Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 2 (1923)
- Issue
- 33 (16.8.1923)
- Date
- 1923-08-16
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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266 Gscar Laffel gestorben. Mit dem Geheimen. Justizrat Oscar Cassel ist ein Mann dahingegangen, der das Ideal der Verkörperung von Deutschtum und Judentum genannt werden kann. Die Würdigung, die Oscar Cassels Leben und Streben in der gesamten Oessentbichkeit gesunden hat, liefert den Beweis, daß einer der edelsten und klügsten Vaterlandssreunde unserer Zeit die Augen für immer geschlossen hat. — Oscar Cassel gehörte dem Vorstand des CentradVereins längere Jahre hindurch an. In unserer Arbeit zeigte er sich stets als hilfsbereiter und treuer Freund. Seine edle Gesinnung und seine Arbeitsfreude werden uns Vorbild für alle Zukunft sein. verstümmelten Zitaten aus einer Schrift krebsen, die ihr Urheber selbst verleugnet hat? Verleugnet nicht bloß mit Worten, sondern mit Taten? Hatte er doch schon im Jahre 1794 Salomo n Maimon, euren Polnisch-jüdischen Denker, der mühsam die deutsche Sprache erlernt und sich ohne jede Schulbildung durch eisernen Fleiß zu umfassendem Wissen und Können emporgearbeitet hatte, um Beiträge für feine Zeitschrift ersucht. Sie standen in regem Briefwechsel. In einem Schreiben Maimons an Fichte vom 16. Oktober 1794 heißt es (nach dem Dank für einen Brief vom 30. September): „Die Freund - schaftsversicherung eines. Mannes von solchem Scharfsinn und systematischem Geiste, wie Sie (Fichte) sind, stt mir sehr schätzbar . . ." Und im Januar 1795 schrieb Fichte an Reinhold: „Gegen Maimons Talent ist meine Achtung grenzenlos; ich glaube fest und bin erbötig, es zu erweisen, daß durch ihn sogar die Kantische Philosophie, so wie sie durchgängig und auch von Ihnen verstanden worden ist, von Grund aus umgestoßen ist. Das alles hat er getan, ohne daß es jemand merkt und indes man von seiner Höhe auf ihn herabsieht. Ich denke, die künftigen Jahrhunderte werden unser unerbittlich spotten." Spricht so ein Antisemit? Fichte siedelte 1799 nach Berlin über und verkehrte viel und freundschaftlich im Hause des Juden Veit und dessen Gattin Dovothea, der Tochter Moses Mendelssohns. Er schreibt enthusiastisch an seine Frau, wie falsch der Gilaube sei, daß arrs dieser (der jüdischen) Nation nichts gutes kommen könne". „Ich bin es der Veitin und Dir schuldig, Dir diese Frau dringend zu empfehlen. . . Ich hoffe, Ihr werdet Freundinnen werden." So heißt es im Brief vom 20. August 1799. Dorothea Veit wurde später die Gattin Friedrich v. Schlegels, der kein Bedenken trug, „sich durch eheliche Verbindung mit einer fremden Rasse gegen die germanische Rasse zu versündigen". Fichte aber, weit entfernt, gegen die Emanzipation der Juden, die im Jahre 1812 Gesetz wurde, seine Stimme zu erheben, verlangte die „Errichtung absoluter Bleichheit der persönlichen sowie der bürgerlichen Freiheit aller in Ansehung des Rechtes und der Rechte", legte auch sein Amt als Rektor der Universität nieder, weil der Senat einein jüdischen Studenten, Joseph Lehser Brogi aus Posen, der von arisch-teutonischen Heldenjünglingen mißhandelt worden war, nicht zu seinem Recht verhals. Fichte erklärte die Entscheidung des Senats „für alle Disziplin nurstürzend und für die Person des Brogi höchst ungerecht". Und im Frühjahr 1813, als des Königs Aufruf „An mein Volk" erging, forderte Fichte sein „wahrhaftes Reich des Rechts", dessen Fundament sein sollte: „Freiheit, gegründet auf GIei chheit a lles dessen, was Me nsch en - an tlitz tragt."- So war Fichte, wovon Herr Theodor Fritsch, die Fichte- Bündler und die Hakenkreuzler nichts zu wissen scheinen. Und im Januar 1860 feierte der Jude Ferdinand Lassalle Fichtes Vermächtnis, und am 19. Mai 1862 hielt er ihm eine huldigende Gedächtnisrede. Und an ■ diesem selben Geburtstag Fichtes veranstalteten die Juden M. Veit, Berthold Auerbach, Julius Rodenberg mit anderen Mitgliedern des^ deutschen Nationalvereins in Berlin eine Feier, bei der die Festrede des greisen Professors Kalisch, eines Juden, der noch Schüler, Freund und'Hausgenosse Fichtes gewesen war, verlesen wurde und der Vorsitzende Beit das Schlußwort sprach. Wird also schon sein, daß Fichte, teetm ihn die Hakenkreuzler als ihren Schutzpatron ansprechen, sich im Grabe herumdreht, in dem Grabe mit dem Denkmal, das die Inschrift aus dem jüdischen Buche Daniel (12,3) trägt: „Die Lehrer aber werden leuchten wie des Himmels Glanz, und die, so viele zur Gerechtigkeit weisen, wie die Sterne immer und ewiglich." Und damit Schluß! Der Schwindel, der im Kampf gegen die Juden und die Gerechtigkeit mit Fichtes Namen getrieben wird, ist erledigt. Was bleibt da übrig'? Nichts bleibt den Hakenkreuzlern übrig, als fortan Fichte, den „Entlarvten", zum Judenstämnrling zu eriPpnen. Aue Lage. Das Kabinett Stresemann von den Völkischen leidenschaftlich bekämpft. Völkische Flugblatt- Sintflut. — Geld nichts, Leben und Ehre alles. Es ist nicht nötig, auch mir ein Wort an dieser Stelle darüber zu verlieren, wie ernst in der gegenwärtigen Zeit die politische Gesamtlage in unserem deutschen Vaterlande ist. Für jeden wahren Vaterlandsfreund bleibt nur die Hoffnung, daß es der übermenschlichten Krafkanstrengung des Kabinetts Stresemann! gelingen möge, sich dein heftigen Anstürmen der Radikalen von links mfo rechts gewachsen zu zeigen und Deutschland vor) dem Chaos zu retten. selbstverständliche Pflicht der jüdischen Deutschen -wird es sein, dießes selbstlose und hingebungsvolle Rettungswerk mit allen Kräften, m i t Herz un d H a n d z u unter stü tz e n. Das Kabinett der „Rettung Deutschlands" ist kaum gebildet worden, da wird es -ctiudj schon von jenen, in nicht zu überbietende r L e i d e n s ch a s t l i ch k e i t bekämpft, di,e sich immer als Retter des Vaterlandes in lautem Phrase n-schw all aufzuspielen pflegen: von den rechtsradikalen Judenfeinden. Das „Deutsche Tageblatt" des Herrn Wulle. das neuerdings das Hakenkreuz in den Zeitungskopf -einhäwmern ließ, um sich auch äußerlich von dem „Völkischen Beobachter" an Gesinnungstüchtigkeit nicht übertreffen zu lassen, hat in seinem Leitaufsatz vom 14. A-uiaust bereits den Stab über das Kabinett Stresernann gebrochen. Mil den Kommunisten sind diese Deutschvölkischen darindurchaus einig, daß angesichts der" augenblicklichen politischen Läge, kaum irmudeHvas so sehr wie offenbarer Hohn empfunden werden, wird als die Ernennung Stresernanns zum Reichskanzler. Diese eigenartige vaterlandsfreundliche! Ansicht wird wie folgt begründet: „War Cuno das „nationale" Firmenschild für ein Deutschland der internationalen Hochfinanz und des Börsenjobbers, so ist Herr Stresemann es schon lange. . . War es nicht derselbe Herr Stresemann, dessen innere Politik die Deutsche Volksparter an die Seite des famosen! Herrn Severing brachte, der die nationalen und völkischen Bestrebungen mit Hi'lf-e des PoliZeiknüppels zu erledigen trachtet? ... Er (Str-esemann) ist die sleischgewvrderre Verkörperung des parlamentarischen Kuhhandels, sozusagen ein Hort, die Krone jeder Koalitionspolitik. Seine Zeit war eigentlich schon längst gekommen: und es ist geradezu ein Wunder, daß sie sospät kommt. Nun sie aber da ist. wird sie sich geradezu überschlagen in ihren Fähigkeiten und „Möglichkeiten". Ihr gegenüber wird alles Bisherige nur ein Kinderspiel sein. Vorausgesetzt, daß das deutsche Volk aus Kindern besteht und Zum Spielen geneigt ist. Sonst? — ist »Herr Stresemann die längste Zeit „Diktator" gewesen." Diese scharfe Kampfansage der Völkischen, an das Kabinett Stressmann zeigt mit )oünschen'swerter Deutlichkeit wieder einmal das! wahre Gesicht der Leute, die im Kamps gegen) die jüdischen Deutschen dm Patriotismus in Erbpacht' zu haben scheinen. Dko Herren Wulle und Genossen sind gerade in diesen Tagen fieberhaft bemüht, die gemeistfamen Anstrengungen aller derer, die guten Willens, sind, das Vaterland zu retten, zunichte KU machen. Wir im CentrabVerein, die wir ta.g,täglich in der Presse der Völkischen mit Kübeln, Schmutzes überschüttet werden), haben einen! genauen Einblick in die Tätigkeit und Arbeitsmethoden dev den „Eeneralsturm" vorbereitenden Völkischen und wissen!, daß die starken Worte in dem Begrüßungsartikel des Kabinetts Stresemann nicht nur leere Drohungen find. In einer einzigen Post vom 14. August finden sich sechs Zuschriften an uns, sechs v-erschiedene Flugblätter -enthaltend, tvelche in der skrupellosesten Weise die Massen aushetzen und ein Chaos vorbereiten sollen. Selbst vor der betrügerischen Form eine-! „E x t r a b l a t t e s", in dem man in dieser aufgeregten Zeit sicherlich Meldungen über die neuesten politischen Ereignisse sucht, wird Zersetzung gepredigt durch gefälschte Zitate aus jüdischen Gesetzbüchern). Ein Atetallarbeiter Knauer läßt in der Form eines „Offenen Briefes an das R e t ch s a r b e i t smini> stertu>nr zwecks! Minderung der Not und Arbe-itsilofigkeiL" Kunzes Offenbarungen" in Millionen von. Exemplaren in dis Massen rtverifett,. uin die Arbeiter vor .dem imit-i dem „Fafcisnrus im Bunde befindlichen Judentum" graulich zu machsen. In den Eifenbahnzülgen werden Sonderdrucke aus dem- „H a m m e r" in unzähligen Exemplaren verbriiilet, von denen jedes einzelne viele Tausende herizustellen kostet. Mit Handzetteln wüstesten Pogrominhalts wird von Betrieb za Betrieb gearbeitet. Wer die wahnsinnigen Truckkosten und Ze-itungspreise mnserer Tage kennt, wer weiß, daß man sich in den politischen Parteien es dreimal überlegenmuß, wenn man halbjährlich ein winziges Flu-gbWtchen heb aus,gilben will, dem ist es klar, daß 'v-iel-e, v i>ele M-Hl^i>ardie.n denv.-er e-i'n-vg.Len I u d e n h a if >s e x u z ur Vers ü.-n un g st e h e xi m ü f f e n, u m d i e s e H e tz a r b e i L l e i st e n % u k ö n n e n. Ter neue Reichskanzler hat es ist seiner mit. großem Beifall ausgenommenen R ei chs ta gs r e de ausgesprochen, daß in diesen Schicksalstagen Deutschlands, in denen es sich um Sein und Mchtsein des Vaterlandes handelt, Geld nichts, Ehre und Leben alles bedeutet. Dieser Ausspruch gilt in erhöhtem Maße für uns -jüdische Deutsche, die mehr als ihre christlichen Mzibürger täglich und stündlich in ihrer Ehre und in ihrem Leben bevroht sind. Die gegenwärtige politische Lage spricht eine deutliche Sprache. Wer' uns jüd'ischs Deutsche *rn unserem zähen, die Kräfte des einzelnen Führers in kurzer Zeit verzehrenden Kampfe dlrrch kleinliches Versagen materieller Mittel im Stich läßt, wird sich dereinst genau so vor dem Richter st uhl der Geschichte zu verantworten h a b e n, wie jene völkischen Drahtzieher, deren genreingeführliches Treiben iruter der Maske des Judenhasses heute jedern ehrlichen Deutschen als offener Landesverrat sichtbar wird. - Sch —