Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 2 (1923)
- Issue
- 34 (23.8.1923)
- Date
- 1923-08-23
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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276 Zrommt uns ein neuer Glaube? Von Dr. F e l i x G old m a nn. Die Frage, ob uns ein neuer Glaube: frommt, die ein kürzlich im Wilo-Verlage erschienenes Büchlein von Dr. Heinrich Haase behandelt, wird für jeden;, der dem Leben religiösen Judentums ^twas näher steht, mehr als seltsam klingen. Denn die meisten derer, die sich Juden nennen, wissen ja von dem alten Glauben so gut wie nichts! Modernes „Judentum" ist ein so eigentümliches Gebilde. Ist es bei diesem ein AsstmilationZprodukt, das der herrschende chauvinistische Nationalismus veranlaßte, soist es bei jenem die Sehnsucht, seine von der großen Allgemeinheit mißachteten Herrscher- und Verwaltungstalente irgendwie zu verwenden, bei der großen Masse aber ein inniges Gemisch von persönlicher Pietät, von abergläubischer Scheu, von schlummerndem Rassenbewußtsein und von Empfindlichkeit gegen den Antifemitiswus. Klein aber ist die Schar, der Judentum der feste Glaube an den Gott Israels und der dadurch bedingte Wille zur Verwirklichung der Gebote Gottes ist. Es scheint freilich ein Widerspruch darin Zu liegen, wenn man Glauben fordert. Denn Forderungen werden, auf dem Wege' eines rationalistischen Denk- und WillensProZesses verwirklicht, und das Glauben kann nun einmal nicht gelehrt werden. Er ist Sache der innersten Empfindung. Darum gibt es auch keinen Maßstab für die Güte eines Glaubens, der aus der Logik hergeholt wirb. Es sei als erster großer Vorzug des Büchleins von Haase gerühmt, daß es — im Gegensatz zu dem heute fast Mode gewordenen System — keine logische Rechtfertigung des Glaubens an sich versucht. Es geht von ihm als von einer fest steh enden Tatsache aus, und so werden seine Darlegungen im wesentlichen historisch. Haase halt den Urglauben der Bibel, wie er sich im Judentum erhalten hatr jenem christlichen System gegenüber, das sich im Lause der Jahrhunderte durch geschichtliches Ereignis, durch fremden Einfluß und durch ben unberechenbaren Zufall he raus gebildet hat. Und der Gegensatz spricht für sich selber. Je weniger — leider — tut geschichtlichen Werden der Dinge die Logik eine 'gestaltende Wacht ist, nur so mehr soll sie in der Kritik des Historischen jenen die Wege weisen, die selber — und sei es auch an bescheidenster Kärrner stelle — für historische Entwicklung verantwortlich sind, lind jeder Freund' wahrer Kultur wird darum mit größtem stutzen. Haasts Gegenüberstellung des einfachen, jüdischen Urglaubens und des christlichen Glaubensgebändest auf sich wirken lassen. Ist der eigentliche Maßstab für die Größe und Bedeutung einer Religion in 'erster Reihe Die seelische Sicherheit und die in der Festigkeit des Gefühls wurzelnde Glückseligkeit des Individuums, so bedarf sie doch der Ergänzung, im Objektiven, durch ihren, Einfluß aus die Gestaltung der Kultur und des durch sie ermöglichten friedlichen Glücks der Gesamtheit. Diese Betrachtungsweise wird Haast zur Grundlage der Bewertung, und er prüft nicht nur das geschichtlich Gewordene selber, sondern er weiß auch in vortrefflicher Kenntnis der in Betracht kommen-den Literatur den Eindruck sestzuhakten, den die christliche Entwicklung und ihre Knktureinflüsse bei den Besten int Reiche des Geistes hervorgerusen Hafen. Ter gläubige Christ, der wissenschaftlich Erforschbares mit der Waffe der Wissenschaft, der Logik, betrachtet, wird Haasts Buch gewiß in nachdenklicher Einsicht lesen. Dem Juden aber, für bett es in erster Reihe bestimmt ist, wird es ein Doppeltes geben. Die Assimilation', die au den Toren unfers religiösen Besitzes haltmachen sollte, greift leider weit hinein in die Gefilde eigensten jüdischen Werses. Christliche Anschauung ist unbewußt der Maßstab geworden, an dem wir die Berechtigung und Bortrefflichkeit unserer Lehren prüfen. Man braucht nur an die in weiten jüdischen Kreisen übliche, abfällige Bewertung der „G e se tz l i' ch f e i t" in unserer Religion zu denken, um den Grad unserer Abhängigkeit von christlicher Denkweise zrr erkennen. Haases Büchlein zeigt dem Juden den Weg zur Höhe eines echten Selbstgefühls. Er lernt, seine Religion ans ihrem eigenen Wesen werten. Tu mit entfällt der Gegenüberstellung von jüdischem rtnd christlichem Wesen der bittere Beigeschmack, den apologetische Betrachtung imrner in sich birgt. Der Jude erkennt in dem, was die Entwicklung christlichen Glaubens brachte, eine Ausgestaltung seines Gutes, nach der Sehnsucht zu empfinden er gewiß keinen Anlaß hat. So vermittelt das Büchlein echtes Selbstbewußtsein, kein politisches, sondern seelisches, religiöses! . Das andere aber ist ein noch tieferes! Glaube läßt sich nicht lehren, aber er l ü ß t f ich dort er \v e den, w o e x schlu m me r t! Gla u ben slosi gleit ist nun, zumal unter den- Jtweu von he-ute, viel weniger verbreitet, als man glauben ntöchte. Die bewußter! Atheisten sind, zu zählen, und der Mängel an Glauben ist bei den allermeisten in milderen Fällen Lebenshast und Oberflächlichkeit, in schlimmeren Mode fache! Unter dein, wüsten Schutt, den Modephrasen des Tages, unverstandene philosophische Schlag- Worte und naturwiffetlschastliche Theorien, nicht zuletzt aber die Jagd nach dem Brote, die Sorge um das Morgen auf die Seele häufen, schlummert in Wahrheit unverdorbenes religiöses Gefühl, schlichtes jüdisches Glauben. Es kornmt nur darauf an, den Weg durch das Gestrüpp hindurch zu bahnen, das die Seele so eng umschließt, dem schlummernden Urgefühl der jüdischen Seele wieder die Verbindung mit dem Leben 31t geben! Glaube kann nicht gelehrt, aber er kann -erweckt werden. Und gerade dieser Aufgabe wird Haases Buch in so schöner Weise gerecht. Es sind Worte eines gläubigen Juden, und da sie aus der Tiefe des Herzen kommen, dringen sie auch in das Herz derer, die sie . lesen. Mag der Jude auch noch so fern vorn schlichten Glauben feiner Väter sich wähnen, wenn er die Gedankengänge dieses Büchleins zu seinem geistigen Eigentum macht, wird etwas auch in seiner Seele Mitschwingen, und er erkennt, daß er nicht allein Jude ist durch Schicksalsbindung, durch Blut und durch lautes Bekenntnis, sondern durch letztes Seelisches, durch Glauben! Wer jüdische Geschichte zu deuten trachtet, erkennt bald, daß der Jude unüberwindlich stark war, wenn des Glaubens Festigkeit den MgL beseelte, den Arin kräftigte. Und darum weisen d lese Blätter auf Haases Büchlein hin. Ter Central-Berein steht über allen Unterschieden tut der Form und der Betätigung des Glaubens. Eins aber ist ihm gewiß: Daß seine besten und erfolgreichsten' Kämpfer aus den Kreisen derer kommen werden, denen die Begeisterung für das Judentum aus deni Ewigen ihres Wesens flieht, aus jüdischem Glauben, aus dem Bewußtsein, das im Prophetenworte glüht: „Wenn Ihr nicht glaubet, so bleibet Ihr nicht!" Der jüdische finwalt. Bon Justizrat B e r n h a r d B r e s l a u e r. Eine eontradictio in adjecto. Der Anwalt des Rechtes soll jedermann-zur Verfügung stehen, dessen- Recht verletzt ist oder der sich in seinen Rechten verletzt glaubt; er soll des Rechtes walten. ' Daß dreser Grundsatz nicht i m m e r g e w a h r i w ird, liegt an der menschlichen Schwäche; daß der Antisemitismus auch sich dieser Schwäche für seine Zwecke bedient, ist nicht wunderbar. Und dennoch hat es recht lange Zeit gedauert, bis er in die Rechtsanwaltschaft eindringen konnte. Neberblickt man die Zeit seit der Reorganisation der Rechtsanwaltschaft und die Jahre vorher, seitdem Inden als Rechtsanwälte und Notare zugelassen worden sind, so kann m an de u t l i ch. eiuz e I n e Peri 0 d c u u n t e r scheide n. Die früheren jüdischen Anwälte, die ja ernannt und in Preußen zugleich zu Notaren bestellt waren, hatten sich über keinerlei antisemitische Behandlung zu beklagen; weder die Behörden noch das Publikum noch die Kollegen zeigten ihnen gegenüber Antisemitismus. Judenhaß gab es immer, auch in jener Zeit; aber er machte vor den durchweg angesehenen jüdischen Anwälten halt. Die Zahl der jüdischen Anwälte wuchs mit der Einführung der Freiheit der Advokatur mächtig an, trotzdem war in der ersten Zeit ebensowenig von Antisemitismus zu spüren wie vor dem 1. Oktober 1879. Jüdische Anwälte vertraten nach wie vor Behörden in ihren Nechtsangelegenheiten, wurden Volt ihren Kollegen in die Anwaltskammern gewählt, ja, einzelne Anwaltskammern wählten sie sogar zu Vorsitzenden, so Freund in Breslau, Orgler in Posen, Held in Nürnberg. Makow e r (Vater) sollte i n Berlin z u m Vorsitzenden gewählt werden, er verzichtete aber zugunsten seines christlichen F r e u n d es Leß e. Eigenartig waren die Verhältnisse in. der Anwaltschaft des Reichsgerichts. Ans Berlin wurden Juden überhaupt nicht zugelassen, obwohl doch Männer wie S t a u b , Eugen F u ch s , G 0 l d m a n n . Lilienthal u. a. der Anwaltschaft des höchsten Gerichts zur Zierde gereicht hätten — tu an verneinte beim Reichsgericht jedesmal die Bednrsnissrage; zwei jüdische Anwälte aus anderen Bezirken wurden zngelassen, wechselten aber beide früher oder später ihren Glauben, und es verging sehr lange Zeit, bis wieder ein jüdischer Anwalt beim Reichsgericht zugelassen wurde. Der Antisemitismus touchs, und so konnte es nicht fehlen, daß Anwälte, die politisch tätig wareu, wie allen anderen Parteien, auch der antisemitischen, beitraten. Hier und da nt achte sich dieser Gegensatz gegen die frühere Zeich allmählich bemerkbar. Die Behörden singen an, Unterschiede zu machen: sie übertrugen ihre Vertretung nicht mehr-jüdischen Anwälten — es geschah dies nicht ostentativ, aber allmählich ging die eine oder die andere Vertretung in andere Hände über, und -so waren eines Tages die jüdischen Behördenvertreter vollständig verschwunden. Anders das Publikum. Es suchte nach wie vor die jüdischen Anwälte aus und übertrug ihnen seine Nechtsangelegenheiten, ja, ausgesprochene Antisemiten und selbst öffentlich als Bekenner und Führer des Antisemitismus tätige Personen gingen nicht von ihren jüdischen Vertretern ab und suchten solche. Vertreter nett aus. Eines Tages erhielt der 1 damalige stellvertretende Vorsitzende der Repräsentautenversammlung I dev Jüdischen Gemeinde zu Berlin von dem damaligen Führer des I Antisemitismus ein Schreiben, worin Ahm dieser die Uebernahtn»