Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 2 (1923)
- Issue
- 32 (9.8.1923)
- Date
- 1923-08-09
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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258 Was sie an den Juden auszusetzen hat, wissen wir durch eine authentische Auslassung des Großwürdenträgers (Imperial Wizard) des Ordens. Danach bekämpft der Klan die Juden überhaupt nicht und verteidigt nur die amerikanische Verfassung gegen unamerikanjsche Einwanderer. Nach seiner Auffassung haben die Juden Amerika erst, nachdem die weiße christliche Bevölkerung unter schweren Opfern und Anstrengungen den Kontinent kolonisiert hat, in den überfüllten rnÄustriereichen Zentren Zuflucht gesucht. Sie haben zum Ausbau Amerikas nicht beigetragen, sondern nur die materiellen und moralischen Früchts fremder Arbeit genutzt. Amerika hat den Juden weitestgehende Gastfreundschaft, religiöse und gesellschaftliche Bewegungsfreiheit gewährt und darf Dank dafür beanspruchen. „Dis Juden haben nichts getan, Menschenrechte vom Despotismus zu befreien oder die Einrichtungen menschlicher Freiheit zu begründen." Sie kamen! als Nomaden, beteiligten sich am Kleinhandel und nahmen im Wirtschaftskörper den Platz der Mittelklasse ein. Kein Unternehmen der Industrie hat der Jude wirklich gefördert, in keiner» Gewerbe hat er wesentliches geleistet. Die Juden haben sich völlig isoliert gehalten, nicht nur gesellschaftlich, sondern auch geschäftlich; sie haben nicht nur untereinander geheiratet, sondern auch nur untereinander gehandelt, selbst im Finanzwesen nichts geschaffen, was der Gesamtheit zugrite kam. Ein furchtbarer Mßbrauch wird im System des Klans mit den Begriffen christliche Liebe und amerikanischer Idealismus getrieben, dazu aber tritt eine völlige Unkenntnis der Geschichte. Es ist einfach nicht wahr, daß die Vereinigten Staaten von der eingeborenen protestantisch-christlichen englischen Bevölkerung aufgebaut worden sind. Selbst wenn wir die vorchristliche Urbevölkerung außer acht lassen, sind ein Jahr vor den Puritanern die ersten Schiffe mit Negersklaven aus Afrika gelandet, ohne die Arbeit der Schwarzen ist der Aufbau und die Wirtschaft Amerikas undenkbar. Aber er ist auch ohne die Deutschen, 'ohne die Iren, Spanier und Polen und lost not least ohne die Juden undenkbar. Der Klan k a n n d e n Anteil der Juden ander Entdeckung Amerikas nicht ganz a b l e n g n e n, sucht ihn aber dadurch zu entwerten, daß er erklärt, die Juden wären aus Spanien vor den Schergen der Inquisition geflohen; als wären nicht auch die Puritaner aus England nach Amerika ausgewandert, um dem religiösen Druck zu entgehen! Sodann wird die Tätigkeit der Juden während der Kolonialzeit völlig ignoriert, sie haben damals zur Entfaltung der Kolonien außerordentlich viel beigetragen, haben später mit Blut und Gut den Unabhängigkeitskampf unterstützt und haben im ganzen vorigen Jahrhundert am industriellen Ausbau und der finanziellen Begründung der amerikanischen Wirtschaft hervorragend mitgearbeitet, so daß ein Wirtschafts- Historiker wie Sombart Amerika geradezu als ein Judenland bezeichnet. Wenn die jüdische Einwanderung in den letzten Jahrzehnten besonders stark war, so hat sie zahlreiche wertvolle Kräfte eingebracht und nützliche Arbeit geleistet; die neuen Bürger brauchen an ihre Dankesschuld gegen die Vereinigten Staaten nicht erinnert zu werden, denn es ist ihnen bewußt, was es bedeutet, der russischen Hölle entronnen zu sein. Hätten die älteren Einwanderer es selbst vergessen, so erinnerte sie die judenseindliche Agitation der russischen Monarchisten an alle die Schrecken der früheren Heimat. Hier kommen wir zu einem weiteren und dem gefährlicheren Träger des antisemitischen Bazillus. Die russischen Schwarzen Hundert haben ihre Bertreter nach Nordamerika entsandt, an ihrer Spitze ein sogenannter zaristischer Botschafter, hohe Militärs und Würdenträger der Ochrana, die mit allen Mitteln der alten zaristischen Korruption gegen die Juden wühlen. Ihr Werk ist es vor allem, wenn die Juden als die Hauptschuldigen der russischen Revolution, als die Seele des Bolschewismus, die Anstifter und Gewinner der Weltrevolution hingestellt werden. Sie finden darin freudige Unterstützung der Polnischen Presse, die als Feigenblatt für den polnischen Militarismus den Vorwand fand, daß Polen die westliche christliche Zivilisation gegen den asiatisch-jüdischen Bolschewismus zu schützen verpflichtet wäre. Das schwereGeschützderr ns fischen Wühlarbeit sind die Protokolle der Weisen vonZion. Jüdische und christliche Journalisten in Amerika haben bis ins einzelne nachgewiesen, wie diese größte Fälschung der neueren Kulturgeschichte zustandegekommen ist. Verhängnisvoll wurde die Tatsache, daß es diesen russischen Verbrechern gelang, Henry F o r 0, den reichsten Mann der Welt, in ihre Netze einzufangen. Es ist bekannt, welche Mischung von romantischem Wcltbeglückungstrieb und rücksichtslosem Geschäftssinn sich in dem großen Automobilsabrivainten von Detroit vereinigt, mit welcher Ahnungslosigkeit er sich an die Spitze einer Friedensmissivn gestellt hatte. Seine Leichtgläubigkeit und notorische Unwissenheit nutzten die Russen aus. Klansritter, die für ihre Anschauungen empfänglich waren, wurden zuerst für den Plan gewonnen; Fords Sekretär Lieb hold, ein Deutscher, manche sagen sogar Wischer Abkunft, vermittelte die Bekanntschaft mit seinem Chef, dem die Gefahr der jüdischen Weltverschwörung und die Dringlichkeit der Abwehr nachdrücklichst vorgeführt wurde. Nun standen Fords unerschöpfliche Mittel und sein auSgebreiteter Propagandaapparat zur Verfügung. Der „Dearborn-Jndepedent" brachte lange Zeit hindurch allwöchentlich Artikel, die im wesentlichen den Inhalt der Protokolle Wiedergaben über die jüdische Gefahr (sie liegen jetzt in deutscher Uebersetzung in zwei Bänden vor). Die Zeitschrift wurde sämtlichen Kunden der Fovdschen Niederlassungen — sie zählen nach Millionen — unentgeltlich zugeschickt und verbreitete das Gift bis in die entferntesten Gegenden. Norman Hapgood, ein bekannter christlicher Journalist, hat voriges Jahr in der Monatsschrift „Hearsts International" haarklein' nachgewiesen, was für eine gewaltige Maschinerie tit Bewegung g esetzt w ar, um Ford die Bedeutung der jüdischen Gefahr vorzutäuschen. Eine riesige Geheimorganisation mit Decknamen und allerlei verwerflichen Mitteln arbeitete daran, Menschen und Institute zu verdächtigen und zu bespitzeln — nicht nur Juden, sondern auch Staatsbehörden, überhaupt alles, was für Freiheit und Demokratie eintrat. Selbstredend war das Geschäft recht einträglich, man reiste, log und haßte nicht umsonst. Allmählich, als die geheime Verbrecherbande sich zu einer öffentlichen Gefahr auswuchs, wurden all die Fäden bloßgelegt und der ganze Betrug aufgedeckt — aber das Gift' ist inzwischen weit verbreitet und hat gewirkt. Gewiß, die gebildeten Elemente sind genügend aufgeklärt, aber sie sind auch in den Vereinigten Staaten in der Minderheit und verfügen nicht über die Lungenkraft der demagogischen Hetzer. Der Antisemitismus ist heute vielleicht noch keine Gefahr, aber doch eine Tatsache, die volle Aufmerksamkeit verdient. Wurde doch im letzten Winter von sehr ernster Seite die Nachricht verbreitet, daß in der Stadt New Hork zu Weihnachten ein regelrechter Pogrom geplant war — eine wundervolle Beleuchtung, wie im Kopfe sogenannter frommer Christen sich das „Friede ans Erden und den Menschen ein Wohlgefallen" darstellt. Neuerdings ist in den größeren Städten eine Bewegung zur Verbreitung des HumanitätSgedankenS, zur Minderung der Gegensätze zwischen den Konfessionen im Gange, werden Konferenzen zur Verständigung zwischen den Geistlichen der verschiedenen Bekenntnisse gehalten, alles herrliche Erscheinungen, aber doch deutliche Beweise, welche Gefahren die Lage bietet. Gewiß wird der Antisemitismus vielfach damit bemäntelt, daß er sich gegen die russischen Einwanderer richtet, aber erstens einmal stellen diese die überwiegende Mehrheit der 3& Millionen Juden dar, und dann wissen wir aus eigener Erfahrung, daß dies nur eine Ausflucht derer ist, die noch einen Rest von Schamgefühl sich erhalten haben und ihr Schuldbewußtsein heraodrückön möchten. Das traurigste Zeichen des zunehmenden Antisemi tis mus ist-der una merikanische Gei st, dersichvielsachandeuUniversitätenbemerkb a r ma ch t. Man hört in Vorlesungen bereits antisemitische Bemerkungen, die mit dem Gegenstand des Vortrags nur in loser Verbindung stehen — ganz so wie die Professoren es von ihren Lehrern in Deutschland gelernt haben. Bei dieser Gesinnung vieler Universitätslehrer ist es nicht zu verwundern, daß Bestrebungen zur Fernhaltung der Juden von den Universitäten im Gange sind. Vor Jahresfrist wurden wir durch die unglaublich klingende Nachricht überrascht, daß der Präsident der alten berühmten Harvard-Universität die Einführung des Numerus clausus für jüdische Studierende beantragt hatte; diesmal ist dieses allen Traditionen der Hochschule hohnsprechende Vorgehen abgelehnt worden; Pessimisten aber sind der Meinung, daß der Versuch mit anderen Mitteln wiederholt und daß auf dem Verwaltungswege erreicht werden wird, was durch Verordnung unmöglich war. Eine trübe Aussicht, so daß unter den Juden der Plan der Begründung einer Mischen Universität Anhänger findet. Glückkcherweise stehen diesem desaitistischen Standpunkt auch energische Versuche positiver Abwehr gegenüber, in der die jüdischen Kreise durch die besten christlichen Elemente unterstützt werden. Noch sind die Vereinigten Staaten im Kampfe um Recht und Humanität kein verlorener Posten — dem Klan und den Zartsten — par nobile fratrum — zum Trotz!