Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 2 (1923)
- Issue
- 32 (9.8.1923)
- Date
- 1923-08-09
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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260 Günthers „Naffekundeöes öeutsihenvolkes^. ^. Von Otto Feldmann (Stuttgart). Habe ich mich -in den seitherigen AussÄhrurrgen*) im wesentlichen gegen die Methoden Günthers gewandt, so möchte ich im solgenden noch ans einzelne besonders wichtige, inhaltliche Punkte zu sprechen kommen. Günther arbeitet in größtem Maßstab mit Behauptungen über seelische R a s s e e i-g e n s ch a f t e n; wir haben gesehen, wie schnnerig diese zu erfassen sind, und warum das so ist. Er selbst schreibt: „E i n e F rage, zu deren B e a nt w o r t u n g n och w e n i g Beo b a ch i u n g e n vorliege n , i st d i e F r a g e n a ch der r a i s e n h aste n Vererb u n g s e e l i s ch e r E^i g e n - s ch asten . . . Jedenfallsläßt sich n a chd e nt o t n nd d e r h e n t i g e tt F o r s ch tl n g über d i e raffe n haste V e r -- e r b u n g seelischer E i g e n s ch a s t e n w e n i g a u s s a g e tt." (S. *215.) Das trifft den Nagel aus den Kops, und man traut seinen Augen nicht, wenn man nach all denvorhcrgegangenen Aussührungen, den vier anssü'hrlichen Abschnitten über die seelischen Eigenschaften der vier europäischen Hatlptrassen (und nur vererbte Eigenschaften sich nach Grosses Begriffsbestimmung Na sseei ge uschasten) Plötzlich aus diese Erkenntnisse des Verfassers stößt. Aber darüber hinaus entwickelt Günther vor- und nachher, wie sehr die Mischung eben dieser seelischen Eigenschaften an allem Unglück der Weltgeschichte schuld sei. Er stützt sich auf Fischer, der einmal sagt, wir empfänden oftmals eine Mischung k ö r P e r liche r M e r k in a l e v e r s ch i ebener R a s s e n als unschön, z. B. wenn eine große dinarische Hakennase in eimm kleinen runden alpinen Gesicht sitzt. Diese seine Beobachtung überträgt nun Günther in kühner Parallele aus das Gebiet des Seelischen. Besteht doch hier nach ihm eine abgrundtiefe Kluft zwischen den Nassen. „Ein Verstehen. ein eigentliches Verstehen Zwischen Art und Art scheint nnmöglich zu sein." (S. 419.) Kommen nun so grundverschiedene Züge des Verstandes und Charakters im Mischling zusammen, so müsse dadtirch notwendig ein innerlich zwiespältiger Mensch entstehen ohne geistige Schöpferkraft, ohne sittliche Einheitlichkeit. Soll doch jeder Nasse ihre arteigene Sittlichkeit zukommen. (S. 214.) Diese Theorie wird in schematischer Weise für die gesamte Geschichtsbetrachtung angewandt. So soll z. B. für den Verfall Roms der „Rassensumpf" verantwortlich gewesen sein, die Renaissance dagegen sei ein Wiedererwachen der „nordischen Schöpferkraft". Warum diese in den vorhergehenden Jahrhunderten geschlafen hat, bleibt allerdings im Unklaren. Und daß für den Verfall Noms eine Reihe schwerwiegender Ursachen auf kulturellent, wirtschaftlichem null Politischem Gebiet anznführen sind, scheint Günther nicht zu wissen. Auch Fischer sagt, daß für die Degeneration eines Volkes verkehrte Auslese durch Aussterben der führenden Stünde verantwortlich sei. (S. a. a. £>., S. 123.) Keineswegs aber spricht er von der Rassenmischung als solcher. Gerade Engen Fischers Untersuchungen an südafrikanischen Mischlingen, die Günther einmal ansührt, und also kennt, hatten das eindeutige Ergebnis, baß von einer Minderwertigkeit des Mischrassigen als solchen nicht die Rede sein kann. Und Ln sch an sagt dazu: „Mischlinge sind (genau wie etwa die unehelichen Kinder) niemals a priori minderwertig; sie sind es nur, wenn ihre Eltern individuell minderwerttg sind/' (a. et. O. S. 188.) Man beachte, daß mit diesen Feststellungen Mischungen zwischen ganz entfernten Rassen, etwa weißen und negriden gemeint sind; wieviel m e h v t r e f s e n s i c a u s die M i s ch u n g der europäische n w e i h e n R a s s e n u n t e r e i n a nd er zu! An anderer Stelle spricht Luschan von der „törichten Fabel, von der durch die „Dtsparität" der Eltern physiologisch bedingten Minderwertigkeit der Mischlinge." (a. a. O.„S. 26.) So beurteilen die ersten Gelehrten die Grundlage der Güntherschen Theoreme. Allerdings, Lnschans ganzer Standpunkt steht dem Günthers schroff entgegen. Und Günther zieht es vor, die abweichenden Anschauungen vorsichtig zu verschweigen: trotz des Verfassers großer anthropologischer Belesenheit, trotz seiner vielen Zitate ans der einschlägigen Literatur ist Lnschans Name in dem Buch fast nicht vorzufinden. Für die Judeuheit behauptet Günther eine besonders intensive Mischung aus besonders vielen Rassen'. Er zieht daraus die kühnsten Schlnßfolgerungen. Die angebliche „z w i e f a ch e S ick te n l e h r e" des Talmuds', ein „besonderes jüdisches Sündengefühl, aus deur sich dann der Begriff der Erbsünde herlei tot" (S. 398), wird als Folge der M i sch r a s s t g ke i t und ein-es besonders starren Blutbewußtseins erklärt. Alan sieht. Unrichtiges w i r d ut i t F a l s ch e in bewiese n. Denn die Judenheit ist im wesentlichen eine Mischung aus vorderasiatischer (von Luschan armenoid genannt) und orientalischer Rasse, wobei! jene unter den Aschkenasim, diese unter den Sephardim überwiegt. Diese Anschauungen Fischers und Luschans werden bestätigt durch die genauen und vorzüglich durchgeführten Untersuchungen W a genseils an Konstautinopeiler Juden-. (Wagenseil war einige Zeit Assistent Fischers in Freiburg und wurde dann als Professor der Anatomie nach Peking berufen. Günther scheint *) Siehe Nr. 29 und 30 der „C. P.-Zeituna". seine Arbeit gar nicht zu kennen.) Zn jenen beidm HauPtra-ffm kommen größere Einschläge nordischer, mediterraner, alpiner und mongvlider Rasse. Günther sucht mm all diese Einschläge, auch die unbedeutendsten, zusammen und sagt, die Aschtynasim seien eine vorderasiatisch - mongolisch - ostisch. - nordisch - orientalisch - hawitiMnegroide, die Sephardim eine orientalisch-westisch - vorderasiatisch - hamatisch - nordisch - negroide Mischung. Die „größere" seelische Zwiespä-ltigkeck" der Aschkonasim wird erklärt aus deren Mischung ans sieben Rassen. Zählt man nach, so findet man für die Sep-Hardinn eine einzige Rasse weniger behauptet. S o etwa s i st tt i ch t s a n d c r e s a l s S p i e lere i. Aber das ist diese Aufstellung überhaupt. Denn mit ebensoviel oder e b enso - w e n i g Recht könnte man unter Berücksichtigung der kleinen Einschläge und der. starken jüdischen Komponente behaupten, die D e u t s, ch e n s e i e n. e ine n o r di s ch - o st i, s ch: - d i n a r i s ch - m o n g o l i d - w e st l f ch - v o r d e x a s i a t i s ch! - h a m i tisch - orientalisch - negride Mischung, also eine solche ans neun Rassen (vergl. Fi-scher a. a. O„ S. 132; Günther S. 120). Bleiben wir auf dem Boden der Wissenschaft. Günther sagt sclbst: „Jeder Europäer ijst ein Nachkomme zweier selbst wieder, mischrassiger Menschen" (S. 216), und „die meisten Deutschen sind Mischlinge, die selbst wieder von Mischlingen abstammen" (S. 210). Und von den beiden, Hauptrassen der Inden ist nach Fifch-er die vorderasiatische die Mutter- oder Schwesterrasse der dinarischien, währertd die orientalische mit der mediterranen nahe, mit der nordischen etwas etttsernter verwandt scheint (vergl. Fischer a. er. O., S. 134 ff.). Das heißt: die Juden stehen anthropologisch den nordischen- und dinarifchen Rassebesta.ndtei.len, des deutschen Volkes sehr viel näher, als dies die alpine KontPonente der deutschen Bevölkerung tut, das ist der größere Teil der süddeutschen Bevölkerung. Durch diese G e g e n ü b e r st e l l u n g s a l l e tr a l l e T h e o r 4 e n Gün - werbet neue v.-Mitglieöer. t h e t s ü b e r d i e r a s -s e n m ü ß i g b e d i n g t e F r e nt d h e v t der Jude n> g e g e tt it be r d e tu beu?t s ch e tt W e s e n; denn viel sremder noch müßte jeder alpine Mensch diesent gegenüb erstehen. Das Ganze ist eine Uebertreibung der Bedeutung rassischer Unterschiede. So tiesgreisende, ttnüberbrückbare, seelische Abgründe sind zwischen, dett Rassen nicht vorhanden, und das bestätigt uns Luschan: „Der Unterschied zwischen den verschiedenen Rassen ist, besonders lvas die ntoralischen Eigenschasken und die Intelligenz angeht, nicht entfernt so groß, als der zwischen einzelnen Individuen ein und derselben Rasse." (a. a. £)., S. 188). Betrachten wir zum Schluß die philosophischen Unterlagen von Günthers Weltanschauung, so finden ivir diese äußerst tttangelhaft. Seine sonstige Belesenheit versagt hier ganz, und daran ändert auch die mehrfache Berusttng auf Bubersche Ideen nichts. Es ist merkwürdig und interessant, ww hier Naturwissenschaft und Mystizismus einen m ateria I isti sch - Phil o soph i s che n Wechselbalg von Weltanschauung zeugen. > Mit erstaunlicher Oberflüchlichkett tut Günther die „fragwürdige Heilslehre" des Buddhismus ab, weil sie sich an die Menschen aller Nassen und Kasten wende (S. 254). Mit nachlässiger Handbewegung verwirft er, den jüdisch-christlichen Begriff der Menschheit und der Nächstenliebe über die Grenzen aller Raffen.hinweg (S. 340 ff.). Und er lobt die „bln techtett Ueberllesermtigen" des Brahma ntsmus mit seiner unerbittlichen Kastenteilung, er führt, die Gesetzgebung Esras darauf zurück, daß dieser „die durch Rassenmischung entstandene Fragwürdigkeit und Gefahr des Judentums" erkannt habe. Er ioeiß nicht, daß jene Verbote Esras, Angehörige heidnischer Völker zu ehelichen/ durch die schwere Gefahr veranlaßt waren, daß die jüdische Religion in dem greuelvollen Götzendienst der Nachbarvölker untergehe, die jüdische Religio tt, die gerade in j e n e tt Zeit e tt d e r Propheten de tt etttsche i dett d e n Schritt v o n der S t a tn nt eszur. Me nschh eits r eli gi o n getan hatt e. Entgegen Günthers „fraachürdiger Heilslehre", jeder Rasse komme ihre arteigene Sittlichkeit zu, erheben Judentum und Christentum, Islam und Buddhismus, die vier großen Menschheitsreligioneu, schon durch diesen Namen den- Anspruch darauf, daß es nur eine Sittlichkeit gebe, hinweg über alle materiellen Grenzen, die die anthropologischen Unterschiede der Menschen bedetlten. F a s s e tt w i r z u s a nt tn e n : Trotz der stiltstischert Vorzüge, trotz der guten anthropologischew Unterlaigen und vieler interessanter Einzelbeobachttlngen kann Dr. Günthers Buch wegen der schweren methodologischett Fehler und sachlichett Verstöße nicht als w.is sensch a stl i. ch e L e i st u n g bezeichnet werden. Daß ein medizinisch so angesehener Verlag wie Lehtnann ein solches Werk herausgibt, ist bei seiner Politischen Stellung nicht weiter verwunderlich; daßaber der Verfasser bei seinen nicht unbetrüchtlichen Fähigkeiten und Kenniniffen der Rassenkunde diesen schlechten Dienst geleistet hat, ist in seinem wie im wissenschaftlichen Interesse gleichermaßen zu. bedauern.