Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 2 (1923)
- Issue
- 35 (30.8.1923)
- Date
- 1923-08-30
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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283 Aum 70. Geburtstage Timenüorfers. Geheimer Justizrat Dr. Berthold T i m e n d o r f e r, der allbekannte Präsident des deutschen Ovdensbezirkes der Bne Brsth- Logen, feiert am 2. September seinen 70. Geburtstag. Der Geburtstag soll dem Wunsche des Feiernden gemäß durch keine besondere Festlichkeit begangen werden. Aufwendungen für eine etwa beabsichtigte Feier sollen den Armen zugute kommen. Die Zahlreichen freunde und Verehrer Berthold T r m e ndorsers in Logenkreisen und außerhalb dieser können nicht stillschweigend an diesem Tage vorübergehen. Und so gedenkt auch der Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens freudig dieses Ehrentages.- Welche Verdienste Timendorser um die Verinnerlichung jüdischen Lebens in Deutschland hat, indem er die Macht seiner Persönlichkeit dem Ausban des Logengedankens widmete, ist allgemein bekannt. Berthold Timendorser hat aber auch stets klar die Gefahr der judengegnerischen Bewegung, die Notwendigkeit ihrer e n e r g i s ch e n B e - k iim psu n g e r k a n n> t. Er hat alle Zeit seinen anerkannten Namen, seinen großen Einfluß dafür eingesetzt. Wie er.trotz seiner ständigen Arbeitsfülle die judengegnerischen Bemühungen in allen Ländern verfolgt, mit dem Ernst eines um Vaterland und Judentum besorgten Mannes, erweist jetzt wieder eine Unterredung, die er in den letzten Tagen mit dem Berliner Vertreter der englisch-jüdischen Wochenschrift „Jewish CH ro nicke" hatte. Zum 70. Geburtstag wünschen wir Berthold Linrendorsor, daß er mit seinem klugen Rat, seiner edlen Versöhnlichkeit, seinem gewichtigen Einfluß noch lange Jahre die Angelegenheiten des deutschen Judentums fördere, daß ihm, geistig und körperlich frisch, ungetrübte Freude an den Werken seiner Hände und seines Herzens beulst eden sei. imniiiiunnüiimiii mi ntiiiüi iiii,!iiiiii!iifst!t!tiiiiiiii'!iniiiiiii»i[iiiiiiiiiiiiiiii!iiiiii!ii!iiii!mini!iiin!iii!iniiii!ii!nniiininiii Cm neues Hsrkum» 3 i n n o w i tz e r E i n d r ücke e i n e r ch r i st l i che n L e s e r i n. Ter Wunsch, e;ttuo§ Neues kennen zu Lernen, veraulaßte uns, so schreibt uns eine christliche Freundin der „C.-V.-Zeituug", das uns vertraute Arendsee diesmal mit Zinnowitz zu vertauschen. Nichtsahnend betraten wir den von vielen Seiten gerühmten Badeplatz, mit bald auf das üuaugenehmste zu empfinden, in welcher Umgebung, welcher antisemitisch verseuchten Lust wir uns befanden. In jeder Kalme das ominöse Hakenkreuz, dazu ein gegen die Juden gerichteter Vers oder Spruch, von denen einer den anderen an Geistlosigkeit zu übertrefsen suchte. Doch nicht genug damit. Fast kein Konzert verging, ohne daß hinterher das Zinnowitz-Lied, offenbar ein Abklatsch des Bortmuliedes, gespielt und begeistert mitgesungen wurde. Den Text — als eine Art Kuriosum — gedruckt zu kaufen, gelang mir nicht, weil die Auslage, so stark war die Nachfrage, gerade vergriffen war. Mein älterer Sohn trifft einen Schulkameraden mit seinen mir bis dahin unbekannt gewesenen Eltern. Die Knaben spielen zusammen, und das veranlaßt mich, den Leuten in landsmanuischem Gefühl einen Besuch abzustatten. Die Burg zu meinem Erstaunen hakenkreuz-geschmückt, daß ich am liebsten gleich umgekehrt wäre und von dem folgenden Gespräch jedenfalls nicht überrascht' war. Die Dame preist Zinnowitz, das sie schon seit zehn Sommern besuchen, und wundert sich, daß ich in chre Begeisterung nicht einstimme. Ta entlockt ihr meine Zurückhaltung das Geständnis: „Vor allem ist es deshalb hier so fchöry weil keine Juden Herkommen." Ich spiele die Harmlose und frage ganz ungeniert, was sie denn an „den Juden" auszusetzeü habe. Da wird sie verlegen und stammelt: „Nun, wir selbst sind ja gar nicht so sehr gegen die Juden, und es gibt ja wohl auch anständige, ab^r im allgemeinen verderben sie doch die Preise." „Wenn das alles ist", sage ich lachend, „dann holen Sie ruhig Ihre Fahne wieder herunter, denn erstens wäre es kein genügender Grund, jemanden mit zu beschimpfen und, zweitens stimmt es nicht. Höher als hier können die Preise gar nicht sein, und mehr Luxus, als er hier zu sehen ist, wird sicher auch von Juden nicht getrieben!" Ich schildere dies, um erstens die ahnungslosen Juden, die doch vereinzelt noch nach hier gehen, zu warnen. Wir selbst hätten beinahe eine kleine jüdische Hausgenoffin, die mit unserem Jüngsten befreundet ist, mitgenommen. Welche Vorwürfe hätten wir uns gemacht, wenn durch Zufall das noch nicht schulpflichtige Kind ob seiner Abstammung beschimpft und in seinem reinen Empfinden befleckt worden wäre. — Ich schildere es Zweitens, weil ich mich etwas schäme, als gute Deutsche mich nicht nachdrücklich genug solchen Verhetzungen abgewendet zu haben. Aber was hätte das kleine Häuflein Andersgesinnter ausgerichtet gegen das sinnlose Treiben einer verblendeten, von bloßer Lust am Schreien und Schimpfen erfüllten Horde! Nur systematische Wühlarbeit kann diesen Badeplatz so antisemitisch verseucht haben. Jeder aber, der seine Ferien in Gottes freier Natur verbringen will, hat ein Anrecht darauf, ungeschoren zu bleiben von politischen Dingen sind — in diesem Falle — deutschvölkischen Drahtziehern. Solange sich dies nicht ändert, sieht uns und viele andere^ die gleich uns ahnungslos hineintappten, Zinnowitz nicht wieder. Der nationalistische Parteitag in Salzburg. Massenaufz u g i n tu 11 i t d r i s ch e r R ü ft u n fl.__ Unter großem Gepränge fand in der vorigen Woche in Salzburg der nationalsozialistische Parteitag' statt. Zn diesem waren aus Bayern unter der Führung des Oberkommandanten der nationalsozialistischen' Sturmabteilung, Hauptmann G o e h r i n g , 700 vollkommen militärisch ausgerüstete Leute mit Sanitätsabteilungen, Radfahrerordonnanzen, Feldküchen ustv. gekommen. Ans Oesterreich hatten die einzelnen Länder mehrere Bataillone nach Salzburg geschickt. Insgesamt belief sich die Stärke der ausgerückten „Truppen", wie wir einem Telegramm der „Prager Presse" entnehmen, auf 2600 Manu. Alle trugen rote Armbinden mit dem Haken kreuz und als Kopfbedeckung .entweder den Stahlhelm oder die alte österreichische Militärkappe. Hitler selber nahm an der Feier nicht teil, weil er wegen-der g e s p a nuten L a g e i n M ü n ch c n n i ch t a b k v m m l i ch gewesen sein soll. Nomen est omenl Wenn je m a n b Rosenkr a n z heißt . . . In der Berliner Presse wende! sich ein Herr Wilhelm Rosenkranz in großen Inseraten leidenschaftlich gegen ein ihm zügesügtes Unrecht. Auf Grund des Reichssiedlungsgesetzes hat man Herrn Rosenkranz sein in P o m m e r n g c I e g enes Rittergut für einen Preis enteignet, der heute zu gering ist, um ein einziges Kalb zu kaufen. Uns interessiert au dieser bedauerlichen Schicksalstragödie des Herrn Rosenkranz besonders der Schluß seiner R e ch t f ^e r t i g n n «g : „Die Enteignung erfolgte ander einer völligen Verkennung meiner Person und der bei mir vorgelegenen Verhältnisse. Ich führe zufällig einen jüdisch klingenden Namen und wurde deshalb von den. Großgrundbesitzern mit schiefen und mißtrauischen Augen angesehen." ■ Ja, ja, lieber Herr Rosenkranz, Ihr Name war Ihr Schicksal. Hätten Sie sich antisemitisch betätigt, Ihren Namen unter die W u l l e - S p e n d e gesetzt oder Herrn H i t l e r ein 'Zeichen Ihrer Berohrung zu gesandt, dann hätte man in völkischen Kreisen gern auch einen Rosenkranz mit Würde ertragen. Warum haben Sie nicht Zeitig bei dem Schriftloiter des „Völkischen Beobachter s", Herrn Alfred R o s e n b e r g in Rrünchrm, angesragt, wie man das macht, um einen jüdisch klingenden Namen wohlgefällig in den veilchenblauen Augen der Hakenkreuzler zu machen? Rosende rg scheint uns noch um eine Nuance verdächtiger als Rosenkranz . . , Der Münchener Iememorü. P r i v a t d o z e n t R u g e z u einem Ja h r Gef ä n g n i s verurteilt. In dem soeben Zum Abschluß gekommenen Mordprozeß Baur in München, der mit der Verurteilung des Hauptangeklagten Studemen Zwengauer zum Tode und des bekannten völkischen Privatdezenten R u g e «wegen Aussordernug zum Mord zu eine m Iah r e G e f ä n gm i s «endete, ist die Persönlichkeit Ruges in das hellste Licht gerückt worden. Alle Empörung nach Schluß der Urteilsverkündung — Rüge versuchte mit den Worten: „Gemeinheit, Schurkenurteil!" an den Richtertisch vorzudringen — konnte an der Tatsache nichts ändern, d a ß der völki s ch e F ü hier als Hetzer z u m politischen Mord deutlich entlarvt wurde. Sprach er Doch vor unreifen Menschen Das frivole Wort, datz dem Abendgebet das Gelöbnis, einen Jndenmord zn begehen, vorzrr- Ziehen sei. Rüge ist, wie der „Vorwärts" vom 28. August seststellt, nicht erst von München her als Mordanstister bekannt. Als bei der Rückkehr Der oberschlesischen Selbstschutzbanden eine Reihe von geheimnisvollen Morden passierte, die zweifellos auf Konto einer geheimen Feme zu schreiben waren, wurde Rüge von der preußischen Justiz unter Dem Verdacht der Mordanstiftung und des Hochverrats längere Zeht verfolgt. Das seltsame Schicksal des.damaligen Steckbriefes gegen Rüge ist eine Geschichte für sich und hat den Preußischen Landtag mehrfach beschäftigt. Es' wäre sehr interessant zu erfahren, ob nach den Enthüllungen, die der Fuchs-Machhaus-Prozeß sowie der Prozeß über die Person des Rüge gebracht haben, die preußischen Justizbehörden die Strafverfolgun-g Ruges wegen seines oberschlesischen! Sündenregisters wieder aufnchmen werden. Freunde, werbt für Euren Central-Verein!