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Central-Verein-Zeitung · 1923-07-26 · 30 (26.7.1923) · page 4

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
2 (1923)
Issue
30 (26.7.1923)
Date
1923-07-26
Page
– (sequence 4)
Language
German
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244 Eine antisemitische Entgleisung. „Campanile" oder „Kol Nitte". In der „Deutschen Allgemeinen Zeitung" stand jüngst eine Geschichte, die ihre Rande durch die deutsche Tagespresse »nachte. Im Speisefaal eines der größten Berliner Hotels sei das Deutschlandlied gespielt worden, und ein gewisser Hans v. Bleichröder habe eine Lärmszene veranstaltet durch den Zwischenruf: „Unerhörte Provokation! Was soll dieser nationalistische Rummel?!" Die „Deutsche Allgemeine Zeitung" war selbst der Ansicht, daß man diesen Vorfall nicht tragisch nehmen solle. Herr v. Bleichröder stehe unter einem gewissen juristischen Schutz und dürfe sich rühmen, das bißchen Freiheit, das ihm sein Küratel übrig läßt, gefahrlos aus- -etobt zu haben. Soweit sind wir mit der „D e >ui t s ch e n Allgemeinen Zeitung" durchaus einverstanden, auch mit Wein Vorschlag, der stürmische junge Mann möge in Paris bleiben, wenn er das Deutschlandlied nicht hören mag. Die Begründung aber: „weil in Paris wahrscheinlich jeden Abend Kol Nid re gespielt wird", zeigt, daß selbst eine angesehene Zeitung es fertig bringt, einen „nicht tragisch zu nehmenden Vorfall" antisemitisch ausßu w e r te n. Diese Erkenntnis muß der „Deutschen Allgemeinen Zeitung" selber gekommen sein, denn sie berichtete, durch einen Fehler des Setzers sei aus „Campanile" „Kol Nidre" geworden. Wir können der „Deutschen Allgemeinen Zeitung." versichern, daß die jüdischen Deutschen mit einem Manne von der Art des jungen Bleichröders .soviel zu tun haben wie „Campanile" mit „Kol Nidre". Weisen von Gotha" an -er Arbeit. Antisemitische .Kuckuck se rer in neutralen Zeitungsnestern. Die antisemitische Propaganda arbeitet seit langem mit dem erdichteten, tausendmal als unwahr erwiesenen Schreckgespenst einer „geheimen jüdischen Oberleitung", die bewußt das deutsche Volk zu unterjochen und entnerven strebe. Daß es in der Dat eine solche Oberleitung auf antisemitischer Seite tibt, dürste nach der Veröffentlichung unseres Blattes (1. Jahrgang h. 13 vom 3. August 1922) klar gestellt sein. Die „Richtlinien" für die höheren Grade des Bundes" (Deutschdund in Gotha) deckten, die raffinierte zielbewußte Vergiftungsmethode der Völkischen aus. Erinnert sei an die bezeichnende Forderung: „Die deutsche Presse ist in jeder Beziehung zu fördern. Die noch scheinbar unabhängigen Zeitungen sind zu beobachten und allmählich zum Deutschbewußtsein zu erziehen; auf einflußreichere und gut eingeführte Zeitungen durch Austausch oder durch Erwerb der Mehrzahl der Aktien oder Geschäftsanteil Einfluß zu gewinnen, ist nachdrücklichst zu erstreben .. Wer gewohnt ist, für Zeitungen und Zeitschriften zu schreiben, versäume nie, jedesmal die Bedeutung dieses oder jenes führenden deutschen Menschen gebührend hervorzuheben.." Wie sich diese heimliche Einwirkung aus die Presse auswirkt, wie die Antisemiten durch die verborgensten Kanäle ihre unheilvolle Wühlarbeit betreiben, zeigen die folgenden Beispiele: Wer kennt nicht die aus vaterländischer Notlage geborene „T e ch - nische N o t b i l f e", eine überparteiliche Einrichtung, und ihre vornehm und sachlich geleitete Zeitschrift „Die Räder"? Aufs höchste erstaunt muß jedoch jeder fein, der unter den Bücheranzeigen dieses Blattes (3. Jahrgang 1922 Nr. 23/24) mehrere völkische, d. h. antisemitische Machwerke übelster Lwrte „empfehlend" besprochen findet. Die „Technische Nothilse" darf deswegen ebensowenig als antisemitisch verschrien werden wie der bekannte und geachtete Verein deutscher F a h r r a d i n d u st r i e l l e r E. V., in dessen offiziellem Organ „R a d m a r k t u n d M o t o r - F a h r z e u g e" (38. Jahrgang Nr. 1663/64 vom 14. April 1923) die „Bücherschau" das-Buch des bekannten amerikanischen Großindustriellen und antisemitischen Hetzers Henry Ford „Der internationale Jude" in längerer Besprechung als eine Schrift, die „in nicht ferner Zeit eine weltgeschichtliche Bedeutung erlangt", angepriesen wird. „Ein versehentlicher Abdruck eines Waschzettels nach längerem Streik", — wie auf Anfrage die Redaktion Mitteilt! Möglich — und kein Zweifel an der loyalen Gesinnung der Schristleitung, die sich jeder politischen Stellungnahme enthält. Dann ist es eben ein K u ck u ck s e i, das bewußt eingeschmuggelt wurde im Sinne jener Richtlinien, die, die „Gesinnung" beeinflussen und zum „Deutschbewußtsein" erziehen wollen. Noch raffinierter, um nicht zu sagen genial, ist aber die Leistung dieser Volksvergister in den Spalten der in Frankfurt a. d. Oder erscheinenden Zeitung „Der praktische Ratgeber in Obsinn d Gartenbau" (38. Jahrgang Nr. 13 vom 10. Mai 1923). Wer vermutet hier unter Aufsätzen über Sonnenblumen, Spargelbeeten, Obstbaumschnitt und Hühnerzucht einen antisemitischen Angriff?! Ganz harmlos findet sich unter der Rubrik „Aus unserer Sammelmappe" die Plauderei: „Ein Spatzenhirn" von einem Herrn Friedrich Sauer (Gotha). Der eifrige Gärtner und Gemüsezüchter, der sich hier Belehrung und Unterhaltung holen möchte, wird vgn einem hinterhältigen, - gemeinen antisemitischen Angriff überfallen. Gleich die ersten Zeilen stellen klar die Tendenz vor Augen: „Jeder Mann schilt auf die Spatzen. Er schilt sie Wegelagerer, Räuber, die Juden unter ben Vögeln, neidisch, zänkisch, gefräßig und weiß ich, was sonst noch." Diese tückische Gleichsetzung der werterhin ausführlich als verschlagen, gemein und parasttärisch geschilderten Spatzen mit den Juden ist ein verblüffendes Schulbeispiel für die hinterhältige Vergiftung der deutschen Volksseele. Daß däbei geradezu der Pogrom gefordert wird, zeigt der kleine Satz: „Aber ans wirkliche, systematische Ausrotten denkt man nicht, denn dazu ist ja der Spatz viel zu klein." Noch deutlicher werden dann die Schlußsätze: „Aber vom Spatzen sprechen wir nicht. Dasi st — Instinkt! HabenderartigenJnstinktauchMenschenrassen? Dannwehe uns Deutschen, die wir ihn nicht haben und mit diesen Rassen zusammen leben müssen!" Der biedere Leser hält erstaunt inne und denkt über das Gelesene nach: Solche Wegelagerer, Räuber, solche Parasiten, die andere um den Erfolg ihrer Arbeit bringen wollen wie die Spatzen, sind die -Juden? Das Gift sitzt im Blute und rumort dort wahrscheinlich weiter. Das war ja auch die Absicht jenes — um in der Vogelwet't zu bleiben — Schmier„sinken". St—. 7*110 -er Aeitungswelt. Ein Londoner Telegramm der „Vofiifchen Zeitung" vom 19.. Juli enthält einen P r o z e ß b e r i ch t, der ein auch für Deutschland lehrreiches Schlaglicht aus die bedenklichen Folgen der antisemitischen Bewegung wirst. „Gestern abend ist ein Sensationsprozeß ersten Ranges zwischen den beiden Flügeln der antisemitischen Bewegung zu Ende gegangen, der wegen der beteiligten Persönlichkeiten und der vorgebrachten ungeheuerlichen Behauptungen größtes Interesse beansprucht. Der Kläger ist der in seinen letzten Tagen fromm, und tugendhaft gewordene Genoß und Jugendsreund Osear Wildes, Lord Alfred Douglas, der seit etwa zehn Jahren seinen mühseligen Lebens unterhalt dadurch verdiente, daß er in kleinen schmutzigen Blättern die widerlichsten bisher vorgebrachten Behauptungen über Machenschaften englischer Juden in der Politik verbreitete. Douglas ist von der „Morning Post" aufs heftigste bekämpft worden, und vor einiger Zeit hat das hochvornehme konservative Blatt einen offenen Brief des Herausgebers einer Londoner jüdischen Zeitung ausgenommen, in dem der Satz vorkam: „Es darf sich nicht länger für Leute vom Schlage eines Lord Alfred Douglas bezahlt machen, schmutzige Verleumdungen gegen die Juden zu erfinden." Der Vorwurfs die Verleumdungen erfunden zu haben, bildete den Gegenstand einer Klage, die Sir Douglas gegen die „Morning Post" angestrengt hatte. Da der Verfasser dieses Brieses nicht in der Lage war, einen kostspieligen Beleidigungsprozeß mit dem ganzen Apparat des Wahrheitsbeweises gegen Lord Alfred Douglas durchzusühren, übernahm die „Morning Post" die Verantwortung der Beleidigungsklage, um den Wahrheitsbeweis zu erbringen, daß Lord Douglas' schmutzige Anschuldigungen gegen die Juden erfunden sind. Die Rechtsanwälte der „Morning Post" stellten sich die Aufgabe, die drei Behauptungen, die Lord Douglas in seinem WinkelblaLt vorgebracht hatte, zu widerlegen. Die erste Behauptung besagte, die Juden Hütten Lord Kilchener vernichtet, um zu verhindern, daß es ihm gelingen könnte, in Rußland Ausbruch oder Verbreitung der Revolution zu bekämpfen. Lord Douglas mußte zugeben, daß er keinerlei Beweise für diese Behauptung hatte. Die zweite Behauptungvon Douglas geht dahin, daß der bekannte Großindustrielle Sir Alfred Mohn bestrebt gewesen sei, die Christen in England auszurotten, indem er die Einwanderung von Ostjuden forderte, die angeblich durch Syphilis infiziert seien. Auch hier konnte der Kläger kein Beweismaterial Vordringen. Tie dritte Behauptung endlich bildete durch das Zeugenaufgebot den Höhepunkt des Sensationsprozesses. Lord Douglas hatte die Behauptung ausgestellt, Churchill habe auf Veranlassung des verstorbenen Sir Ernest Cassel einen ungünstigen Bericht über die Skagerrakschlacht abgesaht. um es Cassel zu ermöglichen, in der durch diesen Bericht hervorgerufenen Baisse der englischen Staatspapiere billig kaufen zu können und diese Papiere später zu hohen Gewinnen weiterzuverkausen. Die Beweisaufnahme ergab folgenden Tatbestand: Der ehemalige Marmeminister Balsour hat eigenhändig den amtlichen englischen Bericht über die Skagerrakschlacht abgefaßt. Nachdem dieser Bericht in der Presse bereits erschienen war, wurde Churchill, der keine amtliche Stelle damals innehatte, gebeten, für die neutrale Presse einen Schlachtbericht zu verfassen, der die Wirkung der deutschen Siegesberichte betämpsen sollte. Diese Aussagen von Balsour und Churchill wurden durch den Tvstamentsvollstrecker von Lir Ernest Cassel ergänzt, der bestätigte, daß Cassel sechs Monate vor „und sechs Monate nach der Skagerrak- ... Wacht überhaupt keine'Transaktionen in englischen Staatspapieren vor genommen hat. Nach Schluß d er Verhandlung verurteilten die Geschworenen Lord Douglas wegen, formaler Beleidigung zu zwei Penny Geldstrafe, nach englischer Rechtsauffassung ein Wahrspruch, der besagt, daß es dem Beklagten, also der „Morning Post", gelungen iftz den Wahrheitsbeweis erfolgreich zu führen?

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