Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 2 (1923)
- Issue
- 33 (16.8.1923)
- Date
- 1923-08-16
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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267 „Reine Zurcht vor üen Rommumften." Graf Reventlow s neue st es Bekenntnis. Die neueste Nummer des „Reichswart" beschäftigt sich fast ausschließlich mit dem Thema, das in allen Politischen Kreisen Gegenstand 'der Erörterung ist und auch in der Reichstagsdebatte über das Programm der neuen Regierung zur Sprache kam: die v ö'l- '(i s ch - k o m m u n i st i is ch e A n b i e d e r u n g. In der R e i ch s - t a g s s i tz u n q v o in Dienstag hat fozx Kommunistenführer . Frölich ganz offen erklärt, daß »feine Partei dem verelendeten völkischen Mittelstand die größten Sympathien entgegenbringe, nachdem der süddeutsche Kommunistenführer Remmele den völkischen Freunden insgesamt die Bruderhand entgegengestreckt hatte. Im Gegensatz zu seinem Freund Wulle im Reichstag »spricht Graf Reventlow in seiner Zeitschrift mit erfreulicher Deutlichkeit aus, was die Völkischen ihrerseits von den Kommunisten erwarten. T i e ab e r gl ä ubigeF u r ch t vor ein e r todbri ng e n d e n B e r ü h r u n g -m i t Ko m m n n i st e n u n d B o l s ch e w i st e n -fei n a ch g e r a d e z u a l b e r n. A k t i v e l e b e n d i g e B e - r ü h r u n q m i t V e r t r e t e r n d e s K o m m u n i s m u § fei u i ch t gefährlich, sondern nützlich und heilsam. Die Völkischen bekämen so Gelegenheit, den Kommunisten zu beweisen, daß sie es aufrichtig meinen mit dem Kamps gegen den Kapitalismus und für eine Neuordnung, die jedem Arbeiter Befreiung- und Recht gibt aus genossenschasllicher und -berusständiger-Grundlage. Wir werden die Entwicklung der Dinge selbstverständlich mit allergrößter Aufmerksamkeit verfolgen. Vorläufig sind wir geneigt, trotz 'dieser neuesten politischen Wandlung der Herren Reventlow und Genossen noch von keiner „blutigen Synthese Reventlow — .Rote Fahne'" zu sprechen, wie es Herr v. Gerlach in der „W e l t am Montag" tut. Wir neigen mehr zu der Ansicht des „Berliner Lokal- A n z eige r s", daß Herr Reventlow sich im selben Verhältnis zu Radek befindet, wie das Kaninchen zur Klapperschlange, und glauben, daß die „V o s s i sche Ze i t un g" recht hat, wenn sie in dem Verhalten Reventlows ein Zeugnis der Armut und Schwäche -der Rechtsradikalen sieht, die zu der liebe rzengung kommen, daß sie aus eigener Kraft ihr Endziel mcht verwirklichen können. deutschvölkische „Erfolge" im Ausland. Eine Unterredung mit dem Korrespondenten des „Jew ish C-H ro nicke". Der Berliner Korrespondent des „I e w i s h Chronic! e" unterrichtet sein Blatt, das große und angesehene jüdische Organ ..in London, fortlaufend auch über die Abwehrmaßnahmen des Eentral-Vereins. Unser 8ell.-Mitarbeiter nahm Gelegenheit, den Korrespondenten auszusuchen und an ihn die Frage zu richten, ob die Vorgänge, die in direktem oder indirektem Zusammenhang mit den deutschen judenfeindlichen Bestrebungen stehen, in England besonderem Interesse begegnen. Der Korrespondent a n t - \v o r t e t e :. „In England nimmt man naturgemäß mit wachsendem Interesse Anteil an allen politischen Dingen, die augenblicklich die deutsche Außenpolitik beeinflussen können. Die übergroße Mehr-' heit des englischen Volkes, gleich welchen Standes, welchen Berufes und welcher Konfession, wünscht, daß Deutschland endlich zur Ruhe kommen möchte. Nicht nur von Frankreich verlangt man, daß die Vorbedingungen für eine ruhige Entwicklung des deutschen Wiederaufbaues geschaffen werden, sondern in erhöhtem Maße von den Deutschen selber. Von diesem Gesichtspunkte aus und nur von diesem betrachtet man in England auch die bedauerlichen Vorgänge, die durch den organisierten Judenhaß in Deutschland hervorgerufen werden und geeignet sind, das Ansehen Deutschlands, das durch den heldenhaften Kamps an der Ruhr in England bedeutend zugenommen hat, wieder Zn mindern. Man sieht in England in dem Judenhaß, besonders nach dem Attentat auf Rathenau, nichts als eine Spielart der Reaktion, die sich zum Ziele gesetzt hat, die bestehende Staats- Verfassung zu beseitigen. So wirkt die judenseindliche Hetzpropaganda in christlichen und jüdischen Finanzkreisen in England . letzten Endes kreditschädigend. Es gehört die ganze Ignoranz völkischer Führer in Deutschland dazu anzunehmen, das englische Finanzkapital, ob es in jüdischen oder christlichen Händen liegt, lasse sich von anderen Gesichtspunkten Deutschland gegenüber leiten, als von nüchternen und sachlichen, nämlich denen: Bietet Deutschland die Gewähr dafür, daß r e t n e g e s e st i g t e Reg i e r u n g e i n g e g a nge n e w i r t s ch a s t hi ch t Verpflichtungen halten k a n n. Es wird Ihnen klar sein, daß man sich in England.dGhalb auch besonders dafür interessiert, in welcher Weise heute noch der böswillige Judenhaß in Deutschland den Frieden zu gefährden in der Lage ist." slmerlkanisches Urteil über Hitler. DieGes ahr ein erHitler-Diktatur beschworen. Die „New Port er Staats zeit ung" vom 27. Juli veröffentlicht einen Münchener Brief, in dem der Verwunderung Ausdruck gegeben wird, daß die Hitler-Garde ruhig und ausfallend schweiAam geworden sei, abgesehen von einigen 9tohheitsakten abscheulicher Art, wie die Mißhandlung, des Kommerzienrats Frankel durch mehrere hakenkreuzlerische Buben. Hitler sei selbst zu einer Enttäuschung der Menge geworden und sei als talentloser Mussolini-Imitator erkannt worden. Die Gefahr einer Hitler-Diktatur sei endgültig beschworen. — Wir tonnen diese optimistische Auffassung leider nicht teilen. Die öuöen muß man unsihäölich machen. Aus der P r i v a t kl i n i k e i ne s A r z t e s. Der bekannte Breslauer Orthopäde Professor Dreh mann operierte im Februar >d. I. ein anderLhalibjähriges Kind eines Berliner Kaufmanns. Als die Großmutter des Kindes unmittelbar nach der Operation es abholen wollte, geriet sie mit »der als Kassiererin tätigen Gattin des Professors in eine Differenz wegen der Bezahlung-, weil diese die Auslagen für Verbände besonders anrechnete, während nach der Behauptung der Zahlenden der Professor selbst dies als inbegriffen'in dem Betrage für die Operation bezeichnet haben sollte. Im Lause der hierüber geführten Unterhandlungen stieß die Frau Professor Drehmann mit allen Anzeichen äußerster Wui u. a. Aeußerungen hervor: „Ihr Juden, .ihr wollt mich betrügen. Ich 'bringe schon die. Verbandsfchere mit und schneide dem Kinde »den Verband herunter. Nur die Juden betrügen uns. Der First 'des Kindes soll noch krummer werden, als er schon ist. Tie Juden muß man unschädlich machen. Das Geld für die Operation schenke ich Euch. Ihr sollt daran verr.." Sie machte dabeitatsächlich Miene, sich ans das Kind zu stürzen und die Drohung, ihm den Verband hernnterzu-schneiden, ausznführen. ' Die Großmutter des Kindes stellte sich schützend vor dieses. Das von der Operation her noch sehr geschwächte Kind verstand von denn Vorgang schon so viel, daß es am ganzen Körper vor Erregung zitierte. Der Vorfall wurde Gegenstand einer bong Ehemann der Beleidigten angestrengten Privatklage, die jüngst vor dem Breslau eh- Schöffengericht verhandelt wurde. Die Angeklagte wurde von Rechtsanwalt Dr. Fritsch, der Privatkläger von Rechtsanwalt Fa e r d e r vertreten. Die Angeklagte gab einen großen Teil der Aeußerungen ohne weiteres zu, behauptete, daß sie alles nur zur Wahrung der Ehre ihres Mannes vorgebracht habe, und bewegte sich dauernd in der »Gegenüberstellung von Deutschen und Juden. Der Vertreter des Privatklägers wies daraus hin, daß bei dem kürzlich verhandelten Prozeß gegen den Deutschvölkischen Alfred Roth' aus Hamburg, der Präsident des Staatsgerichtshoses in Leipzig ganz energisch eingeschritten fei, als dieser .vor Gericht Deutsche und Juden in Gegensatz zueinander, stellte, 'indemer aus die Verfassung und die deutschen Gesetze hiuwies, die »derartige Unterschiede nicht keimen. Im übrigen charakterisierte Rechtsanwalt Foerder-das Pathologische dieses Rassenwahns, der hie r s o n d c r barerwe if e a n e ine r S t e lle a u strete, w o m. a n i n e r ft er L i n i e H u m a n i!t ä t ge g e n über de n Leiden der Mjenschheit vermuten sollte. Das Gericht hielt der Angeklagten zu gute, daß sie sich gereizt fühlte, bezeichnete aber ihr ganzes Benehmen als einen „wilden- A us b r u ch j ude ns e i ndl i ch-e r Gesi n n u n g" und verurteilte sie zu einer Geldstrafe von'500000 Mark. Die ungarische Regierung gegen die „Erwachenden". Die ersteMatzregelung -eines Progromblattes. We wir der „Neuen Freien Presse" -in Wien entnehmen. hat die ungarische Regierung eine Reihe von Maßnahmen getroffen, die darauf hinwirken, daß sie die Folgerung ans der Trennung vom Re cht s r a di k a l i sm >, s zu Ziehen gewillt ist. Der Minister des Innern hat dem Organ der Rechtsradikalen „Ll Rep", das gegen die Negierung -agitierte, das Kolportagerecht für sechs. Tage entzogen. Dies ist die erste Aiaßregelung: eines rechtsstchendeu Organes. Ter in Czegled neugewählte Rechtsradikale Stephan Lendvay ward sich gleichfalls wegen Aufreizung zu verantworten haben. Lendvay schrieb im „A Rep" einen Schmäh arti kel gegen die Nationalversammlung. Er nannte das Parlament ein Juden- - k ab a re tt', ein Tingeltangel, eine Räuberhöhle. In der Nationalversammlung hat diese Schmähung große Entrüstung hervorgerufetn Der Justizminister Nagy hat sich veranlaßt gesehen, den Staatsauwalt anzuweisen, er möge gegen den Abgeordneten Stephan Lendvay das Strasversahren einleiten. Es ist zweifellos, daß Loudvahs Jmmunitätsrecht aufgehoben' werden wird. Die Jmmunitätsangelegenheit des rechtsradikalen Antisemiten Melchior Kisz, der die Lokomotivführer im Vorzimmer des Handelsministers zum Streik aufreizte, wird in der Nationalversammlung verhandelt werden. Auch Kisz dürfte dem Gerichte ausgeliefert: werden.