Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 2 (1923)
- Issue
- 34 (23.8.1923)
- Date
- 1923-08-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Kßzelnumnier 10000 M. KB _ VMtzr fürDaitfchtumW unvluoentum Serlin, 23. August 1023 II. Jahrgang ❖ Nr. 34 wryan des Lntral^reius öeotsrker StaatsvüryerjiwtsckenoumdensLU Z^U^sr^sii^s Lsiruni^ clss Ollclsr^tiLliis Verlag u. Schriftleitung: (entral-verein deutscher Staatsbürger jü-rschen Glaubens e.v. Gerlin SW HZ, Lin-enstr. 13 Fernsprecher: Amt Dönhoff 3594, 3595 Telegrammadreffer „Centralglauben Berlin" ♦♦. Postscheckkonto: Berlin 30472 Bankkonto: Dresdner Bank, Wechselstube O., Berlin SW 68, Lindenstr» 7 Di/ Zeitschrift ist nur durch die zuständige Postanstalt zum Preise von vier telj ä hr ki ch M. 58000,— zu beziehen Alleinige Anzeigenannahme: Annoncen-Expedition Rudolf Masse, Berlin SW 19, and deren Filialen. Anzeigenpreis: M. 80000,— für die 7 gespalten» Zeile nach Rudolf Bivsses Normalzeilenmesfer Nr. 4, Familienanzeigen und Stellengesuche für Mitglieder de? Central-Vereins mit 50% Nachlaß Die 90 mm breite Reklamezeile M. 350000,— Eine Politik von Professor Dr. Wäre der Antisemitismus nur ein! binnenpolitisch e s P r o b l e m, sozusagen nur eine Privatafsäre von Inden und Judengegnern, so durste es ausreichen, gegen ihn das reiche Arsenal auszubieten, das den direkt davon Betroffenen vollauf zur Verfügung steht,- die ja nicht zu unbeträchtlichen Teilen in den leistüngsfähigeni Besitz- und Bildungsschichten unseres Volkes wurzeln. Sie möchten sich seiner im selbstgeführten Abwehrkamps erwehren, und .die f r e m d e Klinge brauchte nicht Sekundantendienste anzubieten. Wenn sich dennoch auch von den nicht unmittelbar Beteiligten manch einer veranlaßt fühlt, in die Kampsarena hinabzusteigen, so wohl deshalb,' weil die sich im nachrevolutionären Deutschland verdichtende antisemitische Bewegung mit Zunehmender Deutlichkeit Fernwirkungen auszulösen beginnt, d i e m a n v o m S t a n dp n n k t d e s Volksganzen n u r m i t äußerster S o r g e b e t r a ch t e n kann. Wer in dem seit Mitte 1918 eingeschlagenen Kurs unseres Staatswesens — mehr freilich in der ideellen Zielrichtung als in den bislang wirklich erreichten Etappen — noch etwas anderes erblickt als' taumelndes, wahngeblendetes Zumabgrundrasen; wer über der Wirrnis und dem Toben dieser Tage ein'geistiges Formgebilde sich in ersten Umrissen erheben sieht, zukunftsreicher und vorZugswerter als der Fas? a den Pr: * nk.bau, den der Krieg verschlang; wer die demokratisch. ^relentwicklung unserer Staatssorm und irnserer gesellschaftlichen Institutionen nicht nur als naturnotwendig, sondern als höaerwertig empfindet, hat in dem antisemitischen Treiben eine fressende Wunde an unserem Volkskör'per zu erblicken, die nn; st den Preis ausgebrannt werden muß. Für eine solche Einstellung erscheint der Inhalt der von den Antisemiten betriebenen Propaganda noch weniger verhängnisvoll, so sehr er fundamentalsten demokratischen Grundprinzipien ins Gesicht schlügt, als die von dieser Seite angewandten Methoden, die Art und Weise der rüden Wühlarbeit, die entstellende und vergiftende Demagogie, die eine Atmosphäre zu schaffen und einen Verwilderungszustand der Herzen und Hirne herbeizufi'lhren droht, in der ein gesundes demokratisches Staatswesen unmöglich gedeihen kann. Auch die Leidensjahre der Völker können Läuterungsjahre werden. Auch aus herber Schale kann reise Frucht rollen. Schon oft trat in den Zeiten äußerster Gottesserne der Gott aus der umhüllenden Wolke, und brünstiges Gottsuchen ohne Sinn. Erik ttoltirig. and seine Erfüllung. Erst aus dem Erblassen der Sterne teigt junges Morgenrot. Ansätze waren auch bei uns vor* Händen. Ein leidenschaftliches Verlangen nach Wahrheit, Gerechtigkeit und Rermgung, auch um den Preis der Selbst- Vernichtung, durchwühlte damals unser Volk. Manches war flackernde Krise, ausgereizte Massenhhsterie und Flagellantenwahn. Doch waren auch die Exzesse von einer durchaus richtigen Grundem'pfindung geleitet. Das hat der Antisemitismus vernichtet. Hat edelste Regungen der Seele umgebogen in Instinkte der Gosse, hat d e n St ur m der Seelen er fticf t in Massen - trivialität, indem er mit Juden Hetze die A n - klage des eigenen Gewissens zum V erst ummen bracht e. Nun war es wieder das alte Lied: die Masse, lechzend nach Entspannung vom ungewohnten seelischen Druck, hat wieder den Sündenbock, den sie in die Wüste schicken konnte, und Seelennot endete in der Judenzote. Seitdem man wieder zurückgefunden hatte zum altert Refrain, lief alles weitere von selbst. Die Größe des Unglücks, dessen ganzer Umfang sich erst allmählich offenbarte, war Judenschuld. Was man im Sumpfe der Tatlosigkeit 'noch des weiteren hinzuverfaulen ließ, wurde ebenfalls" auf das gleiche Konto gesetzt. Wenn hier und da eine glückliche Hand einen Notbau'zimmerte oder eine Einrichtung schuf, die uns wenigstens vor dem Aeußersten bewahrte, so wurde flugs ein jüdisches Firmenschild darübergektebt, und die ^ache war damit abgetan. Was uns immer noch treffen mag ln aller Welt, an jedem Verhängnis einer noch so fernen Zukunft wird der Jude die Schuld tragen. Für sich selbst aber, für jedes freventliche Handeln und jedes böswillige Unterlassen, hat man im voraus den Generalpardon in der Tasche. In einer lästerlichen und verjudeten Welt und in ihre Händel und Geschäfte oft aktiv und nicht ohne Erfolg verflochten, lebt man dennoch unschuldig wie ehedem in Wodans Eichenhainen. Vielleicht ist der Grundzug unserer Zeit eine tiefe Ungerechtigkeit und Undankbarkeit. So viel hämische, zersetzende Kritik, so viel berufsmäßige Nörgelei, so viel muffiger Verwesungsgeruch ist noch in keinem Lande beieinander gewesen. Immer wieder kann man es erleben, daß der Auslandsdeuts che, der mit den besten Absichten zu uns Herüberkarn, s i ch s ch a u d e r n d davon abwende k. Man denke, woran man mag, an das Versasfungswerk, an die Lebensarbeit eines I„Die C. V.-Zeitung ist das unersetzliche lebendige Bindeglied zwischen Zentrale fl und Mitgliedern“, schreibt uns ein Freund. Sende auch du, damit die Zeitung H weiter bestehe, noch heute deinen reichlichen Beitrag an Postscheckkonto fl Berlin 30472 oder Dresdner Bank, Berlin SW 68, Lindenstr. 7, Wechselstube G. fl