Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 2 (1923)
- Issue
- 34 (23.8.1923)
- Date
- 1923-08-23
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Rathenau; daran, daß überhaupt über dem tobenden Aufruhr diese pfeilschlanke Brücke der Reichsverfassung wuchs, die beste der Welt, daß die spannende Hand eine Mannes so lange den gähnenden Abgrund zu überbrücken vermochte, all das hat drüben kaum einmal ein gutes Wort der Anerkennung gefunden. Es mag einer sein Bestes ausschlreßen, man macht doch nur unflätige Witze. Es mag einer noch so fleckenlos leben, man besudelt sein Privatleben, und jeder im öffentlichen Leben Stehende greift allmählich, >oib er persönlich noch so widerstrebt, mit in den Schmutz und besudelt auch die eigene Hand. Wir verkommen noch und gehen zugrunde an dieser Anchtlosigkeit und an dieser Lästersucht! Wir treiben es mit unseren Verunglimpfungen und Ehrabschneidungen noch so weit, daß sich bald für führende Posten in der Oesfentlichkeit kein anständiger Mann mehr hergibt. Das sind die Früchte des Antisemitismus, die jetzt auigehen. Das hat so lange in allen Gossen herumgewühlt, daß jetzt unsere ganze Oesfentlichkeit nach Fäulnis riecht. Aber das ist eine Politik o h ne Sinn, das ist eine Art für Tollhäusler und Wahnsinnige, Staatsgeschäfte zu betreiben. Will man weiter diese Orgien am Rande des Abgrundes ausführen, oder will man endlich zurück? Wenn ja, dann ist es mehr als höchste Zeit. Diese Art von Antisemikisnws zu überwinden, diese Bergt f t u n g s q u e l l e n alles öffentlichen Lebens endlich zu verstopfen, diese in seinem Innern wütende demagogische Wühlarbeit zu unterbinden, ist nicht nur eine Lebensfrage unseres Staates, der sich durch diese Methoden allmählich an den Rand des Abgrundes hat Heranwirtschaften lassen. Sie ist das entscheidende Selbstzuchtproblem einer jeden Demokratie. RathöüZismus zmö ZuöerMM. In der „Germania Nr. 186 widmet Tr. Gottfried Brunner der soeben erschienenen Broschüre „Katholizismus und I u d e n t u m" *) eine ausführliche Besprechung. Ter Antisemitismus, der Kamps gegen das Judentum, die Abneigung und Erbitterung gegen die Juden, führt Brunner aus, .Ist mit dem Kriege und besonders seit dem unseligen Ausgang desselben im Wachsen begriffen. Wie stellt sich der Katholik in diesem Kampfe? Liese Fragestellung ist berechtigt, und sie erfordert gebieterisch eine ausklärende Antwort. Tie Frage löst sich logisch in zwei Fragen: 1. Kann der Katholik an der Abwehr gegen das Judentum teilnehmen, und wie weit darf bzw. muß er dabei gehen? 2. Welche Art des Kampfes gegen das Judentum darf der Katholik nicht mitmachen, sei es. daß sittliche Gründe cs ihm verbieten, sei es auch, daß er durch Anwendung oder Billigung einer bestimmten Kampftsart gegen seinen Glau-len verstoßen, ja denselben ausheben würde? Von diesen beiden Fragen hat der Verfasser Tr. Alfons Steiger nur die Zweite mit dankensloerter, bisher noch nicht . erreichter Ausführlichkeit behandelt, inbem er vor allem aus der neuesten antisemitischen Literatur alles zusammenstellt, was 'die antichristlichen Tendenzen der allermeisten in Frage kommenden Organisationen und Bestrebungen und ihrer Literatur dazutun imstande ist ... Was der Verfasser in der Hauptsache bietet, ist ein dankenswerter Beitrag zur Charakterisierung des Antisemitismus, so wie er heute geübt wird. Ter Kampf gegen das Judentum ist Zugleich ein Kampf gegen das Christentum, indem es das Alte Testament, die Voraussetzung des Neuen Testaments, als irreligiös und unsittlich ln Bausch und Bogen verwirft und so aus dem Christentum wesentliche Bestandteile herausbricht. Besonders aber geht der Kamps gegen das Judentum meistens Hand in Hand mit dem Kampf gegen die katholische Kirche. Der hervorstechendste Zug des neuesten Antisemitismus ist seine Einstellung auf die Nassentheorie. Chainberlams Werk über die Grundlagen des 19. Jahrhunderts hat die Rassenfrage- und Zwar mit besonderer Beziehung aus die Judensrage, in den Vordergrund des allgemeinen Interesses gerückt. Die Gelehrten sind sich über eine einigermaßen zuverlässige Rassentheorie noch nicht einig, um so mehr ist der Willkür der Halbgebildeten Spielraum gelassen, und sie haben sich auch ganz nach Herzenslust ausgetummelt. Auch die religiösen und sittlichen Auseinandersetzungen mit dem Judentum stehen im Zeichen der Raffentheorie. Im Verfolg gerade des religiösen Kampfes gegen den Antisemitismus behandelt Dr. Steiger vor allem die ..Bibelgegnerschaff der Deutschvölkischen. Es gibt unter ihnen natürlich eine Menge Schattierungen. Die Ablehnung des Alten Testaments ist ihnen aber gemeinsam; vom Neuen Testament lassen die einen noch manches gelten, andere verwerfen es ebenfalls; das Christentum sei tot. *) Katholizismus und Judentum. Von Dr. Alfons Steiger. Verlag der Germania A.-G., Berlin C 2, 1923. Kl. — 8°, 208 Seiten. Rabbiner Dr. Rofenak gestorben. Rabbiner Dr. Leopold Rosenak (Bremen) ist aus der Reise vom jähen Tode ereilt worden. Mit ihm sinkt einer unserer Vorkämpfer ins Grab, der furchtlos, des Wortes wundervoll mächtig und -erfolgreich mit kluger Feder dem Gegner die Stirn bot. Wir werden diesen eifervollen Freund in unserem Kampfe schmerzlich vermissen. Ehre seiner Arbeit und seinem Andenken! es mutz etwas Neues an seine Stelle gesetzt werden, an die Stelle des falschen Gottes müsse der „deutsche Gott" treten. Vor allem hat Lei diesen Kraftmenschen die Lehre von der Demut, der Milde, den: Verzeihen, der Feindesliebe, der Geduld empörte Ablehnung gesunden. Die Lehre von der stellvertretenden Erlösung und verschiedene andere Lehrpunkte werden verworfen. Die liberale und gläubige Bibel- und Religionswissenschaft bietet natür lich ein reiches Arsenal für die Bekämpfung des Christentums. Bei den meisten ist der Protestantismus nicht minder jüdisch infiziert wie der Katholizismus. Aber begreiflicherweise gelten Rom die besonderen Antipathien dieser Leute. „Rom und Juda" werden gerne in einem Atem genannt. Die altdeutschen- Göttersagen sollen das Alte unb Neue Testament ersetzen. Nebenbei sei bemerkt, daß diese Leute eine große Vorliebe für sprachliche, besonders etymologische Spielereien haben. Ein eigenes Kapitel widmet der Verfasser dem- „Christus- Problem". Den Zahmeren, die einen nach eigenem Gutdünken zurechtgestutzten Christus noch gelten lassen, ist Christus überhaupt kein Jude gewesen, sondern ein Arier oder gar ein Germane; sogar die Behauptung wird gewagt, er sei der uneheliche Sohn eines germanischen Soldaten in römischen Diensten. Oder man setzt Christus mit dem germanischen Lichtgott Baldur gleich. Andere sind aber ganz radikal, sie lehnen Christus (Kristns geschrieben) mit samt dem ganzen Christentum ab. Sehr wertvoll sind die Absätze über die deutschvölkischen Religionsgemeinschaften: Deu'tsch-glaubige Gemeinschaft, Deutsche Erneuerungs- Gemeinde, Germanische Glaubens-Gemeinschaft, Deutscher Schaffer - bund, Richtung Ernst Hauck, Ter Deutschbund, Germanenorden, der jungdeutsche Orden, Bund für deutsche Kirche, Tie deutsche Gottesrirche. . Die deutschgläubige-Gemeinschaft bekennt sich zu einer Pantheisti-schen Gottesauffassung, die germanische Religion mutz mannhaft und furchtlos sein, das Christentum ist die Religion der leiblich und geistig schlecht Weggekornmenen. Der RassenhöherzüchLung dient die Freilanid-Siedkmg Tonnershag bei Sontra in Hessen, wo Deutschgläubige in Arbeit am Boden, der Gemeinschaftseigentum bleibt, ein naturgemäßes Leben führen sollen. Aehnliche Siedlungen sind in anderen deutschen Gauen beabsichtigt. Das Wichtigste aber im Dienste der Höherzüchtung ist die Deutsche Schwesterschaft, die der Aufzucht reinrassiger Germanen dienen soll —nach Art der Tierzüchtung. Aehnlich soll es auch bei den anderen Siedlungen gehandhabt werden. Tie Ehe soll dort nur so lange dauern, bis die Frau sich als Mutter fühlt. „Rassische Hochzucht in Zuchtgemeinschaften" nennt sich das. Pflege der Nacktheit ist da natürlich eine Selbstverständlichkeit, ohne sie gibt es keine Keuschheit. Den Deutschglättbigen ist Kirchenaustritt zur Pflicht gemacht, sie hüben sich eigene Feste und eine „deutsche Taufe" zurecht gemacht, worüber nur ausführliche Proben bei Steiger finden. Offizielles Organ dieser Gemeinschaft ist „Das Neue Leben". — Ernst Hanck ist Volksschullehrer. Den Bibelunterricht will er durch Märchen und germanische Mythen ersetzen, denn die Bibel des Alten und Neuen Testaments ist ihnen nur Schundliteratur, daher verwirft er auch das ganze Christentum. Der Germanenorden ist ein Geheimbund, wenigstens insofern, als sein Bundesorgan, die „Runen", an Nicht Mitglieder nicht weitergegeben werden darf. Auch die Bezeichnung „Logen", die den Vereinsräumen gegeben wird, weist nach der Richtung. Von solchen Logen gibt es bisher auf deutschem Boden fünfzehn. Dem Orden gehören Brüder und Schwestern an. Aus den letzteren werden bei den Ordens festen Darstellerinnen von Göttinnen auserkoren (Walküren), die unbekleidet bei den Feiern Mitwirken. Das soll auch der Rassenzüchtung dienen. Der Wotankutt muß das verhaßte, verjudete Christentum ersetzen.' Der jung-deutsche Orden hat im letzten Herbst das Preußische Abgeordnetenhaus beschäftigt, bei welcher Gelegenheit Abg. Dr. Schwert ng diese VereinignnO gebührend charakterisierte. Auch dieser Orden treibt Nacktkultur. Der Blmd für Deutsche Kirche null den deutschen Jesus aus den jüdischen Hüllen herausschälen und io eine deutsche Volkskirche ohne Dogmen und Aeußerlichkeiten errichten. Da diese Gemeinschaften meist im geheimen ihre Wcrbearleit betreiben, hat die große Oeffent-; lichteit keine Ahnung von diesem Treiben. Und doch mutz darauf emfi merksam gemacht und davor gewarnt werden. Darin besteht das! Verdienst der Steigerschen Schrift.