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Central-Verein-Zeitung · 1923-08-02 · 31 (2.8.1923) · page 4

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
2 (1923)
Issue
31 (2.8.1923)
Date
1923-08-02
Page
– (sequence 4)
Language
German
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252 Neöaktionsbesuch aus Amerika. Mr. Bernstein-Chikago. Der Name ist uns nicht fremd. Ueberseeabonnent der „C. V.-Zeitung". Seid einigen Tagen in Berlin und nach langen elf Jahren zum ersten Male in Deutschland. „Jetzt muß ich die Stätte sehen, an der die „C. V.-Zeitung" entsteht. Die letzten Nummern habe ich durch meine Abreise nicht erhalten. Ich möchte sie mir zur Ergänzung meiner Sammlung an der Quelle besorgen." „Sie verfolgen! also nti ts Interesse b t e Aufgabe n des C e n t r a l - V e r e i n s?" „Jawohl, ich versuche mir durch regelmäßige Lektüre der „C. V.- Zeitung" ein Bild über Ihre Arbeit zu machen, obwohl ich mir denken kann, daß Sie Ihre ganze Tätigkeit nicht in aller Oefsentlichkeit darlegen werden." „Sie sind amerikanischer Bürgerd" „Seit fast dreißig Jahren. Ich bin drüben stark verwurzelt und möchte nicht wieder fort. Aber ich bin als deutscher Jude geboren. Die Heimat, das Vaterland, mein Judentum, davon kommt man nicht los. Kennen Sie Westfalen? Ich bin in Höxter geboren." Höxter, anmutige deutsche Kleinstadt. Corvey. Hoffman v. Fallersleben. Die Weser/ Herbe deutsche Landschaft! „Wir sind Landsleute, Mr. Bernstein!" „L 6 n d z w i s ch e n R h e i rt< tt n d Weser st r a u d-, dm s fingen wir d r ü b e n m a n ch m al —' Westfalenland! Schöne, jetzt so schwergeprüfte, leidvolle Heimat. Mir ist immer unverständlich, daß die Antisemiten zu behaupten wagen, der deutsche Jude Iei mit seiner Heimat weniger verwachsen als sie. Mir will es cheinen, daß die Antisemiten ihr Vaterland nicht uneigennützig iebeu, würden sie ihm sonst durch ihre Organisationen so an Ansehen im Ausland schaden? A dreadfull bnsiness, ein trauriges Geschäft, sagen meine Freunde drüben." „Gibt es in Amerika eine organisierte antisemitische Bewegung?" „Keineswegs. Man fragt drüben nach dem Können^ nicht nach der Konfession." „Wieviele Juden wohnen in Chikago?" „Etwa hunderttausend. Darunter sind viele in Deutschland geborene Juden. Es erscheinen in Chikago sechs jüdische Zeitungen, und zwar drei in hebräischer Sprache, drei in englischer Sprache. Ich freue nt ich mit der „C. V. - Z e i t u n g" eine Zeitung für Deutschtum u n d Judentum 3 it bek 0 m m e n. Wir haben eine delltsche Zeitung, „Die Abendpost". Aber der Herausgeber trügt den Baum auf beiden Schultern, wie wir drüben sagen. Mehrere deutsche Turnvereine haben wir in Chikago. Einige bestehen schon seit sünsundsiebzig Jahren. C h r i si e ni u n d Jude n sind treue d e u t s ch e T u v n b r ü d e r. Eine Abteilung ist jetzt in München." „-Fürchten Sie nicht, daß Ihre Turnbrüder antisemitisch beeinflußt aus München heimkommen werden?" Jp. nein, das wird drüben nicht standhalten. Hören Sie ein Beispiel. - Wir hatten in Chikago einen verkrachten Theaterleiter, Ulrich Haupt. Der ging vor zwei Jahren nach Deutschland. Er machte da kein Geschäft und kehrte nach Chikago zurück. Da wollte er uns Ausklürungsvortrüge halten über die politischen Parteien in Deutschland und lobte einen Abend lang Hitler und andere „Größen" als die Deutschen. Ich rief nach dem Vortrag zahlreiche Freunde zusammen, Christen und Juden. Durch die „C. V. - Zeitu n g" war ich im rechten Bilde. Ich sagte ihnen, Ulrich Haupt berichtet falsch. Er will eine anti-jewish Sache machen. Ulrich Haupt kam hinzu, sagte aber gar nichts mehr, sondern verschwand wieder aus Chikago, als er merkte, daß keiner von seinem dreadfull business etwas wissen wollte. Er ist eine dunkle Existenz. Der Amerikaner fällt nicht leichtaus solche durchsichtigen Dummheiten herein." „Gibt es antisemitische Zeitungen in Amerika?" „Nein, Henry -Ford läßt zwar regelmäßig seine fünfzig Seiten starke, von ihm allein finanzierte „The D e a r b 0 r n Independent" erscheinendarin steht unter vielen anderen auch ein antisemitischer Aussatz. Ford hat eben das meiste Geld gemacht. Jetzt verfolgt er ehrgeizige persönliche Ziele. Er will Präsident werden und glaubt durch Antisemitismus Anhänger zu gewinnen. Politik ist drüben sehr viel Geschäft. Und Fords Politik ist eben auch ein dreadfull bnsiness." „Glauben Sie, daß Ford das Buch „Der internationale Jude" selbst verfaßt hat?" „Kein Mensch glaubt das drüben. Es wird auch wohl nur von deutschen Antisemiten so viel beachtet." „Wir erhielten vor einiger Zeit von einem süddeutschen Freunde „The Ratio n", die eine Aussatzreihe über das jüdische Problem veröffentlichte.. Das waren gute objektive Untersuchungen und Beichte über Dinge, die uns natürlich nicht fremd sind. Wird „The Nation" viel drüben gelesen?" „Es ist eine der angesehensten Wochenschriften. Ich halte sie auch und schicke meine Exemplare seit langer Zeit an die Universitätsbibliothek in Leipzig. Warum hält der „Central-Vevein" sie mcht?" „O, Herr Bernstein, das Geld langt nicht einmal für genügend deutsche Zeitungen." ‘ „Ich verstehe nicht, daß nicht alle deutsche Juden den Central- Verem durch Geld stark machen. Das ist doch ihr ureigenstes Interesse." „In welcher Partei findet man in Amerika Antisemiten?" „Eigentlich in keiner Partei. Das Wort. Antisemitismus lebt noch nicht tauge in Amerika. Es gibt allerdings den Kn Klux Klau." „Was hat es für eine Bewandtnis mit dieser Geheimorganisation?" „Ihre Losung ist: Amerika den Amerikanern. Bedenken Sie nur das Törichte. Wer ist Amerikaner? Die KmKlux- Klan-Lente sagen: die Angelsachsen. Sie wehren sich gegen Katholiken, Juden und Schwarz e. Herr Ford hat sich zwar mit dem Irländer Hearst verbündet, der Anti-Engländer ist und eine große Presse macht. Sie sehen-, in solchen Fragen drüben wie in Deutschland: Unklarheit, Widersprüche, U n - Wahrheit. Es erscheint eine Bundeszeitschrift „The Dawn". Die Bewegung hat zweifellos viele Anhänger und viel Geld. Man weiß nur nicht recht, welch großes ,business* der Kn Klux Klan eigentlich machen will." „Erscheint denn keine Zeitung, die die Ideen des Ku Klux Klan bekämpft?" . - „Jawohl, die Katholiken und zwar meistens Iren geben eine Zeitung heraus, „Toter an ce". Diese nimmt den Kampf gegen den Klux sehr scharf auf. Wenn ich wieder in Chikago bin, will ich Ihnen sehr gern die Sie interessierenden Zeitschriften senden." Wir überreichten Mr. Bernstein als Gegengabe die letzten Nummern der „C. V.-Zeitung" und die Neuerscheinungen des Philo- Verlages. Kurzer, herzlicher Abschied wie von einem alten, guten -Freunde. L i s e S t e r n. woher kommt öie Hilfe % Rede Dr. Baecks in d e r B e r I i n e r Universität. Am letzten Sonntag, wahrend Berlin und das ganze deutsche Land vor der Gefahr innerer Unruhen bangte, hat in der B e r l t n e r Universitätsaula eine friedliche religiöse Ruhrkundgebung stattgesunden, die für uns deutsche Juden durch eine femgersttge An-? spräche unseres Hauptvorstandsmitgliedes, des . Herrn Tr. ^ev Baeck, eine besonders bemerkenswerte Note erhielt.; In seiner Eigenschaft als V 0 r s i tz e n d e r d e s A l l g e tn e inen Deutschen R abb i n er ve rb and es ging er, neben hervorragenden Vertretern der christlichen Konfessionen zum Worte berufen, allen Lockungen der politischen Rede aus dem Wege und gründete seine Ausführungen auf den Anspruch, den die Religion am Elend unserer Tage habe. Nicht unterzugehen tn der Not, sondern durch sie zu wachsen und sich über sie zu erheben, das sei unsere Aufgabe, und das eigene Leid zur Sache der Menschheit zu machen, sei unsere Pflicht! Die Hoffnung darf nicht schwinden, das jedes Unrecht — und träfe es auch nur einen Menschen — eine Sünde gegen alle bleibt, und alles Menschenblut muß aufschreien, wo nur ein Tropfen unschuldig vergossen wird. Erst wenn die vielen kleinen und eng fühlenden Gemüter dies begreifen werden und der Fluch des egoistischen Interesses den Kampf mit der reinen, gläubigen Idee verloren hat, braucht sich das Abendland nicht mehr zu schämen, und das Recht wird wieder eine Macht sein. Das „nicht wollen" mög< darum schwinden und das Heldentum der Religion zu friedliche^ Siege entporsteigen! So sehr wir deutschen Juden uns freuen, daß einer der unserer diese edlen Forderungen geprägt und bei einem großen, gebildeter Kreise rauschenden Beifall geerntet hat, es ist kein Stolz, der dieser Erfolg ausposaunen will. Wir haben die Pflicht, gerade jetzt uw selbst in die Seele zu schreiben und unermüdlich zu verkünden, was wie vieles andere Unausgesprochene, das beseelte Fortwirken bei Baeckschen Mahnung bleiben soll: Ihr Deutschen alle! s ch l i e ß e t e i n e n V e r st ä n d i g u n g s f r i e d e n i m I n n e x tt! Nach den bitteren Erfahrungen der letzten Jahre wird eine drei fache Voraussetzung notwendig sein, um diesen Bund allen Volks genossen annehmbar und dauernd zu gestalten. Daß der Arbeit jedei anständigen, ehrlich kämpfenden politisch e n Gruppe das W 0 h! der Gesamtheit vorschwebt, darf nicht bestritten werden. Aehn lich muß auch die Erkenntnis zunehmen, daß die Religionen ii Deutschland, einschließlich unseres jüdischen Bekenntnisses, eir ewiges und unverletzbares Recht besitzen. Denn jedi Religion ist ein Heiligtum und eine Gabe aus des einen Gottes Hand und darum sündigt der gegen alle, der irgendeine angreift, schmäht lästert und bedroht. Schließlich — und das bleibt das. Wichtigste - sollen alle Bürger des modernen Staates begreifen, daß verkalkte: Kastengeist und vorsintflutlicher Rassenwahn keiner Raum mehr ftuden dürfen in unserer Gegenwart; daß Menschenseeb und Lebensatem und das Blut in unseren Adern nur durch irdischer Wahn, Dünkel und Unvernunft geschieden sind, nicht aber durü den Willen des himmlischen Schöpfers. i Woher kommt unsere Hilfe? Beginnt mit dieser Aufklä rung, ihr treuen Söhne und Töchter des geliebten deutschen Vater landes! Wohl wird sie nicht so leicht sein wie der Scheinerfolg um jubelter Demagogie, aber sie wird den Weg zur Versöhnung mit dei ganzen Menschheit bahnen und den Befangenen überall den blenden den Schleier fortreißen und sie mit uns den süßen Duft eines wahrer und ewigen Friedens atmen lassen! Or. 8.—

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