht gerade zum großen Juden gelnetze l ausdrücklich ausgefordert; daß es aber bei solchen- Grundsätzen sich unfehlbar einstellen würde, liegt aus der Hand. Das also ist Dinters Verwertung der physischen Gewalt, das ist seine deutsche „Selbstlosigkeit", -seine Welterlösung durch Liebe. Er selber verkennt nicht, „daß diese Bestimmungen von großer Härte gegen die davon Betroffenen sind, aber eine andere Möglichkeit, das jüdische Gift aus -unserem deutschen Voltskörper auszuscheiden, gibt es nicht!" Das steht genau auf lder fünften Buchseite nach jener Behauptung, daß das jüdische Gift n u r auf geistige Weise, durch Wahrhaftigkeit und Selbstlosigkeit, ausgeschieden werden könne. Einem Gesprächspartner im Buche find die fünf Forderungen nicht radikal genug. Er will nicht nur die seit 1914 eingewanderten Juden, sondern alle heute in Deutschland überhaupt ansässigen Juden hinausgeworfen haben. Dinker stimmt zu,.daß das-zweifellos die radikalste gesetzliche Lösung fei, widerspricht ihr aber —. nicht weil das physische Gewalt wäre, sondern aus rein praktischen Gründe^: diese Maßregel würde sich nicht durchführen lasten. Im übrigen verwahrt er sich ausdrücklich dagegen, daß er Judenhaß predige. Er stelle nur fest, daß die Juden das Unglück des deutschen Volkes sind. Nun, und seine Anhänger tun nichts, als daß sie dieses Unglück bekämpfen, teils durch Prügel, teils durch Pulver und B l e i, t e i l s d u r ch j e n,ei f> e f ü n n t e ß i t e x a t n x , für die immer noch Papier und Publikum vorhanden ist. Gehaßt wird da nicht, es wird nur festgesteW, ausgeschieden, entfernt, „umgelegt", Fragen gelöst". Gibt es bei diesen nüchternen, sachlichen Verrichtungen hie und da Schußlöcher in Menschenhäuten, so ist das vielleicht zu beklagen, aber nicht zu ändern. Es ist auch nicht Haß, wenn Dintererklärt,, daß das blujtsfrernde Judentum unser -deutsches Wesen vergiftet und entartet, daß es England ruiniert hat, daß der Krieg gegen Deutschland durch die ' internationale jüdische Weltsreimaurereientfesselt wurde, daß das Judeütilm ilnsere Kriegführung gehemmt, die nationale Front zerstört, die Niederlage herbeigesührt, das Versailler Versklavungs- - diktat und die Revolution veranlaßt hat. Die.Frage, was denn Haß sei,'wenn derartige „Feststellungen Wahrhaftigkeit, Selbstlosigkeit oder lvohl gär „Liebe" sind — diese Frage wird nicht gestellt. Es lvird nur all dem Ehristuswort „Liebet eure Feinde" eine kleine, sachgemäße. Uurbiegung vorgeMMmen. Liebet eure Feinde — das heißt nicht, daß inan sich seiner Feinde nicht erwehren dürfe. „Ein